Clemens von Alexandrien · Stromata · Buch 5 · Kapitel 7
Buch 5 · Kapitel 7
§ 41
1. Deshalb führten auch die Ägypter nicht jeden beliebigen in ihre Geheimweihen ein und machten das Wissen von den göttlichen Dingen den Uneingeweihten nicht bekannt, sondern nur denen, die zur Königsherrschaft emporsteigen sollten, und denen von den Priestern, die auf Grund ihrer Erziehung und Bildung und Herkunft als die Bewährtesten anerkannt worden waren.
2. Was die Geheimhaltung des Sinns betrifft, so sind die Sinnbilder der Ägypter denen der Hebräer ähnlich. So zeichnen von den Ägyptern die einen die Sonne auf einem Nachen, die anderen auf einem Krokodil.
3176Vgl. Porphyrios bei Eusebios, Praep. Evang. III 11,48; Plut. Moral. p. 364 C; Porphyrios, De antr. nymph. 10 p.63,13 ff. Nauck. Nach ägyptischer Vorstellung (vgl. Kurt Sethe, Altägyptische Verstellungen vom Lauf der Sonne, Sitzungsber. d. Preuß. Akad. d. Wiss., Phil.-hist. Kl. 1928 S. 259 ff.) fährt der Sonnengott am Tage in einer Barke über den Himmel hin, durchwandert während der Nacht das Totenreich und erhebt sich am Morgen wieder aus der Tiefe, wie das Krokodil aus der Tiefe emporsteigt; daher wird die Sonne als eine Scheibe auf dem Kopf eines Krokodils dargestellt. Das ist zugleich ein Ausdruck dafür, daß Suchos, der Krokodilsgott, z.B. in Komombo mit dem Sonnengott gleichgesetzt wurde.
3. Damit wollen sie andeuten, daß die Sonne, die ihren Lauf durch die süße und feuchte Luft nimmt, die Zeit erzeugt, die auf Grund irgendeiner anderen Erzählung der Priester sinnbildlich mit dem Krokodil gemeint ist.
4. Ferner ist in dem ägyptischen Diospolis auf dem sogenannten heiligen Tempeltor ein Kind dargestellt als Sinnbild des Entstehens, ein Greis als Sinnbild des Vergehens, ein Falke als Sinnbild der Gottheit, sowie ein Fisch als Zeichen des Abscheus und wieder in einer anderen Bedeutung ein Krokodil als Zeichen der Schamlosigkeit.
§ 42
1. Demnach scheint das ganze Sinnbild zusammengenommen folgendes zu bedeuten: „Ihr, die ihr entsteht 155 und wieder vergeht, Gott verabscheut die Schamlosigkeit.“
3177Vgl. Plut. Moral. p.363 F, wo aber statt des Tempels von Diospolis (=Theben) der Tempel von Salis, und statt des Krokodils das Flußpferd genannt ist. Ähnliche Darstellungen finden sich im Tempel von Denderah. Die Quelle des Clemens hat vielleicht Krokodil und Flußpferd verwechselt; der aus dem Wasser auftauchende Kopf des letzteren ist das Sinnbild für Minute. Möglicherweise ist aber auch an die Gleichsetzung des Krokodilsgottes Suchos mit Kronos zu denken, über die Fr. W. von Bissing, Ägyptische Kultbilder der Ptolomäer- und Römerzeit (Der alte Orient 34, Heft ½), Leipzig 1936, S. 27 zu vergleichen ist.
2. Und diejenigen, die die Ohren und die Augen aus kostbarem Stoff herstellen, opfern sie den Göttern, indem sie sie als Weihegaben in die Tempel bringen, womit sie doch wohl darauf hinweisen wollen, daß Gott alles sieht und hört.
3178Vgl. Hom. Il. 3,277; Od. 11,109; 12,323. Nachbildungen von Ohren und Augen in blauem Email sind vereinzelt in ägyptischen Tempeln gefunden worden; auf vielen Stelen werden Ohren dem Gott dargeboten.
3. Ferner ist bei ihnen der Löwe Sinnbild der Stärke und der Kraft, ebenso das Rind Sinnbild der Erde selbst und des Ackerbaus und der Nahrung, das Pferd Sinnbild von Tapferkeit und Mut, Sinnbild von mit Klugheit verbundener Stärke die Sphinx, die ganz den Körper eines Löwen, aber das Antlitz eines Menschen hat.
4. In ähnlicher Weise wird von ihnen auf den Tempeln der Mensch in Reliefbildern eingemeißelt, um Verstand und Gedächtnis und Kraft und Kunstfertigkeit anzudeuten.
§ 43
1. Ferner lassen sie bei den von ihnen Prozessionen genannten feierlichen Umzügen der Götter goldene Bildwerke herumtragen, und zwar zwei Hunde, einen Falken und einen Ibis, und nennen die vier Bildwerke vier Buchstaben.
3179Die Hunde sind Symbole des Anubis, der Falke ist Symbol des Horus, der Ibis des Thot; die Eigenschaften der Götter sind auf die ihnen heiligen Tiere übertragen.
2. Nun sind die zwei Hunde Sinnbilder der beiden Halbkugeln, da diese gleichsam herumlaufen und wachen. 156 Der Falke aber ist Sinnbild der Sonne; denn sie ist feuerartig und fähig, zu töten. Darum schreiben sie auch die Entstehung der pestartigen Krankheiten der Sonne zu. Der Ibis aber ist Sinnbild des Mondes, wobei sie die beschattete Seite des Mondes mit dem schwarzen und die beleuchtete Seite mit dem weißen Teil der Federn vergleichen.
3180Die beiden Hunde, die hier Hemisphärenwächter sind, faßte R. Lepsius als Schakale auf; vgl. seine Einleitung zur Chronologie der Ägypter, Berlin 1848, S. 139 f.; 217. Aber sie sind wohl richtiger als die beiden Ophis (Upuaut), d.i. Wölfe, aufzufassen; vgl. E. Meyer, Entwicklung der Kulte von Abydos und die Schakalsgötter, Zeitschr. für ägypt. Sprache und Altertumskunde 41 (1904) S. 97ff.; Fr. W. von Bissingen und H. Kees, Untersuchungen zu den Reliefs aus dem Ra-Heiligtum des Rathures I, Abh. d. Bayer. Akad. d. Wiss., Philos., philol. und hist. Klasse 32,1, München 1922, S. 29 ff. Es gibt zwei Ophis, einen des Nordens und einen des Südens.
3181Vgl. Plut. Moral. p. 381 D. Zu beachten ist auch, daß Thoth, dessen Tier, der Ibis ist, auch Mondgott war; vgl. z.B. A. Rusch bei Pauly-Wissowa VI A 354 ff.
3. Manche lassen auch die beiden Wendekreise durch die Hunde versinnbildlicht sein, da jene gewissermaßen als Türhüter den Weg der Sonne nach Süden und nach Norden bewachen. Den Äquator aber, der hoch und heiß ist, bedeutet der Falke, wie der Ibis die Ekliptik. Denn am meisten von allen Tieren scheint der Ibis den Anfang der Kenntnis von Zahl und Maß den Ägyptern vermittelt zu haben, ebenso wie die Kenntnis von den Kreisen die Ekliptik.
3182Der Ausdruck ist vielleicht daraus zu erklären, daß der Himmelsäquator dem Zenith nahe kommt.
3183Auch hier ist daran zu denken, daß der Ibis den Gott Thoth vertritt, der den Himmel berechnet, die Sterne zählt und der Gott von Zahl, Maß und Zeit ist; vgl. Roeder, Roschers Mythol. Lexikon V S. 851 f. Die Bemerkung über die Ekliptik bezieht sich wohl darauf, daß aus der Entdeckung der Ekliptik (vgl. Lepsius, a.a.O. S. 200 ff.)auch die Festlegung der übrigen Himmelskreise folgte; Deiber a.a.O. S. 63 denkt wohl irrigerweise daran, daß aus der Ellipse die Hyperbel, die Parabel u.a. abgeleitet wurden.