‘Seele’ nach der Heiligen Schrift auch Bezeichnung für ‘Mensch’. Die Entstellung des Nachbildes Gottes im eigenen Innern oder dessen Zerstörung im Nächsten schwere Sünde. Vom “Ruhen Gottes” (Gen 2,3) in der gottnachbildlichen Seele’. “Erkenne dich selbst!” (Mahnungen.) “Hab acht auf dich!” (Warnungen).
§ 44
266 Wir wollen den Begriff der Gottnachbildlichkeit noch genauer bestimmen. Ist etwa der Leib Gottes Nachbild? Ist Gott demnach Erde? Der Leib ist ja Erde. Ist Gott demnach körperlich? Ist er gebrechlich wie der Leib und Leiden unterworfen? Vielleicht dünkt dir das Haupt Gott ähnlich, weil es zur Höhe ragt, oder die Augen, weil sie sehen, oder die Ohren, weil sie hören? Was die Höhe betrifft: sind wir denn so riesengroß, weil wir mit dem Scheitel ein bißchen über den Boden emporragen? Doch schämen wir uns nicht, uns deshalb gottähnlich zu nennen, weil wir etwas höher gewachsen sind als die Schlangen und die übrigen Kriechtiere oder als die Rehe und Schafe oder die Wölfe? Wie weit übertreffen uns nach dieser Seite die Kamele und Elefanten an Wuchs! Etwas Großartiges gewiß ist es um das Auge, um das Schauen der Dinge in der Welt, um das Wissen von etwas, was niemand berichten braucht, sondern dein Blick selbst erreicht! Doch wieviel ist das, was unser Auge sieht, daß wir uns deshalb schon Gott ähnlich nennen wollen, der alles sieht, alles schaut, die himmlischen Regungen der Seele wahrnimmt, das Verborgene des Herzens erforscht? Müßte ich mich 267 nicht schämen, das zu sagen, nachdem ich doch nicht einmal mich selbst ganz sehen kann? Was vor meinen Füßen liegt, sehe ich, was hinter meinem Rücken, kann ich nicht sehen. Meinen Nacken kenne ich nicht, desgleichen nicht den Hinterkopf, nicht vermag ich meine Nieren zu sehen. Ähnlich verhält es sich mit dem Gehr. Was einigermaßen entfernt ist, vermag ich nicht zu sehen und zu hören. Ist eine Wand dazwischen, ist der Blick, ist das Gehör abgeschnitten. Außerdem ist unser Leib an einen bestimmten Ort gebunden, an einen engen Raum gefesselt; jedes Tier bewegt sich freier, jedes auch schneller als der Mensch.
§ 45
Nicht der Leib also kann gottnachbildlich sein, sondern nur unsere Seele. Sie ist frei und streift und schweift mit ihren Gedanken und Plänen hierhin und dorthin, indem sie alles mit geistigem Auge schaut. Sieh, eben befinden wir uns in Italien und stellen uns in Gedanken vor, was gen Osten oder Westen zu liegen scheint, denken uns unter die Bewohner Persiens versetzt, stellen uns die Einwohner Afrikas vor Augen, folgen unseren Bekannten, die etwa dieser Erdteil aufnimmt, auf dem Wege, weilen bei ihnen in der Fremde, nahen uns ihnen in der Ferne, reden mit ihnen in der Abwesenheit; auch selbst Verstorbene rufen wir zum Zwiegespräch zurück, umpfangen und halten sie fest, als wären sie am Leben, und legen ihnen die Funktionen und Gepflogenheiten des Lebens bei. Nur die Seele ist sonach Gottes Nachbild, die nicht nach der Kraft des Leibes, sondern des Geistes einzuschätzen ist; deren Auge Abwesende schaut, deren Blick nach überseeischen Ländern trägt, sie spähend durchstreift und entlegene Striche durchforscht; die ihre Gedanken im Nu hierhin und dorthin nach allen Enden des Erdkreises und durch die verborgenen Räume der Welt schweifen läßt; die Gott vereint, Christo anhängend, zur Unterwelt hinabund emporsteigt, frei im Himmel wandelt. So höre denn den Apostel versichern:„Unser Wandel aber ist im Himmel“.Und die Seele soll nicht 268 gottnachbildlich sein, der Gott immerdar einwohnt? Doch vernimm es, daß sie Gottes Nachbild ist. Es beteuert nämlich der Apostel: „Wir alle also schauen mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit Gottes und werden umgestaltet in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit wie vom Geiste des Herrn“. n
§ 46
Nachdem wir uns von der Gottnachbildlichkeit der Seele überzeugt haben, wollen wir jetzt nun erwägen, ob nicht mit dem Ausdruck „laßt uns den Menschen machen“ die Seele gemeint sein könnte. Doch vernimm auch das [aus der Schrift], daß die Seele mit dem Namen ‘Mensch’ bezeichnet wird. Es steht nämlich in der Genesis geschrieben: „Die Söhne Josephs aber, welche ihm in Ägypten geboren wurden, waren neun Seelen. Alle Seelen nun, die mit Jakob in Ägypten einzogen, waren fünfundsiebzig“. Viel passender heißt es im Lateinischen ‘homo’, im Griechischen ‘anthropos’ für ‘Seele’. Bezeichnungen die eine von der Menschlichkeit [humanitas], die andere von der Sehkraft herrührend , die zweifellos mehr für die Seele als für den Leib zutreffen. Dazu stimmt so recht auch jener Ausspruch in den Klageliedern des Jeremias: „Gut ist der Herr denen, so auf ihn harren, der Seele, die ihn sucht“. Von Menschen spricht er und glaubte die Apposition ‘Seele’ machen zu sollen; denn besser sucht diese [Gott], wenn sie allein ist und von leiblicher Befleckung und fleischlicher Lust sich fernhält. Nur sie ist gottnachbildlich und dem Herrn Jesus gleichförmig; die aber dem Sohne Gottes gleichförmig sind, sind heilig. Denn so lesen wir es bei Paulus, der da spricht: „Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht, denen, die nach dem Ratschlusse zu Heiligen berufen sind. Denn die er vorher erkannt hat, hat er auch vorherbestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu werden, daß er der Erstgeborene sei unter 269 vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, diese hat er auch berufen; und die er berufen, diese hat er auch gerechtfertigt; die er aber gerechtfertigt, diese hat er auch verherrlicht“. Wird nun die Rechtfertigung deiner Ansicht zufolge dem Leibe oder der Seele nach erteilt? Antworte doch! Indes du kannst nicht zweifeln, da doch die Gerechtigkeit, von ‘Rechtfertigung’ abgeleitet, eine Tugend der Seele, nicht des Leibes ist.
§ 47
Bild also bist du, o Mensch, ein Bild aus der Hand des Herrn deines Gottes. Einen guten Künstler und Bildner hast du. Zerstöre das schöne Bild nicht, das nicht von Schein, sondern von Wahrheit strahlt, nicht von Wachs, sondern von der Gnade geprägt ist! Du zerstörst, Weib, das Bild, wenn du dein Gesicht mit stofflicher Schminke bestreichst, mit künstlicher Röte übergießest. Das ist ein Bild von falscher, nicht von wahrer Schönheit; das ist ein Trugbild, das nicht der echten Wirklichkeit entspricht; das ist ein vergängliches Bild Regen oder Schweiß verwischt es ; dieses Bild lügt und trügt. Es gefällt schon dem nicht, dem du gefallen möchtest und der weiß, daß nicht deine, sondern fremde Schönheit Gefallen erwecken soll; und es mißfällt deinem Schöpfer, der sein Meisterwerk zerstört sieht. Sage mir: wenn du hinter dem Rücken eines Meisters einen zweiten beiziehen wolltest, der jenes ersteren Werk mit neuen Malereien überarbeitete, müßte jener nicht ungehalten sein, wenn er sein Werk verfälscht fände? Gib das Bild Gottes nicht preis und tausche dir nicht dafür das Bild einer Buhlerin ein! Denn es steht geschrieben: „Sollte ich die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Buhlerin machen? Das sei ferne!“ Wer also das Werk Gottes fälscht, begeht einen großen Frevel. Denn ein großer Frevel wäre es zu glauben, daß ein Mensch dich besser malen könne als Gott. Schlimm wäre es, wenn Gott von dir 270 sagen müßte: „Das sind nicht meine Farben, die ich sehe, nicht mein Bild, das ich schaue, nicht das Antlitz, das ich geformt habe. Fort damit, es ist nicht mein! Geh zu dem, der dich gemalt hat, mit ihm halt es, von ihm laß dich entlohnen, dem du zu verdienen gegeben hast!“ Was willst du antworten?
§ 48
Wenn es schwere Sünde ist, Gottes Werk zu schänden, was sollen wir von jenen sagen, die Gottes Werk töten, die Menschenblut vergießen, die das Leben, das Gott geschenkt hat, vernichten, die sprechen: „Laßt und den Gerechten aus dem Weg räumen; denn er ist uns unnütz“? Trefflich heißt es darum in der heutigen Lesung: „Die Füchse haben Höhlen, und die Vögel des Himmels Nester, wo sie ruhen, der Sohn des Menschen aber hat nicht, wo er sein Haupt niederlege“. Der Fuchs kann sich bergen in der Höhle, die Vögel sich schützen im Neste: für den Menschen aber ist die Höhle kein bergendes Heim, sondern eine Falle. Die Höhle aber ist der Mund des Menschen, die tiefe Höhle ist die Brust des Menschen, woselbst die verderblichen und hinterlistigen Anschläge, die bösen Gedanken hausen. Du gehst des Weges, da gräbt dir ein anderer eine Höhle. Dein Pfad führt zwischen Fallstricken, die dir deine Feinde heimlich in den Weg gelegt haben. Gib denn acht auf alles ringsum, daß du gleich dem Rehe den Schlingen, gleich dem Vogel dem Garn entfliehest! Das Reh entgeht den Schlingen mit des Auges scharfem Blick, der Vogel entrinnt dem Garn, wenn er seinen Flug aufwärts zur Höhe richtet und über den irdischen Bereich hinausfliegt. Denn in der Höhe spannt niemand Netze aus, legt niemand heimliche Schlinge. Wessen Wandel darum in der Höhe ist, pflegt nicht gefangen eine Beute zu werden. Doch was Wunder, wenn Mensch den Menschen trügt? Hatte doch der Menschensohn nicht einmal, wo er hätte ausruhen 271 können. Er schuf freilich einen solchen Menschen, daß er in ihm sein Haupt niederlege. Doch nachdem unsere Brust statt Ruhestätte für den Nächsten eine [Räuber] Höhle zu werden begann, nachdem einer dem anderen statt zu helfen, wie sich’s gehörte, Nachstellungen zu bereiten anfing, wandte Christus sein Haupt von uns ab. Doch nachher freilich wollte er es für uns lieber dem Tode weihen. So sei denn nicht hinterlistig, grausam, unmenschlich, damit Christus in dir sein Haupt zur Ruhe lege!
§ 49
Als Gott die Fischungeheuer geschaffen, als er die Gattungen der wilden Tiere und Bestien geschaffen hatte, ruhte er nicht: „er ruhte aber“,nachdem er den Menschen nach seinem Bilde geschaffen hatte. In welchem Menschen er ruhen wollte, darüber höre den Propheten, der spricht: „Oder über wem werde ich ruhen, wenn nicht über dem Demütigen und Friedsamen und dem, der meine Worte fürchtet?“ So sei also demütig und friedsam, daß Gott in deinem Herzen ruhe! Er, der im Tiere nicht ruhte, ruht viel weniger noch in einer tierischen Brust. Es gibt nämlich auch tierische Affekte, es gibt Tiere in Menschengestalt. Diese meint der Herr, wenn er warnt: „Hütet euch vor den falschen Propheten, die im Schafskleide zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind!“ In solchen aber ruht Gott nicht, er ruht vielmehr nur in gesitteten Menschen, die er nach seinem Bilde und Gleichnisse geschaffen hat, damals als er den Mann geschaffen hat, der „das Haupt nicht verhüllen darf, weil er das Bild und der Ruhm Gottes ist“. Der Seele dieses Mannes gilt das Wort:„Sieh, ich, Jerusalem, habe deine Mauern gemalt“. Er spricht nicht: „ich habe deinen Bauch gemalt“, nicht: „ich habe das Niedrige an dir gemalt“, sondern „ich habe deine Mauern gemalt“ und versichert damit, dem Menschen feste Schutzmauern gegeben zu haben, daß er, 272 ein wachsamer Wächter auf den Mauern, gefährlichen Angriffen abschlagen könne; er spricht sonach: Nicht Genüsse habe ich dir gegeben, nicht lockende Begierden, nicht reizende Wollust, nicht Begierlichkeit nach fremder Schönheit, sondern Grundfesten vom Mauern habe ich dir gegeben, ragende Turmzinnen habe ich dir gegeben, hinter welchen du keine Überwältigung durch den Feind fürchten, nicht vor den furchtbarsten Angriffen anstürmender Legionen bangen brauchst. So spricht darum, wie du beimo Jesaja liest, des Gerechten Seele, bezw. die LKirche: „Ich bin eine befestigte Stadt, ich bin eine belagerte Stadt“, befestigt durch Christus, belagert durch den Teufel; doch darf, wer Christus zum Helfer hat, die Belagerung nicht fürchten. Befestigt nämlich wird er von der geistigen Gnade und belagert von den weltlichen Gefahren. Darum die Beteuerung im Hohen Liede: „Ich bin eine Mauer und meine Brüste Bollwerke“. Eine Mauer ist die Kirche, ihre Bollwerke sind die Priester, die in Sachen der Weltanschauung [de naturalibus] über die Fülle des Wortes in Sachen der sittlichen Lebensführung [de moralibus] über die Fülle der Zucht verfügen.
§ 50
So erkenne dich denn, herrliche Seele: das Bild Gottes bist du! Erkenne dich, o Mensch; der Ruhm Gottes bist du! Vernimm, inwiefern sein Ruhm. Es spricht der Prophet: „ Wunderbar ward dein Wissen an mir“, d.i. in meinem geschöpflichen Ich erstrahlt noch wunderbarer deine Größe, in der Einsicht des Menschen findet deine Weisheit ihr Lob. Da ich mein Ich betrachte, das Du selbst in seinen verborgensten Gedanken und innersten Regungen durchdringst, treten mir die Geheimnisse Deines Wissens vor die Seele.
273 So erkenne dich denn, o Mensch, [erkenne] wie groß du bist, und „hab acht auf dich“, daß du nicht gegebenen Augenblicks in die Fallstricke des Teufels gerätst, und eine Beute seiner Nachstellungen wirst! Daß du nicht gegebenen Falles jenem unheilvollen Löwen in den Rachen gerätst, der „brüllt und umhergeht, suchend, wen er verschlinge!“ „Hab acht auf dich“, daß du genau merkest, was zu dir eingeht, was aus dir herauskommt! Nicht die Speise meine ich, die verzehrt und ausgesondert wird, sondern die Gedanken meine ich, von den Worten spreche ich. Nicht gehe zu dir ein die Begierde nach fremden Ehebette, nicht schleiche sie sich ein in deinen Geist! Nicht fahnde dein Auge nach der Schönheit eines vorübergehenden Weibes, nicht schließe das Herz sie ein! Nicht knüpfe deine Rede der Verführungskünste Netz, nicht übe sie hinterlistig Verrat am Nächsten, nicht begeifere sie ihn mit Hohn und Spott! Zum Jäger, nicht zum Räuber hat dich Gott gemacht, da er sprach: „Sieh, ich sende viele Jäger“: Jäger, nicht nach Missetat, sondern nach Loslösung davon, Jäger nicht nach Schuld, sondern nach Gnade. Ein Fischer Christi bist du, an den das Wort ergeht: „Von jetzt an wirst die Menschen lebendig machen“. So wirf aus dein Netz, so wirf aus deiner Augen, so wirf aus deiner Worte Netz, daß du kein Fischlein in der Flut zerdrückest, sondern es heraufziehest. „Hab acht auf dich!“ So stehe, daß du nicht fallest! So laufe, daß du den Preis erringest. So sollst du kämpfen, daß du oftmals den entscheidenden Sieg davontragest, weil nur dem rechtmäßigen Kampfe die Siegeskrone gebührt! Ein Krieger bist du: spähe den Feind aus, daß er nicht nächtlich dich überfalle! Ein Ringkämpfer bist du: halte dich dem Gegner näher mit den Händen, 274 als mit dem Gesichte, daß er nicht dein Auge treffe! Frei bleibe der Blick, fest und sicher der Schritt, daß du ihn, falls er angreift, niederstreckest, falls er weicht in deine Gewalt bekommest, mit achtsamem Auge der Verwundung entrinnest, in kühnem Waffengang sie abschlagest! Wirst du dennoch verwundet, „hab acht auf dich“; eile zum Arzt, sieh dich nach dem Heilmittel der Buße um! „Hab acht auf dich“, denn du trägst Fleisch, das rasch zu Fall kommt! Es suche dich heim der gute Seelenarzt, das Gotteswort! Es träufle dir die Aussprüche des Herrn wie heilsamen Balsam! „Hab acht auf dich“, daß das Wort, das in deinem Herzen verborgen ruht, nicht in Unheil umschlägt, denn es gleicht dann schleichendem Gifte und senkt ansteckende Todeskeime ein! „Hab acht auf dich“, daß du Gott nicht vergessest, der dich erschaffen hat, und daß du seinen Namen nicht umsonst empfangest!^
§ 51
“Hab acht auf dich”, mahnt das Gesetz, daß du nicht, nachdem du gegessen und dich gesättigt und Häuser gebaut und darinnen zu wohnen angefangen hast und Vieh in Fülle besitzest und in Überfluß Gold und Silber und alles, was immer du in Menge empfangen, im Herzen dich überhebest und des Herrn deines Gottes vergessest!" “Denn was hast du, Mensch, das du nicht empfangen hättest?” Geht nicht dies alles wie ein Schatten vorüber? Ist nicht dein Haus hier Staub und Schutt? Ist nicht dies alles trügerisch? Ist nicht der Welt Reichtum Eitelkeit? Bist nicht du selbst Asche? Schau hinein in Menschengräber und sieh, was von dir, d.i. von deinem Leibe, außer Asche und Gebein übrig bleiben wird. Schau hinein, sage ich, und gib mir an, wer hier der Reiche und der Arme ist! Unterscheide den Dürftigen vom Besitzenden! Nackt treten wir alle ins Leben, nackt verlassen wir’s. Keinen Unterschied 275 gibt es zwischen den Leichnamen der Verstorbenen, es sei denn, daß die von Genußsucht gemästeten Leiber der Reichen den übleren Geruch verbreiten. Von welchem Armen hast du je gehört, er sei an Verstopfung gestorben? Seine Dürftigkeit bekommt ihm wohl, sie regt den Körper an, überlädt ihn nicht. “Nicht doch hörten wir, daß ein Gerechter verlassen ward und seine Nachkommenschaft um Brot bettelt”. Denn wer tüchtig sich müht auf seiner Scholle, hat mehr denn genug zu essen. So “hab denn acht auf dich”, Reicher, weil auch du Fleisch trägst gleich dem Armen!
§ 52
„Hab acht auf dich“, Armer, denn deine Seele ist kostbar! Mag der Leib sterblich sein, die Seele ist unsterblich. Mag es dir an Geld mangeln, nicht mangelt es an Gnade. Mag dein Haus auch nicht geräumig, dein Besitz nicht ausgedehnt sein: weit wölbt sich der Himmel, frei dehnt sich die Erde. Als gemeinsamer Besitz sind allen die Elemente verliehen worden, gleicherweise stehen Reichen und Armen die Herrlichkeiten der Welt offen. Ist etwa die vergoldete Deckentäfelung der Prunkbauten schöner als die von funkelnden Sternen besäte Himmelsflur? Dehnen die Ländereien der Reichen sich weiter aus als die Strecken der Erde? Darum der Vorwurf gegen jene, die Haus an Haus und Hof an Hof reihen: „Wollt ihr denn allein wohnen auf der Erde?“ Größer ist das Haus, das du, Armer, besitzest, worin du rufst und Erhörung findest. „O Israel, ruft der Prophet aus, wie groß ist das Haus Gottes und endlos die Stätte seines Besitztums! Groß und ohne Grenzen, hoch und unermeßlich!“ Dem Reichen wie dem Armen gehört gemeinsam das Haus Gottes; „schwer doch ist’s, daß ein Reicher in das Himmelreich eingeht“. Aber es fällt dir vielleicht hart, daß dir kein Licht von goldenen Leuchtern schimmert? Doch viel heller funkelt dir, rings Licht ausstrahlend, der Mond. Über den Winter 276 vielleicht klagst du, weil kein Hypokaustum mit dampfender Hitze dir Wärme haucht? Doch du erfreust dich der Sonnenhitze, die dir den Erdkreis erwärmt und dich vor Winterkälte schützt. Oder dünken dir jene glücklich, die von dichten Sklavenscharen gefolgt und umringt sind? Doch wer fremder Füße sich bedient, kennnt nicht die Wohltat der eigenen; so läßt er denn etliche Sklaven vor sich herziehen, von der großen Mehrzahl sich tragen. Du müßtest denn seinen Überfluß an Gold, Silber und Geld bewundern? Was er alles in Fülle besitzt, siehst du, was er alles entbehrt, siehst du nicht. Auf Betten von Elfenbein ruhen dünkt dir kostbar und denkst nicht daran, daß die Erde kostbarer ist, die dem Armen den Teppich grüner Matten breitet, worauf ihn süße Ruhe, erquickender Schlaf umfängt, den der auf goldenes Lager gebettete Reiche die ganze Nacht durchwachend herbeisehnt und nicht kostet. O wie unendlich glücklicher schätzt er dich, der Wache den Ruhenden! Dazu kommt, und das besagt noch viel mehr, daß der Gerechte, der hier darbte, dort Überfluß, der hier Mühseligkeit erduldete, dort Tröstung finden wird, daß aber der, welcher hier schon das Gute empfangen, dort keinen Lohn hierfür gewärtigen kann; denn die Armut legt sich ihren Lohn zurück, der Reichtum zehrt ihn auf.
§ 53
„Hab denn acht auf dich“, Armer, „hab acht“, Reicher! Denn Armut sowohl wie Reichtum haben ihre Gefahren. Darum betet der Weise: „Reichtum und Armut gib mir nicht!“ Und er führt auch den Grund an, warum er so flehte: Es genügt für den Menschen zu haben, was er bedarf; denn der Reichtum bläht wie den Bauch mit Speisen so den Geist mit Sorgen und Ängsten auf. Darum sein Flehen, es möge ihm nur zugedacht werden, was nötig sei und genügend, „damit ich nicht, wie er sich ausdrückt, übersättigt zum Lügner werde und 277 spreche: wer sieht mich? oder in Armut geraten Diebstahl begehe und schwöre beim Namen des Herrn“. Fliehen oder meiden soll man sonach die Gefahren der Welt: der Arme soll nicht verzagen, der Vermögliche sich nicht überheben, denn es steht geschrieben: Wenn du die Heiden [Kanaaniter] vertrieben hast und ihr Land zu nutzen anfängst, dann sprich nicht: „meine Kraft und meine Hand hat mir diesen Besitz verschafft“. So hält’s der, welcher sein Vermögen seinem Verdienste zuschreibt und darum, als hätte er Siegel und Brief darauf, seinen Irrtum nicht einsieht, sondern am langen Seil die Sünde nachschleppt. Würde er`s nämlich glauben, daß er seinen Vermögenszuwachs nur glücklichem Zufall oder schändlicher Übervorteilung verdankt, bliebe ihm kein Grund, sich auf Dinge etwas zugute zu tun, die entweder eitle Mühe und kein Lob, oder aber schamlose Habgier bedeuten, die der Genußsucht keine Schranke zu setzen weiß.