§ 96
303 1. Damit ist die Frage beantwortet, die uns von den Irrlehrern vorgelegt wird, ob Adam vollkommen geschaffen wurde oder unvollkommen; wenn aber unvollkommen, wie kann, so fragen sie, das Werk des vollkommenen Gottes unvollkommen sein und ganz besonders der Mensch? Wenn aber vollkommen, wie kann er dann die Gebote übertreten?
2. Sie werden nämlich als Antwort auch von uns hören, daß er seiner Gestaltung nach nicht vollkommen geschaffen wurde, aber fähig, sich die Tugend anzueignen; denn es ist doch wohl ein Unterschied, ob man fähig für die Tugend geschaffen ist oder ob man sie bereits besitzt; Gott will aber, daß wir auf Grund eigener Entscheidung gerettet werden. Das ist daher das Wesen der Seele, daß sie sich aus eigener Kraft bewegt. Sodann haben wir, da wir selbst vernünftige Wesen sind und die Philosophie etwas Vernünftiges ist, eine gewisse Verwandtschaft mit ihr; die Eignung zur Tugend aber ist zwar ein Antrieb dazu, sie zu erwerben, aber Tugend selbst ist sie nicht.
3. Es sind also alle, wie ich sagte, von Natur zum Erwerb der Tugend geschaffen, aber der eine macht mehr, der andere weniger Fortschritte durch Lernen und Üben; deshalb gelangen auch die einen bis zur vollkommenen Tugend, die anderen kommen nur bis zu einem gewissen Punkt, und wieder einige, denen keine Fürsorge zuteil geworden ist, geraten ins Gegenteil, auch wenn ihre Naturanlage im übrigen gut war.
4. Noch weit mehr, ja überaus schwierig ist es aber, die Erkenntnis zu gewinnen, die an Bedeutung und Wahrheit alle Wissenschaften übertrifft; sie wird nur durch große Anstrengung gewonnen.
§ 97
1. Aber, so scheint es: „Sie kennen die göttlichen Geheimnisse nicht; denn Gott hat den Menschen zur Unvergänglickeit geschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht.“ Entsprechend diesem Wesen dessen, der alles weiß, strebt der Gnostiker, der „gerecht und heilig mit Klugheit“ ist, darnach, „zur vollkommenen Mannesreife“ zu gelangen.
2. Aber nicht nur in den Taten und in den Gedanken, sondern auch in den Worten hält sich der Gnostiker rein. Zum Beweis dafür heißt es: „Du 304 prüftest mein Herz und suchtest mich des Nachts heim; du läuterst mich, und kein Unrecht wurde an mir erfunden, auf daß mein Mund nicht die Werke der Menschen spreche.“
3. Und was meint die Schrift mit den „Werken der Menschen.“? Sie meint, daß er (der Gnostiker) die Sünde selbst kennt, nicht eine Sünde, die man bereut hat (denn das ist etwas Gewöhnliches, und bei den anderen Gläubigen zu finden), sondern das, was Sünde wirklich ist; denn er verurteilt auch nicht irgendeine bestimmte einzelne Sünde, sondern überhaupt jede Sünde, und er stellt nicht die einzelne schlechte Tat, die irgendeiner verübt hat, fest, sondern allgemein das, was man nicht tun darf.
4. Daher gibt es auch zwei Arten von Reue; die eine ist die gewöhnliche, wenn man bereut, sich verfehlt zu haben; die andere, die das Wesen der Sünde ganz erkannt hat, veranlaßt in allererster Linie dazu, vom Sündigen selbst abzulassen, und darauf folgt, daß man überhaupt nicht mehr sündigt.
§ 98
1. Man soll also nicht behaupten, daß derjenige, der Unrecht und Sünde tut, sich infolge der Wirkung von bösen Geistern verfehle; denn dann würde er ja keine Strafe verdienen; vielmehr wählt er beim Sündigen das gleiche wie die bösen Geister, indem er in seinen Leidenschaften unstet und leichtfertig und wankelmütig ist wie ein böser Geist, und wird so ein von bösen Geistern besessener Mensch.
2. Wer aber von Natur böse ist, wird wegen seiner Schlechtigkeit zum Sündigen geneigt und ist so ein böser Mensch geworden, da er sich mit freiem Willen zur Sünde entschloß und sie jetzt an sich trägt; da er zum Sündigen geneigt ist, sündigt er auch mit der Tat, und umgekehrt tut der sittlich Gute auch Gutes.
3. Darum nennen wir nicht nur die Tugenden, sondern auch die schönen Taten gut. Vom Guten wissen wir aber, daß das eine seiner selbst wegen zu erstreben ist, wie z.B. die Erkenntnis (denn wir wollen durch sie nichts anderes erlangen, wenn wir sie einmal besitzen, sondern wünschen nur, daß sie bei uns ist und wir in unaufhörlichem Schauen bleiben und daß wir um sie und ihretwegen kämpfen), das andere ist wegen etwas anderem erstrebenswert, wie es z.B. der Glaube wegen der mit ihm verbundenen Folgen ist, daß wir nämlich durch ihn der Strafe entrinnen und als 305 Gegengabe für ihn Heil erlangen. Denn bei den meisten ist die Furcht die Ursache dafür, daß sie nicht sündigen, und die Verheißung die Veranlassung dazu, daß sie sich um den Gehorsam bemühen, dessen Wirkung das Heil ist.
§ 99
1. Also ist die Erkenntnis das vollkommenste Gut, da sie ihrer selbst wegen erstrebenswert ist; in zweiter Linie ist aber auch das etwas Schönes, was aus ihr hervorgeht.
2. Und die Strafe bewirkt bei dem Bestraften Besserung; für die aber, die von ferne zusehen können, wird sie zu einem warnenden Beispiel, infolge dessen sie es vermeiden, in die gleichen Verfehlungen zu verfallen.
3. Wir wollen uns also die Erkenntnis aneignen, nicht weil wir nach dem streben, was auf sie folgt, sondern weil wir sie wegen des Erkennens selbst lieben. Denn der erste Gewinn ist der gnostische Zustand, der unschädliche Freuden und Frohlocken für jetzt und für später gewährt.
4. Das Frohlocken ist aber, wie man sagt, eine Freude, die in einem Überdenken der wahren Tugend auf Grund einer Erholung und Erheiterung der Seele besteht.
5. Die mit der Erkenntnis verbundenen Werke sind aber die guten und schönen Taten. Denn wahrer Reichtum besteht in dem Überfluß an den tugendhaften Taten, die wahre Armut aber in dem Mangel an weltlichen Begierden.
6. Denn beim Besitz und Gebrauch der notwendigen Dinge ist nicht die Art und Weise schädlich, sondern die das richtige Maß übersteigende Menge.
§ 100
1. Deshalb schränkt der Gnostiker die Begierden hinsichtlich des Besitzes und des Gebrauches ein und geht nicht über die Grenze des Notwendigen hinaus.
2. Da er also das Leben hier auf der Erde für notwendig hält, um das Wissen zu mehren und die Erkenntnis zu gewinnen, wird er nicht das Leben, sondern das rechte Leben am höchsten schätzen, wobei er also weder Kinder noch die Ehe oder die Eltern höher achten wird als die Liebe zu Gott und die Gerechtigkeit im Leben.
3. Von ihm wird die Gattin nach der Erzeugung von Kindern als eine Schwester angesehen, wie sie ja auch denselben Vater hat, und sie selbst erinnert sich nur dann ihres Mannes, wenn sie auf ihre Kinder blickt, da sie in der Tat auch nur Schwester sein wird, nachdem sie das Fleisch abgelegt hat, das durch 306 die Eigenart der Körperformen die Kenntnis des Geistlichen abtrennt und abschneidet. Denn an und für sich sind die Seelen selbst in gleicher Weise Seelen und keines von beidem, weder männlich noch weiblich, zu der Zeit da sie „weder heiraten noch sich heiraten lassen“. Und vielleicht wird so das Weib zum Mann verwandelt, wenn sie in gleicher Weise ihr weibisches Wesen abgelegt hat und männlich und vollkommen geworden ist.
§ 101
1. Das bedeutet also das Lachen der Sara, als ihr die Geburt eines Sohnes verheißen worden war, da sie, wie ich meine, nicht ungläubig gegen den Engel war, sondern sich nur davor schämte, jenen Verkehr wieder aufzunehmen, durch den sie eines Sohnes Mutter werden sollte.
2. Und vielleicht nannte sie Abraham von da an, als er bei dem König Ägyptens wegen der Schönheit Saras in Gefahr geriet, mit Recht Schwester und Vatertochter, aber noch nicht Muttertochter.
3. Denen also, die sich von ihren Sünden bußfertig bekehrt haben und noch nicht zu festem Glauben gelangt sind, gewährt Gott wegen ihrer Gebete das, worum sie bitten; denen aber, die sündlos und gnostisch leben, gibt er, wenn sie auch nur an etwas gedacht haben.
4. So wurde der Hanna, da sie nur an einen Sohn gedacht hatte, die Empfängnis Samuels geschenkt. „Bitte“, so sagt die Schrift, „und ich werde es tun; denke, und ich werde es geben.“
5. Denn es ist uns gelehrt worden, daß Gott ein „Herzenskündiger“ ist, der nicht aus den Regungen der Seele Schlüsse zieht wir wir Menschen, aber auch nicht aus den Folgeerscheinungen (denn es ist lächerlich, so etwas zu denken); und Gott nannte auch nicht so, wie der Baumeister ein Werk lobt, wenn es fertig geworden ist, das Licht schön, nachdem er es geschaffen und es dann gesehen hatte.
6. Er wußte vielmehr, auch schon bevor er es geschaffen hatte, wie es sein würde, und lobte es. Durch die Macht des Schöpfers wurde aber seinem allem Anfang vorhergehenden Vorhaben entsprechend das schon im voraus schön, was in Wirklichkeit schön werden sollte.
7. So nannte er das, was erst werden sollte, schon vorher schön, indem die Ausdrucksweise 307 durch die Veränderung der wirklichen Reihenfolge die Wahrheit verbarg.
§ 102
1. Nun betet der Gnostiker auch im Gedanken zu jeder Zeit, da er durch die Liebe eng mit Gott verbunden ist. Und an erster Stelle wird er Vergebung der Sünden erbitten, und dann wird er nach der Bitte, daß er nicht mehr sündigen möge, noch darum bitten, daß er Gutes tun kann und daß er die ganze Schöpfung und Weltordnung, die sich nach dem Willen des Herrn vollzieht, verstehen möge,
2. damit er endlich, „reinen Herzens“ geworden, durch die von dem Sohne geschenkte Erkenntnis in die selige Schau „von Angesicht zu Angesicht“ eingeweiht werde, nachdem er das Schriftwort vernommen hatte: „Gut ist Fasten mit Gebet.“
3. „Fasten“ bedeutet aber, daß man sich überhaupt alles Bösen enthält, sowohl in Taten als auch in Worten als auch selbst in Gedanken.
4. Die Gerechtigkeit gleicht also, wie es scheint, einem Quadrat, da sie nach allen Seiten hin gleich und eine und dieselbe ist, in Wort und Tat, im Vermeiden von Bösem und im Tun von Gutem, in gnostischer Vollkommenheit, ohne nach irgendeiner Seite hin irgendwie zu erlahmen, damit sie nicht als ungerecht und unbillig erscheine.
5. Insofern also jemand gerecht ist, insofern ist er durchaus auch gläubig; insofern er aber gläubig ist, ist er noch nicht zugleich gerecht, wobei ich an die Gerechtigkeit denke, die bereits Fortschritte gemacht hat und zur Vollkommenheit gelangt ist, in dem Sinn, in dem der Gnostiker gerecht genannt wird.
§ 103
1. So wurde dem Abraham, daß er gläubig geworden war, „zur Gerechtigkeit gerechnet“, indem er so zu einer höheren und vollkommeneren Stufe emporgestiegen war, als es der Glaube ist.
2. Denn wer sich nur vor der schlechten Tat hütet, ist noch nicht gerecht, wenn er nicht mit Anstrengung noch das Vollführen guter Taten und die Erkenntnis davon hinzugefügt, aus welchem Grunde man das eine unterlassen, das andere tun muß.
3. „Durch die Waffen der Gerechtigkeit zu Angriff und Verteidigung“ gelange der Gerechte, sagt der Apostel, zu dem höchsten 308 Erbe, indem er von den Waffen der einen Art geschützt sei, mit der anderen dagegen Taten vollbringe.
4. Denn der zum Schutz bestimmte Teil der Gesamtrüstung und das Vermeiden von Verfehlungen genügt für sich allein nicht zur Vollkommenheit, wenn nicht die Tat der Gerechtigkeit, die Vollführung guter Taten, hinzukommt.
5. Dann erst offenbart sich unser Gnostiker, der zu beiden Dingen geschickt ist, in Gerechtigkeit, und von jetzt an ist sein Antlitz wie das des Moses erleuchtet, was wir an einer früheren Stelle das kennzeichnende Merkmal der gerechten Seele genannt haben.
6. Denn wie bei der Wolle die beizende Farbe haften bleibt und die Eigenart und den Unterschied von anderen Wollen bewirkt, so vergeht auch bei der Seele die Mühe, es bleibt aber das Schöne, und das Angenehme schwindet dahin, und das Häßliche prägt sich fest ein.
7. Denn dies sind die kennzeichnenden Eigenschaften der beiden verschiedenen Seelenarten, und durch sie wird die eine als verherrlicht, die andere als verurteilt erkannt.
§ 104
1. Wenn sich indessen bei Moses infolge seines gerechten Handelns und seines unablässigen Verkehrs mit Gott, der mit ihm sprach, eine strahlende Färbung auf sein Angesicht legte, so legt sich auch auf die Seele des Gerechten infolge der Fürsorge und der Weissagung und des Waltens Gottes eine göttliche Macht der Güte und prägt ihr eine Art von geistigem Abglanz wie von Sonnenwärme ein, ein deutlich kenntliches „Siegel der Gerechtigkeit“, ein mit der Seele durch unveränderliche, Gott verehrende und von göttlichem Geist ergriffene Liebe verbundenes Licht.
2. Da entsteht dann für den Gnostiker die Ähnlichkeit mit dem göttlichen Heiland, da er, soweit es für einen Menschen seiner Natur nach möglich ist, vollkommen wird, „wie der Vater“, so heißt es, „im Himmel“.
3. Er selbst ist es, der gesagt hat: „Kinder, noch kurze Zeit bin ich bei euch“, da auch Gott nicht, soweit er seinem Wesen nach gut ist, deswegen selig und unsterblich bleibt, „indem er weder selbst Mühen hat noch 309 anderen Mühen macht“, sondern dadurch, daß er in der ihm eigenen Weise Gutes tut und in unaufhörlichem Gutestun wahrhaft Gott und guter Vater ist und sich als solcher bewährt, bleibt er ohne jede Veränderung in dem gleichbleibenden Zustand der Güte. Denn was wäre ein Gutes nütze, wenn es nicht tätig wäre und nicht Gutes wirkte?