§ 44
1. Aber diese Art, durch Sinnbilder etwas kundzugeben, wurde nicht nur bei den Ägyptern von den Gelehrtesten, sondern auch bei den anderen Barbaren von allen denen verwendet, die sich der Philosophie befleißigten.
2. So wird auch von dem Skytenkönig Idanthuras auf Grund der Erzählung des Pherekydes von Syros berichtet, daß er dem Dareios, als dieser den Istros (die Donau) überschritten hatte, um ihm Krieg anzudrohen, statt einer 157 schriftlichen Mitteilung eine sinnbildliche gesandt habe, nämlich eine Maus, einen Frosch, einen Vogel, einen Pfeil und einen Pflug.
3. Als man begreiflicherweise über den Sinn dieser Sendung im unklaren war, sagte der Heerführer Orontopatas, daß die Skythen damit ihre Unterwerfung kundtun wollten, indem er in der Maus eine sinnbildliche Bezeichnung für die Wohnstätten sah, in dem Frosch eine solche für die Gewässer, in dem Vogel für die Luft, in dem Pfeil für die Waffen, in dem Pflug aber für das bebaute Land.
4. Xiphodres aber gab eine ganz entgegengesetzte Deutung; er sagte nämlich: „Wenn wir nicht wie Vögel in die Luft fliegen oder uns wie die Mäuse in die Erde verkriechen oder wie die Frösche im Wasser untertauchen, werden wir ihren Geschossen nicht entrinnen; denn wir sind nicht Herren ihres Landes.“
5. Und von Anacharsis, der gleichfalls ein Skythe war, wird erzählt, daß er beim Schlafen mit der linken Hand die Schamteile, mit der rechten den Mund gehalten habe, womit er andeutete, daß man beides beherrschen müsse, daß es aber schwieriger sei, die Zunge zu beherrschen als die Sinnenlust.
§ 45
1. Doch warum will ich mich bei den Babaren aufhalten, da es doch möglich ist, bei den Griechen selbst zu zeigen, daß sie die Form der verborgenen Mitteilung in hohem Maße benützten?
2. So sagt der Pythagoreer Androkydes, daß die weitberühmten sogenannten Ephesischen Zauberworte die Bedeutung von Sinnbildern hätten; es bedeute aber Askion die Finsternis, weil es in ihr keinen Schatten ((xxx)skiá) gebe, Kataskion aber das Licht, weil dieses durch seinen Schein den Schatten entstehen lasse; Lix aber ist entsprechend einer alten Benennung die Erde und Tetrax wegen der vier Jahreszeiten das Jahr; Dammameneus aber die alles bezwingende ((xxx))Sonne, Aisia aber das wahre Wort.
3. Es bedeutet demnach das Sinnbild, daß die göttlichen Dinge gut geordnet sind, wie z.B. die Finsternis in Beziehung auf das Licht und die Sonne in Beziehung auf das Jahr und die Erde in Beziehung auf das mannigfache Naturentstehen.
4. Aber auch der Grammatiker Dionysios von Thrakien sagt in dem Abschnitt „Über 158 bedeutungsvolle Ausdrucksweise“ von dem Sinnbild der Rädchen wörtlich folgendes: „Manche wiesen auf das Tun nicht nur durch Worte, sondern auch durch Sinnbilder hin; durch Worte, wie das bei den sogenannten Delphischen Sprüchen der Fall ist, der Mahnung ‘Nichts im Übermaß!’ und dem Spruch ‘Erkenne dich selbst!’ und den ähnlichen Sätzen, durch Sinnbilder aber, wie es bei dem drehbaren Rad in den Göttertempeln der Fall ist, das von den Ägyptern übernommen worden ist, und bei den Zweigen, die den Anbetenden gegeben werden.“
5. Der Thraker Orpheus sagt nämlich: „Nichts von dem allen, was immer die Menschen im Herzen ersinnen, Hat auf der Erde ein bleibendes Ziel; es dreht sich im Kreise Alles umher, und es darf auf dem nämlichen Punkte nichts stehen, Sondern ein jegliches muß, wie es anfing, im Laufe stets bleiben.“
6. Die Zweige aber sind entweder ein Sinnbild der ersten Nahrung, oder sie werden, wie man es auch erklärt, den Anbetenden deswegen gegeben, damit die Menschen verstehen, daß zwar die Zweige immer wieder Früchte 159 hervorbringen und wachsen und auf diese Weise lange Zeit hindurch bleiben, daß ihnen selbst aber nur eine kurze Lebenszeit bestimmt sei, vielleicht aber auch, damit sie verstehen, daß, wie die Zweige verbrannt werden, auch sie selbst rasch aus diesem Leben scheiden und eine Beute des Feuers werden müssen.
§ 46
1. Vom größten Nutzen ist also in vielfacher Hinsicht das Verfahren, etwas durch Sinnbilder kundzutun; denn dieses Verfahren hilft mit bei der rechten Auffassung von Gott, bei der Frömmigkeit, bei der Bekundung von Klugheit, bei der Schulung in kurzer Fassung der Rede, bei dem Aufzeigen von Weisheit.
2. „Denn es ist das Zeichen von Weisheit, wenn man die sinnbildliche Redeform geschickt anwendet“, sagt der Grammatiker Didymos, „und das, was durch sie kundgetan wird, versteht.“
3. Indessen schließt auch der Unterricht der Knaben in den Buchstaben des Alphabets die Lehre von den vier Elementen in sich ein.
4. Denn Bedy nennen, wie er lehrt, die Phryger das Wasser, wie auch Orpheus sagt: „Und Bedy träufelt herab der Nymphen erfrischendes Wasser.“
5. Aber auch der Opferpriester Dion schreibt offenbar im gleichen Sinn: „Und nimm Bedy, gieße es über deine Hände, und dann wende dich der Opferschau zu!“
160 6. Andererseits versteht der Lustspieldichter Philyllios unter Bedy die lebenspendene ((xxx)biódoros) Luft, wenn man nach folgenden Versen schließen darf: „Ich wünsche mir, zu atmen stets gesunde Luft (Bedy); Für die Gesundheit hat ja dies den größten Wert, Daß reine Luft man atmet, nicht verdorbne Luft.“
§ 47
1. In der gleichen Bedeutung hiermit gebraucht auch Neanthes von Kyzikos das Wort, wenn er schreibt, daß die makedonischen Priester in ihren Gebeten das Bedy anrufen, es möge ihnen und ihren Kindern gnädig sein, und dabei das Wort mit „Luft“ erklären.
2. Zaps aber haben manche verkehrterweise von dem Wort für Kochen oder Glühen ((xxx)ßésis) abgeleitet und als Feuer aufgefaßt. Es ist aber eine Bezeichnung für das Meer, wie Euphorion in seiner Gegenschrift gegen Theodoridas schreibt: „Dort an den Klippen ist Zaps, der Schiffe schlimmer Verderber.“
3. Und in ähnlicher Weise sagt Dionysios Iambos: „Ringsum ertönet beim Wüten des Meeres die salzige Zaps laut.“
4. Ähnlich sagt auch der Lustspieldichter Kratinos der Jüngere: „Die Krabben und die Fischlein wirft die Zaps ans Land.“
5. Und Simmias von Rhodos sagt: „Es wurde zur Amme Für die Igneten und für die Telchinen die salzige Zapsflut.“
6. Chthon aber ist die Erde, die breit hingegossen ((xxx)xechymén) ist. Und Plektron erklären die einen als den Pol, die anderen als die Luft, weil sie gleichsam alles schlägt ((xxx)pléssei) und zum Entstehen und Wachsen antreibt oder weil sie alles erfüllt ((xxx)plerotikós)
§ 48
161 1. Diese Leute haben aber den Philosophen Kleanthes nicht gelesen, der Plektron ganz deutlich die Sonne nennt; denn sie stützt ihre Strahlen im Osten auf und führt, indem sie die Welt gleichsam schlägt, das Licht zu seinem harmonischen Gang. Mit dem Hinweis auf die Sonne deutet es auch auf die übrigen Gestirne hin.
2. Sphinx ist aber nicht die Verbindung aller Dinge und nicht der Umlauf der Welt, von dem der Dichter Aratos spricht, sondern sie könnte vielleicht die alles durchdringende geistige Spannung bedeuten, die die Welt zusammenhält.
3. Richtiger aber ist es, unter Sphinx den alles zusammenhaltenden Äther zu verstehen, wie auch Empedokles sagt: „Laß mich zuerst dir die Sonne als Anfang von allem verkünden; Durch sie wurde, was immer wir sehen, den Augen erst sichtbar, Erde und wogendes Meer und des Luftraums feuchte Bezirke Und auch der Äther, der, ein Titan, den Erdkreis umklammert (xxx)“.
4. Und Apollodoros von Kerkyra erzählt, daß der Seher Branchos folgende Verse feierlich vorgetragen habe, als er die Milesier von einer Pest entsühnte. Er begann nämlich, während er die Menge mit Lorbeerblättern bestreute, den Hymnus ungefähr so: „Preiset, ihr Knaben, den schirmenden Gott und die schirmende Göttin!“
5. Und dann fiel das Volk gewissermaßen mit dem Antwortvers ein: „Bedy, Zaps, Chtom, Plektron, Sphinx, 162 Knaxzbich, Thyptes, Phlegmo, Drops.“ Diese Geschichte erwähnt auch Kallimachos in seiner Jambendichtung.
6. Knaxzbich bedeutet aber die Krankheit, da man das Wort von (xxx) xnaíein (nagen) und (xxx) diaphdeírein (verderben) ableiten kann. Thyptes aber ist von (xxx) díphai abgeleitet, und dieses bedeutet mit dem Blitze verbrennen.
7. Der Tragödiendichter Thespis sagt jedoch, daß diese Worte etwas ganz anderes bedeuten, wenn er so schreibt: „Ich opfere dir das weiße Knaxzbich, Das zur Nahrung ich melkt’ von der bräunlichen Geiß; Und den Thypteskäs, der mit Honig gemischt Von rötlicher Farb’, den lege ich dir, Zweihörniger Pan, auf den hehren Altar, Und von Bromios sei dir der Phlegmos geweiht!“
8. Damit deutet er nach meiner Meinung hin auf die erste milchartige Nahrung der Seele, die aus den 24 Buchstaben besteht; darnach ist die Milch bereits geronnen und zu fester Speise geworden; das letzte aber ist, wie er sagt, der „funkelnde Wein“, nämlich das Blut des Weinstocks des Logos, die vollendende Freude der Erziehung.
9. Und Drops ist das wirksame Gotteswort, das mit dem Anfangsunterricht beginnt und allmählich zum Wachstum des Mannes, „zum Vollmaß des Alters“, den Menschen entzündet und erleuchtet.
§ 49
163 1. Und auch eine dritte, alle Buchstaben des Alphabets in sich enthaltende Schreibvorlage für die Knaben ist überliefert: „Marpte, Sphinx, Klops, Zbychthedon.“ Sie bedeutet aber nach meiner Meinung, daß unser Weg durch die Kenntnis von der Ordnung der Elemente und der Welt zur Kenntnis des Vollkommeneren führen müsse, da das ewige Heil nur mit Anstrengung und Mühe gewonnen wird.
2. Denn das Wort marptein bedeutet das Erfassen, die Weltharmonie ist mit dem Wort Sphinx gemeint, Zbychthedon bedeutet die Schwierigkeit, und Klops bedeutet zugleich die verborgene Kenntnis des Herrn und seinen verborgenen Tag.
3. Und sagt nicht ferner auch Epigenes in seiner Schrift „Über die Dichtung des Orpheus“ bei seiner Erklärung der sich bei Orpheus findenden eigentümlichen Wörter, daß „mit den Pflügen“, „mit den Webstuhlketten“ bedeute „mit den Furchen“; „Faden“ sei aber die sinnbildliche Bezeichnung für den Samen, und „die Tränen des Zeus“ bedeuteten den Regen, und andererseits wieder „die Moiren“ seien die Abschnitte des Monats, der 30. Tag (Monatsletzter) der 15. Tag (Monatsmitte) und der Neumond (Monatserster); deswegen nenne Orpheus sie auch „weißgekleidet“, weil sie Teile des Lichtes seien.
4. Ferner heiße bei dem Theologen „der Blumenreiche“ der Frühling wegen des Wachstums, „die Untätige“ die Nacht wegen der Ruhe, und „Gorgonengesicht“ der Mond wegen des Gesichtes in ihm, „Aphrodite“ aber die Zeit, in der man säen muß.
§ 50
1. Ähnliche Rätselworte verwendeten auch die Pythagoreer, wenn sie die Planeten mit einem bildlichen Ausdruck als Hunde der Persephone, das Meer als Träne des Kronos bezeichneten.
2. Und man kann unzählige Stellen finden, wo von Philosophen und Dichtern in Rätselform gesprochen worden ist; ja es gibt ganze Bücher, die den von dem Verfasser beabsichtigten Sinn nur versteckt andeuten, wie z.B. auch die Schrift des Herakleitos „Über die Natur“, der auch gerade wegen dieses Buches „der Dunkle“ genannt 164 worden ist.
3. Diesem Buche ähnlich ist auch die Theologie des Pherekydes von Syros. Ferner stehen die Dichtungen des Euphorion und Aitia (Ursprungssagen) des Kallimachos und die Alexandra des Lykophron und die diesen ähnlichen Dichtungen als Stoffe zur Übung in der Erklärungskunst für die Zunft der Philologen bereit.
§ 51
1. Es ist also nur natürlich, daß auch die nichtgriechische Philosophie, über die zu sprechen unsere Aufgabe ist, an manchen Stellen in versteckter Form und durch Sinnbilder ihre Weissagungen verkündet, wie wir dargelegt haben.
2. Dementsprechend sind auch die Gebote des Moses aufzufassen, wie jenes allgemein bekannte Verbot: „Ihr sollt kein Schwein und keinen Adler und keinen schnellfliegenden Raubvogel (Habicht) und keinen Raben essen!“
3. Denn das Schwein bedeutet die lüsterne und unreine Begierde nach Speisen und die gierige und unsaubere Zuchtlosigkeit im Liebesgenuß, die immer Reiz empfindet und auf irdischen Genuß bedacht ist und sich im Schlamme wälzt und für die Schlachtung und das Verderben gemästet wird.
4. Umgekehrt erlaubt er, Tiere zu essen, die gespaltene Klauen haben und wiederkäuen, womit er, wie Barnabas sagt, andeutete, „daß man sich denen eng anschließen soll, die den Herrn fürchten, und denen, die über den besonderen Sinn der Rede, der ihnen mitgeteilt wurde, in ihrem Herzen nachdenken, und denen, die die Forderungen des Herrn im Munde führen und beobachten, und denen, die wissen, daß Nachsinnen ein erfreuliches Werk ist, und die das Wort des Herrn gleichsam wiederkäuen (d.h. immer wieder darüber nachdenken)
5. Was bedeuten aber die gespaltenen Klauen? Daß der Gerechte sowohl in dieser Welt wandelt als auch die heilige Ewigkeit erwartet.“
6. Dann fügt er hinzu: „Ihr seht, wie trefflich die Gesetze sind, die Moses gegeben hat. Aber wie hätten jene dies fassen und verstehen können? Wir aber haben die Gebote richtig erfaßt und verkündigen sie so, wie der Herr es wollte. Denn deswegen hat er unsere Ohren und unsere Herzen beschnitten, damit wir dies verstehen können.“
§ 52
165 1. Wenn er indessen sagt: „Du sollst keinen Adler, keinen Habicht, keinen Hühnergeier und keinen Raben essen!“, so meint er damit: „Du sollst dich solchen Leuten nicht anschließen und ihnen nicht ähnlich werden, die nicht mit Anstrengung und Schweiß sich ihren Lebensunterhalt zu erwerben wissen, sondern von Raub und Frevel leben!“
2. Denn der Adler bedeutet Raub, der Habicht Frevel und der Rabe Habgier.
3. Es steht aber geschrieben: „Mit einem unschuldigen Mann wirst du unschuldig sein, und mit einem Verkehrten wirst du auf verkehrtem Wege gehen.“ Es geziemt sich also, daß man sich an die Heiligen anschließt. „Denn wer sich ihnen anschließt, wird geheiligt werden.“
4. Davon ist Theognis abhängig, wenn er schreibt: „Denn von den Edlen wirst du auch Edles erlernen; mit Schlechten Wenn du verkehrst, dann verlierst du auch den eignen Verstand.“
5. Und wenn es wieder in dem Siegeslied heißt: „Denn mit großem Ruhm ist er geschmückt; Roß und Reiter hat er ins Meer gestürzt“, so bedeutet das, daß er die vielgliedrige und tierartige und ungestüme Leidenschaft, die Begierde, zusammen mit dem auf ihr sitzenden Lenker, der die Zügel den Lüsten überließ, „ins Meer gestürzt hat“, d.h. in die weltliche Zuchtlosigkeit dahingegeben hat.
§ 53
1. So sagt auch Platon in der Schrift „Über die Seele“ (im Phaidon), daß der Lenker und das durchgehende Pferd (d.h. der unvernünftige Seelenteil, der aus zwei Teilen besteht, dem leidenschaftlichen Empfinden und dem Begehrungsvermögen) hinstürzen. So weist auch die Sage darauf hin, daß Phaethon herabstürzte, weil er die Rosse nicht beherrschen konnte.
2. So ist auch die Geschichte von Joseph zu deuten. Als dieser noch jung war, waren seine 166 Brüder auf ihn eifersüchtig, weil er infolge seiner Erkenntnis mehr als diese von der Zukunft voraussah, und „sie zogen ihm seinen bunten Rock aus, nahmen ihn und warfen ihn in einen Brunnen; der Brunnen war aber leer und enthielt kein Wasser.“
3. Da sie die aus dem Lerneifer des Tugendhaften erwachsende mannigfache Erkenntnis verschmähten oder sich mit dem bloßen, dem Gesetz entsprechenden Glauben zufrieden gaben, warfen sie ihn in den wasserleeren Brunnen, um ihn dann nach dem des göttlichen Wortes baren Ägypten zu verkaufen. Leer an Wissen war der Brunnen, in dem der „verborgene Weise“, hinabgeworfen und seiner Erkenntnis entkleidet, seinen Brüdern ähnlich, der Erkenntnis entblößt, zu sein schien.
4. Nach einer anderen Deutung ist das bunte Gewand die Begierde, die in einen klaffenden Abgrund hinabführt.
5. „Wenn aber jemand eine Grube öffnet oder Steine bricht und das Loch nicht zudeckt, so daß dann ein Rind oder ein Esel hineinfällt, so soll der Eigentümer der Grube Entschädigung zahlen und dem Nächsten geben; das tote Tier aber soll ihm gehören.“
§ 54
1. An dieser Stelle muß man auch jenes Wort des Propheten heranziehen: „Es kennt der Ochse seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber weiß nichts von mir.“
2. Damit also keiner von diesen Leuten, wenn er auf die von dir gelehrte Erkenntnis gerät und nicht fähig ist, die Wahrheit zu vertragen, sie falsch auffasse und so zu Fall komme, so werde, das will er sagen, vorsichtig in der Verwendung der Lehre und verschließe die lebendige Quelle, die in der Tiefe entspringt, denen, die sich ihr unverständig nahen wollen, und reiche einen Trank nur denen, die es nach der Wahrheit dürstet!
3. Halte darum die „Tiefe der Erkenntnis“ vor denen verborgen, die nicht imstande sind, sie zu erfassen, und decke in dieser Weise die Grube zu!
4. Der Eigentümer der Grube, der Träger der Erkenntnis selbst, wird bestraft werden, heißt es, weil er die Schuld daran trägt, daß einer Anstoß nahm oder infolge seines beschränkten Auffassungsvermögens 167 von der Erhabenheit der Lehre verschlungen wurde, oder weil er den, der zum Arbeiten bestimmt war, zur beschaulichen Versenkung verführte und ihm so Anlaß gab, seinen Glauben aufzugeben, zu dem er ohne Vorbereitung gekommen war. „Er soll aber Strafe zahlen“, da er dem Willen des Allmächtigen Rechenschaft schuldet und ihm verantwortlich ist.
§ 55
1. Das ist nun die Art der Verkündigung im Gesetz und in den Propheten bis auf Johannes. Aber obwohl dieser offener sprechen konnte, da er ja nicht mehr wie ein Prophet auf Zukünftiges hinweisen mußte, sondern auf den, der von Anfang an durch Sinnbilder angekündigt worden war, als auf einen, der nunmehr erschienen und zugegen war, hinweisen konnte, so sagt er trotzdem: „Ich bin nicht wert, den Schuhriemen des Herrn zu lösen.“
2. Er gesteht nämlich zu, daß er nicht würdig sei, eine so erhabene Macht (wie Jesus) zu taufen; denn diejenigen, die reinmachen wollen, müßten die Seele (der zu Reinigenden) vom Körper und seinen Verfehlungen loslösen, wie man den Fuß von den Schuhriemen löst.
3. Vielleicht meint er auch die letzte Wirkung des Heilands auf uns, die unmittelbar durch seine Gegenwart, die durch das Rätselwort der Weissagung nur in Verhüllung angekündigt worden war. Denn indem er auf Grund eigener Anschauung den Geweissagten zeigte und kundtat, daß die Erscheinung, die von ferne her zum Sichtbarwerden kam, jetzt da sei, löste er in der Tat das Ende der Weissagungen über den Heilsplan und enthüllte die Bedeutung der Sinnbilder.
4. Aber auch die bei den Römern üblichen Formen bei den Vertragsabschlüssen gehören zu den Sinnbildern, jene auf die Gerechtigkeit hinweisende Waage und die kleinen 168 Kupfermünzen und die Berührung mit der Rute und das Anfassen der Ohren; das eine geschieht, damit gerecht verfahren werde, das andere zur Teilung der Kosten, das dritte, damit der Vorübergehende gerade, als wenn ihm eine Last auferlegt würde, stehenbleibe und zuhöre und die Rolle eines Mittelsmannes übernehme.