§ 89
1. Jetzt müssen wir aber noch die Fortsetzung hinzufügen und nunmehr noch deutlicher darlegen, wie die griechische Philosophie die barbarische bestohlen hat.
2. Die Stoiker nämlich sagen, daß Gott seinem Wesen nach Körper und Geist sei, wie selbstverständlich auch die Seele. All das kannst du ausdrücklich in der Heiligen Schrift finden. Für jetzt darfst du nämlich nicht an eine Übernahme ihrer bildlichen Redeweise durch die Stoiker in dem Sinn denken, wie ihn die gnostische Wahrheit darlegt, da sie so, wie es die geschickten Ringkämpfer machen, zunächst etwas anderes zeigt, als sie eigentlich im Sinn hat.
3. Aber jene (die Stoiker) behaupten, daß Gott jeglichen Stoff durchdringe; wir aber nennen ihn nur Schöpfer, und zwar Schöpfer durch sein Wort.
4. Sie ließen sich aber von dem Wort in der „Weisheit“: „Sie durchdringt alles und geht wegen ihrer Reinheit durch alles hindurch“ in die Irre führen, weil sie nicht verstanden, daß dies von der Weisheit, der Erstgeschaffenen Gottes, gesagt ist.
5. Ja, sagt man, aber die Philosophen, sowohl die Stoiker als auch Platon und Pythagoras, ja auch der Peripatetiker Aristoteles, setzen doch den Stoff unter die Uranfänge, 195 aber nicht als den einzigen Uranfang.
6. Sie sollten daher wissen, daß der sogenannte Stoff, von dem sie sagen, daß er ohne jede Eigenschaft und ohne jede Gestalt ist, von Platon noch kühner geradezu „nicht seiend“ genannt worden ist.
7. Und vielleicht wußte er, daß der wirkliche und wahre Uranfang nur ein einziger ist, und sagte deshalb ganz geheimnisvoll im Timaios wörtlich so: „Für jetzt soll das, was wir zu sagen haben, so festgestellt sein. Denn davon, ob es für alles nur einen Uranfang oder mehrere gibt oder wie man sonst darüber denken muß, davon haben wir jetzt nicht zu reden, und zwar aus keinem anderen Grunde, sondern nur deswegen, weil es schwierig ist, nach dem gegenwärtigen Verfahren unserer Untersuchung unsere Meinung darüber klarzulegen.“
§ 90
1. Dazu kommt noch, daß jenes prophetische Wort: „Die Erde aber war unsichtbar und ungeordnet“ ihnen Veranlassung zu ihrer Anschauung von dem Vorhandensein eines Stoffes gegeben hat.
2. Ferner ist Epikuros auf den Gedanken von dem zufälligen Entstehen dadurch gekommen, daß er das Wort: „Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist Eitelkeit“ nicht richtig verstanden hat.
3. Und Aristoteles kam darauf, die Vorsehung nur bis zum Monde wirksam sein zu lassen, infolge dieses Psalmwortes: „Herr, in dem Himmel ist deine Barmherzigkeit, und deine Wahrheit geht bis zu den Wolken.“ Denn vor der Ankunft des Herrn war die Bedeutung der geheimnisvollen Prophetenworte noch nicht enthüllt worden.
4. Die Vorstellung von den Strafen nach dem Tode wieder und der Bestrafung durch Feuer entnahm die ganze dichterische Muse, aber auch die griechische Philosophie von der barbarischen Philosophie.
5. So sagt z.B. Platon im letzten Buche des Staates wörtlich so: „Da waren denn wilde Männer zur Stelle, feurig anzusehen, die jenes Gebrüll verstanden: sie nahmen die einen für sich und führten sie weg; dem 196 Aridaios aber und den übrigen banden sie Hände und Füße und Kopf zusammen, warfen sie auf den Boden und schunden sie; dann schleppten sie sie seitwärts vom Wege hinaus und zerkratzten sie auf Dorngesträuch.“
6. Denn jene feurigen Männer sollen bei ihm Engel bedeuten, die die Ungerechten ergreifen und bestrafen. „Der seine Engel zu Winden“, so heißt es, „und seine Diener zu brennendem Feuer macht.“
§ 91
1. Aus diesen Schilderungen folgt, daß die Seele unsterblich ist. Denn das, was gestraft oder gezüchtigt wird, muß, weil es etwas empfinden kann, am Leben sein, auch wenn man von ihm sagt, daß es leide.
2. Kennt ferner Platon nicht die Feuerströme und die Tiefe in der Erde, wenn er den von den Barbaren Gehenna genannten Raum mit dem Dichterwort Tartaros nennt und den Kokytos und den Acheron und den Pyriphlegethon und dergleichen Orte der Strafen vorbringt, die zur Zucht und Besinnung zurückführen sollen?
3. Er weist aber auf die Engel der Kleinsten und Geringsten hin, die Gott schauen, wie die Schrift sagt, und auf die Fürsorge, die uns von den damit beauftragten Engeln zuteil wird, wenn er ohne Bedenken schreibt:
4. „Nachdem alle Seelen ihre Lebensformen gewählt hätten, seien sie so, wie sie es erlost hatten, in Ordnung an die Lachesis herangetreten; diese aber habe jedem den Dämon, den er sich erwählt hatte, als Hüter für das Leben und als Vollstrecker dessen, was er sich erwählt, mitgegeben.“
5. Wahrscheinlich bedeutete auch für Sokrates das Daimonion etwas Derartiges.
§ 92
1. Auch die Lehre, daß die Welt etwas Gewordenes ist, stellten die Philosophen im Anschluß an Moses auf.
2. Platon z.B. hat ausdrücklich gesagt: „War die Welt, ohne irgendeinen Anfang zu haben, oder ist sie geworden, indem sie mit irgendeinem Anfang begann? Sie ist geworden; denn da sie sichtbar ist, kann man sie auch 197 anfassen, und da man sie anfassen kann, hat sie auch einen Körper.“
3. Und wiederum, wenn er sagt: „Den Schöpfer also und Vater dieses Alls zu finden, ist eine schwere Aufgabe“, hat er damit die Welt nicht nur als geworden bezeichnet, sondern er deutet auch an, daß sie aus ihm hervorgegangen sei wie ein Sohn, und daß Gott ihr Vater genannt worden ist, da die Welt aus ihm allein entstanden und aus dem Nichtsein ins Dasein getreten ist.
4. Aber auch die Stoiker lassen die Welt geworden sein.
5. Und von dem Teufel, dem Herrn der Dämonen, von dem in der barbarischen Philosophie so oft die Rede ist, sagt Platon im zehnten Buch der Gesetze, daß er eine Böses wirkende Seele sei, mit folgenden Worten:
6. „Muß man nicht sagen, daß eine Seele, die alles durchwaltet und allem innewohnt, was sich irgendwie bewegt, notwendigerweise auch den Himmel durchwaltet? Zweifellos. Eine einzige Seele oder mehrere? Mehrere, werde ich in eurem Namen antworten. Auf keinen Fall wollen wir weniger als zwei annehmen, die eine, die Gutes wirkt, und die andere, die die gegenteiligen Werke ausüben kann.“
§ 93
1. Ähnlich schreibt er auch im Phaidros folgendes: „Es gibt ja wirklich auch sonst schlimme Dinge; aber den meisten davon hat irgendein Dämon für den Augenblick Lust beigemengt.“ |
2. Aber auch im zehnten Buch der Gesetze zeigt er ganz deutlich Kenntnis von dem Wort des Apostels: „Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Mächte, gegen die Gewalten, gegen die bösen Geister derer, die im Himmel sind“, wenn er ungefähr so schreibt:
3. „Denn nachdem wir uns darüber geeinigt haben, daß der Himmel zwar eine Fülle des Guten birgt, aber auch eine Fülle des Bösen und daß das letztere überwiegt, so müssen wir zugeben, daß ein unendlicher Kampf zwischen beiden ist und daß es dabei einer gewaltigen Schutzmacht bedarf.“
4. Ferner weiß die barbarische Philosophie wieder von zweierlei Welten, einer nur mit dem Geiste und einer mit den Sinnen wahrnehmbaren, wobei jene das Urbild, diese die Nachbildung des 198 sogenannten Musters ist. Und die eine führt sie, als nur geistig wahrnehmbar, auf die Einheit (die Monade) zurück, die andere aber auf die Sechszahl; denn „Ehe“ wird bei den Pythagoreern die Sechszahl genannt, weil sie eine zeugungskräftige Zahl ist.
5. Und auf die Einzahl läßt sie einen unsichtbaren Himmel und eine unsichtbare Erde und ein geistiges Licht begründet sein. „Im Anfang“, so heißt es ja, „schuf Gott den Himmel und die Erde; und die Erde war unsichtbar.“
§ 94
1. Dann fährt die Schrift fort: „Und es sprach Gott: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ Bei der Erschaffung der sichtbaren Welt aber läßt die Schrift einen festen Himmel entstehen (das Feste aber ist sinnlich wahrnehmbar) und eine sichtbare Erde und ein sichtbares Licht.
2. Glaubst du nicht, daß Platon von dieser Stelle abhängig ist, wenn er Urbilder der lebenden Wesen in der geistigen Welt annimmt und die sinnlich wahrnehmbaren Einzelwesen nach den geistigen Gattungen bilden läßt?
3. Mit gutem Recht sagt also Moses, daß der Leib aus Erde geformt wurde (was Platon eine irdische Hütte nennt) und daß die vernünftige Seele von oben her von Gott in das menschliche Antlitz eingehaucht worden sei.
4. Denn hier, sagt man, hat der herrschende Teil der Seele seinen Platz erhalten, indem man so andeutet, daß beim ersten Menschen die Seele nachträglich durch die Sinneswerkzeuge hineingekommen sei; deshalb sei auch der Mensch „nach Bild und nach Ähnlichkeit“ geschaffen worden.
5. Denn „Bild“ Gottes ist das göttliche und königliche Gotteswort, der von jeder Gemütsbewegung freie Mensch, Abbild des Bildes aber ist der menschliche Geist.
6. Wenn du aber das Ähnlichwerden mit einem anderen Wort benennen willst, so findest du es bei Moses als „Nachfolge Gottes“ 199 bezeichnet. Denn er sagt: „Folgt dem Herrn, eurem Gott, nach und haltet seine Gebote!“ „Nachfolger“ aber, meine ich, und Verehrer Gottes sind alle Tugendhaften.
§ 95
1. Infolge davon haben die Stoiker als Ziel des Weisheitsstrebens das naturgemäße Leben bezeichnet, Platon aber das Gottähnlichwerden, wie wir im zweiten Buche der Teppiche dargelegt haben.
2. Der Stoiker Zenon aber ist von Platon abhängig (wie dieser von der barbarischen Philosophie), wenn er sagt, daß alle Guten untereinander Freunde seien.
3. Sokrates sagt nämlich im Phaidros: „Es ist vom Schicksal so bestimmt, daß kein Schlechter einem Schlechten Freund sein kann und kein Guter nicht Freund eines Guten.“ Dies hat er auch im Lysis hinreichend klar gemacht, daß inmitten von Unrecht und Schlechtigkeit niemals Freundschaft bestehen kann.
4. Und ähnlich sagt der Gastfreund aus Athen: „Eine Gott wohlgefällige Handlungsweise und eine Nachfolge Gottes und eine solche, die einem alten Sprichwort entspricht, ist es, wenn gleich und gleich sich gern gesellt und miteinander befreundet ist, wenigstens wenn es das richtige Maß in sich trägt, während sich das, was das rechte Maß überschreitet, weder mit seinesgleichen noch mit dem Maßvollen befreunden kann. Gott aber sollte für uns das Maß aller Dinge sein.“
§ 96
1. Dann ein wenig später fügt er wieder hinzu: „Denn jeder Gute ist jedem anderen Guten ähnlich, und dementsprechend gleicht er auch Gott und ist mit jedem Guten befreundet und auch mit Gott.“
2. An dieser Stelle erinnere ich mich auch an jenes Wort. Er sagt nämlich am Ende des Timaios: „Dem Betrachteten muß man das Betrachtende angleichen entsprechend seinem ursprünglichen Wesen; wenn man es ihm aber angeglichen hat, so hat man das Ziel des dem Menschen von den Göttern als Aufgabe gestellten besten Lebens für die Gegenwart und für die Zeit hernach erreicht.“
3. Denn das gleiche bedeutet auch jener Satz: 200 „Der Suchende wird nicht ablassen, bis er gefunden hat; wenn er aber gefunden hat, dann wird er staunen; wenn er gestaunt hat, wird er König werden; wenn er aber König geworden ist, wird er ruhen.“
4. Wie nun? Sind nicht auch jene berühmten Wortes des Thales von solchen Schriftworten abhängig? Er erläutert geradezu das Wort, daß Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit gepriesen und von uns „Herzenskündiger“ genannt wird. Auf die Frage nämlich, was die Gottheit sei, antwortete Thales: „Das, was weder einen Anfang noch ein Ende hat.“ Und als ein anderer fragte, ob ein Mensch bei irgendeiner Tat vor der Gottheit verborgen sein könnte, sagte er: „Wie sollte dies denn möglich sein, da er es doch nicht einmal bei irgendeinem Gedanken sein kann?“
5. Ferner weiß die barbarische Philosophie, daß nur das Schöne gut und daß die Tugend für sich allein zum Glück ausreichend ist, wenn sie sagt: „ Siehe, ich habe vor deine Augen das Gute und das Böse, das Leben und den Tod gestellt; wähle das Leben!“
6. Denn das Gute nennt sie Leben und schön die Wahl des Guten, böse aber die Wahl des Gegenteils. Das Gute und das Leben haben das gleiche Ziel, nämlich daß man gottliebend wird. „Denn davon hängt dein Leben und die Dauer deiner Tage ab“, davon nämlich, daß du das liebst, was auf die Wahrheit abzielt.
§ 97
1. Noch deutlicher ist das folgende. Der Heiland befiehlt nämlich, Gott und den Nächsten zu lieben, und sagt, an diesen zwei Geboten hänge das ganze Gesetz und die Propheten.
2. Von solchen Anschauungen sprechen die Stoiker oft und vor ihnen Sokrates, wenn er im Phaidros betet: „O Pan und ihr übrigen Götter, verleihet mir, im Innern schön zu werden!“
3. Und im Theaitetos sagt er ausdrücklich: „Wer schön zu reden weiß, der ist auch schön und gut.“
4. Und im Protagoras sagt er zu dessen Gefährten, er sei mit jemand zusammengekommen, der schöner als Alkibiades gewesen sei, wenn wenigstens das 201 Weiseste auch das Schönste sei.
5. Er sagte nämlich, die Schönheit der Seele bestehe in der Tugend, und umgekehrt, die Häßlichkeit der Seele im Laster.
6. Jedenfalls will der Stoiker Antipatros, der drei Bücher über den Satz verfaßte, „daß nach Platon nur das Schöne gut sei“, beweisen, daß auch nach Platon die Tugend allein für sich ausreichend für das Glück sei, und bringt noch mehrere andere Lehren herbei, die mit denen der Stoiker übereinstimmen.
7. Und Aristobulos, der zur Zeit des Ptolemaios Philometor lebte, den auch der Verfasser des Auszugs aus der Makkabäergeschichte erwähnt, hat zahlreiche Schriften verfaßt, in denen er beweisen will, daß die Peripatetische Philosophie von dem Gesetz des Moses und von den übrigen Propheten abhängig ist.
§ 98
1. Und dabei wollen wir es bewenden lassen. Weil wir aber nur von dem einen Gott und nur dem einen Lehrer herstammen, bezeichnet uns offenbar auch Platon als Brüder mit folgenden Worten:
2. „Denn ihr alle, die ihr in dieser Stadt lebt, seid zwar Brüder, so werden wir zu ihnen in Form eines Mythos sagen; aber als Gott euch bildete, hat er allen denen unter euch, die zum Herrschen geeignet sind, bei ihrer Geburt Gold beigemischt; daher sind sie die Wertvollsten; allen denen aber, die zu Helfern bestimmt sind, Silber; Eisen und Erz aber den Ackerbauern und den übrigen Handarbeitern.“
3. Daher, sagt er, „müssen die einen das schätzen und lieben, womit es die Erkenntnis zu tun hat, jene dagegen, was im Bereich der bloßen Meinung liegt.“
4. Vielleicht spricht er damit seherisch von der nach Erkenntnis strebenden vortrefflichen Naturanlage, wenn er nicht vielleicht, wie manche annahmen, mit seiner Aufstellung von drei verschiedenen Naturen drei verschiedene Lebensformen beschreiben will, und zwar die der Juden als die silberne, die der Griechen als die dritte und die der Christen als die, der das königliche Gold beigemischt ist, 202 nämlich der Heilige Geist.
5. Auf das Leben der Christen weist er aber im Theaitetos hin, wenn er wörtlich schreibt: „Wir wollen doch nur von den Anführern sprechen. Denn was lohnt es sich, von denen zu reden, die sich nicht ernstlich mit der Philosophie beschäftigen?
6. Jene Führer aber wissen wohl weder den Weg auf den Marktplatz noch wissen sie, wo das Gerichtsgebäude oder das Rathaus oder sonst ein öffentlicher Versammlungsraum der Stadt ist, und von aufgeschriebenen Gesetzen und Beschlüssen sehen und hören sie nichts.
7. Was aber die Bestrebungen von Kameradschaften und Zusammenkünfte und die Umzüge mit Flötenspielerinnen betrifft, so fällt es ihnen auch im Traum nicht ein, sich daran zu beteiligen. Ob aber jemand in der Stadt von vornehmer oder geringer Abstammung ist oder ob einem von seinen Vorfahren her eine Schande anhaftet, das ist ihnen weniger bekannt als, wie das Sprichwort sagt, die Zahl der Kannen, die das Meer enthält.
8. Und es ist ihm nicht einmal bewußt, daß er dies alles nicht weiß, sondern in Wahrheit ist nur sein Körper hier und ist wie ein Fremder in der Stadt, er selbst aber fliegt, wie Pindaros sagt, über die Erde empor und über den Himmel hin, um Sternkunde zu treiben und überall das Wesen aller Dinge zu erforschen.“
§ 99
1. Andererseits wieder ist mit dem Wort des Herrn: „Euer Ja soll Ja und Euer Nein soll Nein sein!“ jenes Wort (Platons) zu vergleichen: „Aber es ist mir keineswegs gestattet, eine Lüge zuzulassen und eine Wahrheit zu unterdrücken.“
2. Und mit dem Verbot hinsichtlich des Schwörens stimmt folgender Satz im zehnten Buche der „Gesetze“ überein: „Niemand soll das Lob (seiner Waren) mit einem Eide bekräftigen!“
3. „Und überhaupt, wenn Pythagoras und Sokrates und Platon behaupten, eine Stimme Gottes gehört zu haben, und erkennen, daß der Bau des Weltalls von Gott sorgfältig geschaffen wurde und 203 ununterbrochen erhalten wird, so haben sie Moses sagen hören: ‘Er sprach, und es geschah’, womit er zum Ausdruck brachte, daß das Wort Gottes schon eine Tat sei.“
4. Auf Grund der Erzählung von der Bildung des Menschen aus Erde nennen die Philosophen den Körper immer wieder „irdisch“.
5. Und Homeros scheut sich nicht, als einen Fluch folgendes zu bringen: „Aber ihr solltet euch alle zu Wasser und Erde verwandeln!“
6. Dabei berührt er sich mit Jesaias, der sagte: „Und zertretet sie wie Lehm!“
§ 100
1. Kallimachos aber schreibt ausdrücklich: „Es war in jenem Jahr, in dem sowohl Vögel Als auch im Meer die Fische und die Vierfüßler So sprachen wie das Lehmgebild’ des Prometheus.“
2. Und der nämliche sagte wieder: „Wenn dich Prometheus Schuf und aus anderem Stoff nimmer du wardst als aus Lehm.“
3. Und Hesiodos sagt über die Pandora: „Und dem berühmten Hephaistos befahl er, daß er aufs schnellste Erde mit Wasser vermenge und menschliches Sprechen und Denken Lege hinein.“
4. Was das Feuer betrifft, so bestimmen die Stoiker die Natur als ein kunstvolles Feuer, das nach einem bestimmten Plan an die Schöpfung herantritt; als Feuer aber und Licht wird Gott und sein Wort sinnbildlich von der Schrift 204 bezeichnet.
5. Und ferner: umschreibt Homeros nicht die Scheidung des Wassers von der Erde und das deutliche Sichtbarwerden des trockenen Landes, wenn er von Tethys und Okeanos sagt: „Denn sie enthielten schon längere Zeit sich gemeinsamen Lagers Und der Umarmung“?
6. Ferner schreiben auch die Gelehrten unter den Griechen der Gottheit die Allmacht zu; z.B. sagt Epicharmos (er war aber ein Pythagoreer) : „Nichts entgeht der Gottheit jemals; dessen sei dir stets bewußt! Immer sieht sie, was wir machen; gar nichts gibt’s, was Gott nicht kann.“
§ 101
1. Und der lyrische Dichter sagt: „Und Gott vermag hellsten Lichtschein Zu rufen aus schwärzester Nacht hervor, Und umgekehrt reinen Glanz des Tags Hüllen ins Dunkel der Wolkennacht.“ Damit meint er: Gott allein ist es, der am hellen Tag Nacht machen kann.
2. Und Aratos sagt in seinem Gedicht mit dem Titel „Phainomena“ (Himmelserscheinungen): „Laßt uns beginnen mit Zeus! Den zu nennen, dürfen wir niemals, Männer, vergessen; erfüllt sind von Zeus ja die Straßen der Städte Und auch der Menschen sämtliche Märkte; erfüllt ist das Meer auch Und seine Häfen; in allem ist uns seine Hilfe vonnöten.“
3. Dann fährt er fort: „Denn wir sind auch seines Geschlechts (nämlich als seine Schöpfung) und huldvoll den Menschen Sendet er günstige Zeichen und wecket die Völker zur Arbeit. Denn er hat selbst diese Zeichen am Himmelsgewölbe befestigt Und unterschieden die Sterne; er wählte fürs Jahr die Gestirne, Die von den Zeiten des Jahres die Ordnung zu zeigen vermöchten Sterblichen Menschen, daß alles nach festen Gesetzen geschehe. Darum verehren sie ihn, den allzeit ersten und letzten. Heil dir, o Vater, gewaltiges Wunder, du Schutzherr der Menschen!“
4. Und vor Aratos schildert Homeros im Anschluß an Moses auf dem von Hephaistos angefertigten Schilde die Weltschöpfung, wenn er sagt: „Auf ihm stellte die Erde er dar und den Himmel, das Meer auch, Drauf auch alle Gestirne, mit denen der Himmel geschmückt ist.“ Denn die Verherrlichung des Zeus, wie sie sich in den Dichtungen und in den Prosaschriften findet, lenkt die Gedanken zu Gott empor.
§ 102
1. Und Demokritos schreibt: „Unter den Strahlen der Sonne, um diesen Ausdruck zu verwenden, gibt es einige wenige Menschen, die ihre Hände dorthin erheben, wo sich das von uns Griechen Luft genannte Element befindet, und dazu sagen: ‘Alles denkt sich Zeus aus und alles weiß er und alles gibt und nimmt er, und er ist König des Weltalls.’“
2. Geheimnisvoller noch lehrt der Boiotier Pindaros, da er ein Pythagoreer war: „Eines ist der Menschen, Eines der Götter Geschlecht, und von einer Mutter Haben wir beide den Lebensatem“, von dem Stoffe nämlich; und einen lehrt er als Schöpfer von diesem allen, den er „kunstreichen Werkmeister und 206 Vater“ nennt, ihn, der auch entsprechend dem Verdienste die Möglichkeiten des Aufstiegs zur Gottheit gegeben hat.
3. Denn von Platon will ich schweigen. Dieser weist, da er irgendwie von den hebräischen Schriften beeinflußt ist, in seinem Brief an Erastos und Koriskos geradezu auf den Vater und den Sohn hin, wenn er wörtlich so ermahnt:
4. „Indem ihr mit nicht ungelehrtem Ernst und dem ihm als Bruder gegenüberstehenden Scherz als Zeugen anruft den Gott, den Urheber aller Dinge, und den Vater und Herrn des Lenkers und Urhebers als Zeugen anruft, den ihr, wenn ihr in richtiger Weise Philosophie treibt, erkennen werdet.“
5. Und die Rede im Timaios nennt den Weltschöpfer Vater, indem sie sich ungefähr so ausdrückt: „Götter der Götter, deren Vater ich bin und der Wirker ihrer Taten.“
§ 103
1. Und wenn er sagt: „Zu dem König des Weltalls steht alles in Beziehung, und alles ist seinetwegen da, und das ist die Ursache alles Schönen, das Zweite steht in Beziehung zum Zweiten und das Dritte zum Dritten“, so fasse ich wenigstens diese Worte nicht anders auf, als daß mit ihnen auf die Heilige Dreieinigkeit hingewiesen wird; das Dritte ist nämlich der Heilige Geist, der Sohn das Zweite, durch den entsprechend dem Willen des Vaters „alles geschaffen wurde“.
2. Der nämliche erwähnt im zehnten Buche des Staates den Er, den Sohn des Armenios, dem Geschlecht nach einen Pamphylier, der Zoroastres ist.
3. Denn Zoroastres selbst schreibt: „Die habe ich, Zoroastres der Sohn des Armenios, dem Geschlecht nach ein Pamphylier, aufgeschrieben, nachdem ich im Krieg gefallen war, nämlich alles, was ich während meines Aufenthaltes im Hades von den Göttern erfuhr.“
4. Von diesem Zoroastres 207 also sagt Platon, er sei, als er am zwölften Tage nach seinem Tode auf dem Scheiterhaufen lag, wieder lebendig geworden. Vielleicht deutet er damit auf die Auferstehung hin, vielleicht aber auch darauf, daß über die zwölf Sternbilder des Tierkreises die Seelen den Weg zur Aufnahme (in den Himmel) nehmen müssen; er selbst sagt aber, daß auch zur Geburt der gleiche Weg hinab zurückgelegt werden müsse.
5. In diesem Sinne ist auch aufzufassen, daß die Arbeiten des Herakles zwölf der Zahl nach waren, nach denen die Seele die Befreiung von dieser ganzen Welt erlangt.
6. Ich will auch den Empedokles nicht unerwähnt lassen, der so ganz vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus der Wiederherstellung aller Dinge gedenkt, in dem Sinn, daß einst die Verwandlung in das Element des Feuers eintreten werde.
§ 104
1. Ohne Zweifel ist Herakleitos von Ephesos dieser Meinung, wenn er lehrt, daß die eine Welt ewig, die andere vergänglich sei, wobei er weiß, daß die letztere, was ihre Einrichtung betrifft, von jener, die irgendeine besondere Beschaffenheit hat, nicht verschieden ist.
2. Daß er aber die aus dem ganzen Stoff bestehende, irgendwie beschaffene Welt als ewig ansah, das zeigt er deutlich, wenn er so spricht: „Die Welt, die gleiche für alle, hat kein Gott und kein Mensch geschaffen, sondern sie war immerdar und ist und wird sein ewig lebendiges Feuer, nach bestimmen Maßen erglimmend und nach bestimmten Maßen verlöschend.“
3. Daß er aber auch lehrte, daß die Welt geworden und vergänglich ist, das beweist die Fortsetzung: „Die Verwandlungen des Feuers sind zuerst Meer, vom Meer aber die Hälfte Erde, die andere Hälfte Glutwind.“
4. Der Sinn dieser Worte ist nämlich, daß das Feuer von dem das Weltall regierenden Wort und von Gott durch die Luft hindurch in Wasser verwandelt wird, das gleichsam der Keim der Weltbildung ist, den er Meer nennt; daraus entstehen wiederum Erde und Himmel und das von ihnen Umschlossene.
5. Wie die Welt aber wieder in ihr ursprüngliches Element zurückverwandelt und ganz zu Feuer wird, das macht er durch folgende Worte klar: „Das Meer breitet sich 208 aus und erhält sein Maß in dem gleichen Verhältnis, wie es früher war, ehe es zu Erde wurde.“ Das gleiche gilt auch von den anderen Elementen.
§ 105
1. Ähnliches wie er lehren auch die namenhaftesten Stoiker in ihren Darlegungen über den Weltuntergang durch Feuer und die Weltregierung und über die irgendwie besonders beschaffene Welt und über den ebenso beschaffenen Menschen und über das Weiterleben unserer Seelen.
2. Und Platon wiederum hat im siebenten Buche des Staats das, was hier auf Erden als Tag gilt, nachtartig genannt (wegen des Ausdrucks, meine ich, „die Machthaber dieser Finsternis“), und im Anschluß an Herakleitos Schlaf und Tod das Herabkommen der Seele in den Leib.
3. Und vielleicht hat der Geist dies mit Hinsicht auf den Heiland vorhergesagt, wenn er durch David spricht: „Ich legte mich nieder und schlief ein; ich erwachte; denn der Herr wird sich meiner annehmen.“
4. Denn er bezeichnet nicht nur die Auferstehung Christi sinnbildlich als ein Erwachen aus dem Schlaf, sondern auch das Herabkommen des Herrn ins Fleisch als Schlaf.
§ 106
1. Dementsprechend gibt der gleiche Heiland die Mahnung: „Wachet!“ in dem Sinn: Seid bestrebt zu leben und versucht, die Seele vom Leibe zu trennen!
2. Von dem Tage des Herrn aber weissagt Platon im zehnten Buche des Staats mit folgenden Worten: „Nachdem aber für jeden, der auf der Wiese war, sieben Tage vergangen sind, müssen sie sich von dort erheben und am achten Tage die Wanderung antreten und vier Tage später ans Ziel kommen.“
3. Unter der Wiese ist der Fixsternhimmel zu verstehen als ein freundlicher und angenehmer Ort und als Aufenthalt der Frommen, unter den sieben Tagen aber die einzelnen Bewegungen der sieben Planeten und jegliche kunstfertige Tätigkeit, die zum Ziel der Ruhe zu kommen bestrebt ist.
4. Die Wanderung aber, die über die Wandelsterne 209 hinausgeht, führt zum Himmel, d.h. zur achten Bewegung und zum achten Tag. Daß aber die Seelen vier Tage hindurch weitergehen, das sagt er, um auf die Wanderung durch die vier Elemente hindurch hinzuweisen.
§ 107
1. Aber auch daß der siebente Tag heilig ist, wissen nicht nur die Hebräer, sondern auch die Griechen, da entsprechend diesem Zeitraum sich die ganze Welt aller zum Leben Geborenen und Wachsenden im Kreise bewegt.
2. Jedenfalls schreibt Hesiodos über diesen siebenten Tag so: „Heilige Tage zunächst sind der erste, der vierte, der siebte“, und wieder: „wieder erschien an dem Siebten der Sonne strahlende Leuchte.“
3. Und Homeros sagt: „Und an dem siebenten Tage darauf kam ein heiliger Lichttag“, und: „Heiliger Siebenter war’s“, „War’s doch der siebente Tag, und an ihm war dann alles vollendet.“ und wieder: „Und an dem siebenten Tag verließen wir Acherons Fluten“.
4. Indessen schreibt auch der Dichter Kallimachos: „Und an dem siebenten Morgen da hatten sie alles vollendet“, 210 und wieder: „Trefflicher Art ist der siebente Tag und das siebte Geschlecht auch“, und: „Sieben im ganzen waren geschaffen am sternreichen Himmel, Die bei dem Aufgang der Jahre am Himmel in Kreisen erglänzen.“
§ 108
1. Aber auch die Elegien Solons verherrlichen gar sehr die Siebenzahl.
2. Und ist es ferner nicht dem Schriftwort: „Laßt uns den Gerechten beseitigen, denn er ist uns lästig“ ähnlich, wenn Platon beinahe mit einer Weissagung auf den Heilsplan des Erlösers im zweiten Buche des Staates so spricht:
3. „Wenn der Gerechte sich so verhält, wird er gegeißelt, gefoltert, in Ketten gelegt, an beiden Augen geblendet und schließlich nach allen Martern noch ans Kreuz geschlagen werden?“
4. Und der Sokratiker Antisthenes umschreibt jenes Wort des Propheten: „Wem wolltet ihr mich vergleichen? sagt der Herr“ mit den Worten: „Gott ist niemand gleich; deshalb kann ihn niemand aus einem Bilde erkennen.“
5. Das gleiche ist es auch, wenn Xenophon aus Athen wörtlich sagt: „Daß er, der alles bewegt und wieder zur Ruhe bringt, groß und mächtig ist, das ist offenbar; wie aber seine Gestalt ist, das ist verborgen; auch die Sonne, die für alle sichtbar zu sein scheint, läßt es offenbar nicht zu, daß man sie ansieht; vielmehr verliert sein Sehvermögen, wer dreist in die Sonne schaut.“
6. „Welches sterbliche Auge kann wohl den Himmlischen schauen, Gott, den unsterblichen, wahren, ihn, der den Himmel bewohnet? 211 Können die Sterblichen doch auch den Strahlen der Sonne entgegen Nimmermehr treten, dieweil sie als Sterbliche werden geboren“, wie die Sibylle verkündet.
§ 109
1. Trefflich lehrt auch Xenophanes von Kolophon, daß Gott nur ein einziger und daß er körperlos ist, und fügt hinzu: „Einer ist Gott, der Gewaltigste unter den Göttern und Menschen, Nicht an Gestalt vergleichbar den Menschen noch an Gedanken“,
2. und wieder: „Aber die Sterblichen glauben, die Götter würden geboren Und sie hätten gleich ihnen Bekleidung und Sprache und Körper“,
3. und wieder: „Aber wenn Rinder und Löwen die Hände hätten wie Menschen Und mit den Händen zu malen und Werke zu schaffen vermöchten, Malten sie wohl auch Bilder der Götter und machten die Körper So, wie ein jeder von ihnen am Körper selber gestaltet: Pferde nun malten sie ähnlich den Pferden und Rinder den Rindern.“
§ 110
1. Andererseits wollen wir hören, was der lyrische Dichter Bakchylides über die Gottheit sagt: „Sie sind von häßlichen Krankheiten frei Und bleiben stets unbeschädigt; Menschen sind sie ähnlich in nichts“,
2. und ferner hören, was der Stoiker Kleanthes in einer Dichtung über Gott geschrieben hat:
3. „Du fragst mich, wie das Gute ist? So höre denn! Geordnet, heilig und gerecht, voll Gottesfurcht Sich selbst beherrschend, nützlich, schön und wie sich’s ziemt, Von ernstem Wesen, unverstellt, ersprießlich stets, Und frei von Furcht und Kummer, hilfreich ohne Schmerz, Und förderlich, gefällig, zuverlässig, lieb, Geehrt, von allen anerkannt, ††† Berühmt, bescheiden, sorgsam, sanft, zur Tat bereit, Die Zeit besiegend, tadellos, beständig stets.“
§ 111
1. Und derselbe mißbilligt stillschweigend den Götzendienst der Menge und fügt deshalb hinzu: „Unedel ist, wer immer eitler Meinung traut Und glaubt, daß ihm von ihr was Gutes kommen kann.“
2. Man darf sich also in seiner Auffassung von der Gottheit nicht nach der Meinung der Menge richten.
3. „Denn das glaub’ich nicht, daß Zeus Die Haltung eines Schurken heimlich nachgeahmt Und wie ein Mensch sich deinem Ehebett genaht“, sagt Amphion zu Antiope.
4. Sophokles aber schreibt gerade heraus: „Die Mutter dieses Manns hat wirklich Zeus gefreit, Nicht in Gestalt von Gold und auch nicht angetan Mit Schwanenfedern, wie er die Pleuronerin Dereinst geschwängert, sondern als leibhaft’ger Mensch.“
5. Und ein wenig später fügte er hinzu: „Und auf des Ehgemaches Schwelle trat er rasch, der Ehebrecher.“
213 6. Darauf erzählt er noch offener von der Zuchtlosigkeit des sagenhaften Zeus in folgender Weise: „Er ließ die Speise und das Wasser unberührt Und schritt zum Bett, vor Leidenschaft im Herzen wund, Und jene ganze Nacht bracht’ er in Wollust zu.“
7. Diese Geschichten nun wollen wir dem Unverstand der Theater überlassen. Ganz offen jedoch sagt Herakleitos: „Für diese Lehre aber, die doch ewig ist, haben die Menschen kein Verständnis, sowohl ehe sie davon hören, als auch nachdem sie davon gehört haben.“
§ 112
1. Der lyrische Dichter Melanippides aber sagt in einem Lied: „Höre mich, Vater, du Wunder der Welt, Herrscher des ewig lebenden Geists!“
2. Und Parmenides der Große, wie ihn Platon im Sophistes nennt, schreibt ungefähr folgendermaßen über die Gottheit: „ (Beweise) Gibt es gar viel, daß, wie nie sie geworden, sie nimmer vergehn wird; Ganz ist sie, einziger Art, und ohne Bewegung und Werden.“
3. Aber auch Hesiodos sagt: „Selber ja ist er der König von allen und auch der Gebieter All der Unsterblichen; keiner ist sonst dir an Stärke vergleichbar.“
4. Indessen lenkt auch die Tragödie den Blick von den Götzenbildern weg und lehrt zum Himmel emporzuschauen.
§ 113
1. So ruft Sophokles, wie der Geschichtsschreiber Hekataios in seiner Schrift „Über die Zeit des Abramos und der Ägypter“ sagt, auf der Bühne geradezu aus:
2. „Ein einziger in Wahrheit, einer nur ist Gott; Er schuf den Himmel und das weite Erdenrund, Des Meeres finstre Wogen und des Sturms Gewalt; 214 Wir Menschen aber, oft verirrt in unserm Sinn, Errichteten zum Trost für alles Ungemach Aus Stein uns Götterbilder und Gestalten auch, Aus Erz und Gold gefertigt oder Elfenbein; Und diesen Opfern und der Feste eitle Pracht Darbringend halten wir dies Tun für Frömmigkeit.“
§ 114
1. Euripides aber, der auf der gleichen Bühne seine Tragödien zur Aufführung brachte, sagt: „Siehst du dort oben nicht den Äther unbegrenzt, Wie er mit feuchten Armen rings die Erd’ umschließt? Den halte du für Zeus, den halte du für Gott!“
2. Und in dem Schauspiel Peirithus bringt der gleiche Tragiker auch folgendes vor: „Der du selbererzeugt, der du alles, was lebt, In des Äthers Bezirk auf das engste umschlingst, Um den ringsum das Licht und die finstere Nacht, Um den schwingt ohne End’ die buntfarbige Schar Der Sterne ohn’ Zahl den Reigen im Tanz.“
3. Hier hat der den welterschaffenden Geist „den Selbsterzeugten“ genannt; im folgenden aber wird das Wort mit Beziehung auf die Welt gebraucht, in der auch die Gegensätze des Lichtes und der Finsternis vorhanden sind.
4. Und Aischylos, der Sohn des Euphorion, sagt von Gott außerordentlich würdig: „Zeus ist der Äther, Zeus das Land, der Himmel Zeus, Zeus ist das Weltall, und was drüber, ist er auch.“
§ 115
1. Ich weiß, daß auch Platon dem Herakleitos zustimmt, wenn dieser schreibt: „Eins, das allein Weise, will nicht und will doch auch wieder mit dem Namen Zeus benannt werden.“
2. Und wieder: „Gesetz ist es, auch dem 215 Willen eines einzigen zu folgen.“
3. Und wenn du jenes Schriftwort:„ Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ in höherem Sinn erklären willst, so wirst du finden, daß es von dem Ephesier in folgender Weise erläutert wurde: „Unverständige gleichen, auch wenn sie etwas gehört haben, tauben Menschen; auf sie paßt das Sprichwort: Anwesend sind sie doch abwesend.“
4. Aber willst du auch von Griechen ausdrücklich die Anschauung von einem einzigen Uranfang hören? Der Lokrer Timaios ist in der Schrift über Naturwissenschaft mit folgenden Worten mein Zeuge: „Alles hat einen einzigen Anfang, der ungeworden ist; denn wenn er geworden wäre, dann wäre er nicht mehr der Anfang, sondern der Anfang wäre dann das, woraus der Anfang wurde.“
5. Diese wahre Auffassung hat ihren Ursprung in jenem Wort: „Höre, Israel“, so heißt es, „der Herr, dein Gott, ist ein einziger, und ihm allein sollst du dienen!“
6. „Siehe, er ist erfaßbar für alle und nicht zu verkennen“, wie die Sibylle sagt.
§ 116
1. Ferner weist auch Homeros, da er eine das Richtige treffende Sehergabe erhalten hatte, durch folgende Wort deutlich auf Vater und Sohn hin: „Nun, wenn niemand Gewalt dir antut, weil du allein bist, Nicht wirst der Krankheit, gesendet vom mächtigen Zeus, du entrinnen. Denn die Kyklopen kümmern sich nichts um den Zeus mit der Ägis.“
2. Und vor ihm hat Orpheus, als er darauf zu sprechen kam, gesagt: „Sohn des gewaltigen Zeus und Vater des Zeus mit der Ägis.“
216 3. Und Xenokrates von Kalchedon hinterläßt eine Andeutung der Lehre von Vater und Sohn, wenn er den einen den höchsten Zeus, den anderen den untersten nennt.
4. Und was das Merkwürdigste ist, Homeros, der doch die Götter als mit menschlichen Leidenschaften behaftet einführt, kennt doch offenbar die Gottheit.
§ 117
1. Trotzdem scheut sich Epikuros nicht vor ihm. Homeros nämlich sagt: „Warum verfolgest du mich, o Pelide, mit hurtigen Füßen, Der du ein Sterblicher bist, den unsterblichen Gott? Doch gewiß nicht Hast du erkannt, daß ich Gott bin.“
2. Damit hat er zu verstehen gegeben, daß die Gottheit für einen Sterblichen weder mit den Füßen noch mit den Händen noch mit den Augen und überhaupt nicht mit dem Körper erreichbar oder erfaßbar ist.
3. „Wem habt ihr den Herrn ähnlich gemacht? Oder mit welchem ähnlichen Bild wolltet ihr ihn vergleichen?“ sagt die Schrift.
4. „Hat nicht ein Werkmeister ein Bild von ihm gemacht und ein Goldschmied Gold geschmolzen und ihn mit Gold überzogen?“ und die folgenden Worte.
§ 118
1. Und der Lustspieldichter Epicharmos sagt in seinem „Staat“ vom Logos deutlich etwa folgendes: „Unentbehrlich ist den Menschen Rechenkunst und Zahl durchaus; Zahl und Rechenkunst ist Leben; ohne sie kein Mensch besteht.“
2. Dann fügt er ausdrücklich hinzu: „Die Vernunft regiert die Menschen; rettet sie auf rechte Art.“
3. Sodann: „Hat der Mensch Verstand zu eigen, gibt es auch Verstand bei Gott; Jener bei dem Menschen zeigt sich bei des Lebens Wechselfall; 217 Doch zu jeder Kunst begleitet alle der Verstand von Gott; Er allein belehrt sie immer, was zu tun ersprießlich ist. Denn kein Mensch erfand je Künste; sie sind ein Geschenk von Gott, Und aus Gottes Geist erwachsen ist dem Menschen der Verstand.“
§ 119
1. Und nachdem der Geist durch Jesaias gerufen hatte: „Was soll mir die Menge der Opfer? spricht der Herr. Satt bin ich des Brandopfers von Widdern, und das Fett der Lämmer und das Blut der Stiere will ich nicht“, und nach kurzem hinzugefügt hatte: „Waschet euch, werdet rein, entfernt die Bosheiten von euren Seelen!“ und was darauf folgt,
2. schreibt der Lustspieldichter Menandros wörtlich so: „Wenn jemand als ein Opfer darbringt, Pamphilos, Der Stiere oder Böcke Menge oder auch - Bei Zeus! - noch andres derart oder Handarbeit, Indem er selber Gold-und Purpurkleider macht, Und Tierchen auch aus Elfenbein und aus Smaragd Und dadurch zu gewinnen glaubt des Gottes Gunst, So irrt er sich und zeigt, wie leichten Sinns er ist. Der Mensch muß vielmehr sittlich gut und ehrbar sein, Nicht stehlen und nicht morden wegen schnöden Gelds. Begehr’ selbst keinen Faden an der Nadel, Freund! Denn Gott ist nah zugegen, und er sieht dich stets.“
3. „Ich bin ein Gott, der nahe ist, und nicht ein Gott, der ferne ist. Könnte ein Mensch etwas im Verborgenen tun, und ich sollte ihn nicht sehen?“ sagt er durch Jeremias.
§ 120
1. Und wieder umschreibt Menandros jenes Schriftwort: „Opfert ein Opfer der Gerechtigkeit und hofft auf den Herrn!“, indem er ungefähr so schreibt
2. „Nicht eine Nadel, bester Freund, Darfst, du begehren, die dir nicht gehört; denn Gott Gefallen nur gerechte Werke, Unrecht nicht. 218 Doch kannst den eignen Wohlstand du erhöhn durch Fleiß, Wenn du bei Nacht wie auch am Tag bestellst dein Land. Und opfre Gott damit, daß stets gerecht du bist Und mehr am Herzen als am Kleide Reinheit pflegst! Und wenn du Donner hörst, ergreife nicht die Flucht, Wenn du dir selber keiner Schuld bewußt bist, Herr! Denn Gott ist nah zugegen, und er sieht dich stets.“
3. „Noch während du sprichst“, sagt die Schrift, „werde ich sagen: Siehe, ich bin da.“Jes 58,9.
§ 121
1. Wiederum läßt der Lustspieldichter Diphilos etwa folgendes über das Gericht in einem Zwiegespräch sagen: „Du meinst wohl, daß die Toten, mein Nikeratos, Nachdem sie sich im Leben jede Lust gegönnt, Der Gottheit völlig unbemerkt entronnen sind? Es ist der Dike Auge, welches alles sieht. Denn auch im Hades nehmen wir zwei Wege an, Den Weg Gerechter und der Frevler andern Weg.“ Dann sagt er: „Wenn diese zwei die Erde birgt für alle Zeit, Dann plündre, stiehl, beraube, treib zum Aufruhr an, Doch irr’ dich nicht! Denn auch im Hades ist Gericht, Und Recht wird sprechen Gott, der Herr der ganzen Welt, Des Name ich nicht nenne, weil er furchtbar ist; Er ist’s, der Sündern schenket lange Lebenszeit.“
2. „Doch wenn ein Mensch, der Tag für Tag nur Böses tut, Dabei der Götter Augen zu entgehen glaubt, So glaubt er Falsches und wird dessen überführt, Sobald die Dike sich die Zeit zum Strafen nimmt.“
3. „Seht her doch, die ihr wähnt, es gebe keinen Gott! Fürwahr er ist, ist wirklich. Geht es einem gut, Der schlecht ist von Natur, der nütze wohl die Zeit; Denn Strafe wird ihn treffen in der künft’gen Zeit.“
219 4. Damit stimmt die Tragödie in folgenden Versen überein: „Denn kommen wird, gewißlich kommen jene Zeit, In der der goldne Äther öffnet seinen Hort, Gefüllt mit Feuer, und die Flamme wütend sich Auf alles auf der Erde und am Himmel stürzt Und es verzehrt.“
§ 122
1. Und ein wenig später fügt sie wieder hinzu: „Wenn das All vernichtet ist, Dann wird verschwunden sein der Wogen ganzer Schlund, Von Städten leer die Erde sein, voll Feuersglut Wird keine Vogelschwärme tragen mehr die Luft; Dann rettet alles Gott, was er zuvor zerstört.“
2. Dem Ähnliches finden wir auch in den Orphischen Gedichten etwa so geschrieben: „Alles, was er verbarg, bracht’ er wieder zur Wonne des Lichtes Aus seinem heiligen Herzen, die schwere Arbeit vollbringend.“
3. Wenn wir aber unser Leben heilig und gerecht führen, sind wir selig schon hier, noch seliger werden wir aber nach dem Abscheiden von dieser Erde sein, da wir dann nicht nur für eine begrenzte Zeit das Glück besitzen, sondern in Ewigkeit die Ruhe genießen können, „Teilend den Herd mit den andern Unsterblichen, sitzend am Tische, Ledig und frei von dem menschlichen Kummer, durch nichts zu verletzen“, sagt die philosophische Dichtung des Empedokles.
4. Auch nach der Ansicht der Griechen wird keiner so gewaltig sein, daß ihm die Strafe nichts anhaben könnte, aber auch nicht so klein, daß er unbemerkt bleiben könnte.
§ 123
1. Der nämliche Orpheus sagt aber auch folgendes: „Blick’ auf das göttliche Wort und bleib’ ihm in Treue ergeben, Richtend verständig des Herzens Gefäß; und beschreite mit Sorgfalt 220 Immer den Pfad und blick’ nur empor zum Beherrscher des Weltalls, Der die Unsterblichkeit hat!“
2. Dann spricht er wieder über Gott, nennt ihn unsichtbar und sagt, daß er nur von einem einzigen Menschen erkannt worden sei, der seiner Herkunft nach ein Chaldäer war, womit er Abraham meint oder seinen Sohn. Die Worte lauten: „Nur ein einziggeborener Sprößling aus altem Geschlechte Jener Chaldäer; denn kundig er war des Wandels der Sonne, Wußte auch, wie sie vollendet den Kreislauf rings um die Erde, Gleicherweis selber gerundet entsprechend der eigenen Achse, Und wie sie Winde regiert in der Luft und über das Meer hin.“
§ 124
1. Dann umschreibt er gleichsam das Wort: „Der Himmel ist mein Thron, die Erde ist mein Fußschemel“, indem er fortfährt: „Selbst hat er wieder den festesten Platz am gewaltigen Himmel Auf einem goldenen Thron; zu den Füßen liegt ihm die Erde, Und seine Rechte hat er gestreckt nach den Enden des Weltmeers, Und es erzittert im innersten Herzen der Fuß des Gebirges, Nimmer zu tragen imstand die gewaltige Macht; doch im Himmel Überall ist er zugegen, vollendet auch alles auf Erden. Denn er allein verwaltet den Anfang, die Mitte, das Ende. Anders zu reden wär’ Frevel für dich; es zittern die Knie Mir beim Gedanken. Er herrscht aus der Höhe“, und was weiter folgt.
2. Denn durch diese Verse hat er alle jene Worte des Propheten ausgedeutet: „Wenn du den 221 Himmel öffnest, wird Zittern vor dir die Berge erfassen, und sie werden schmelzen, wie Wachs vor dem Feuer schmilzt.“
§ 125
1. Und wiederum verwendet er das Wort des Jesaias: „Wer wird den Himmel mit der Spanne messen und die ganze Erde mit der ausgespreizten Hand?“, wenn er sagt: „Herrscher im Äther, im Hades, im Meere sowie auf der Erde, Der du mit Donnern erschütterst das mächtige Haus des Olympos, Den die Dämonen fürchten, den scheut der Götter Versammlung, Dem auch die Moiren gehorchen, die sonst doch um niemand sich kümmern.
2. Ewiger, Vater und Mutter, dein Zorn läßt alles erbeben; Der du die Winde bewegst und alles mit Wolken verhüllest, Der du mit Blitzen zerspaltest den Äther; dein ist die Ordnung Aller Gestirne; so läuft sie nach immer gleichen Gesetzen.
3. Bei deinem feurigen Throne, da stehen, mit Mühen beladen, Engel, denen die Sorge obliegt für das Leben der Menschen; Dein ist der Frühling, der jugendlich pranget mit purpurnen Blumen, Dein ist der Winter, der kommt mit Kälte und frostigen Nebeln, Dein ist der Herbst, der Spender des Weins, den einst Bakchos verteilte.“
§ 126
222 1. Dann fügt er hinzu, indem er Gott ausdrücklich allmächtig nennt: “Ewig, unsterblich, des Name Unsterblichen nur ist verkündbar, Komm, du erhabenster sämtlicher Götter, mit mächtigem Schicksal, Schrecklicher, mächtig und groß und ewig, vom Äther Bekränzter.”
2. Durch das Wort “Metropator” deutete er nicht nur auf die Entstehung aus Nichtseiendem hin, sondern gab auch denen, die die Lehre von den Emanationen einführten, Veranlassung, vielleicht auch an eine Gattin Gottes zu denken.
3. Er umschreibt aber jene Schriftstellen aus den Propheten, nämlich die aus Hosea: “Ich, der ich dem Donner seine Macht gebe und den Wind entstehen lasse, dessen Hände das Heer des Himmels befestigt haben” und die aus Moses:
4. “Erkennet, erkennet, daß ich bin und daß es keinen anderen Gott außer mir gibt! Ich werde töten und lebendig machen; ich werde schlagen, und ich werde heilen, und niemand ist, der aus meinen Händen erretten wird.”
5. “Er läßt Schlimmes aus Gutem entstehen für sterbliche Menschen, So auch den blutigen Krieg und die tränenerregenden Schmerzen”, wie Orpheus sagt.
§ 127
1. Dergleichen sagt auch Archilochos von Paros: „O Zeus, o Vater Zeus, dein ist des Himmels Macht, Die Taten du der Menschen siehst, Voll Frevel und voll Unrecht.“
223 2. Wieder wollen wir die Verse des Thrakiers Orpheus hören: „Und seine Rechte hat er gestreckt nach den Enden des Weltmeers Überallher, und unter den Füßen liegt ihm die Erde.“
3. Diese Gedanken hat er offenbar aus jener Stelle genommen: „Der Herr wird bevölkerte Städte erschüttern, und den ganzen Erdkreis wird er fassen mit seiner Hand wie ein Vogelnest.“ „Der Herr, der die Erde mit seiner Macht erschaffen hat“, wie Jeremias sagt, „und den Erdkreis durch seine Weisheit aufgerichtet hat.“
4. Außerdem nennt noch Phokylides die Engel Dämonen und lehrt durch folgende Verse, daß die einen von ihnen gut, die andern böse sind, da ja auch wir gehört haben, daß einige von ihnen abtrünnig waren: „Doch die Dämonen sind bei den Menschen bald so und bald anders, Bald erretten sie Menschen aus Unglück, das ihnen drohte.“
§ 128
1. Schön ist es auch, wie der Lustspieldichter Philemon den Götzendienst in folgenden Versen verurteilt: „Für uns gibt’s wirklich keine Göttin, ‘Glück’ genannt, Gewiß nicht, sondern vielmehr, was von selbst geschieht, Wie’s eben jedem zufiel, das wird ‘Glück’ genannt.“
2. Und der Tragödiendichter Sophokles sagt: „Auch bei den Göttern geschiehet nicht jegliches, wie sie es wünschen, Außer bei Zeus; denn dieser ist Herr über Ende und Anfang.“
224 3. Und Orpheus sagt: „Eine Gewalt, ein Dämon entstand, der den Himmel entflammte; Alles ist eines geworden, in welchem sich alles im Kreis dreht, Feuer und Wasser und Erde“, und die folgenden Verse.
§ 129
1. Und der lyrische Dichter Pindaros ist gleichsam in bakchische Begeisterung versetzt, wenn er ausdrücklich sagt: „Was ist Gott? Das, was das All“,
2. und wiederum: „Gott, der fürs Menschenvolk alles macht.“
3. Wenn er aber sagt: „Du hoffst auf Weisheit? Warum? Übertrifft doch der eine den andern nicht viel. Denn der Götter Rat zu erforschen, ist für das menschliche Denken schwer; Von sterblicher Mutter es stammt“, so hat er den Gedanken aus jener Stelle entlehnt:
4. „Wer hat des Herrn Sinn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen?“
5. Aber auch Hesiodos stimmt mit dem vorher Gesagten überein, wenn er schreibt: „Unter den irdischen Menschen da ist kein Seher zu finden, Der die Gedanken wohl wüßte des ägishaltenden Gottes.“
6. Mit Recht schreibt also Solon aus Athen in seinen Elegien, indem auch er von Hesiodos abhängig ist: „Durchaus ist der Unsterblichen Denken verborgen den Menschen.“
§ 130
1. Und wieder, da Moses geweissagt hatte, daß das Weib wegen der Übertretung zu Mühen und Schmerzen 225 Kinder gebären werde, schreibt ein nicht unbedeutender Dichter: „Nimmer am Tage Werden sie ohne Elend und Jammer, aber bei Nacht auch Leiden sie Qual, und die Gottheit beschenkt sie mit drückenden Sorgen.“
2. Ferner zeigt Homeros, daß Gott gerecht ist, mit den Worten: „Selber hielt nun der Vater empor die goldene Waage.“
3. Und der Lustspieldichter Menandros erklärt Gott für gütig, indem er sagt: „Ein guter Dämon tritt zur Seite jedem Mann Sofort bei der Geburt und führt durchs Leben ihn; Man darf nicht glauben, daß der Dämon böse sei Und einem guten Leben schade.“
4. Dann fügt er hinzu: (xxx), womit er entweder jeden Gott gut oder, was wahrscheinlicher ist, Gott in jeder Hinsicht gut nennt.
§ 131
1. Der Tragödiendichter Aischylos wiederum stellt uns die Macht Gottes vor Augen und trägt kein Bedenken, ihn sogar „Höchsten“ zu nennen in folgenden Versen:
2. „Von Menschen unterscheide Gott und glaube nicht, Daß er dir ähnlich und von Fleisch gebildet sei! Du kennst ihn nicht; bald zeigt er sich wie Feuersmacht Unnahbar, bald als Wasser, bald als Finsternis, Und wilden Tieren wird er selber ähnlich auch Und Wind und Wolken, Blitze und Donner, Regensturm.
3. Und seine Diener sind das Meer sowie der Fels Und jede Quelle und ein jeder Wasserlauf. 226 Die Berge beben und die Erde und des Meeres Gewalt’ge Tiefe und der Berge große Höh’, Wenn des Gebieters grimmig Auge auf sie blickt; denn alle Macht und Ehre hat der höchste Gott.“
4. Meinst du nicht, daß er damit jenes Wort umschreibt: „Vor dem Angesicht des Herrn bebt die Erde“?
§ 132
1. Dazu kommt, daß Apollon, der erste aller Seher, die Macht Gottes bezeugen und von Athene sagen muß, daß sie, als die Meder gegen Griechenland zu Felde zogen, Zeus für Attika gebeten und angefleht habe.
2. Der Orakelspruch lautet aber so: „Nimmer vermag den Olympischen Zeus zu erbitten die Pallas, Mag sie auch flehen mit mancherlei Wort und verständigen Reden. Aber er wird viele Tempel Unsterblicher heftigem Feuer Geben zum Raube; sie stehen wohl jetzt schon gebadet von Angstschweiß Zitternd vor Furcht“, und das folgende.
§ 133
1. Und Thearidas sagt in seiner Schrift „Über die Natur“: „Der Anfang des Seienden, soweit er wirklich wahrer Anfang ist, ist nur einer; denn er ist im Anfang einzig und allein.“
2. „Aber es gibt keinen anderen außer dem mächtigen König“, sagt Orpheus.
3. Ihm schließt sich der Lustspieldichter Diphilos an, wenn er ganz in Form eines Sinnspruchs sagt: „Den wahren Vater aller Dinge ehre stets, Der so viel Gutes uns erfand und einst erschuf!“
4. Mit Recht will daher Platon es den „Hervorragendbegabten“ zur Pflicht machen, „sich mit derjenigen 227 Wissenschaft zu beschäftigen, die wir im Vorhergehenden für die wichtigste erklärten, nämlich das Gute zu betrachten und den Aufstieg zu jener Höhe zu beginnen“.
5. „Das ist aber, wie mir scheint, nicht ein Umdrehen eines Scherbenstücks, sondern eine Umkehrung der Seele aus einer Art nächtlichen Tages zum wahren Tag, der in einem Aufstieg zum Seienden besteht, den wir für die wahre Philosophie erklären werden.“
6. Und diejenigen, die an ihr Anteil genommen haben, rechnet er zum goldenen Geschlecht, indem er sagt: „Ihr seid zwar alle Brüder“, die Angehörigen des goldenen Geschlechts aber im höchsten Grade und in jeder Beziehung.
7. Alle Wesen gewinnen von allen Ausgangspunkten her eine Beziehung zu dem Vater und Schöpfer des Weltalls durch ihre natürliche Anlage und ohne Unterricht, das Unbeseelte, indem es mit dem Lebenden mitfühlt, von dem Beseelten das eine, das bereits unsterblich ist, indem es Tag für Tag wirkt, das Sterbliche aber teils in Furcht, auch wenn es von seiner Mutter noch in ihrem Schoße getragen wird, teils auf Grund selbständiger Überlegung, und von den Menschen alle, Griechen sowohl als auch Barbaren.
8. Aber kein Geschlecht weder der Ackerbauer noch der Nomade noch auch der Stadtbewohner kann irgendwie leben, das sich nicht zuvor für den Glauben an eine höheres Wesen hätte gewinnen lassen.
9. Deshalb hat jedes Volk, das im Osten oder im Westen an die Meeresgestade grenzt oder im Norden wohnt oder im Süden seine Heimat hat, eine einzige und die nämliche Vorstellung von dem, der die Weltherrschaft begründet hat, insofern die allgemeinsten seiner Wirkungen in gleicher Weise alles durchdrungen haben.
§ 134
1. Weit mehr aber gaben die eifrigen Forscher bei den Griechen in ihrer Abhängigkeit von der barbarischen 228 Philosophie dem Unsichtbaren und Einzigen und Mächtigsten und Kunstreichsten und dem Urheber des Schönsten den Vorrang, während sie von dem, was weiter daraus folgt, nichts wußten, wenn sie nicht von uns unterrichtet wurden; aber auch von Gott selbst wußten sie nicht, wie man sich ihn seinem Wesen nach vorstellen muß, vielmehr stellten sie sich ihn, wie wir schon oft gesagt haben, nur so vor, daß es nur dem Umriß nach wahr ist.
2. Mit Recht sagt also der Apostel: „Gehört also Gott nur den Juden? Nicht auch den Griechen?“ Damit sagt er nicht nur in Form einer Weissagung, daß auch diejenigen Griechen, die aus ihrem bisherigen Zustand als Griechen zum Glauben gekommen sind, Gott erkennen würden, sondern deutet auch darauf hin, daß der Herr zwar seiner Macht nach aller Gott und in der Tat allmächtig ist, der Erkenntnis nach aber nicht aller Gott ist.
3. Denn weder wissen sie, was er ist, noch, inwiefern er Herr und Vater und Schöpfer ist; auch kennen sie den sonstigen Heilsplan der Wahrheit nicht, da sie von ihr selbst nicht darüber belehrt sind.
§ 135
1. Ebenso haben auch die Prophetenworte den gleichen Sinn wie das Wort des Apostels. Denn bei Jesaias heißt es: „Wenn ihr aber sagt: ‘Auf den Herrn, unseren Gott, vertrauen wir’, so schließt doch einen Vertrag mit meinem Herrn, dem König der Assyrier!“ Und dann fügt er hinzu: „Und sind wir etwa ohne den Willen des Herrn gegen dieses Land heraufgezogen, um es zu bekriegen?“
2. Und Jonas, der gleichfalls ein Prophet war, deutet das gleiche an, wenn er sagt: „Und es kam der Hauptbootsmann zu ihm hinein und sagte zu ihm: ‘Warum schläfst du so fest? Stehe auf und rufe deinen Gott an, damit er uns errette und wir nicht umkommen!’“
3. Denn den Ausdruck „dein Gott“ sagte er zu dem, der ihn in vollkommener Erkenntnis kannte, die Worte dagegen „damit uns Gott errette“ zeigten die Ahnung der Heiden, die zwar ihren Sinn auf den Allmächtigen gerichtet hatten, aber noch nicht zum Glauben gekommen waren.
4. Und der gleiche sagte wieder: „Und er sprach zu ihnen: ‘Ich diene dem Herrn und fürchte den Herrn, den Gott des Himmels.’“
§ 136
229 1. Und wieder sagte der gleiche: „Und sie sagten: ‘Keineswegs, Herr, laß uns doch nicht wegen des Lebens dieses Mannes umkommen!’“
2. Und der Prophet Maleachi führt Gott geradezu redend ein: „Opfer will ich aus euren Händen nicht annehmen; denn vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang ist mein Name hochgeehrt unter den Heiden, und überall wird mir Opfer dargebracht.“
3. Und wieder: „Denn ich bin ein großer König, sagt der Herr, der Allmächtige, und mein Name ist unter den Heidenvölkern bekannt.“ Was für ein Name? Unter den Gläubigen der Sohn, der den Vater verkündet, unter den Griechen aber „Gott der Schöpfer“.
4. Den freien Willen aber beweist Platon mit folgenden Worten: „Die Tugend gehört keinem als Eigentum an, sondern jeder wird, je nachdem er sie ehrt oder verachtet, mehr oder weniger Anteil an ihr erhalten. Die Schuld liegt bei dem, der wählte; Gott ist unschuldig.“ Denn Gott ist nie die Ursache von etwas Bösem.
5. Der lyrische Dichter sagt: „Kriegliebende Troer, es trägt Der alleserblickende, hochgethronte Zeus Die Schuld an großen Leiden der Sterblichen nicht; Sondern bequem erreichbar liegt Allen Menschen heil’ge Gerechtigkeit da, Sie, die Dienerin hehrer Gesetzlichkeit und verständigen Rechts; Selig, die sie finden und bei sich behalten.“
§ 137
1. Und Pindaros führt geradezu auch einen Heiland-Zeus als Gatten der Themis ein, indem er ihn als einen König und einen gerechten Heiland etwa so erklärt: „Themis voll Rats, die Himmlische, führten zuerst Mit goldenem Wagen von des Okeanos Quellen Die Moiren auf glänzendem Pfad Zu des Olymp heiliger Höhe empor, Um Zeus’ des Retters erste Gemahlin zu werden; Sie gebar die stirnbandgeschmückten und früchtespendenden wahrhaftigen Horen.“
230 2. Wer also der Wahrheit nicht glaubt, sondern von menschlicher Lehre aufgeblasen ist, der ist unselig, und unglücklich ist auch nach der Ansicht des Euripides: „Wer solcherlei sieht und doch Gott nicht erkennt Und die täuschende List der Ersinner von Trug Nicht weit von sich warf, deren frevelndes Wort, Was man wissen nicht kann, aufs Geratewohl sagt Und durchaus nicht besitzt die Erkenntnis.“
§ 138
1. Wer nun will, der komme zu dem wahrhaftigen Unterricht und höre, was Parmenides von Elea verspricht: „Wissen wirst du des Äthers Natur und im Äther der Sterne Sämtliche Bilder, der Sonnenfackel, der heiligen, reinen, Sengende Wirkung, und ferner, woraus das alles entstanden, Und du erfährst des rundäugigen Mondes Bewegung im Kreise Und auch sein Wesen, und ferner, woher der umfassende Himmel << Selber entstand und wie die Notwendigkeit zwingend ihn lehrte, Festzuhalten den Lauf der Gestirne“,
2. und was Metrodoros, obwohl er ein Epikureer war, von Gott beseelt gesagt hat: „Erinnere dich daran, Menestratos, daß du, obwohl du als Sterblicher geboren bist und nur eine begrenzte Lebenszeit erhalten hast, mit deiner Seele doch bis zur ewigen Welt emporgestiegen bist und sowohl die Unendlichkeit der Dinge geschaut hast als auch ‘die Zukunft und die Vergangenheit’.“
3. Damals nämlich, „als wir“, wie Platon sagt, „mit dem seligen Reigen beglückende Gesichte sahen und sie betrachten durften, wir in Begleitung von Zeus, andere mit anderen Göttern, und eingeweiht wurden in die Weihen, die, wie man sagen darf, die glückseligsten sind, die wir feierten, selbst im Zustand 231 der Vollkommenheit und frei von all den Übeln, die in späterer Zeit unser warteten, wobei wir vollkommene und unveränderliche Erscheinungen zu sehen bekamen und sie in reinem Glanze schauen durften, selbst rein und unbefleckt von dem, was wir jetzt als unseren sogenannten Leib an uns tragen, in den wir eingesperrt sind wie die Auster in ihre Schale.“
§ 139
1. Die Pythagoreer aber nennen den Himmel „Gegenerde“. Von ihr sagt die Schrift durch Jeremias: „Ich will dich als Kind annehmen und dir ein auserlesenes Land als Erbe des allmächtigen Gottes geben.“ Wer dieses Erbe erhält, wird König über die Erde sein.
2. Und in ungezählter Menge fließt mir immer neuer Stoff zu, den ich anführen könnte. Aber wegen des gleichmäßigen Umfangs des Buches muß ich jetzt diese Abhandlung beschließen, damit es mir nicht auch so geht wie dem Tragödiendichter Agathon: „Die Nebensache halten wir fürs Wichtigste, Und nebenher nur machen wir das Hauptwerk ab.“
§ 140
1. Nachdem nun, wie ich meine, deutlich gezeigt ist, in welchem Sinn es aufzufassen ist, wenn die Griechen von dem Herrn Diebe genannt worden sind, will ich gern die Lehren der Philosophen verlassen.
2. Denn wenn wir auch den Wortlaut dieser Lehren mustern wollten, so würden wir nicht damit fertig werden und müßten eine ganze Menge von wissenschaftlichen Werken verfassen, um zu zeigen, daß die ganze Weisheit bei den Griechen aus der barbarischen Philosophie stammt.
3. Trotzdem werden wir diese Frage gezwungenermaßen wieder aufnehmen, wenn wir die bei den Griechen umlaufenden Lehren über die Urgründe zusammenstellen.
4. Indessen liegt es uns auf Grund des Gesagten auch nahe, darüber nachzudenken, auf welche Weise man die griechischen Schriften lesen muß, wenn man imstande ist, dieses wogende Meer ungefährdet 232 zu durchschwimmen.
5. In der Tat hat, wie es scheint, Empedokles recht, wenn er sagt: “Glücklich ist, wer sich den Reichtum von göttlicher Weisheit erworben, Elend, wen noch umfängt ein finsterer Wahn von den Göttern.” Damit hat er in wahrhaft göttlicher Weise Kenntnis und Unkenntnis als die Grenzsteine von Glück und Unglück bezeichnet.
6. “Denn gar vieler Dinge kundig müssen weisheitliebende Männer sein”, wie Herakleitos sagt, und in der Tat ist es notwendig, Daß, wer wacker zu sein sich bemüht, in die Irre oft gehe".
§ 141
1. Nun ist für uns aus dem bisher Gesagten doch klar geworden, daß ewig die Wohltat Gottes ist und daß vom anfanglosen Anfang an allen gegenüber durchaus gleich die natürliche Gerechtigkeit waltet, die jedem Geschlecht seinem Verdienst nach gibt und keinen Anfang je hat.
2. Denn bei Gott hat es nie einen Anfang damit gegeben, daß er Herr und daß er gut ist, da er das, was er ist, von Ewigkeit her ist, und ebensowenig wird er je damit aufhören, Gutes zu tun, auch wenn er jedwedes Ding zu seinem Endziel gebracht hat.
3. An seiner Güte hat aber jeder von uns so viel Anteil, als er selbst will, weil der Unterschied immer durch die der Auswahl würdige Entscheidung und Bewährung der Seele bewirkt ist.
4. So soll also auch der fünfte Teppich unserer gnostischen Darlegungen entsprechend der wahren Philosophie abgeschlossen sein.