§ 4
1. Bevor wir aber mit dem eigentlichen Gegenstand unseres Buches beginnen können, müssen wir in Gestalt einer Einleitung dem Schlusse des fünften Buches der „Teppiche“ noch das hinzufügen, was dort noch fehlt.
2. Wir hatten nämlich nachgewiesen, daß die sinnbildliche Lehrweise etwas Althergebrachtes ist und daß nicht nur unsere Propheten sie verwendeten, sondern auch die meisten der alten Griechen und außerdem nicht wenige von den heidnischen Barbarenvölkern. Dann wäre es nötig gewesen, auch auf die Mysterien derer, die sich einweihen lassen, näher einzugehen. Dies verschiebe ich aber, um ausführlich davon zu handeln, wenn wir auf die Lehren der Griechen über die Uranfänge eingehen und sie widerlegen; wir werden nämlich beweisen, daß mit ihrer Anschauung über diese Fragen auch die Mysterien zusammenhängen.
3. Sodann wiesen wir nach, daß die Vorstellung des griechischen Denkens aus der durch die Heilige Schrift 236 uns überlieferten Wahrheit das rechte Licht erhielt; und indem wir es so auffaßten, daß in diesem Sinn ihnen der Diebstahl der Wahrheit vorzuwerfen sei, haben wir dies, wenn es nicht unbescheiden ist, dies zu behaupten, bewiesen; darum wollen wir jetzt zeigen, daß die Griechen sich selbst des Diebstahls an ihren eigenen Volksgenossen bezichtigen.
4. Denn wenn sie so offenbar einander ihr Eigentum wegnehmen, so machen sie es einerseits gewiß, daß sie Diebe sind, andererseits beweisen sie auch, ohne es zu wollen, daß sie sich unsere Wahrheit aneignen und heimlich zu ihren Stammesgenossen bringen. Denn wenn sie nicht einmal sich selbst gegenüber ehrlich sind, so werden sie schwerlich unser Eigentum unberührt lassen.
§ 5
1. Was nun die philosophischen Lehren betrifft, so will ich davon nicht reden, da ja diejenigen, die sich in die Schulrichtungen geteilt haben, um nicht als undankbar erwiesen zu werden, in ihren Schriften selbst zugestehen, die wichtigsten ihrer Lehrsätze von Sokrates erhalten zu haben.
2. Ich will aber nur wenige Zeugnisse von ganz bekannten und bei den Griechen berühmten Männern verwenden und, ohne mich um zeitliche Unterschiede zu kümmern, nachweisen, in welcher Art sie sich gegenseitig ausgeplündert haben; dann werde ich mich den folgenden Fragen zuwenden.
3. Nachdem also Orpheus gedichtet hatte: „Demnach gab es nichts andres so frech wie ein Weib und so schrecklich“,
4. sagt stracks Homeros: „Demnach gab es nichts andres so frech wie ein Weib und so gräßlich.“
5. Und nachdem Musaios geschrieben hatte: „Wie ja Geschicklichkeit immer der Körperstärke voransteht“,
6. sagt Homeros: „Weit mehr bedeutet die Klugheit beim Fällen der Bäume als Stärke.“
237 7. Und nachdem wieder Musaios gedichtet hatte: „Ebenso wie auch die Blätter hervorbringt die fruchtbare Erde Einige läßt sie an Bäumen verwelken und andere wachsen -, So auch wechselt die Erde Geschlecht und Gattung der Menschen“,
8. wandelt es Homeros so um: „Blätter schüttelt zu Boden der Wind, doch andre läßt wachsen Neu ergrünend der Wald, wenn die Stunde des Frühlings gekommen; So auch der Männer Geschlecht: dies wächst und jenes verschwindet.“
9. Wiederum als Homeros gesagt hatte: „Frevelhaft ist es, beim Anblick erschlagener Männer zu jubeln“,
10. schreiben ähnlich Archilochos und Kratinos, und zwar der eine: „Denn nicht edel ist’s, zu höhnen über tapfrer Männer Tod“,
11. während Kratinos in den „Lakonern“ sagt: „Für Menschen ist’s ein schrecklich Ding, Wenn man erschlagner Männer sich gewaltig rühmt.“
§ 6
1. Und wieder bildet Archilochos jenen Vers des Homeros um: „Ja, ich bin schuldig; ich kann es nicht leugnen; an Stelle von vielen…“
2. wenn er etwa so schreibt: „Ja, ich fehlte; doch auch andre hat wohl solche Schuld ereilt.“
238 3. Ebenso hat er auch jenen Hexameter: „Allen gemein ist der Kriegsgott, der oft auch den Tötenden tötet“, 4. etwas verändert und in folgender Form vorgebracht: „Ich will es tun; Denn in der Tat ist Ares allen Menschen gleich.“
5. Ferner ist es klar, daß er auch jenen Vers: „Siegesentscheidung verleiht den Menschen der Ratschluß der Götter“
6. in dem folgenden Vers umgedichtet hat: „Mache Mut dem jungen Kriegsvolk! Doch den Sieg verleiht nur Gott.“
§ 7
1. Nachdem wieder Homeros gesagt hatte: „Auf der Erde sie liegen mit ungewaschenen Füßen“,
2. schreibt Euripides im „Erechtheus“: „Sie schlafen auf der Erde ohne Bett, Und ihre Füße netzen sie mit Wasser nicht.“
3. Ebenso nachdem Archilochos gesagt hatte: „Doch macht dem einen dies, dem andern jenes Freud’ “,
4. in Anlehnung an den Vers des Homeros: „Denn es ergötzt sich der eine an diesem, der andre an jenem“,
5. sagt Euripides im „Oineus“: „Doch diesen freut mehr diese, jenen andre Art.“
6. Und ich hörte den Aischylos sagen: „Daheim soll bleiben jeder, der dort glücklich ist -, Und wenn es schlecht geht, auch ein solcher bleib daheim!“
7. und den Euripides das gleiche auf der Bühne ausrufen: „Zu preisen ist, wer glücklich ist und bleibt daheim“
239 8. und auch den Menandros in einem Lustspiel so sagen: „Daheim soll bleiben und so sein ein freier Mann, Wer edles Glück besetzet, oder nicht mehr sein.“
§ 8
1. Während wieder Theognis sagt: „Keinerlei Freund noch treuen Gefährten hat der Verbannte“,
2. hat Euripides gedichtet: „Wenn einer arm wird, weicht ihm jeder Freund schnell aus.“
3. Und nachdem Epicharmos gesagt hatte: „Dein Schicksal, meine Tochter, ist beklagenswert; Denn jung ist noch dein Gatte, und du selbst bist alt“ und dann hinzufügte: „Denn er nimmt sich gewiß ein andres, jüngres Weib, Sie aber sucht sich sicher einen andren Mann“,
4. schreibt Euripides: „Schlimm ist’s, wenn einen jungen freit ein altes Weib; Denn er begehrt nach einem andern Ehebett; Sie aber sinnt auf Böses, wenn er sie verläßt.“
5. Nachdem ferner Euripides in der „Medeia“ gesagt hatte: „Denn eines schlechten Manns Geschenk hat keinen Wert“,
6. sagt Sophokles in dem Stück „Der die Geißel tragende Aias“ jenen Vers: „Feinds Gaben keine Gaben sind’s und ohne Wert.“
7. Und nachdem Solon gedichtet hatte: „Sattsein erzeugt Überhebung, wenn großer Reichtum zuteil wird“,
8. schreibt Theognis geradezu: „Sattsein erzeugt Überhebung, wenn Reichtum dem Schlechten zuteil wird.“
9. Davon ist auch Thukydides abhängig, wenn er in seinem Geschichtswerk sagt: „Die meisten Menschen pflegen 240 übermütig zu werden, wenn ihnen unerwartetes Glück im höchsten Maße und in kürzester Zeit zuteil wird.“
10. Und Philistos ahmt in gleicher Weise die nämliche Stelle nach: „(In der Regel sind glückliche Umstände, die gemäß verständiger Berechnung eintreten, für die Menschen von sichererem Bestande als das, was wider Erwarten eintritt, und Unglück wehrt man sozusagen leichter ab, als daß man sich Glück auf die Dauer erhält.)Diejenigen, denen wider Erwarten und unvermutet Glück zuteil wurde, pflegen am leichtesten übermütig zu werden.“
§ 9
1. Nachdem wieder Euripides gedichtet hatte: „Von Vater und Mutter, die sich abgemüht In rauhem Leben, stammt das kräftigste Geschlecht“,
2. schreibt Kritias: „Ich beginne mit der Entstehung des Menschen: Auf welche Weise wird er wohl mit dem gesündesten und kräftigsten Körper auf die Welt kommen? Wenn sein Erzeuger Leibesübungen treibt und sich kräftig nährt und seinen Körper abhärtet und wenn die Mutter des Kindes, das auf die Welt kommen soll, einen kräftigen Körper hat und ihn übt.“
3. Und als wieder Homeros von dem Schild, den Hephaistos herstellte, gesagt hatte: „Bildeten drinnen die Erde, den Himmel und drinnen die Meerflut, Bildete auch die große Gewalt des Okeanosstromes“,
4. sagt Pherekydes von Syros: „Zeus macht ein großes und schönes Gewand und stellt auf ihm in bunten Farben die Erde und den Ogenos und die Behausung des Ogenos dar.“
5. Und nachdem Homeros gesagt hatte: „Scham ist’s, welche die Menschen am meisten schädigt und fördert“,
241 6. schreibt Euripides im „Erechtheus“: „Was von der Scham man sagen soll, das weiß ich nicht; Man braucht sie; doch ein großes Übel ist sie auch.“
§ 10
1. Man kann aber auch aus den Schriftstellern, die gleichzeitig berühmt waren und in solchen Gedanken miteinander wetteiferten, die Beweisstellen für den Diebstahl zum Vergleich nebeneinander setzen:
2. aus dem „Orestes“ des Euripides: „O Schlummer, süßer Zauber, der die Krankheit heilt“,
3. und aus der „Eriphyle“ des Sophokles: „Geh fort! Du störst den Schlummer, der die Krankheit heilt“,
4. und aus der „Antigone“ des Euripides: „Ein schimpflich Wort ist ‘Bastard’; die Natur ist gleich“,
5. und aus dem „Aleaden“ des Sophokles: „Die Guten haben alle gleiche Wesensart“,
6. wieder aus dem „Temenos“ des Euripides: „Wer selbst sich müht, dem steht auch Gottes Hilfe bei“,
7. und im „Minos“ des Sophokles: „Wer selbst nichts tut, des Hilfe ist auch nie das Glück“,
8. ferner aus dem „Alexandros“ des Euripides: „Die Zeit wird zeigen, wie du bist; ihr Zeugnis hilft, Daß ich erkenne, ob du gut bist oder schlecht“,
9. und aus dem „Hipponus“ des Sophokles: „Darum verbirg nichts! Denn die Zeit, die alles sieht Und alles hört, deckt alles, was geheim war auf.“
§ 11
1. Wir wollen aber auch folgende Stellen in gleicher Weise behandeln: Nachdem nämlich Eumelos gedichtet hatte: „Mnemosynes und des Zeus des Olympiers dreimal drei Töchter“,
242 2. beginnt Solon seine Elegie mit folgenden Worten: „Mnemosynes und des Zeus Olympiers liebliche Kinder.“
3. Wiederum umschreibt Euripides den Vers des Homeros: „Wer und wes Volkes bist du? Wo die Heimat? Wer der Erzeuger?“,
4. wenn er im „Aigeus“ folgende Verse verwendet: „Laß wissen, welches Land du wohl verlassen hast, Um Gast bei uns zu sein! Wo ist dein Vaterland? Wer ist dein Vater? Wessen Sohn bist du genannt?“
5. Nachdem ferner Theognis gesagt hatte: „Wein getrunken im Übermaße, ist schädlich; doch wenn ihn Jemand verständig genießt, ist er nicht schlimm, sondern gut“,
6. schreibt Panyassis: „Wein ist für sterbliche Menschen die herrlichste Gabe der Götter, Wenn man ihn trinket mit Maß; im Übermaß ist er gefährlich.“
§ 12
1. Aber auch während Hesiodos sagt: „Dir aber werde ich senden als Strafe fürs Feuer ein Übel, Dessen sich alle erfreuen“,
2. dichtet Euripides: „Denn für den Feuerraub entstand Ein größeres und schlimmeres Feuer, nämlich Weiber.“
3. Während ferner Homeros sagt: „Aber des Magens Begier, der verwünschten, kann man unmöglich Sättigen, welcher den Menschen ja Unheil in Menge bereitet“,
243 4. dichtet Euripides: „Es zwingt die Not mich und - er sei darob verwünscht! - Der Magen, der die Quelle alles Übels ist.“
5. Ferner ist mit dem, was der Lustspieldichter Kallias schreibt: „Mit den Rasenden müssen, so heißt es, zugleich auch die anderen ebenso rasen“,
6. dem Sinn nach gleich das Wort des Menandros in den „Polumenoi“ (den zum Verkauf Bestimmten): „Nicht überall ist das Verständigsein am Platz; In manchen Fällen muß man auch mitrasend sein.“
7. Und während Antimachos von Teos gesagt hat: „Denn aus Geschenken erwachsen den Menschen der Übel gar viele“,
8. dichtete Agias: „Denn die Geschenke verführen der Menschen Denken und Handeln.“
§ 13
1. Und da Hesiodos gesagt hatte: „Denn kein besseres Gut kann ein Mann zum Besitz erwerben Als ein vortreffliches Weib; nichts ist schlimmer jedoch als ein böses“,
2. sagte Simonides: „Das größte Glück des Mannes ist ein gutes Weib; Das größte Unglück aber ist ein böses Weib.“
3. Da wieder Epicharmos gesagt hat: „Denke so, als ob du lange lebtest oder kurze Zeit!“,
4. schreibt Euripides: „Warum denn, da das Glück für uns nicht sicher ist, Sind wir nicht unsres Lebens froh, wenn nichts uns schmerzt?“
5. In ähnlicher Weise sagt der Lustspieldichter Diphilos: „Wie ist das Menschenleben leicht veränderlich!“
244 6. und darnach Poseidippos: „Noch keiner hat das Leben leidlos hingebracht, Dieweil er Mensch ist; aber bis zum Ende blieb Auch keiner stets im Unglück.“
7. Entsprechend kannst du auch bei Platon da lesen, wo er von dem Menschen als einem vielen Schicksalswendungen ausgesetzten Lebewesen schreibt.
8. Wiederum sagt Euripides: „O du Leben voll Müh’ für das Menschengeschlecht! Wie ist jeglicher Mann doch dem Falle so nah, Da du eines erhebst und das andre zerstörst! Und es ist auch dabei keine Grenze gesetzt, Wo es kommen zu End’ für die Sterblichen muß, Bevor nicht von Zeus hergesendet erscheint Das erschreckliche Ende des Todes.“
9. Und Diphilos schreibt: „Kein Leben gibt es, das nicht Übel in sich birgt, Wie Schmerzen, Sorgen, Folterqualen, Krankheit, Raub; Für alle diese Leiden kommt als Arzt der Tod, Der die Gequälten freimacht und in Schlaf versenkt.“
§ 14
1. Nachdem ferner Euripides gesagt hatte: „In gar vielerlei Form das Verhängnis erscheint, Und die Gottheit vollführt, was wir nimmer geahnt“,
2. schreibt der Tragiker Theodektes in ähnlicher Weise: „Wie wenig sicher ist der Menschen Schicksal doch!“
3. Und nachdem Bakchylides gesagt hatte: „Nur wenigen Sterblichen hat es die Gottheit gewährt, die ganze Zeit Des Lebens gleichmäßig zu verbringen und zu den grauen Haaren Des Alters zu kommen, ohne auf Unglück zu stoßen“,
4. schreibt der Lustspieldichter Moschion: „Am meisten unter allen glücklich ist der Mann, Der unverändert führt sein Leben bis zuletzt.“
245 5. Und nachdem Theognis gesagt hatte: „Nimmermehr tauget dem älteren Mann als Weib eine Junge; Denn sie gehorcht ihm nicht so, wie einem Steuer das Schiff“,
6. wirst du finden, daß der Lustspieldichter Aristophanes schrieb: „Ein alter Mann ist schimpflich für ein junges Weib.“
7. Und nachdem Anakreon gedichtet hatte: „Den zarten Eros will ich Besingen, der mit Kränzen Voll Blütenpracht geschmückt ist; Er herrscht auch über Götter, Und Sterbliche bezwingt er“,
8. schreibt Euripides: „Der Eros fällt ja nicht allein die Männer an Noch auch die Frauen, sondern bringt das Denken auch Der Götter in Verwirrung, herrscht auch auf dem Meer.“
§ 15
1. Damit wir aber unsere Abhandlung nicht allzu weit ausdehnen in dem Bestreben, nachzuweisen, daß die Griechen sehr dazu geneigt sind, sich in Form und Inhalt fremdes Gut anzueignen, so wollen wir als einen offen redenden Zeugen für unsere Ansicht den Sophisten Hippias von Elis anführen, der hinsichtlich der uns beschäftigenden Frage zu dem gleichen Ergebnis mit uns kommt und sich ungefähr so äußert:
2. „Hiervon hat das eine vielleicht Orpheus gesagt, das andere Musaios, kurz der eine hier und der andere dort, anderes wieder Hesiodos oder Homeros; anderes steht bei den übrigen Dichtern, anderes in Prosaschriften, teils bei Griechen, teils bei Barbaren. Ich will aber aus alledem das einander am meisten Verwandte zusammenstellen und so daraus dieses neue und vielgestaltige Buch machen.“
§ 16
246 1. Damit wir aber nicht übersehen, daß auch die Philosophie und die Geschichte, aber auch die Redekunst nicht frei von diesem Vorwurf ist, wird es zweckmäßig sein, auch von ihnen einiges anzuführen.
2. Da nämlich Alkamaion von Kroton gesagt hatte: „Vor einem Feinde kann man sich leichter hüten als vor einem Freunde“,
3. dichtete Sophokles in der „Antigone“: „Ein schlechter Freund Ist wohl die schlimmste Wunde, die es geben kann.“
4. Xenophon aber hat gesagt: „Man kann Feinden in keiner anderen Weise mehr schaden, als wenn man den Anschein erweckt, ihr Freund zu sein.“
5. Nachdem ferner Euripides im „Telephos“ gesagt hatte: „Als Griechen sollten wir Barbaren dienstbar sein?“
6. sagt Thrasymachos in seiner Rede für die Larisäer: „Sollten wir Sklaven des Archelaos werden, wir, die wir Griechen sind, Sklaven eines Barbaren?“
§ 17
1. Und nachdem Orpheus gedichtet hatte: „Form der Verwandlung der Seele ist Wasser und Tod des Gewässers; Erde entsteht aus dem Wasser und wiederum Wasser aus Erde; Und aus dem Wasser wird Seele, den ganzen Äther verändernd“,
2. fügt Herakleitos daraus seine Worte zusammen und schreibt ungefähr so: „Für die Seelen ist es Tod, zu Wasser zu werden, für das Wasser Tod, zu Erde zu werden; aus der Erde wird Wasser, aus Wasser Seele.“
3. Nachdem ferner der Pythagoreer Athamas gesagt hatte: „Demnach ist der Anfang des Alls nicht entstanden, und es gibt vier Wurzeln: Feuer, Wasser, Luft, Erde; denn daraus ist alles 247 Gewordene entstanden“,
4. dichtete Empedokles von Akragas: „Höre zuerst von der vierfachen Wurzel, der alles entsprosen, Feuer und Wasser und Erde, der unendlichen Höhe des Luftraums; Diesen entstammet ja alles, was war und was ist und was sein wird.“
5. Und während Platon sagt: „Deshalb erlösen auch die Götter, die ja das Menschenleben kennen, diejenigen Menschen, die sie am höchsten schätzen, am frühesten vom Leben“,
6. hat Menandros gedichtet: „Den Tod erleidet jung schon, wen die Gottheit liebt.“
§ 18
1. Und während Euripides im „Oinomaos“ schreibt: „Aus dem, was da ist, schließen wir auf das, was fern “,
2. und im „Phoinix“: „Unbekanntes wird aus Zeichen doch erschlossen ohne Müh“,
3. sagt Hypereides: „Was unbekannt ist, müssen die Lehrenden vermittelst der Anzeichen und der Wahrscheinlichkeitsgründe zu erkennen suchen.“
4. Und da ferner Isokrates sagte: „Auf die Zukunft muß man aus der Vergangenheit schließen“,
5. zaudert Andokides nicht, zu sagen: „Denn man muß die früheren Ereignisse als Maßstab für das nehmen, was in Zukunft geschehen wird.“
6. Nachdem ferner Theognis gedichtet hatte: „Tragbar ist noch der Schaden, wenn Gold oder Silber verfälscht wird, Kyrnos, und leicht wohl erkennt dies ein verständiger Mann; 248 Wenn aber heimlich der Sinn eines Freundes im Innern verfälscht ist Und nur auf Lüge und Trug sinnet das Herz in der Brust, Ist dies der Fälschungen schlimmste, die Gott den Menschen bereitet; Denn es wird nur mit Müh’ solcherlei Fälschung erkannt“,
7. schreibt Euripides: „O Zeus, warum doch hast den Menschen du gezeigt, An welchen sichern Zeichen falsches Gold man kennt, Und hast dem Körper nicht ein Merkmal aufgeprägt, An dem den schlechten Menschen man erkennen kann?“
8. Und auch Hypereides sagt: „Die Menschen tragen kein Merkmal der Gesinnung auf ihrem Antlitz.“
§ 19
1. Nachem wieder Stasinos gedichtet hatte: „Töricht, wer tötet den Vater und leben lässet die Kinder“,
2. sagt Xenophon: „Ich glaube jetzt ähnlich gehandelt zu haben, wie wenn einer den Vater getötet hat und seine Kinder verschont.“
3. Nachdem Sophokles in der „Antigone“ gedichtet hatte: „Da meine Eltern beide schon im Hades sind, So kann kein Bruder jemals noch für mich erstehn“,
4. sagt Herodotos: „Da Vater und Mutter nicht mehr am Leben sind, werde ich keinen anderen Bruder mehr bekommen.“
5. Nachdem ferner Theopompos gedichtet hatte: „Man sagt mit Recht, daß Greise wieder Kinder sind“,
6. und schon vor ihm Sophokles im „Peleus“ gesagt hatte: „Des Aiakos Sohn Peleus führ’ als Wärterin Nur ich, da er ein Greis ist, pfleg’ ihn wie ein Kind; Denn wieder wird zum Kind der hochbetagte Mann“,
249
7. sagt der Redner Antiphon: „Die Pflege von Greisen gleicht der Pflege von Kindern.“
8. Aber auch der Philosoph Platon sagt: „Es wird also, wie es scheint, der Greis zum zweitenmal Kind.“
§ 20
1. Während ferner Thukydides sagt: “(Wir rühmen uns) bei Marathon allein als Vorkämpfer der Gefahr getrotzt zu haben”,
2. sagt Demosthenes: “Wahrlich bei den Vorkämpfern von Marathon!”
3. Auch folgendes will ich nicht übergehen: Da Kratinos in der “Pytine”(Flasche) gesagt hatte: “Ihr kennt vielleicht die Vorbereitung, die er macht”,
4. sagt der Redner Andokides: “Die Vorbereitung und den Eifer meiner Feinde werdet ihr, meine Herrn Richter, fast alle kennen.”
5. Ähnlich sagt auch Nikias in der Rede gegen Lysias über das Unterpfand: “Die Vorbereitung und den Eifer meiner Gegner seht ihr, meine Herrn Richter.”
6. Und nach ihm sagt Aischines: “Die Vorbereitung seht ihr, ihr Männer von Athen, und wie sie zum Kampf gerüstet sind.”
7. Nachdem wiederum Demosthenes gesagt hatte: “Wie groß, ihr Männer von Athen, die Anstrengung bei diesem Rechtsstreit ist und wie viel Anhänger der Gegner aufgeboten hat, das werdet ihr, meine ich, alle gemerkt haben”,
8. sagt Philinos ähnlich: “Wie groß, ihr Herrn Richter, die Anstrengung und das Aufgebot von Anhängern in diesem Rechtsstreit ist, das ist, meine ich, keinem einzigen von euch unbekannt.”
§ 21
1. Und nachdem Isokrates wieder gesagt hatte: „Wie wenn sie nur zu seinem Geld, nicht zu ihm selbst nahe Beziehungen hätte“,
2. sagt Lysias in seinen Reden für die Waisen: „Und es ist klar geworden, daß er nicht zu ihnen 250 selbst, sondern nur zu ihrem Geld nahe Beziehungen hatte.“
3. Denn auch nachdem Homeros gesagt hatte: „Liebster, o wär’ uns beschieden, wenn diesem Krieg wir entronnen, Immer zu leben fortan, nicht alternd und ohne zu sterben! Weder würde ich selbst dann unter den Vordersten kämpfen, Noch auch schickte ich dich in die männerehrende Feldschlacht. So aber, da gleichwohl uns die Lose des Todes bedrohen, Zahllos, denen kein sterblicher Mensch kann entfliehn und entrinnen. Auf! Ob anderen Ruhm wir verschaffen oder uns selber!“,
4. schreibt Theopompos: „Denn wenn es möglich wäre, daß wir, falls wir der gegenwärtigen Gefahr entrännen, die ganze Folgezeit ohne jede Gefahr zubringen würden, dann wäre es nicht verwunderlich, wenn wir unser Leben schonen wollten; jetzt aber bedrohen unser Leben so viele Todeslose, daß wir den Tod in der Schlacht für erstrebenswerter halten müssen.“
5. Hat nicht ferner, als der weise Chilon den Anspruch getan hatte: „Bürgschaft und nahe dabei ist das Unheil“,
6. Epicharmos den gleichen Gedanken mit anderen Worten folgendermaßen ausgesprochen: „Unheil ist der Bürgschaft Tochter, und ihr Vater heißt Verlust.“
§ 22
1. Wenn aber auch der Arzt Hippokrates schreibt: „Man muß also auf die Jahreszeit, auf die Gegend, auf das Lebensalter und auf die Krankheiten achten“,
2. so sagt Euripides in einer Trimeterstelle: „Wer Krankheit richtig heilen will, Muß auf die Lenbensweise der Bevölkerung Und auf die Gegend und dann auf die Krankheit schaun.“
3. Und nachdem wieder Homeros gedichtet hatte: „Doch dem Verhängnis, das weiß ich, ist keiner entronnen von allen“,
251 4. sagt Archinos: „Allen Menschen ist es verhängt, zu sterben, entweder früher oder später“,
5. und Demosthenes: „Denn für alle Menschen ist das Ende des Lebens der Tod, mag sich einer auch in eine kleine Kammer einschließen und sich so verwahren.“
§ 23
1. Nachdem wieder Herodotos in der Erzählung von dem Spartaner Glaukos gesagt hatte, die Pythia habe kundgetan, Gott versuchen und die Tat begehen sei dasselbe,
2. sagt Aristophanes: „Denn es gilt doch gleichviel der Gedanke der Tat“,
3. und vor ihm Parmenides von Elea: „Denn das nämliche ist wie das Sein auch das Denken.“
4. Und nachdem Platon gesagt hat: „Das dürften wir wohl nicht ohne Grund sagen, daß der Anfang der Liebe das Sehen ist, die Leidenschaft aber durch die Hoffnung verringert, durch die Erinnerung genährt, durch die Gewohnheit erhalten wird“,
5. schreibt da nicht dementsprechend der Lustspieldichter Philemon: „Das Sehn ist stets das erste; dann bewundert man, Sodann betrachtet man genau, und man verfällt Darauf in Hoffnung; so wird Liebe draus zuletzt“?
6. Aber auch nachdem Demosthenes gesagt hatte: „Denn für uns alle ist der Tod bestimmt“ und was folgt.
7. schreibt Phanokles in den „Erotes“ oder „Kaloi“: „Nicht ist der Moiren Gespinst je zu lösen, und keiner ist jemals Ihm zu entrinnen imstand, wer nur die Erde bewohnt.“
§ 24
1. Du findest auch, daß, nachdem Platon gesagt hatte: „Denn bei allem, was wächst, ist der erste Trieb, wenn er einen guten Anlauf zu trefflicher Entwicklung nimmt, von entscheidender Bedeutung für die Erreichung des 252 entsprechenden Ziels der ihm eigenen Naturanlage“,
2. der Geschichtschreiber Ephoros sagt: „Auch bei den wilden Pflanzen liegt es in der Natur, daß sie nicht mehr veredelt werden können, wenn sie über das zartere Alter hinaus sind.“
3. Und jenes Wort des Empedokles: „Denn einst war ich bereits sowohl Knabe als Mädchen; ich war auch Pflanze und Vogel und Fisch, der stumm in dem Meere sich aufhält“,
4. umschreibt Euripides im „Chrysippos“: „Nicht erleidet den Tod, was auch immer entsteht; Eins wandelt sich nur in das andere um Und zeigt eine andre Gestaltung.“
5. Und nachdem Platon im „Staat“ Weibergemeinschaft gefordert hatte,
6. schreibt Euripides im „Protesilaos“: „Gemeinsam sollte nämlich sein der Weiber Bett.“
7. Während ferner Euripides schreibt: „Denn das was ausreicht, ist Verständigen genug“,
8. sagt Epikuros geradezu: „Der allergrößte Reichtum ist Genügsamkeit.“
9. und während wieder Aristophanes schrieb: „Wenn du gerecht bist, wird dein Leben ruhig sein, Und glücklich wirst du leben, frei von Lärm und Furcht“;
10. sagt Epikuros: „Die herrlichste Frucht der Gerechtigkeit ist die Seelenruhe.“
§ 25
1. Diese Beispiele für die Tatsache, daß die Griechen Gedanken von anderen entwenden, sollen, weil sie ihrer Art nach so beschaffen sind, für die Einsichtigen als klarer Beweis genügen. Nun wurden sie aber, wie wir zeigten, nicht 253 nur darüber ertappt, daß sie einzelne Gedanken und Ausdrücke entwendeten und in ihre eigene Sprache umsetzten, sondern sie werden ja auch dessen überführt werden, daß sie sich geradezu ganze Schriften durch Diebstahl aneigneten.
2. Sie nahmen nämlich ganz und gar die Schriften anderer und gaben sie als eigene Werke heraus, wie Eugammon aus Kyrene von Musaios das ganze Buch über die Thesproter, und Peisandros aus Kamiros die Herakleia des Peisinus von Lindos, und Panyassis aus Halikarnassos die Eroberung Oichalias von Kreophylos aus Samos entnahm.
§ 26
1. Man kann aber feststellen, daß auch der große Dichter Homeros jene Verse: „So wie ein Mann einen stattlichen Schößling des Ölbaums sich großzieht“ und das folgende wörtlich von Orpheus aus dessen Gedicht „Entrückung des Dionysos“ übernommen hat.
2. Und in der Theogonie hat Orpheus über Kronos gedichtet: „Und auf die Seite mit feistem Nacken sich neigend, so lag er, Und es erfaßt’ ihn die Macht des allesbezwingenden Schlafes.“ Diese Schilderung hat aber Homeros auf den Kyklopen übertragen.
3. Und Hesiodos dichtet in bezug auf Melampus: „Süß ist es auch zu erfahren, was schufen unsterbliche Götter Sterblichen Menschen, ein deutliches Zeichen für Schlechte und Edle“, und das folgende, indem er es wörtlich vom dem Dichter Musaios entnahm.
4. Der Lustspieldichter Aristophanes übernahm in der ersten Fassung der „Thesmophoriazusen“ die Verse aus den „Empipramenoi“ (Verbrannten) des Kratinos.
5. Der Lustspieldichter Platon und Aristophanes im 254 „Daidalos“ berauben einander.
6. Den „Kokalos“ aber, den Araros, der Sohn des Aristophanes, verfaßt hatte, veränderte der Lustspieldicher Philemon und brachte ihn im „Hypobolimaios“(dem Untergeschobenen) auf die Bühne.
7. Und die Dichtungen des Hesiodos verwandelten in Prosa und brachten sie als eigene Werke heraus die Geschichtschreiber Eumelos und Akusilaos.
8. Den Melesagoras ferner bestahlen die Geschichtschreiber Gorgias von Leontinoiund Eudemos von Naxos und außer ihnen auch Bion von Prokonnesos, der auch die Schriften des alten Kadmos etwas gekürzt abschrieb, und Amphilochos und Aristokles und Leandrios und Anaximenes und Hellanikos und Hekataios und Androtion und Philochoros; und Dieuchidas von Megara schrieb den Anfang seines Buchs aus der „Deukalioneia“ des Hellanikos ab.
§ 27
1. Übergehen will ich, daß Herakleitos aus Ephesos das meiste von Orpheus genommen hat.
2. Platon aber hat auch die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele von Pythagoras übernommen, dieser aber von den Ägyptern.
3. Und viele Anhänger Platons haben Schriften verfaßt, in denen sie beweisen wollen, daß sowohl die Stoiker, wie wir schon anfangs sagten, als auch Aristoteles die meisten und wichtigsten ihrer Lehren aus Platon genommen haben.
4. Aber auch Epikuros hat seine Hauptlehren von Demokritos geraubt.
5. Soviel nun davon. Denn mein Leben würde 255 nicht ausreichen, wenn ich alles einzelne durchgehen und den selbstsüchtigen Diebstahl der Griechen nachweisen und zeigen wollte, daß sie als eigene Erfindung die trefflichsten ihrer Lehren ausgaben, die sie doch von uns genommen haben.