§ 108
311 1. Von solchen sagt David: „Sie werden ruhen auf dem heiligen Berge Gottes“, in der obersten Gemeinde, in der die Philosophen Gottes versammelt werden, die „wahren Israeliten“ und diejenigen, die „reinen Herzens“ sind, an denen „kein Falsch“ ist, die nicht in der Siebenzahl der Ruhe geblieben, sondern durch die gute Tat der Annäherung an Gott bis zur Erbschaft des dem Bereich der Achtzahl angehörenden Gutestuns emporgestiegen sind und sich dem reinen Schauen unaufhörlicher Betrachtung hingeben.
2. „Es gibt aber auch andere Schafe“, sagt der Herr, „die nicht aus diesem Stall sind“, da sie ihrem Glauben entsprechend auch eines anderen Stalles und einer anderen Wohnung gewürdigt worden sind.
3. „Und meine Schafe hören meine Stimme“, indem sie auf gnostische Weise die Gebote verstehen; das bedeutet aber, sie hochsinnig und ihrer Bedeutung entsprechend aufzufassen und zugleich die Werke pflichtgemäß zu erweisen, die die Erkenntnis notwendig begleiten müssen.
4. Wenn wir daher hören: „Dein Glaube hat dich gerettet“, so fassen wir das nicht einfach so auf, daß er damit sagen wolle, alle, die wie auch immer zum Glauben gelangt seien, würden gerettet werden, auch wenn die Werke nicht dazu kämen.
5. Er sagte ja dieses Wort nur zu den Juden, die gesetzestreu und untadelig gelebt hatten, denen also nur noch der Glaube an den Herrn mangelte.
§ 109
1. Es ist also nicht möglich, daß jemand gläubig und zugleich zuchtlos ist; vielmehr muß er, wenn er auch nicht aus dem Fleisch ausscheidet, doch die Leidenschaften von sich ablegen, damit er in die ihm bestimmte Wohnung gelangen kann.
2. Mehr aber als das Glauben ist das Erkennen, ebenso wie natürlich auch mehr als das Gerettetwerden ist, wenn man nach dem Gerettetwerden der höchsten Ehre gewürdigt wird.
3. Infolge gründlicher Erziehung muß daher unser Gläubiger erst die Leidenschaften ablegen, um dann in eine Wohnung zu gelangen, die besser als seine frühere ist, wobei er als schwerste Strafe die besonders geartete Reue über diejenigen Sünden bei sich 312 trägt, die er nach der Taufe begangen hat.
4. Er ist wenigstens noch mehr darüber betrübt, daß er entweder noch nicht oder überhaupt nicht das erreicht hat, woran andere, wie er sieht, bereits Anteil haben.
5. Außerdem schämt er sich aber auch über seine Verfehlungen, und dies ist die größte Strafe für den Gläubigen. Denn gut ist die Gerechtigkeit Gottes, und gerecht ist seine Güte.
6. Und wenn auch wohl die Strafen dann aufhören, wenn die Vergeltung für jede einzelne Schuld und die Reinigung davon vollendet ist, so bleibt bei denen, die nur des anderen Stalles für würdig erfunden wurden, doch dauernd die überaus große Trauer darüber bestehen, daß sie nicht mit denen zusammen sind, die wegen ihrer Gerechtigkeit verklärt sind.
§ 110
1. Dementsprechend sagt Salomon, indem er den Gnostiker einen Weisen nennt, von denen, die sich über die Erhabenheit seiner Wohnung wundern, folgendes: „Denn sie werden das Ende des Weisen sehen und nicht verstehen, was Gott über ihn beschlossen und wohin der Herr ihn in Sicherheit gebracht hat.“
2. Und über seine Ehre werden sie sagen: „Dieser ist es, den wir einst zum Gegenstand unseres Gelächters und zum Spottlied unseres Hohnes gemacht hatten, wir Toren. Seine Lebensweise hielten wir für Wahnsinn und sein Lebensende für ehrlos. Wie kommt es nun, daß er unter die Kinder Gottes gerechnet wurde und daß sein Los unter den Heiligen ist?“
3. Also wird nicht nur der Gläubige, sondern auch der Heide auf das gerechteste gerichtet. Denn da Gott, der ja die Zukunft kennt, wußte, daß dieser nicht glauben würde, gab er ihm trotzdem, damit er zu der für ihn möglichen Vervollkommnung gelangen könne, die Philosophie, aber vor der Zeit des Glaubens, und gab ihm die Sonne und den Mond und die Sterne zur Verehrung; denn diese hat Gott, wie das Gesetz sagt, für die Heidenvölker geschaffen, damit sie nicht gänzlich gottlos würden und gänzlich auch zugrunde gingen.
4. Aber diejenigen, die sich auch diesem Gebot gegenüber als unverständig erwiesen und geschnitzte Bildwerke verehrten, werden, falls sie nicht Buße tun, gerichtet; die einen, weil sie Gott nicht glauben 313 wollten, obwohl sie es gekonnt hätten, die anderen, weil sie, trotzdem sie es auch wollten, es doch nicht fertigbrachten, gläubig zu werden.
§ 111
1. Indessen werden auch jene gerichtet, die von der Verehrung der Gestirne nicht den Weg empor zu dem Schöpfer fanden. Denn das war ein Weg, der den Heidenvölkern gegeben worden war, damit sie durch die Verehrung der Gestirne hindurch sich zu Gott emporarbeiten sollten.
2. Diejenigen aber, die bei diesen ihnen gegebenen Gestirnen nicht bleiben wollten, sondern von ihnen noch tiefer zu Stein und Holz herabsanken, die sind, wie es heißt, „der Spreu gleichgeachtet und dem Tropfen, der vom Kruge herabfällt“; sie finden keine Aufnahme mehr in die Schar der Geretteten; sie können nicht Glieder des Körpers bleiben.
3. Wie es nun zu den Handlungen mittleren Wertes gehört, wenn man einfach die Rettung herbeiführt, es dagegen eine vollkommene sittliche Handlung ist, wenn man dies richtig tut und so, wie es sich gebührt, so ist auch jede Handlung des Gnostikers eine vollkommene sittliche Handlung mittleren Wertes zu nennen, da sie noch nicht dem Logos gemäß ausgeführt und gewiß nicht mit reifem Verständnis vollendet wird, und umgekehrt ist jede Handlung eines Heiden sündhaft zu nennen; denn nicht das Gutestun an und für sich, sondern eine Handlungsweise, bei der man seine Taten mit dem Blick auf ein bestimmtes Ziel durchführt und sie vernunftgemäß zustande bringt, bezeichnet die Schrift als pflichtgemäßes Handeln.
§ 112
1. Wie daher diejenigen,die des Leierspielens unkundig sind, keine Leier, und diejenigen, die nicht Flöte blasen können, keine Flöte in die Hand nehmen sollen, so sollen auch die eine Tat nicht beginnen, die die Erkenntnis nicht erlangt haben und nicht wissen, wie man in seinem ganzen Leben handeln soll.
2. Den Kampf um die Freiheit führen nicht nur in den Kriegen die Frontkämpfer, sondern auch bei Trinkgelagen und auf dem Ehebett und in den Gerichtssälen diejenigen, die sich mit dem Logos 314 zum Kampf gerüstet haben und die sich davor schämen, Kriegsgefangene der Lust zu werden: „Nicht gebe ich jemals für unrechtmäßigen Vorteil die Tugend preis.“
3. Ein wirklich „unrechtmäßiger Vorteil“ sind aber Lust und Trauer, Sehnsucht und Furcht und überhaupt die Leidenschaften der Seele, bei denen das, was für den Augenblick Ergötzen bringt, in der Zukunft Leid verursacht. „Denn was nützt es, wenn du die Welt gewinnst“, so heißt es, „aber deine Seele verlierst?“
4. Es ist also klar, daß die, welche keine guten Taten vollbringen, auch nicht wissen, was ihnen nützlich ist. Wenn aber dem so ist, so sind sie auch nicht imstande, in rechter Weise darum zu beten, daß sie von Gott das Gute erhalten, da sie ja das wahrhaft Gute nicht kennen; Und selbst wenn sie es bekämen, so würden sie die Gabe nicht zu schätzen wissen und sich nicht in der richtigen Weise das zunutze machen, was sie nicht richtig erkannt hätten, sowohl weil sie nicht geübt darin sind, das ihnen Gegebene gut zu verwenden, als auch weil sie allzu wenig gelernt haben, insofern sie noch nicht erkannt haben, wie man die Gabe Gottes benützen muß. Denn Mangel an Lernen ist die Ursache der Unwissenheit.
§ 113
1. Und es scheint mir das großsprecherische Wort einer prahlerischen Seele zu sein, die aber doch ein gutes Gewissen hat, wenn man den Zufälligkeiten, die das Schicksal mit sich bringt, zuruft: „Darum komme, was mag, und beginne den Kampf! Denn mit mir wird das Recht Als Genosse im Kampf und die Billigkeit stehn, Und nichts bringt mich zu Fall, wenn ich recht tu’.“
2. Ein solches gutes Gewissen wahrt die Frömmigkeit gegenüber Gott und die Gerechtigkeit gegenüber den Menschen und erhält die Seele rein durch ehrbare Gedanken und heilige Worte und gerechte Taten.
3. So gewinnt die Seele Kraft von dem Herrn und strebt darnach, Gott zu sein, indem sie nichts für ein Übel hält als den Mangel an Erkenntnis und als ein Handeln, das der rechten 315 Lehre nicht entspricht, und indem sie immer Gott für alles dankt durch gerechtes Hören und göttliches Lesen, durch wahres Forschen, durch heiliges Opfer, durch seliges Gebet, und lobt, rühmt, preist und Psalmen singt; denn eine solche Seele wird nie und bei keinem Anlaß von Gott geschieden.
4. Daher ist mit Recht gesagt: „Und die, so auf ihn trauen, werden die Wahrheit erkennen. und die Gläubigen werden in Liebe bei ihm verbleiben.“ Du siehst, wie Großes die Weisheit über die Gnostiker sagt.
§ 114
1. Dementsprechend sind also auch die Wohnungen je nach der Würdigkeit der Gläubigen verschieden. So sagt Salomon: „Denn ihm wird für seinen Glauben ein auserlesener Gnadenlohn geschenkt werden und ein herzerfreuenderer Besitz im Tempel des Herrn.“
2. Die Steigerungsform zeigt nämlich, daß es auch geringere Plätze in dem Tempel des Herrn gibt, womit die ganze Kirche gemeint ist, und läßt auch an die höchste Steigerungsform (den Superlativ) denken, nämlich den Ort, wo der Herr ist.
3. Auf diese drei Wohnungen, die für die Auserwählten bestimmt sind, deuten die Zahlen im Evangelium hin, die dreißig und die sechzig und die hundert.
4. Und das vollkommene Erbe wird denen zuteil, die nach dem „Vorbild“ des Herrn „zur vollkommenen Mannesreife“ gelangen. Die „Ähnlichkeit“ aber ist nicht, wie manche meinen, die hinsichtlich der menschlichen Gestalt (denn eine solche Folgerung ist gottlos),
5. aber auch nicht die hinsichtlich der Tugend, nämlich die Ähnlichkeit mit der ersten Ursache; denn gottlos ist auch diese Auffassung, wenn man annimmt, daß die nämliche Tugend bei einem Menschen und dem allmächtigen Gott zu finden sei. „Du wähntest“ so heißt es, „den frevelhaften Gedanken, daß ich dir gleich sein würde.“ Vielmehr „genügt es für den Schüler, zu werden wie der Lehrer“, sagt der Lehrer.
6. Der also, der Gott ähnlich geworden und deshalb in die 316 Sohnschaft und Freundschaft Gottes aufgenommen worden ist, wird infolge seiner Teilnahme an der Erbschaft unter die Herren und Götter versetzt, wenn er so, wie der Herr selbst lehrte, nach den Forderungen des Evangeliums vollkommen wird.