§ 60
172 1. Mit Recht sagt daher der gotterfüllte Apostel: „Durch eine Offenbarung wurde mir das Geheimnis kundgetan, wie ich es schon vorhin in Kürze beschrieben habe. Daraus könnt ihr, wenn ihr es lest, mein Verständnis für das Geheimnis Christi erkennen, das in anderen Zeitaltern den Menschenkindern nicht kundgetan wurde, wie es jetzt seinen heiligen Aposteln und Propheten enthüllt wurde.“
2. Denn es gibt auch für die Vollkommenen noch eine geistige Förderung; über sie schreibt er an die Kolosser folgendes: „Wir hören nicht auf, für euch zu beten und zu bitten, daß ihr mit der Erkenntnis seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht erfüllt werden möchtet, um dann des Herrn würdig zu seinem vollen Wohlgefallen zu wandeln und mit allerlei gutem Werke Frucht zu bringen und in der Erkenntnis Gottes zu wachsen, gestärkt mit aller Stärke entsprechend der Macht seiner Herrlichkeit.“
3. Und wiederum sagt er: „Nach dem göttlichen Amt, das mir bei euch übertragen ist, das Wort Gottes zur Vollendung zu bringen, das Geheimnis, das von Ewigkeiten und Urzeiten her verborgen gewesen war, jetzt aber seinen Heiligen geoffenbart wurde, denen Gott kundtun wollte, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heidenvölkern ist.“
§ 61
1. Daher ist ein Unterschied zwischen den Geheimnissen, die bis auf die Zeit der Apostel verborgen gewesen waren und von ihnen so, wie sie sie vom Herrn empfangen hatten, weitergegeben wurden (verborgen aber waren sie im Alten Bund) den Geheimnissen, die „jetzt den Heiligen geoffenbart wurden“, und „dem Reichtum der Herrlichkeit des Geheimnisses unter den Heidenvölkern“, das in dem Glauben und der Hoffnung auf Christus besteht, welchen er an einer anderen Stelle „Grundstein“ genannt hat.
2. Und wiederum schreibt er, indem er gleichsam seine Ehre darein setzt, die Erkenntnis kundzutun, ungefähr so: „Indem wir jedermann in aller Weisheit ermahnen, um jedermann in Christus vollkommen zu machen.“
3. Er meint nicht „jeden Menschen“ schlechthin; denn sonst gäbe es gar keinen Ungläubigen; und er nennt auch nicht 173 jeden, der glaubt, „in Christus vollkommen“, sondern „den ganzen Menschen“, sozusagen „den vollständigen Menschen“ in dem Sinn, daß er an Leib und Seele geheiligt ist. Denn er fügt, weil „die Erkenntnis nicht Sache aller ist“, ausdrücklich hinzu:
4. „Zusammengeschlossen in Liebe und zu allem Reichtum der Gewißheit, wie sie die Einsicht verleiht, zu der Erkenntnis des Geheimnisses Gottes in Christus, in dem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind.“ „Haltet an im Gebet und seid dabei wachsam in Danksagung.“
5. Die Danksagung geschieht aber nicht nur wegen der Seele und der geistlichen Güter, sondern auch wegen des Leibes und der leiblichen Güter.
§ 62
1. Und noch deutlicher entwickelt er den Gedanken, daß „die Erkenntnis nicht Sache aller sei“, indem er hinzufügt: „Betet zugleich auch für uns, Gott möge uns eine Türe öffnen, daß wir das Geheimnis von Christus, um dessentwillen ich auch gebunden bin, predigen können, damit ich es so kundtun könne, wie es meine Pflicht ist, zu reden.“ Denn es gab einiges, was nur mündlich, nicht auf schriftlichem Wege weitergegeben wurde.
2. So sagt er z.B. zu den Hebräern: „Denn da ihr der Zeit nach Lehrer sein solltet“ (da sie nämlich im Alten Testament alt geworden waren) „habt ihr es wieder nötig, daß man euch darin unterrichte, was die Anfangsgründe der Offenbarungsworte Gottes sind, und seid dahin gekommen, daß ihr Milch statt fester Nahrung nötig habt.
3. Denn jeder, der noch Milch genießt, weiß sich nicht in die Predigt von der Gerechtigkeit zu finden; denn er ist noch unmündig.“ Das heißt, es sind ihm nur die Anfangsgründe der Lehre anvertraut.
4. „Für Erwachsene aber ist die feste Nahrung bestimmt, für solche, deren Sinne infolge der Gewöhnung zur Unterscheidung des Guten und Bösen geschult sind. Deshalb wollen wir die Anfangsgründe der Lehre von Christus beiseite lassen und uns eilends der vollen Reife zuwenden.“
§ 63
1. Aber auch Barnabas, der auch selbst gemeinsam mit dem Apostel im Dienst an die Heiden die Lehre verkündigt hatte, sagt: „Ich schreibe euch ganz einfach, 174 damit ihr es verstehen könnt.“
2. Etwas später sagt er dann, indem er bereits deutlicher eine Spur gnostischer Überlieferung vor Augen führt: „Was sagt der andere Prophet Moses zu ihnen?
3. ‘Siehe, also spricht der Herr Gott: Ziehet ein in das gute Land, das der Herr Gott, der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, eidlich verheißen hat, und nehmet es in Besitz, das Land, das von Milch und Honig überfließt!’
4. Was sagt die Gnosis darüber? Höret es! Hoffet, so sagt sie, auf den Jesus, der euch im Fleisch geoffenbart werden soll! Denn einen Menschen bedeutet das Land, insofern es leidet. Denn von der Oberfläche der Erde ist die Bildung Adams geschehen.
5. Warum sagt er nun: ‘In das gute Land, das Land, das von Milch und Honig überfließt’? Gelobt sei unser Herr, liebe Brüder, der Weisheit und Verständnis für seine Geheimnisse in uns gelegt hat!
6. Der Prophet gebraucht nämlich ein Sinnbild für den Herrn. Wer wird es aber verstehen, als wer weise und verständig ist und seinen Herrn lieb hat?“ Denn nur wenige können dies fassen.
7. „Denn nicht aus Mißgunst“, so heißt es, „hat der Herr in einem Evangelium die Weisung gegeben: ‘Mein Geheimnis ist für mich und für die Söhne meines Hauses bestimmt.’“ Damit vollzieht er die Auswahl sicher und fest, auf daß diese, wenn sie das erlangt hat, was ihrer Wahl entspricht, über alle Mißgunst erhaben sei.
8. Denn wer die Erkenntnis des Guten nicht hat, ist böse; denn „nur einer ist gut“, der Vater; aber den Vater nicht zu kennen bedeutet den Tod, wie ihn zu 175 kennen ewiges Leben bedeutet entsprechend der Anteilnahme an der Macht des Unvergänglichen. Und dem Verderben nicht ausgesetzt zu sein bedeutet, Anteil an göttlichem Leben zu haben; dagegen ist Verderben die Folge des Abfalls von der Erkenntnis Gottes.
§ 64
1. Und wiederum sagt der Prophet: „Und ich werde dir geheime, verborgene, unsichtbare Schätze geben, damit sie erkennen, daß ich Gott der Herr bin.“
2. Ähnliches wie dieses sagt auch David in einem Psalm: „Denn siehe, du hast Wahrheit liebgewonnen; das Geheime und das Verborgene deiner Weisheit hast du mir geoffenbart.“
3. „Denn ein Tag verkündigt einem anderen ein Wort“, nämlich das ganz offen geschriebene, „und eine Nacht offenbart einer anderen Erkenntnis“, nämlich die geheimnisvoll verborgene. „Und es gibt keine Worte und keine Sprachen, deren Stimmen nicht gehört würden“, nämlich von Gott, der sagte: „Wird jemand im Verborgenen handeln, und ich sollte ihn nicht sehen?“
4. Deshalb wird „Erleuchtung“ der Unterricht genannt, der das Verborgene offenbarte, da allein der Lehrer den Deckel der Lade öffnete, aber gerade umgekehrt, als wie es die Dichter von Zeus erzählen, daß er das Faß mit den Übeln öffnete.
5. „Ich weiß“, sagt der Apostel, „daß ich, wenn ich zu euch komme, mit der Fülle des Segens Christi kommen werde“, wobei er die „geistliche Gnadengabe“ und die Überlieferung der Erkenntnis, die er ihnen mündlich Auge in Auge mitteilen möchte (denn brieflich konnte dies nicht mitgeteilt werden) „Fülle Christi“ nennt,
6. „gemäß der Offenbarung des Geheimnisses, das ewige Zeiten hindurch verschwiegen geblieben war, jetzt aber geoffenbart und durch prophetische Schriften auf Geheiß des ewigen Gottes bei allen Heidenvölkern verkündigt wurde, ums die zum Gehorsam des Glaubens zu führen“, das heißt bei denjenigen, die aus den Heiden kommen und glauben, daß er ist. Nur 176 wenigen aber aus diesen wird auch gezeigt, was der Inhalt dieses Geheimnisses ist.
§ 65
1. Mit Recht sagt deshalb auch Platon an der Stelle seiner Briefe, wo er von Gott handelt: „Ich muß es dir wirklich mit Rätselworten sagen, damit, wenn mein Brief in irgendeinem Winkel des Landes oder der See in unrechte Hände kommen sollte, der Leser es nicht verstehe.“
2. Denn der Gott des Weltalls, der über jede Sprache und jeden Gedanken und jede Vorstellung erhaben ist, kann nicht durch schriftliche Mitteilung überliefert werden, da er in seiner Macht unaussprechlich ist.
3. Auch dies hat Platon mit den Worten kundgetan: „Darauf achte nun und hüte dich davor, damit du es nicht später einmal bereuen mußt, wenn jetzt etwas unberechtigterweise an die Öffentlichkeit kommt. Das sicherste Mittel dagegen ist aber, wenn man nichts aufschreibt, sondern alles dem Gedächtnis einprägt. Denn es ist ganz unmöglich, daß das, was einmal geschrieben ist, nicht an die Öffentlichkeit kommt.“
4. Ganz Ähnliches wie dieses sagt der heilige Apostel Paulus, indem er die prophetische und wahrhaft altehrwürdige Art des Verbergens beibehielt, aus der für die Griechen die herrlichen Lehren flossen.
5. „Weisheit aber verkündigen wir unter den Gereiften, aber nicht die Weisheit dieser Welt oder der Mächtigen dieser Welt, die zunichte werden; vielmehr verkündigen wir in Form eines Geheimnisses die verborgene Weisheit Gottes.“
§ 66
1. Etwas später spricht er dann davon, wie nötig es ist, mit der Verbreitung der Lehre unter der Menge vorsichtig zu sein, etwa mit folgenden Worten: „Auch ich, liebe Brüder, konnte zu euch nicht wie zu Geistesmenschen reden, sondern wie zu Fleischlichen, wie zu Unmündigen in Christus. Milch gab ich euch zu trinken, nicht feste Speise; denn ihr konntet sie noch nicht vertragen. Aber ihr könnt sie auch jetzt noch nicht vertragen; denn ihr seid noch fleischlich.“
2. Wenn demnach von dem Apostel die Milch Nahrung der Unmündigen, die feste Speise aber Nahrung der Gereiften genannt ist, so wird 177 man unter Milch den Anfangsunterricht gleichsam als die erste Nahrung der Seele verstehen müssen, unter fester Speise aber das höchste unmittelbare Schauen. Denn das ist Fleisch und Blut des Logos, das heißt Erfassen der göttlichen Macht und des göttlichen Wesens.
3. „Schmecket und sehet, daß der Herr gütig ist!“ heißt es. Denn so teilt er sich denen mit, die mehr in geistlicher Weise an einer solchen Speise Anteil nehmen, dann eben, wenn die Seele „bereits sich selbst nährt“ nach dem Wort des wahrheitsliebenden Platon; denn die göttliche Lehre als Speise und Trank zu nehmen, das bedeutet, das Wesen Gottes erkennen.
4. Deshalb sagt auch Platon im zweiten Buch des Staates: „Man soll zuerst opfern, nicht etwa ein Ferkel, sondern ein großes und schwer zu beschaffendes Opfer“, und dann erst Untersuchungen über Gott anstellen.
5. Der Apostel aber schreibt: „Und unser Osterlamm wurde geschlachtet, Christus“, ein wirklich schwer zu beschaffendes Opfer, der Sohn Gottes, der für uns als Opfer dargebracht wird.