§ 32
1. Es wäre nun zu weitläufig, wenn wir alle Bücher der Propheten und des Gesetzes durchgehen und das in Rätselform Gesagte heraussuchen wollten. Denn fast die ganze Heilige Schrift gibt in dieser Weise ihre göttliche Offenbarung. Es genügt aber, meine ich, die Vorführung einiger weniger Beispiele, um dem, der Verstand besitzt, die aufgestellte Behauptung zu beweisen.
2. So ist ein 146 Zeugnis für die verborgene Darstellung die bei den Hebräern überlieferte Anschauung, daß die sieben Ringmauern um den alten Tempel eine besondere Bedeutung hatten, ferner der kunstvolle Schmuck des Leibrockes, der durch mannigfache, auf die Himmelserscheinungen zu deutende Sinnbilder auf den vom Himmel bis zur Erde reichenden Bund hinweist.
3. Ferner waren die Decke und der Vorhang aus Hyazinth und Purpur und Scharlach und Leinen buntgewebt. Dies wies aber, wie die Natur der Elemente schließen läßt, auf die Offenbarung Gottes hin. Denn aus dem Wasser stammt der Purpur, das Leinen aus der Erde, die Hyazinthfarbe gleicht, weil sie dunkel ist, der Luft, ebenso wie der Scharlach dem Feuer.
§ 33
1. Mitten zwischen der Decke und dem Vorhang in dem Raum, den nur die Priester betreten durften, stand der Räucheraltar als Sinnbild der mitten in dieser Welt liegenden Erde, von der die Dünste aufsteigen.
2. Jener Raum liegt aber auch mitten zwischen dem Raum jenseits des Vorhangs (dem Allerheiligsten) den nur der Hohepriester an bestimmten Tagen betreten durfte, und dem sich außen herumziehenden Vorhof, der allen Hebräern offenstand. Deshalb heißt es von ihm, daß er genau zwischen Himmel und Erde liege; andere jedoch sagen, er sei ein Sinnbild der nur mit dem Geiste und der nur mit den Sinnen wahrnehmbaren Welt.
3. Die Decke war vor den fünf Säulen ausgespannt, um dem ungläubigen Volk den Weg zu versperren und die Leute im Vorhof abzuhalten.
4. Dementsprechend werden mit sehr geheimnisvoller Bedeutung fünf Brote von dem Heiland gebrochen und reichen aus für die Menge der Zuhörenden. Denn zahlreich sind diejenigen, die nur auf die Sinnendinge achten, 147 als gäbe es nichts außer ihnen.
5. „Sieh dich um und achte darauf“, sagt Platon, „daß keiner der Uneingeweihten es mit anhöre! Das sind aber diejenigen, die überzeugt sind, ein wirkliches Sein komme nur dem zu, was sie fest mit ihren beiden Händen greifen können, die dagegen Handeln und Werden und alles, was man nicht sehen kann, als nicht existierend ansehen.“
6. Denn solche Leute sind die, die sich nur an die Fünfzahl der Sinne halten. Unzugänglich ist aber dem Gehör und den anderen Sinnen die Wahrnehmung Gottes.
§ 34
1. Infolge dessen heißt der Sohn „Angesicht des Vaters“, da er, das Wort, das die Eigenart des Vaters verkündigt, durch die Fünfzahl der Sinne Träger des Fleisches geworden ist.
2. „Wenn wir im Geiste leben, so laßt uns auch im Geiste wandeln!“ „Wir wandeln im Glauben, nicht im Schauen“, sagt der treffliche Apostel.
3. Hinter der Decke bleiben die gottesdienstlichen Handlungen der Priester verborgen, und die Decke hält die dabei Beschäftigten völlig von denen getrennt, die draußen sind.
4. Andererseits weist der Vorhang am Eingang zum Allerheiligsten - dort sind vier Säulen - auf die heilige Vierzahl der alten Bündnisse hin.
5. Das gleiche bedeutet aber auch der geheimnisvolle Name mit vier Buchstaben, den diejenigen trugen, die allein das Heiligtum betreten durften; der Name lautet aber Iau, was übersetzt wird mit „der da ist und der da sein wird“.
6. Übrigens besteht auch bei den Griechen das Wort (xxx) deós (Gott) aus vier Buchstaben.
7. Die geistige Welt betritt aber nur der Herr, nachdem er Hoherpriester geworden ist, indem er durch das Leiden zur Erkenntnis des Unaussprechlichen gelangt und 148 sich über jeden Namen erhebt, der mit der Stimme genannt werden kann.
8. Ferner war auf der Südseite des Räucheraltars der Leuchter aufgestellt, durch den auf die Bewegung der sieben lichtbringenden Sterne hingedeutet ist, die ihren Umlauf im Süden machen.
9. Denn auf jeder Seite des Leuchters sind drei Arme befestigt und auf ihnen stehen die Lichter, da ja auch die Sonne wie der Leuchter mitten zwischen den anderen Wandelsternen ihren Platz hat und den Sternen über ihr und denen unter ihr gemäß einer Art göttlicher Harmonie von ihrem Licht spendet.
§ 35
1. Der goldene Leuchter hat aber noch eine andere geheimnisvolle Bedeutung, nämlich die des Kreuzes Christi, nicht nur wegen der Gestalt, sondern auch deswegen, weil dieser „auf mannigfache und vielgestaltige Weise“ die an ihn Glaubenden und auf ihn Hoffenden und auf ihn Schauenden durch den Dienst der zuerst geschaffenen Engel in den Bereich des Lichtes bringt.
2. Man sagt, daß „die sieben Augen“ des Herrn „die sieben Geister“ seien, die auf dem Stabe ruhen, der „aus der Wurzel Isai“ emporwächst.
3. Nördlich vom Räucheraltar aber hatte der Tisch seinen Platz, auf dem die Schaubrote lagen, weil von allen Winden die Nordwinde das Wachstum der Früchte am meisten begünstigen.
4. Die Brote bedeuten wohl die Wohnungen für die sich zu einem Leib und einer Gemeinschaft zusammenschließenden Gemeinden.
5. Das von der heiligen Bundeslade Erzählte weist auf die geistige Welt hin, die der großen Masse verborgen und verschlossen ist.
6. Ferner bedeuten jene zwei goldenen Bildwerke, von denen jedes sechs Flügel hat, entweder, wie einige meinen, die Sternbilder der beiden Bären oder, was richtiger ist, die beiden Halbkugeln; der Name „Cherubim“ 149 aber bedeutet „reiche Erkenntnis“.
7. Aber beide zusammen haben zwölf Flügel und deuten so durch den Hinweis auf den Tierkreis und auf die von diesem bestimmte Zeitrechnung die sichtbare Welt an.
§ 36
1. Über diese Fragen der Natur gibt, wie ich meine, auch die Tragödie Aufklärung, wenn sie sagt: „Ohne Unterlaß geht und in ewigem Fluß, Die Zukunft im Schoß bei sich tragend, die Zeit Und gebiert sich selbst, und das Zwillingsgestirn Der Bären bewacht mit dem hurtigen Schwung Seiner Flügel den Pol, den des Atlas Kraft trägt.“
2. Atlas kann aber der nicht leidende (d.h. keiner Bewegung unterliegende) Pol sein oder auch die unbewegliche Himmelssphäre; vielleicht ist es aber besser, sich unter ihm die unveränderliche Ewigkeit zu denken.
3. Ich halte es aber für richtiger, daß die Bundeslade, deren griechischer Name (xxx) kibotós von dem hebräischen Wort thebotha herkommt, etwas anderes bedeutet. Das Wort wird übersetzt mit „eines statt eines anderen von allen Orten“. Ob damit nun die Achtzahl und die geistige Welt oder auch Gott gemeint ist, der alles in sich schließt und gestaltlos und unsichtbar ist, das wollen wir für jetzt dahingestellt sein lassen. Jedenfalls bedeutet aber die Bundeslade die Ruhe 150 zusammen mit den Gott lobpreisenden Geistern, auf die die Cherubim hinweisen.
4. Denn derjenige, der befahl, kein geschnitztes Bildnis zu machen, hätte doch nie ein Bildnis der Heiligen (der Engel) hergestellt; und es gibt überhaupt kein so beschaffenes, zusammengesetztes und sinnlich wahrnehmbares Lebewesen im Himmel; vielmehr ist ihr Antlitz Sinnbild einer vernünftigen Seele, die Flügel aber sind die im Himmelsraum sich vollziehenden Dienste und Wirkungen von rechten und zugleich linken Mächten; die Stimme aber ist dankbarer Lobpreis in unaufhörlichem Schauen.
§ 37
1. Es mag genügen, die mystische Ausdeutung (der Cherubim) soweit gehen zu lassen. Der lange Leibrock des Hohenpriesters aber ist ein Sinnbild der sinnlich wahrnehmbaren Welt, und zwar sind Sinnbild der sieben Planeten die fünf Edelsteine und die beiden Rubine, diese beiden letzteren wegen des Kronos (des Planeten Saturn) und der Selene (des Mondes); denn der eine ist mittägig und feucht und erdhaft und schwer, der Mond aber ist luftartig. Deshalb wird der Mond von manchen Artemis genannt, weil er gewissermaßen die Luft durchschneidet; die Luft aber ist dunkel.
2. Da die nach der göttlichen Vorsehung zu Lenkern der Planeten gesetzten Engel bei der Entstehung des Lebens auf der Erde mitwirken, beschreibt Moses mit Recht, daß sie (d.h. die sie versinnbildlichenden Edelsteine) auf der Brust und auf der Schulter angebracht waren; denn durch die Schultern vollzieht sich die schöpferische Tat, die erste Woche; die Brust aber ist die Wohnstätte von Herz und Seele.
3. Es sind wohl auch in einem anderen Sinn als Sinnbilder des Heils die bunten Steine anzusehen, von denen die einen auf den vorzüglicheren, die anderen auf den geringeren Teilen des ganzen zur Rettung bestimmten Körpers angebracht sind.
4. Und 151 die 360 Glöckchen, die an dem Leibrock hängen, bedeuten die Zeit des Jahres, „ein Gnadenjahr des Herrn“, das die große Erscheinung des Heilands predigt und mit lautem Schall verkündet.
5. Aber auch der hochragende goldene Hut deutet auf die königliche Macht des Herrn hin, da ja der Heiland „das Haupt der Kirche“ ist.
§ 38
1. Also ist ein Zeichen der unbeschränkten Macht der Hut, der auf dem Haupte ist. Überdies haben wir gehört, daß gesagt ist: „Und das Haupt Christi ist Gott“ „und der Vater unseres Herrn Jesu Christi“.
2. Indessen besteht das Brustschild aus dem Schulterkleid, das das Sinnbild des Wirkens ist, und aus dem Logeion (das auf das Wort, den Logos, hinweist) und ist ein Bild des Himmels, der durch das Wort geschaffen worden ist und der 152 niedriger ist als das Haupt aller Dinge Christus und der sich immer nach den gleichen Gesetzen und in gleicher Weise bewegt.
3. Die leuchtenden Smaragdsteine auf dem Schulterkleid bedeuten nun Sonne und Mond, die Gehilfen der Natur. Von der Schulter nimmt ja, meine ich, die Hand ihren Anfang.
4. Und die zwölf Steine, die auf der Brust in vier Reihen angeordnet sind, malen uns den Tierkreis mit den vier Jahreszeiten vor Augen.
5. Anders aufgefaßt müssen dem Haupt des Herrn Gesetz und Propheten untergeordnet sein, durch die auf die Gerechten in beiden Testamenten hingewiesen wird; denn wir tun doch wohl recht daran, wenn wir die Apostel Propheten und zugleich Gerechte nennen, da ein und derselbe Heilige Geist durch alle wirkt.
6. Wie der Herr über die ganze Welt erhaben ist, ja vielmehr noch jenseits der geistigen Welt steht, so ist auch der auf dem Stirnblatt eingegrabene Name für würdig geachtet, „über alle Herrschaft und Macht“ erhaben zu sein; er ist aber eingegraben, um auf die geschriebenen Gebote und auf die mit den Sinnen wahrnehmbare Erscheinung (des Herrn) hinzuweisen.
7. Es ist aber von dem Namen Gottes die Rede, weil der Sohn wirkt, wie er die Güte des Vaters wirken sieht, er, der Gott-Heiland genannt ist, der Anfang des Alls, der als erster und vor der Ewigkeit als Ebenbild „des unsichtbaren Gottes“ entstanden ist, aber dann alles das, was nach ihm geworden ist, gestaltet hat.
§ 39
1. Ferner weist das Brustschild (das Logeion) auf die Weissagung, die vermittelst des Wortes ihren lauten Ruf ertönen läßt und predigt, und auf das kommende Gericht hin, da es das gleiche Wort ist, das die Weissagung gibt und zugleich richtet und alles einzelne scheidet.
2. Man sagt aber auch, daß das Gewand, der Leibrock, eine Weissagung auf die Heilsveranstaltung im Fleische bedeutet, durch die der Herr unmittelbar für die Welt sichtbar wurde.
3. Dazu stimmt auch, daß der Hohepriester den 153 geheiligten Rock ablegt (die Welt aber und die weltliche Schöpfung ist von dem geheiligt, der selbst zugestanden hat, daß alles, was geschaffen wurde, gut sei) sich dann wäscht und den anderen, den sozusagen allerheiligsten Rock anlegt, der mit ihm in das Heiligtum hineingeht.
4. Damit ist, wie mir scheint, auf den Leviten und den Gnostiker hingewiesen, als auf den, der den übrigen Priestern überlegen ist. Denn während jene nur mit Wasser abgewaschen sind und sich nur den Glauben angelegt haben und auf die ihnen bestimmte Wohnung warten, weiß er allein das Geistige von den Sinnendingen zu scheiden, steigt über die übrigen Priester empor und eilt zu dem Eingang in die geistige Welt. Dabei ist das Irdische von ihm nicht mehr mit Wasser abgewaschen, in der Weise, wie er zuvor gereinigt wurde, als er in den Stamm der Leviten eingereiht wurde, sondern nunmehr mit dem Worte der Erkenntnis.
§ 40
1. Nun ist sein ganzes Herz rein, und er führt seinen Wandel im höchsten Grade ganz so, wie es richtig ist; er hat sich weit über den gewöhnlichen Priester hinaus entwickelt, kurz, er ist in Wort und Leben geheiligt und hat den Glanz der Herrlichkeit angelegt und das geheime Erbe jenes geistigen und vollkommenen Mannes erhalten, „das kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Denken gekommen ist“. So ist er Sohn und Freund geworden, und nunmehr erfreut er sich „von Angesicht zu Angesicht“ des Schauens, dessen er nie überdrüssig werden wird. Nichts ist aber damit zu vergleichen, daß man das Gotteswort selbst hört, das durch die schriftliche Mitteilung eine tiefere Auffassung des Sinnes ermöglicht.
2. Denn es heißt so: „Und er (Aaron) soll das leinene Kleid ausziehen, das er bei seinem Eintritt in das Heilige angelegt hatte, und es dort niederlegen. Und er soll seinen Leib an heiliger Stätte mit Wasser waschen und sein Kleid anlegen.“
3. Eine andere Deutung ist, daß der Herr ein Gewand ablegt und ein anderes anlegt, wenn er in die Sinnenwelt herabsteigt, und wieder eine andere Deutung ist, daß der durch ihn zum Glauben Geführte ein 154 Gewand ablegt und, wie auch der Apostel verkündigte, das geheiligte Gewand anlegt.
4. Infolgedessen wurden nach dem Bild des Herrn aus dem geheiligten Stamm die Bewährtesten zu Hohenpriestern gewählt und die zum Königtum und zum Prophetendienst Auserlesenen gesalbt.