§ 149
1. Aber, wie es scheint, verwenden die Philosophen der Griechen das Wort „Gott“, ohne ihn zu kennen, da sie Gott nicht so verehren, wie es Gottes würdig ist. Die philosophischen Lehren gleichen bei ihnen, wie Empedokles sagt, dem, „Was durch die Zunge der Menge gesprochen und ohne Begründung Aus ihrem Munde entströmt ist, obwohl sie vom Ganzen nichts sahen“.
2. Denn wie die Kunst das Sonnenlicht durch ein mit Wasser gefülltes Glasgefäß hindurchleitet, um so Feuer zu entzünden, so nimmt auch die Philosophie aus der göttlichen Schrift die Glutkohlen und tritt dann in wenigen Punkten in Erscheinung.
3. Wie indessen alle Lebewesen die gleiche Luft atmen, aber nicht alle in gleicher Weise und zum gleichen Zweck, so befaßt sich auch die große Mensge mit der Wahrheit, vielmehr mit dem Reden von der Wahrheit.
4. Denn sie sagen nicht etwas über Gott, sondern übertragen ihre eigenen Leidenschaften auf Gott und 342 sprechen ausführlich davon. Ihr Leben besteht nämlich darin, daß sie das Wahrscheinliche, nicht die Wahrheit suchen. Die Erkenntnis der Wahrheit wird aber nicht durch Nachahmen, sondern durch Lernen gewonnen.
5. Denn wir glauben an Christus nicht, damit wir gut zu sein scheinen, wie wir auch nicht in die Sonne gehen, damit man sieht, daß wir in der Sonne sind, sondern dies tun wir, um warm zu werden, und in jenem Fall trachten wir mit Gewalt darnach, Christen zu sein, um wacker und gut zu sein; denn sicherlich „ist das Königtum der Gewalttätigen“, die durch vollkommenes Suchen und Lernen und Üben es erreichen, Könige zu werden.
§ 150
1. Wer also nur den Schein nachahmt, der verfälscht auch die den Menschen innewohnende Vorstellung. Wenn aber jemand von irgendeinem Gegenstand gleichsam eine glühende Kohle erhalten und diese im Innern seiner Seele durch Begierde und Lernen angefacht hat, so setzt er daraufhin alles in Bewegung, um zur vollkommenen Erkenntnis zu gelangen.
2. Wenn sich aber jemand einer Sache nicht zu bemeistern sucht, so sehnt er sich auch nicht darnach und freut sich nicht an dem durch die Sache gewährten Nutzen.
3. Zuletzt also ahmt der Gnostiker am Ende aller sittlich guten Taten den Herrn nach, indem er, soweit es für Menschen erreichbar ist, von dem Herrn eine Eignung dazu erlangt hat, Gott ähnlich zu werden. Wer aber von der Erkenntnis nichts weiß, der kann auch die Wahrheit nicht richtig beurteilen.
4. Es ist also nicht möglich, an den gnostischen Grundsätzen Anteil zu erhalten, wenn wir uns nicht von unseren früheren Anschauungen frei machen. Denn das Wort „Wahrheit“ wird einfach so ganz allgemein von allem, was geistig oder sinnlich wahrnehmbar ist, gebraucht.
5. Dem entstpricht es, daß man auch eine wahrhaftige Malerei im Gegensatz zu der gewöhnlichen sehen kann und eine ernste Musik im Gegensatz zu der zuchtlosen. Und demnach gibt es auch eine Wahrheit in der Philosophie, die von der Lehre der übrigen Philosophen verschieden ist, und eine wahrhaftige Schönheit, die von der verfälschten verschieden ist.
6. Wir dürfen uns also nie um die einzelnen Teile der Wahrheit, von denen das Wort „Wahrheit“ gebraucht wird, sondern 343 müssen uns um die Wahrheit selbst bemühen, statt darnach zu streben, Worte zu lernen.
7. Denn der Begriff „Gott“ ist nicht einfach, sondern tausendfältig, und es ist ein Unterschied, ob man nach Gott selbst sucht oder nach dem, was mit Gott zusammenhängt. Allgemein gesagt, man muß bei jeder Sache von dem Wesen die zufälligen Eigenschaften unterscheiden.
§ 151
1. Und es genügt mir, zu sagen, daß Gott der Herr über alles ist. Ich sage aber völlig ohne jede Einschränkung „Herr über alles“, wobei nichts ausgenommen ist und wegbleibt.
2. Da es nun zwei Formen der Wahrheit gibt, die Wörter und die Sachen, so reden die einen von den Wörtern; das sind diejenigen, die sich mit der Schönheit der Sprache befassen, nämlich die Philosophen bei den Griechen; die Sachen aber sind bei uns, den Barbaren, zu finden.
3. Darum entschloß sich der Herr nicht ohne Grund, eine einfache körperliche Gestalt anzunehmen, damit niemand über dem Lob der anmutigen Erscheinung und über der Bewunderung für seine Schönheit versäume, sich um seine Worte zu kümmern, und nicht über der Aufmerksamkeit auf das Vergängliche sich von dem Geistigen fernhalten lasse.
4. Man soll also nicht auf den sprachlichen Ausdruck, sondern auf den Sinn achten. Wer sich nur um den sprachlichen Ausdruck kümmert und sich nicht um die Erkenntnis bemüht, dem wird die Lehre nicht anvertraut, da ja auch die Raben Menschenstimmen nachahmen, ohne eine Ahnung von der Sache zu haben, von der sie reden; eine verständige Erfassung aber steht in naher Beziehung zum Glauben.
5. So sagte auch Homeros „Vater der Menschen und Götter“, ohne zu wissen, wer der Vater ist und wie er der Vater ist.
§ 152
1. Wie es aber für den, der Hände hat, etwas Natürliches ist, zu fassen, und für den, der gesunde Augen hat, das Licht zu sehen, so ist es für den, der den Glauben ergriffen hat, etwas Natürliches, Erkenntnis zu gewinnen, wenn er Verlangen darnach trägt, an dem gelegten Grund weiterzuarbeiten und darauf mit Gold, Silber, Edelsteinen weiterzubauen.
2. Er verspricht also nicht, er wolle bereit sein, Anteil an der Wahrheit zu nehmen, sondern er fängt 344 damit an. Und es geziemt sich nicht, daß man es für die Zukunft vorhat, sondern daß man königlich und erleuchtet und gnostisch sofort ist; und ebenso gehört es sich nicht, daß man nur dem Wort nach und nicht mit der Tat bereit ist, die Arbeiten anzufassen.
3. Da nämlich Gott gut ist, begann er wegen des Wesens, das zur Herrschaft über die ganze Schöpfung bestimmt war, und weil er es retten wollte, auch die übrigen Wesen zu erschaffen, indem er von Anfang an ihnen als erste Wohltat dies erwies, daß sie überhaupt entstanden; denn wohl jeder wird zugeben, daß das Sein um vieles besser ist als das Nichtsein. Sodann entwickelt sich jedes und entwickelt sich noch, soweit es seiner Natur nach möglich war, fortschreitend zu einem besseren Zustand als dem bisherigen.
§ 153
1. Daher ist es nicht ungereimt, zu behaupten, daß auch die Philosophie von der göttlichen Vorsehung gegeben worden ist, um auf die durch Christus zu geschehende Vollendung vorzubereiten, wenn nur die Philosophie es nicht verschmäht, bei der barbarischen Erkenntnis in die Schule zu gehen und zur Wahrheit fortzuschreiten.
2. Aber „die Haare sind gezählt“ und die kleinsten Bewegungen; wie sollte da die Philosophie nicht auch mitgerechnet sein?
3. Freilich wurde auch dem Simson seine Kraft in den Haaren gegeben, damit er einsehe, daß auch die geringgeachteten Fertigkeiten in diesem Leben, die nach dem Abscheiden der Seele auf dem Boden liegen und hier bleiben, nicht ohne die göttliche Macht gegeben werden.
4. So dringt, das will jenes Wort besagen, die Vorsehung aus der Höhe von dem Wichtigsten wie von einem Haupte bis zu allem durch. „Wie die Salbe“, so heißt es, „die auf den Bart Aarons hinabfließt und auf den Saum seines Gewandes“ (das heißt des großen Hohenpriesters, „durch den alles wurde und ohne den auch nicht eines wurde“), nicht auf den Schmuck des Körpers selbst; vielmehr ist die Philosophie außerhalb des Volkes wie das Kleid (außerhalb des Körpers)
§ 154
1. Wenn also die Philosophen, die durch den ihnen gegebenen, zum Wahrnehmen befähigten Geist zu dem ihnen eigenen Verständnis geschult wurden, sich nicht nur um einen Teil der Philosophie, sondern um die 345 vollkommene Philosophie bemühen und wahrheitsliebend und bescheiden auch hinsichtlich des bei den Andersdenkenden trefflich Gesagten die Wahrheit bezeugen, dann machen sie zur Klugheit hin Fortschritte, entsprechend der göttlichen Weltordnung, der unaussprechlichen Güte, die die Natur aller Dinge jedesmal, soweit es möglich ist, zum Besseren hinführt.
2. Wenn sie dann nicht nur mit Griechen, sondern auch mit Barbaren zusammenkommen, werden sie aus der allen gemeinsamen Schulung zu dem für sie besonderen Verständnis geführt, damit sie so zum Glauben gelangen.
3. Wenn sie die Grundvoraussetzungen der Wahrheit angenommen haben, dann erlangen sie die Fähigkeit, weiter zur Forschung fortzuschreiten, und dann werden sie, nachdem sie Schüler geworden sind, von Liebe erfüllt; da sie aber nach Erkenntnis verlangen, streben sie zum Heil.
4. In diesem Sinne sagt die Schrift, daß den Werkmeistern „Geist des Verstandes“ von Gott gegeben worden sei; das ist aber nichts anderes als Klugheit, die Fähigkeit der Seele, das Seiende zu betrachten und das Übereinstimmende, das Ähnliche und das Unähnliche zu unterscheiden und zu vergleichen und zu gebieten und zu verbieten und die Zukunft durch Vermuten zu erschließen. Sie erstreckt sich aber nicht nur auf die Fertigkeiten, sondern auch auf die Philosophie selbst.
§ 155
1. Warum ist denn nun auch die Schlange „klug“ genannt worden? Deswegen, weil man auch bei den bösen Handlungen eine gewisse Folgerichtigkeit und eine Fähigkeit, zu unterscheiden und zu vergleichen und die Zukunft zu erschließen, wahrnehmen kann.
2. Und die meisten Freveltaten bleiben deswegen verborgen, weil die Übeltäter es zu ihrem Vorteil fertig bringen, überall und in jeder Hinsicht der Bestrafung zu entgehen.
3. Die Klugheit (phronesis (xxx)) ist aber mannigfaltig und erstreckt sich über die ganze Welt und über alle menschlichen Dinge; sie ändert aber bei jedem einzelnen von diesen Umständen ihre Benennung, und wenn sie sich mit der Frage nach den ersten Ursachen befaßt, dann heißt sie Denkkraft; wenn sie aber deren Ergebnis durch beweiskräftige Rede bestärkt, wird sie Erkenntnis und Weisheit und Wissen genannt; wenn sie sich aber mit den auf die Frömmigkeit bezüglichen Fragen beschäftigt und ohne wissenschaftliche Untersuchung die 345 Lehre von den ersten Ursachen entsprechend der ihr eigenen Beobachtung tätigen Wirkens annimmt, dann heißt sie Glaube; und wenn sie beim sinnlich Wahrnehmbaren das Scheinbare, soweit es bei diesen Dingen möglich ist, als wahr erweist, heißt sie richtige Meinung, und bei den auf Handarbeit beruhenden Werken heißt sie Kunstfertigkeit; wo sie aber ohne wissenschaftliche Untersuchung der ersten Ursachen auf Grund der Beobachtung des Ähnlichen und Übertragung davon einen Anfang und einen dauernden Zustand feststellt, heißt sie Erfahrung. 4. Ihr eigenartig und in der Tat wirksam und beherrschend ist jener Heilige Geist, den der Gläubiggewordene nach dem zuversichtlichen Ergreifen des Glaubens auf Grund der göttlichen Vorsehung zu allem hinzu erhält.
§ 156
1. Da die Philosophie, wie durch das zuvor Gesagte klargelegt ist, eine ganz ausgezeichnete Fähigkeit des Wahrnehmens erhalten hat, besitzt sie Klugheit.
2. Die verständige Behandlung des geistig Wahrgenommenen zusammen mit Auswahl und Zustimmung heißt Dialektik; diese ist fähig, das über die Wahrheit Gesagte durch Beweis zu bekräftigen und die vorgebrachten Bedenken zu beseitigen.
3. Wer also behauptet, daß die Philosophie nicht mit Gottes Willen hierher gekommen sei, der sagt damit vielleicht zugleich, daß Gott unmöglich alle einzelnen Dinge kennen könne und daß er auch nicht Urheber alles Guten sei, auch wenn jedes davon zu den Einzeldingen gehöre.
4. Es wäre aber überhaupt nichts von dem, was ist, entstanden, wenn Gott es nicht gewollt hätte. Wenn er es aber wollte, so stammt von Gott die Philosophie, wobei er wollte, daß sie so sei, wie sie ist, wegen derer, die auf keine andere als auf diese Weise dazu gebracht werden konnten, sich des Bösen zu enthalten.
5. Denn Gott weiß alles, nicht nur das, was ist, sondern auch das, was sein wird und wie jegliches sein wird; und da er jede einzelne Bewegung voraussieht, „erblickt er und höret er alles“, indem er das Innere der Seele unverhüllt sieht, und er hat von Ewigkeit her die Vorstellung von jeder Einzelheit.
6. Und was auf den Theatern und bei der Betrachtung aller einzelnen Teile vermittelst des Anschauens und des Ringsumbeschauens und des Zusammenschauens geschieht, das ist auch bei Gott der Fall.
7. Denn alles zusammen 347 und jedes einzelne für sich sieht er mit einem einzigen Blick, jedoch nicht alles so, daß er seine Augen mit einer allem anderen vorangehenden Wirkung darauf richtet.
§ 157
1. Denn vieles im Leben tritt doch gewiß in die Erscheinung auch infolge der Überlegung eines Menschen, nachdem es den ersten Keim von Gott empfangen hatte.
2. So kommt z.B. die Gesundheit durch die Heilkunst und das körperliche Wohlbefinden durch die Übung in den Ringschulen und der Reichtum durch die Kunst, sich ein Vermögen zu erwerben, zustande und tritt so in Erscheinung zwar entsprechend der göttlichen Vorsehung, aber doch unter Mitwirkung von Menschen.
3. Von Gott kommt aber auch die Einsicht. Dementsprechend gehorcht dem Willen Gottes vor allem das Streben der guten Menschen. Deshalb sind viele Vorzüge den guten und den schlechten Menschen gemeinsam, aber trotzdem gereichen sie zum Nutzen nur den Guten und Edlen, derentwegen Gott sie geschaffen hat. Denn zum Gebrauch durch die Guten ist die Wirkung der göttlichen Gaben geschaffen.
4. Aber auch die Vorstellungen der tugendhaften Menschen entstehen unter dem Einfluß des göttlichen Geistes, indem die Seele in einer bestimmten Richtung beeinflußt und der göttliche Wille in die menschlichen Seelen eingesenkt wird, wobei die für die einzelnen Aufgaben bestimmten göttlichen Diener bei den Dienstleistungen dieser Art mithelfen.
5. Denn auf die Völker und Städte ist die Fürsorge der Engel verteilt; vielleicht sind aber auch einigen einzelnen Menschen einzelne Engel zugeordnet.
§ 158
1. Der Hirte sorgt jedenfalls auch für jedes einzelne seiner Schafe, und vor allem wird allen denen unmittelbarer Fürsorge zuteil, die durch ihre Naturanlage hervorragen und fähig sind, der großen Menge zu nützen.
2. Das sind aber die zu Führern und zu Erziehern Geeigneten, durch die die Wirkung der Vorsehung besonders deutlich zutage tritt, wenn Gott entweder durch Erziehung oder durch besondere Führung und Leitung den Menschen etwas Gutes tun will.
3. Er will dies aber zu jeder Zeit. Deshalb regt er die Geeigneten dazu an, in nützlicher Weise das auszuführen, was zur Tugend und zum Frieden und zu rechtschaffenem Handeln anleitet.
4. Alles Tugendhafte 348 geht aber von der Tugend aus und führt auf die Tugend zurück, und es ist entweder dazu gegeben, daß man sittlich tüchtig wird, oder dazu, daß man, wenn man dies schon ist, die natürlichen Vorzüge gut verwendet; denn das Tugendhafte hilft mit sowohl bei dem Allgemeinen als auch bei den Einzelheiten.
§ 159
1. Wie sollte es nun nicht sinnlos sein, wenn man die Unordnung und das Unrecht dem Teufel zuschreibt und diesen doch zum Geber einer trefflichen Sache wie der Philosophie macht?
2. Denn dann hätte er wohl den Griechen dazu, daß sie gute Männer werden, freundlichere Hilfe geleistet als die Vorsehung und der Ratschluß Gottes.
3. Umgekehrt ist es, meine ich, doch Sache des Gesetzes und jeder richtigen Ordnung, einem jeden das ihm Zukommende und das ihm Eigene und das Angemessene zu geben.
4. Denn wie die Lyra nur dem Kitharaspieler und die Flöte nur dem Flötenbläser zusteht, so sind die Vorzüge der Besitz der guten Menschen, und das Gutestun ist gleichsam die natürliche Eigenschaft des Guttäters wie dies des Feuers das Wärmen und die des Lichtes das Leuchten. 5. Ein Guter wird aber wohl nichts Böses tun, wie ja auch das Licht nicht dunkel und das Feuer nicht kalt machen wird.
6. Ebenso wird andererseits die Schlechtigkeit nichts Tugendhaftes tun; denn die ihr eigene Tätigkeit ist das Bösestun ebenso wie die der Dunkelheit, das Sehen unmöglich zu machen. Die Philosophie kann also, da sie die Menschen tugendhaft macht, kein Werk der Schlechtigkeit sein.
7. So bleibt denn nur übrig, daß sie Gottes Werk ist, dessen einzige Tätigkeit das Gutestun ist, und alles, was von Gott gegeben wird, das wird zum Guten gegeben und empfangen.
8. Tatsächlich ist die Beschäftigung mit der Philosophie nicht Sache schlechter Menschen; aber wenn sie den Besten unter den Griechen gegeben ist, dann ist auch offenbar, von wem sie gegeben ist, nämlich ohne Zweifel von der Vorsehung, die jedem einzelnen das ihm Zukommende nach Gebühr zuteilt.
9. Mit Recht haben also die Juden das Gesetz, die Griechen die Philosophie bis zu der Erscheinung des Herrn; von da an aber findet die allgemeine Berufung statt, indem der eine, der allein Gott beider, der Griechen und der Barbaren, vielmehr des ganzen 349 Menschengeschlechtes ist, durch einen einzigen, den Herrn, entsprechend der aus dem Glauben erwachsenden Lehre, zu einem auserlesenen Volk der Gerechtigkeit versammelt.
§ 160
1. Als Philosophie haben wir oft die in der Philosophie vorhandene Fähigkeit, die Wahrheit zu erlangen, bezeichnet, wenn es ihr auch nur teilweise gelingt. Ferner hat auch das in den Künsten vorhandene Gute, soweit davon bei den Künsten geredet werden kann, seinen Ursprung in Gott.
2. Denn wie die Fähigkeit, etwas kunstvoll zu machen, aus den Grundsätzen der Kunst hervorgeht, so ist das kluge Handeln der Klugheit untergeordnet; die Klugheit ist aber eine Tugend; und ihr eigentümlich ist es, sowohl das übrige als auch, und zwar dies noch viel früher, ihr eigenes Wesen kennenzulernen. Und die Weisheit, die eine Fähigkeit ist, ist nichts anderes als das Wissen um die göttlichen und menschlichen Güter.
3. „Gottes ist die Erde und ihre Fülle“, hat die Schrift gesagt, um damit zu lehren, daß das Gute von Gott zu den Menschen komme, indem durch Gottes Stärke das Gute verteilt wird, um den Menschen zu helfen.
4. Nun gibt es drei Arten von jeder Förderung und jeder Gabe, die dem einen von einem anderen zuteil wird; die eine besteht darin, daß man immer zur Seite steht und hilft, wie es der Gymnastiklehrer macht, der den Knaben an eine Haltung gewöhnen will; die zweite Art besteht in der Anregung zur Nachahmung, wie es der tut, der einen anderen zu einem Opfer antreibt, indem er selbst zuerst etwas hingibt; und der eine hilft zugleich dem Lernenden, der andere unterstützt zugleich den Empfangenden. Die dritte Art besteht darin, daß man Anweisungen gibt: das ist der Fall, wenn der Gymnastiklehrer den Lernenden nicht mehr selbst in eine bestimmte Form bringt und auch nicht selbst den Ringerkunstgriff dem Knaben zur Nachahmung vormacht, sondern ihn als einen, der schon recht geübt ist, den Kunstgriff zu machen heißt, indem er diesen nur mit seinem Namen bezeichnet.
§ 161
1. Der Gnostiker also, der von Gott die Fähigkeit erhalten hat, zu nützen, fördert die einen, indem er ihnen immer helfend zur Seite steht und sie an die richtige Haltung gewöhnt, die anderen, indem er sie zur Nachahmung 350 antreibt, die anderen wieder, indem er sie durch Anweisung erzieht und belehrt. Selbstverständlich hat er auch selbst durch die gleichen Mittel Hilfe von dem Herrn erhalten.
2. So wird also auch die von Gott auf den Menschen sich erstreckende Hilfe bekannt, indem die Engel zu ihrer Annahme mitauffordern; denn auch durch die Vermittlung der Engel bietet die göttliche Macht das Gute dar, mögen sie nun gesehen werden oder nicht. So beschaffen ist auch die Art und Weise bei der Erscheinung des Herrn.
3. Manchmal beeinflußt die (göttliche) Macht auch die Vorstellungen und die Gedanken der Menschen und flößt ihren Sinnen Kraft und genaueres Verständnis ein und gewährt ihnen den kühnen Mut eifrigen Strebens für die Forschung und für die Tat.
4. Trotzdem sind uns auch noch zur Nachahmung und zum Ähnlichwerden als etwas wirklich Wunderbares und Heiliges die Vorbilder der Tüchtigkeit durch die schriftlich überlieferten Taten vor Augen gestellt.
5. Und die Art, die mit Anweisungen wirkt, ist am deutlichsten in Erscheinung getreten durch die Testamente des Herrn und durch die Gesetze bei den Griechen, aber auch durch die Lebensregeln in der Philosophie.
6. Kurz gesagt: Jede das Leben fördernde Hilfe wird, wenn man auf die letzte Ursache zurückgeht, von dem allmächtigen Gott, dem Vater, der unser aller Führer ist, durch den Sohn vollführt, der deswegen auch, wie der Apostel sagt, „Heiland aller Menschen, vor allem aber der Gläubigen“ ist; wenn man aber auf das Nächstliegende schaut, kommt das Gute von denen, die jedem einzelnen Menschen am nächsten stehen, gemäß der Anordnung und dem Befehl des Herrn, der der ersten Ursache am nächsten steht.