§ 16
1. Denn auch der Hoffende ebenso wie der Glaubende sieht im Geiste das Geistige und das Zukünftige. Wenn wir daher davon sprechen, daß es etwas Gerechtes oder auch etwas Gutes gibt, aber auch wenn wir etwas Wahrheit nennen, so haben wir doch nie etwas dergleichen mit unseren Augen gesehen, sondern immer nur im Geiste. Der Logos Gottes aber sagt: „Ich bin die Wahrheit“; also muß der Logos mit dem Geiste geschaut werden.
2. „Wen meinst du, sagte er, mit dem Ausdruck ‘die wahren Philosophen’? - Diejenigen, sagte ich, die die Wahrheit zu schauen sich sehnen.“
3. Im Phaidros aber redet Platon über die Wahrheit als eine Idee und erläutert dies. Die Idee ist aber ein Gedanke Gottes, den die Barbaren das 131 Wort Gottes genannt haben.
4. Die Stelle lautet aber wörtlich so: „Denn man muß ja versuchen, das Wahre zu sagen, zumal wenn man über die Wahrheit spricht; denn das wirkliche Wesen der Seele, das farblos und gestaltlos und unkörperlich ist, kann nur von ihrem Lenker, dem Geist, geschaut werden.“
5. Nachdem aber das Wort hervorgetreten war, wurde es Urheber der Schöpfung; dann erzeugt es aber auch sich selbst, wenn „das Wort Fleisch wird“, damit es auch geschaut werden könne.
6. Der Gerechte wird also ein von Liebe erfülltes Finden suchen und ist glücklich, wenn er auf dem Wege dazu ist. Denn es heißt: „Dem, der anklopft, wird geöffnet werden; bittet, und es wird euch gegeben werden.“
7. Denn von den „Gewalttätigen“, die das Himmelreich an sich reißen, ist nicht gesagt, daß sie es mit streitsüchtigen Reden, sondern daß sie es mit der Stetigkeit eines rechtschaffenen Lebenswandels und unablässigen Gebeten erzwingen, nachdem sie die von den früheren Sünden ihnen anklebenden Flecken von sich abgewischt haben.
8. „Aber die Schlechtigkeit kannst du in Haufen überall finden.“ „Wer sich bemüht, dem steht auch Gottes Hilfe bei.“ „Denn der Musen schwerumkämpfte Gaben liegen nicht für jeden Offen, zum Nehmen bestimmt.“
§ 17
1. Die Erkenntnis der Unwissenheit ist das, was jeder, der vernunftgemäß wandeln will, zuerst gewinnen muß. Wenn einer merkt, daß er etwas nicht weiß, dann beginnt er zu suchen, und wenn er gesucht hat, findet er den Lehrer, und wenn er ihn gefunden hat, dann glaubt er ihm, und wenn er ihm geglaubt hat, dann liebt er ihn, und wenn er ihn liebgewonnen hat, wird er dem Geliebten 132 ähnlich, indem er sich beeilt, das zu sein, was er zuvor liebgewonnen hatte.
2. Eine solche Art der Entwicklung zeigt Sokrates dem Alkibiades, als dieser folgende Frage an ihn richtete: „Glaubst du nicht, daß ich auf andere Weise etwas über die Gerechtigkeit erfahren könnte? - Ja, wenn du es findest. - Aber glaubst du nicht, daß ich es finden kann? - Durchaus, wenn du es suchen wirst. - Glaubst du denn nicht, daß ich es suchen werde? - Doch gewiß, wenn du nämlich überzeugt bist, es nicht zu wissen.“
3. Solcher Art sind auch die Lampen der klugen Jungfrauen, die nachts angezündet waren in der tiefen Finsternis der Unwissenheit, die die Schrift sinnbildlich „Nacht“ nannte. Kluge Seelen, rein wie Jungfrauen, die erkannt haben, daß sie sich in der Unwissenheit der Welt befinden, zünden das Licht an und wecken ihren Geist auf und machen die Finsternis hell und treiben die Unwissenheit hinaus und suchen die Wahrheit und warten auf das Erscheinen des Lehrers.
4. „Daß die Masse, so sagte ich, weisheitsliebend werden kann, ist unmöglich.“ „Viele sind Narthexträger, nur wenige aber Bakchen“, wie Platon sagt.
5. „Denn viele sind berufen, nur wenige aber sind auserwählt.“ Und „nicht bei allen“ sagt der Apostel, „ist die Erkenntnis“. „Betet, daß wir von den törichten und schlechten Menschen gerettet werden; denn nicht bei allen ist der Glaube.“
6. Und die philosophische Dichtung des Stoikers Kleanthes schreibt das gleiche ungefähr mit folgenden Worten: „Willst du zur Weisheit gelangen, so darfst du aufs Meinen nicht blicken Und dich nicht fürchten vor dummen und dreisten Gedanken des Pöbels! Denn er besitzt kein verständiges Urteil darüber, was recht ist, Oder was gut ist; bei wenigen Menschen nur kannst du es finden.“
§ 18
133 1. Mehr in der Form eines Sinnspruches sagt dies der Lustspieldichter mit einem kurzen Satz: „Nach großem Lärm das Gute werten ist verkehrt.“
2. Sie haben ja, meine ich, jene treffliche Weisheit sagen hören: „Im Kreise der Unverständigen mache deine Zeit knapp; bei Verständigen verweile lange!“
3. Und wiederum: „Weise werden ihr Wissen geheimhalten.“ Denn die Menge verlangt als Unterpfand der Wahrheit den Beweis und will sich nicht mit der bloßen Rettung aus Glauben begnügen.
4. „Aber die Schlechten versagen den Glauben, um recht zu behalten. Wie es jedoch dir die Weisung gebietet von unserer Muse, Streb’ nach Erkenntnis, indem du im Herzen die Rede zergliederst!“ Die Schlechten haben nämlich, sagt Empedokles, die Gewohnheit, daß sie über die Wahrheit dadurch Herr werden wollen, daß sie nicht glauben.
5. Daß aber unsere Lehre die richtige Ansicht vertritt und Glauben verdient, das werden die Griechen erkennen, wenn die Sache auf Grund des folgenden noch genauer geprüft wird. Denn wir lernen etwas durch den Vergleich mit dem, was ihm ähnlich ist. „Antworte“, sagt darum Salomon, „dem Toren aus seiner Torheit!“
6. Deshalb muß man denen, die nach der bei ihnen selbst geltenden Weisheit verlangen, das darbieten, was ihnen vertraut ist, damit sie auf die leichteste Weise durch ihre eigenen Gedanken richtig zu dem Glauben an die Wahrheit kommen.
7. „Denn allen bin ich alles geworden“, sagt der Apostel, „um alle zu gewinnen.“ Denn auch die göttliche Gnade strömt wie ein Regen auf 134 Gerechte und Ungerechte herab.
8. „Oder gehört Gott etwa nur den Juden? Nicht auch den Heiden? Freilich auch den Heiden, da es ja nur einen einzigen Gott gibt“, ruft der edle Apostel.