§ 14
1. Über den Glauben haben wir nun genug Zeugnisse aus den griechischen Schriften angeführt; damit wir aber nicht in dem Streben, auch über die Hoffnung und die Liebe sehr viele Zeugnisse zusammenzutragen, allzu weitläufig werden, mag es genügen, nur das anzuführen, daß Sokrates im Kriton gut zu leben und dann zu sterben dem Leben an und für sich vorzieht und die Meinung ausspricht, daß er die Hoffnung auf ein anderes Leben nach dem Tode besitze.
2. Denn auch im Phaidros sagt er, daß die Seele, wenn sie ganz einsam geworden und nur zu sich selbst gekommen ist, die wahre und aller menschlichen Fähigkeit überlegene Weisheit gewinnen werden, dann, wenn sie durch die Liebe des Philosophen zum Ziel der Hoffnung gelangt sei, den Anfang eines anderen, ewigen Lebens erreiche.
§ 15
1. Und im „Gastmahl“ sagt er, daß allen ein Verlangen nach der Erzeugung des gleichen Wesens von Natur eingepflanzt sei, und zwar den Menschen schlechthin das Verlangen, einfach Menschen zu erzeugen, dem Tugendhaften aber das Verlangen nach der Erzeugung des ihm Ähnlichen.
2. Es ist aber für den Tugendhaften unmöglich, dies zu vollbringen, wenn er nicht in vollkommenem Maße die Tugenden besitzt, in denen er die zu ihm kommenden jungen Leute unterrichten und, wie er im Theaitetos sagt, auf die Welt bringen und zu Menschen machen wird.
3. Denn die einen bringen, wie er sagt, mit ihrem Leib eine Frucht hervor, die anderen mit der Seele. Denn auch bei den nichtgriechischen Philosophen wird das 130 Unterrichten und Erleuchten auch Wiedergebären genannt, und der treffliche Apostel sagt ja an irgendeiner Stelle: „Ich habe euch in Christus Jesus erzeugt.“
4. Empedokles zählt zu den Grundkräften auch die Freundschaft, unter der er eine Liebe versteht, die die Kraft besitzt, Dinge miteinander zu verbinden; „Schau sie im Geiste und sitze nicht da mit verwunderten Augen!“
5. Aber auch Parmenides spricht in seinem Gedicht andeutungsweise von der Hoffnung und sagt folgendes: „Sieh, wie im Geiste beständig dir nah ist, was immer auch fern ist! Denn von dem Seienden läßt er das Seiende nimmermehr trennen, Weder indem es sich gänzlich zerstreut nach den Seiten des Weltalls, Noch auch indem es sich enge vereint.“