§ 56
1. Aber ich bin, wie es scheint, ohne es selbst zu merken, in dem Bestreben, Beweise zu geben, über das rechte Maß hinausgegangen. Mein Leben würde ja nicht hinreichen, wenn ich die ganze Menge derer aufführen wollte, die bei ihrer Philosophie Sinnbilder verwenden.
2. Dieser Art sind aber die Schriften der barbarischen Philosophie, um das Gedächtnis zu stärken, um die Lehre kurz zusammenzufassen und auf die Wahrheit gespannt zu machen.
3. Sie wollen nämlich, daß die wirklich echte Philosophie und die wahre Theologie im Besitz nur derer zu finden sei, die sich ihnen oft genähert und sich bereits in ihrem Glauben und in ihrem ganzen Leben bewährt haben.
4. Sie wollen aber auch, daß wir einen Erklärer und Lehrer nötig haben. Denn sie nahmen an, daß man sich dann eifriger mit ihnen beschäftigen würde und daß sie so denen, die ihrer würdig sind, mehr Nutzen bringen könnten und daß diese dann nicht in die Irre gehen würden, wenn sie von Sachkundigen in die Schriften eingeführt würden.
5. Dazu kommt noch, daß alles, was durch eine gewisse Verhüllung hindurch zu sehen ist, das wirklich Vorhandene noch größer und imposanter erscheinen läßt, wie das z.B. bei Früchten der Fall ist, die man durch Wasser hindurch sieht, und bei Gestalten, die man durch Verhüllungen hindurch sieht, die ihre Erscheinung in vorteilhafter Weise ergänzen. Denn eine allseitige Beleuchtung läßt die wirkliche Gestalt mit allen ihren Mängeln hervortreten, ganz 169 abgesehen davon, daß das, was ganz deutlich zu sehen ist, nur auf eine einzige Art aufgefaßt werden kann.
§ 57
1. Mehrere Auffassungen nebeneinander zu haben, wie wir solche auch wirklich haben, ist also nur bei den Ausdrücken möglich, bei denen der eigentliche Sinn verhüllt ist. Da sich dieses so verhält, geht der Unerfahrene und Unbelehrte in die Irre, die richtige Auffassung aber hat nur der Träger der Erkenntnis.
2. Nun wollten jene Schriften auch nicht, daß alles für jeden beliebigen ohne weiteres zugänglich sei, „und auch nicht, daß die Schätze der Weisheit Gemeingut für diejenigen würden, die weit davon entfernt sind, ein reines Herz zu haben; denn da es so gewaltige Anstrengungen gekostet hat, diese Schätze zu erwerben, darf man sie nicht den ersten besten anbieten, und man darf die Geheimnisse der Lehre den Uneingeweihten nicht enthüllen.“
3. So erzählt man, daß der Pythagoreer Hipparchos, dem man zum Vorwurf machte, er habe die Lehren des Pythagoras allgemeinverständlich niedergeschrieben, aus der Schule ausgestoßen und daß für ihn ein Denkstein wie für einen Toten errichtet worden sei.
4. Deshalb nennt man auch in der barbarischen Philosophie diejenigen tot, die von den Lehren abtrünnig geworden sind und ihren Geist von den Leidenschaften der Seele haben überwältigen lassen.
5. „Denn was haben Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit miteinander gemein?“, wie der göttliche Apostel sagt. „Oder was hat das Licht mit der Finsternis zu schaffen? Wie stimmt Christus mit Beliar überein? Oder welche Gemeinschaft besteht zwischen einem Gläubigen und einem Ungläubigen?“ Denn verschieden sind die Ehrungen für die Olympischen Götter und für die Verstorbenen.
6. „Deshalb geht auch aus ihrer Mitte fort und sondert euch von ihnen ab, sagt der Herr, und rühret nichts Unreines an! Und ich will euch annehmen und will euer Vater sein, und ihr sollt meine Söhne und Töchter sein.“
§ 58
170 1. Demnach hielten nicht nur die Pythagoreer und Platon vieles geheim, sondern auch die Epikureer sagen, daß auch von ihm (Epikuros) einige Lehren geheim seien und daß sie nicht allen gestatten könnten, die Schriften darüber zu lesen.
2. Ja, auch die Stoiker behaupten, daß es von dem älteren Zenon Schriften gebe, die zu lesen sie ihren Schülern nicht ohne weiteres gestatten, wenn sie nicht zuvor die Probe bestanden haben, ob sie echte Weisheitsfreunde seien.
3. Und auch die Anhänger des Aristoteles sagen, daß einige von seinen Schriften esoterisch (nur für die nächsten Anhänger bestimmt) die anderen aber allgemein zugänglich und exoterisch (auch für die Außenstehenden verständlich) seien.
4. Aber auch die Stifter der Mysterien versteckten, da sie Philosophen waren, ihre eigenen Lehren hinter Mythenerzählungen, so daß sie nicht allen verständlich waren.
5. Wenn demnach die einen, die nur menschliche Ansichten zu verbergen hatten, die Ungelehrten davon abhielten, sie kennenzulernen, wie hätte es nicht vorteilhaft sein sollen, daß die wahrhaft heilige und selige Schau des wahrhaft Seienden mehr als alles andere verborgen blieb?
6. Freilich sind weder die Lehren der barbarischen Philosophie noch die Erzählungen des Pythagoras, ja nicht einmal die Mythen bei Platon von Er, dem Sohn des Armenios, im Staat, von Aiakos und Rhadamanthys im Gorgias, vom Tartaros im Phaidon, von Prometheus und Epimetheus im Protagoras und außerdem die Erzählung von dem Krieg zwischen Atlantikern und den Athenern im Atlantikos (= Kritias) ohne weiteres Wort für Wort sinnbildlich zu deuten, sondern nur in dem, was auf den Hauptgedanken hinweist, und bei diesem wird sich herausstellen, daß es durch Sinnbilder unter der Hülle der Allegorie kundgegeben ist.
§ 59
1. Aber auch der freundschaftliche Verkehr im Kreise des Pythagoras und die doppelte Form der Gemeinschaft unter seinen Anhängern, wobei man die große Menge 171 Akusmatikoi (Zuhörer) und einige wenige andere, nämlich diejenigen, die sich mit wirklichem Eifer der Philosophie befleißigten, Mathematikoi (Schüler) nannte, deuteten darauf hin, daß vor der großen Menge „Immer nur wenig gesagt, das andre verhüllt werden müsse“.
2. Vielleicht hängt auch jene doppelte Art von Behauptungen in der Philosophenschule des Peripatos, wovon die eine das Wahrscheinliche, die andere das wissenschaftliche Gewisse hieß, zusammen mit der Scheidung zwischen Doxa (in der doppelten Bedeutung von „Ehre“ und „Meinung“) und dem wahren Berühmtsein und der Wahrheit.
3. „Und nicht sollen die herrlichen Kränze des Ruhms dich verlocken, Daß du von Menschen sie nimmst um den Preis, daß du mehr sagst, als recht ist.“
4. Die Ionischen Musen z.B. sagen ausdrücklich, daß die große Masse und die Scheinweisen den Sängern des Volks folgen und seine Bräuche mitmachen, obwohl sie wissen, daß viele schlecht und nur wenige gut sind, daß aber die Besten dem Ruhme nachjagen.
5. „Denn es ziehen“, sagt er (Herakleitos) „die Besten ein einziges allem anderen vor, unsterblichen Ruhm bei den Menschen; die Masse aber ist vollgefressen wie das Vieh“, „da sie nach dem Bauch und den Schamteilen und dem, was bei uns als das Schimpflichste gilt, das Glück bemessen“.
6. Und der große Parmenides aus Elea führt seine Lehre von den zwei verschiedenen Wegen in seiner Schrift mit folgenden Worten ein: „Erstens das ruhige Herz der leicht überzeugenden Wahrheit, Zweitens der Sterbliche Wahn, dem verlässige Wahrheit nicht einwohnt.“