§ 83
1. Demnach ist alles, was einen Namen trägt, geworden, mögen sie das zugeben oder nicht. Mag also der Vater selbst jeden zu sich heranziehen, der ein reines Leben geführt hat und zur Vorstellung des seligen und unvergänglichen Wesens gelangt ist, oder mag der freie Wille in uns zur Erkenntnis des Guten gekommen sein und über die äußersten Grenzen hinaushüpfen und springen, wie die Freunde der Gymnastik sagen, so erhält die Seele doch nicht ohne die außerordentliche Gnade Gottes Flügel, um emporzufliegen und sich hoch über das jetzt noch über ihr Liegende zu erheben, indem sie alles, was sie beschwert, von sich ablegt und dem zurückgibt, das mit ihm verwandt ist.
2. Aber auch Platon nennt im Menon die Tugend eine Gabe Gottes, wie folgende Worte zeigen: „Infolge dieser Erwägung, mein Menon, ist es für uns klar, daß die Tugend durch göttliche Fügung dem zuteil wird, wem sie eben zuteil wird.“
3. Meinst du nicht, daß mit dem Ausdruck „göttliche Fügung“ die Beschaffenheit des Gnostikers gemeint ist, die nicht allen zuteil wird?
4. Noch deutlicher fügt er hinzu: „Wenn wir aber jetzt bei dieser ganzen Unterredung richtig geforscht haben, so dürfte wohl die Tugend weder etwas Angeborenes noch etwas Lehrbares sein, sondern durch göttliche Fügung, ohne eigene geistige Arbeit, dem zuteil werden, wem sie eben zuteil wird.“
5. Ein göttliches Geschenk ist also die Weisheit, die eine Kraft des Vaters ist, und sie treibt unseren freien Willen 191 an, nimmt den Glauben entgegen und vergilt die Achtsamkeit beim Auswählen durch innigste Gemeinschaft.
§ 84
1. Und ich will dir Platon selbst anführen, der ausdrücklich verlangt, daß man Gottes Söhnen glauben soll. Nachdem er nämlich im Timaios über sichtbare und geschaffene Götter gesprochen hatte, sagt er: „Über die anderen Dämonen zu sprechen und über ihre Herkunft etwas zu wissen, das geht über unser Vermögen; man muß aber denen glauben, die früher davon gesprochen haben, die Abkömmlinge von Göttern waren, wie sie sagten, und doch wohl ziemlich genau Bescheid über ihre eigenen Vorfahren wußten. Es ist daher unmöglich, Göttersöhnen den Glauben zu verweigern, auch wenn sie ohne Wahrscheinlichkeitsgründe und zwingende Beweise reden.“
2. Ich glaube nicht, daß von den Griechen noch deutlicher bezeugt werden könnte, daß unser Heiland und die zum Prophetenamt Gesalbten, von denen die letzteren ganz offen Gottes Söhne genannt worden sind, der Herr aber Gottes eigener Sohn ist, wahrhaftige Zeugen über göttliche Dinge sind. Deshalb fügte Platon auch hinzu, daß man ihnen glauben müsse, weil sie gottbegeistert seien.
3. Und wenn jemand mehr in der Weise der tragischen Dichtung sagt, er wolle nicht glauben: „Nicht Zeus ja war es, der mir dies verkündet hat“, so soll er doch wissen, daß Gott selbst durch seinen Sohn die Schriften verkündigte. Glaubwürdig ist aber, wer das ihm Eigene verkündet; denn „niemand“, so sagt der Herr, „hat den Vater erkannt als der Sohn, und wem es der Sohn offenbart“.
§ 85
1. Man muß diesem also auch nach Platons Worten glauben, auch wenn er „ohne Wahrscheinlichkeitsgründe und zwingende Beweise“ durch das Alte und durch das Neue Testament gepredigt und verkündigt wird. „Denn wenn ihr nicht glaubt“, sagt der Herr, „so werdet ihr in euren Sünden sterben“, und andererseits: „Wer glaubt, der hat ewiges Leben.“ „Selig sind daher alle, die auf ihn vertrauen.“
2. Das Vertrauen ist aber mehr als der 192 Glaube. Denn wenn jemand weiß, daß unser Lehrer der Sohn Gottes ist, so vertraut er darauf, daß seine Lehre wahr ist.
3. Wie aber nach Empedokles „das Lernen den Verstand stärkt“, so stärkt das Vertrauen auf den Herrn den Glauben.
4. Wir behaupten daher, daß es die gleichen Leute sind, die die Philosophie tadeln und über den Glauben losziehen, die Ungerechtigkeit loben und das Leben in Lüsten glücklich preisen.
§ 86
1. Nunmehr ist der Glaube, wenn er auch eine freiwillige Zustimmung der Seele ist, doch auch ein Täter guter Werke und die Grundlage gerechten Handelns.
2. Und wenn Aristoteles künstlich unterscheidet und lehrt, daß das Tun ((xxx))von den unvernünftigen Tieren und den leblosen Dingen ausgesagt werden, das Handeln ((xxx))dagegen nur Sache von Menschen sei, dann muß er diejenigen zurechtweisen, die Gott den Schöpfer ((xxx)eigentlich Täter) aller Dinge nennen. Vom Handeln aber sagt er, daß es entweder als etwas Gutes oder als etwas Notwendiges geschehe. Das Unrechttun ist jedoch nichts Gutes (denn niemand tut Unrecht außer wegen irgendeines anderen Zweckes) von dem Notwendigen aber geschieht nichts freiwillig; nun ist aber das Unrechttun etwas Freiwilliges, daher ist es auch nicht notwendig.
3. Von den Schlechten unterscheiden sich die Tugendhaften vor allem durch ihre Grundsätze und durch ihre edlen Bestrebungen. Denn jede Schlechtigkeit einer Seele ist mit Mangel an Selbstbeherrschung verbunden; und wenn einer etwas aus Leidenschaft tut, so tut er es, weil er sich nicht beherrschen kann und weil er schlecht ist.
4. Ich muß daher immer wieder jenen göttlichen Ausspruch bewundern: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht durch die Türe in den Hof, wo die Schafe sind, hineingeht, sondern sonstwie übersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber; wer aber durch die Türe hineingeht, der ist der Hirte der Schafe; ihm öffnet der Türhüter.“ Dann fügt er zur Erklärung noch hinzu: „Ich bin die Türe zu den Schafen.“
§ 87
193 1. Man muß also durch Christus die Wahrheit erlernen, um gerettet zu werden, auch wenn man sich mit Eifer der griechischen Philosophie hingegeben hatte. Denn jetzt erst wurde deutlich gezeigt, „was in anderen Zeitaltern den Menschenkindern nicht kundgetan, aber jetzt enthüllt wurde“.
2. Denn zu allen Zeiten gab es bei allen Wohlgesinnten eine angeborene Vorstellung von einem einzigen, allmächtigen Gott, und die meisten ergriffen die ewige, durch die göttliche Vorsehung gewährte Wohltat, das heißt diejenigen, die nicht völlig jedes Schamgefühl gegenüber der Wahrheit verloren hatten.
3. Überhaupt will Xenokrates von Kalchedon auch bei den unvernünftigen Lebewesen die Möglichkeit einer Vorstellung von der Gottheit offenlassen; Demokritos aber muß dies, auch wenn er nicht will, doch zugeben, weil es die notwendige Folge seiner Lehre ist. Denn er hat behauptet, daß die gleichen Bilder (xxx) von dem göttlichen Wesen her auf die Sinne der Menschen und auf die der unvernünftigen Tiere treffen.
4. Jedenfalls ist gar nicht daran zu denken, daß der Mensch ganz ohne eine Vorstellung von Gott sein könnte, dem ja doch, wie geschrieben steht, bei der Schöpfung göttlicher Geist eingehaucht wurde, und der so ein reineres Wesen als die übrigen Lebewesen erhalten hatte.
§ 88
1. Davon sind Pythagoras und seine Schüler abhängig, wenn sie behaupten, daß der Geist durch göttliche Fügung zu den Menschen gekommen sei, wie auch Platon und Aristoteles zugeben.
2. Wir aber behaupten, daß dem, der gläubig geworden ist, noch dazu der Heilige Geist eingehaucht werde; die Platoniker aber weisen dem Geist, der ein Ausfluß göttlichen Wesens sei, seinen Platz in der Seele, der Seele aber ihre Wohnung im Körper an.
3. Denn durch Joel, einen der zwölf Propheten, ist ganz offen gesagt: „Und darnach wird es geschehen, daß ich von meinem Geist auf alles Fleisch ausgießen werde, und eure Söhne und eure Töchter werden weissagen.“ Aber nicht wie ein Teil Gottes ist der Geist in jedem einzelnen von uns.
4. Wie 194 aber diese Austeilung des Geistes vor sich geht und was denn eigentlich der Heilige Geist ist, werden wir in den Abhandlungen „Über die Weissagung“ und „Über die Seele“ näher zeigen.
5. Aber die Tiefen der Erkenntnis „zu verbergen, ist ein richtiges Mißtrauen“, wie Herakleitos sagt. Denn „infolge davon, daß man an sie (die Tiefen der Erkenntnis) nicht glaubt, entziehen sie sich dem Bekanntwerden“.