§ 115
1. Der Gnostiker bildet also in sich die unmittelbarere Ähnlichkeit nach, nämlich die Gesinnung des Lehrers, die jener selbst hegte und den Klugen und Verständigen auftrug und anriet, und er versteht sie so, wie der Lehrende es wollte, und nimmt für sich im besonderen die großartige Deutung auf und lehrt in einer des Wortes würdigen Weise „auf den Dächern“ diejenigen, die sich in erhabener Weise erbauen lassen, und beginnt zuerst mit der Ausführung der von ihm vorgetragenen Lehren, indem er mit seinem Wandel ein Vorbild gibt.
2. Denn der Herr gab erfüllbare Gebote, und in der Tat muß der Königliche und der Christ zum Herrschen und Anführen geeignet sein, weil wir nicht nur beauftragt wurden, die Tiere um uns her zu beherrschen, sondern auch die wilden Leidenschaften in uns selbst.
3. Auf Grund seiner vollen Kenntnis des schlechten und guten Lebens wird also, wie es scheint, der Gnostiker gerettet, da er „mehr als die Schriftgelehrten und Pharisäer“ versteht und tut.
4. „Spanne (deinen Bogen) und gehe deinen Weg glücklich voran und herrsche als König“, so schreibt David, „zugunsten der Wahrheit und der Sanftmut und der Gerechtigkeit, und es wird dich wunderbar deine Rechte“, das ist der Herr, „führen.“
5. „Wer also ist weise und wird dies verstehen? Wer verständig und wird es erkennen? Denn gerade sind die Wege des Herrn“, sagt der Prophet, womit er kundtut, daß allein der Gnostiker das von dem Geist mit verborgenem Sinn Gesagte verstehen und erklären kann.
6. Und „der Verständige wird in jener Zeit schweigen“, sagt die Schrift, nämlich denen gegenüber, die es nicht verdienen, daß man es ihnen verkündet; denn der Herr sagt: „Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“, 317 womit er sagen will, daß das Hören und Verstehen nicht aller Sache sei.
§ 116
1. Dementsprechend schreibt David: „Finsteres Wasser in den Wolken der Lüfte; aus dem Glanz vor ihm gingen hervor die Wolken, Hagel und Feuerkohlen“, womit er lehrt, daß die heiligen Lehren verborgen seien.
2. Und er tut kund, daß sie den Gnostikern durchsichtig und durchscheinend wie ein Hagel, der keinen Schaden anrichtet, von Gott herabgesandt werden, dunkel dagegen der großen Masse wie die aus dem Feuer herausgenommenen, erloschenen Kohlen, die man erst wieder anzünden und wieder zum Brennen bringen muß, wenn sie in Brand kommen und glühend werden sollen.
3. „Der Herr“, so heißt es daher, „gibt mir eine gelehrige Zunge, damit ich“ zur rechten Zeit „erkenne, wann ich ein Wort sagen soll“, nicht nur bei dem Martyrium, sondern auch bei Frage und Antwort; „und die Unterweisung des Herrn öffnet mir den Mund.“ Der Gnostiker zeigt sich also auch darin, daß er die Rede zu gebrauchen versteht und weiß, wann und wie und wem gegenüber er es tun muß.
§ 117
1. So lehrt aber auch der Apostel mit dem Wort „nach den Uranfängen der Welt und nicht nach Christus“, daß die Lehre der Griechen nur die Anfangsgründe enthält, die Lehre im Sinn Christi dagegen vollkommen ist, wie wir das schon früher dargelegt haben.
2. Dementsprechend wird der Schößling des wilden Ölbaums in die Fettigkeit des edlen Ölbaumes eingepflanzt und wächst wirklich in gleicher Art mit den edlen Ölbäumen; denn für den eingepflanzten Schößlich tritt an die Stelle der Erde der Baum, in den er gepflanzt wird.
3. Aber alle Pflanzen zusammen sind auf Gottes Befehl emporgesprossen. Wenn deshalb der Kontinos auch nur ein wilder Ölbaum ist, so 318 nimmt man von ihm doch die Kränze für die Olymiasieger, und die Ulme hilft dem Weinstock dazu, in die Höhe zu wachsen, und leitet ihn an, gute Früchte zu bringen.
4. Wir sehen aber, daß die wilden Bäume mehr Nahrung an sich ziehen, weil sie nicht Früchte zeitigen können. Jedenfalls bringen die wilden Bäume weniger reife Früchte hervor als die veredelten Bäume, und die Ursache dafür, daß sie wild sind, ist gerade ihr Mangel an der Fähigkeit, gute Früchte zu zeitigen.
§ 118
1. Deshalb nimmt der gepfropfte Ölbaum mehr Nahrung auf, weil ein wilder Zweig eingepflanzt ist. Dieser gewöhnt sich aber gleichsam daran, die Nahrung zum Reifen von Früchten zu verarbeiten, und wird der Fettigkeit des edlen Baumes ähnlich. So ist es auch bei dem Philosophen; er gleicht dem wilden Ölbaum, insofern auch er vieles nicht verarbeiten kann, da er eifrig im Forschen und fähig zu leichtem Erfassen und begierig nach der Fettigkeit der Wahrheit ist. Wenn er nun die göttliche Kraft durch den Glauben hinzuerhält und der guten und edlen Erkenntnis eingepflanzt und wie der wilde Ölbaum der wahrhaft vortrefflichen und barmherzigen Lehre aufgepflanzt wird, so verarbeitet er die ihm dargebotene Nahrung und wird zu einem Ölbaum, der Früchte trägt.
2. Denn die Pfropfung macht die Unbrauchbaren edel und zwingt die Unfruchtbaren, fruchtbar zu werden, durch die Geschicklichkeit des Baumzüchters und durch die Wissenschaft des Gnostikers.
§ 119
1. Das Pfropfen geschieht also, wie man sagt, auf vier Arten. Die eine besteht darin, daß man zwischen das Holz und die Rinde den aufzupfropfenden Schößlich einfügt. So werden die einfachen Leute aus den Heiden unterrichtet, die die Lehre nur oberflächlich aufnehmen.
2. Die zweite Art ist, wenn man das Holz spaltet und das edle Reis darein einschiebt; dies geschieht bei denen, die Philosophie getrieben haben; denn bei ihnen werden die Lehren durchschnitten, und dann dringt die Erkenntnis der Wahrheit ein. So wird aber auch bei den Juden die alte Schrift eröffnet und das neue und edle Reis des Ölbaums aufgepfropft.
3. Die dritte Art der Pfropfung hat es mit 319 den wilden Ölbäumen zu tun, die mit Gewalt zur Wahrheit herübergeführt werden. Man schabt nämlich beide Zweige keilförmig mit einem scharfen Messer ab, bis man das Innere zwar bloßgelegt, aber nicht verletzt; dann bindet man beide aneinander.
4. Die vierte Art der Pfropfung ist das sogenannte Inokulieren. Es wird nämlich von einem edlen Zweig ein Auge weggenommen, indem zugleich mit ihm im Kreise auch die Rinde in einer Länge von ungefähr vier Fingerbreiten weggenommen wird; dann wird der (wilde) Zweig an einem Auge in der Größe des Umfangs abgeschabt; hier wird dann das Auge angefügt, mit Bast umwickelt und mit Lehm bestrichen, wobei darauf geachtet wird, daß das Auge unbeschädigt und unbeschmutzt bleibt. Das ist die Form der gnostischen Unterweisung, die die Verhältnisse zu durchblicken vermag, wie ja diese Art begreiflicherweise auch am meisten bei den edlen Bäumen verwendbar ist.
§ 120
1. Es kann aber auch die von dem Apostel erwähnte Einpfropfung in den edlen Ölbaum, in Christus selbst, geschehen, indem die unedle und ungläubige Natur in Christus eingepflanzt wird, das ist die Natur derer, die zum Glauben an Christus kommen; besser aber ist es, wenn bei jedem einzelnen der Glaube in die Seele selbst eingesenkt wird.
2. Denn auch der Heilige Geist wird auf diese Weise gewissermaßen verpflanzt, indem er entsprechend der Begrenztheit eines jeden einzelnen ohne Begrenzung verteilt ist.
3. Über die Erkenntnis spricht aber Salomon und sagt dabei folgendes: „Strahlend und unverwelklich ist die Weisheit, und leicht kann sie von denen geschaut werden, die sie lieben, und von denen, die nach ihr verlangen, läßt sie sich vorauseilend im voraus erkennen. Wer sich am frühen Morgen aufmacht, um zu ihr zu kommen, wird sich nicht lange abmühen müssen; denn sich in Gedanken mit ihr zu beschäftigen, ist der Höhepunkt der Klugheit, und wer um ihretwillen nachts wacht, wird bald frei von Sorgen sein; denn sie geht umher und sucht die ihrer Würdigen auf“ („denn nicht aller Sache ist die Erkenntnis“), „und auf ihren Wegen erscheint sie ihnen freundlich.“ Wege aber sind die Führung des Lebens und die Mannigfaltigkeit entsprechend den Testamenten.
§ 121
320 1. Darum fährt er fort: „Und bei jedem Gedanken begegnet sie ihnen“, indem sie sich auf mannigfaltige Weise sehen läßt, nämlich durch jegliche Art von Unterweisung.
2. Dann fügt er hinzu, indem er noch die Liebe, die alles vollenden kann, nennt und in einer Schlußfolgerungen verwendenden Redeform und auf Grund wahrer Voraussetzungen den überaus beweiskräftigen und wahren Schluß etwa so aufbaut: „Denn ihr Anfang ist das völlig wahrhaftige Verlangen nach Unterweisung“ (das heißt nach Erkenntnis), „Sorge um Unterweisung ist aber Liebe zu ihr, die Liebe aber besteht in der Beobachtung ihrer Gebote, Festhalten an den Geboten ist aber Sicherstellung der Unsterblichkeit; Unsterblichkeit aber bewirkt, daß man Gott nahe ist. Verlangen nach Weisheit führt also zur Königsherrschaft empor.“
3. Er lehrt nämlich, wie ich meine, daß wahre Unterweisung das Verlangen nach Erkenntnis ist, Übung in der Unterweisung kommt aber wegen der Liebe zur Erkenntnis zustande, und die Liebe ist das Halten der zur Erkenntnis emporführenden Gebote, ihr Halten ist aber eine Bestätigung der Gebote, um deretwillen die Unsterblichkeit hinzukommt. „Unsterblichkeit aber bewirkt, daß man Gott nahe ist“. Wenn also die Liebe zur Erkenntnis unsterblich macht und den der Königsherrschaft Würdigen bis in die Nähe Gottes des Königs emporführt, muß man füglich die Erkenntnis suchen, bis man sie findet.
4. Das Suchen besteht aber in einem Streben nach dem Erfassen, indem es durch gewisse Anzeichen den Gegenstand der Forschung ausfindig macht, das Finden aber ist Ziel und Ende des Suchens, wenn es zum Erfassen geführt hat, was eben die Erkenntnis ist. Und sie, die Erkenntnis, ist im eigentlichen Sinn ein Finden, da sie in einem Erfassen des Gesuchten besteht. Anzeichen aber sind, wie man sagt, das Vorhergehende oder das Zugleichvorhandene oder das Folgende.
§ 122
1. Das Finden der Antwort auf die Frage nach Gott ist also die Belehrung durch den Sohn; Anzeichen aber dafür, daß unser Heiland eben jener Sohn Gottes ist, sind die Weissagungen, die seiner Ankunft vorausgingen und ihn verkündigten, ferner die Zeugnisse über ihn, die 321 gleichzeitig mit seiner sinnlichen wahrnahmbaren Geburt auftraten, und schließlich auch die von ihm ausgehenden Krafterweisungen, die nach seiner Himmelfahrt verkündet und deutlich gezeigt wurden.
2. Der Beweis also dafür, daß bei uns die Wahrheit ist, besteht darin, daß der Sohn Gottes selbst gelehrt hat; denn wenn bei jeder Untersuchung die beiden allgemeinen Begriffe, Person und Sache, zu finden sind, so tritt die wirkliche Wahrheit bei uns allein in Erscheinung, da Person bei der hier aufzuzeigenden Wahrheit der Sohn Gottes ist, die Sache aber die Macht des Glaubens, die jedem Gegner, wer er auch sein mag, und der ganzen Welt, wenn sie sich widersetzen wollte, überlegen ist.
3. Aber da zugestanden ist, daß dies in ewigen Worten und Werken bestätigt wurde, und bereits klar ist, daß Strafe, nicht Gegenrede jeder verdient, der nicht an das Vorhandensein einer Vorsehung glaubt, und daß er in der Tat gottlos ist; da wir ferner untersuchen wollen, durch welche Taten und mit welchem Lebenswandel wir zur Erkenntnis des allmächtigen Gottes gelangen und durch welche Art der Verehrung der Gottheit wir für uns selbst Urheber des Heils werden könnten, wollen wir nicht von den Sophisten, sondern von Gott selbst erfahren und lernen, was ihm wohlgefällig ist, und dann das Heilige und Gerechte zu tun beginnen.
4. Ihm wohlgefällig ist es aber, daß wir gerettet werden, und das Heil wird uns durch das Vollführen guter Taten und durch die Erkenntnis zuteil; in beidem aber ist der Herr unser Lehrer.
§ 123
1. Wenn es daher auch nach Platon allein möglich ist, von der Gottheit oder den Abkömmlingen der Gottheit die Wahrheit zu erlernen, so rühmen wir uns mit Recht, durch den Sohn Gottes in der Wahrheit unterrichtet zu werden, indem wir die Zeugnisse aus den göttlichen Worten auswählen, die zuerst geweissagt, dann aber auch erläutert wurden. Was aber beim Finden der Wahrheit mithilft, auch das ist nicht zu verwerfen.
2. Das gilt für die Philosophie, die die Vorsehung lehrt und die Belohnung für ein gottseliges und andererseits die Bestrafung 322 für ein unseliges Leben verkündet und so in allgemeinen Umrissen von Gott zu reden weiß, aber da, wo es auf die Genauigkeit und die Einzelheiten ankommt, nicht mehr zu befriedigen vermag. Denn weder über den Sohn Gottes noch über den Heilsplan der Vorsehung lehrt sie in gleicher Weise wie wir; denn sie hat auch nicht erkannt, welche Art von Gottesverehrung Gott wohlgefällt.
3. Deshalb reden in der barbarischen Philosophie die Irrlehrer, auch wenn sie die Lehre von einem einzigen Gott verkündigen und Christus preisen, doch nur nach oberflächlicher Kenntnis, nicht nach der vollen Wahrheit; denn sie erfinden nebenher einen anderen Gott und fassen Christus nicht so auf, wie die Weissagungen überliefern. Aber die Irrtümer in ihren Lehren sind nicht gegen uns gerichtet, solange sie sich nicht dem der Wahrheit gemäßen Lebenswandel widersetzen.
§ 124
1. Dementsprechend beschnitt Paulus den Timotheus denen zulieb, die aus den Juden gläubig wurden, damit nicht die vom Glauben abfielen, die aus dem Gesetz zur Unterweisung kamen, wenn er die allzu fleischlich aufgefaßten Bestimmungen des Gesetzes auflöste. Dabei wußte er ganz genau, daß Beschneidung nicht gerecht macht. Denn er versprach, in rücksichtsvoller Anpassung allen alles zu werden, um alle zu gewinnen, wobei er aber die wichtigsten Lehren unverändert ließ.
2. Und Daniel trug am Hofe des Perserkönigs die goldene Halskette, ohne darüber zu vergessen, daß sein Volk bedrückt wurde.
3. Lügner sind also tatsächlich nicht diejenigen, die sich mit Rücksicht auf die Herbeiführung der Rettung in die Verhältnisse schicken, aber auch nicht diejenigen, die sich hinsichtlich irgendeiner Einzelheit irren, sondern diejenigen, die in den entscheidenden Fragen einen falschen Weg gehen und den Herrn, soweit es auf sie ankommt, verwerfen, indem sie die wahre Lehre des Herrn unterschlagen, diejenigen, die nicht so, wie es Gottes und des Herrn würdig ist, von der Heiligen Schrift reden und sie überliefern.
4. Denn ein anvertrautes, Gott zurückzugebendes Gut ist das Verständnis und die sorgfältige Pflege der 323 frommen Überlieferung entsprechend der durch die Apostel des Herrn vermittelten Lehre des Herrn.
5. „Was ihr aber in euer Ohr hört“ (nämlich in verborgener Weise und in Form eines Geheimnisses; denn von solchem wird bildlich gesagt, daß es ins Ohr gesagt werde) „das predigt“, so heißt es, „auf den Dächern!“ Dies geschieht, wenn man die Heilige Schrift mit hochsinnigem Verständnis auffaßt und mit erhabenen Worten weiter überliefert und entsprechend der Richtschnur der Wahrheit ausdeutet.
6. Denn weder die Propheten noch der Heiland selbst haben die göttlichen Geheimnisse einfach so verkündet, daß sie für jeden beliebigen ohne weiteres verständlich wären, sondern sie redeten in Gleichnissen.
§ 125
1. Die Apostel berichten ja von dem Herrn, daß „er alles in Gleichnissen sagte und ihnen nichts ohne Gleichnisse sagte“.
2. Wenn aber „alles durch ihn wurde und ohne ihn nicht eines wurde“, dann ist füglich auch die Weissagung und das Gesetz durch ihn geworden, und bei beider Verkündigung wurden Gleichnisse von ihm verwendet. Indessen ist, wie die Schrift sagt, „alles richtig vor den Verständigen“, das heißt vor denen, die die vom ihm klar vorgetragene Auslegung der Heiligen Schrift entsprechend der kirchlichen Richtschnur aufnehmen und bewahren.
3. Die kirchliche Richtschnur besteht aber in dem Zusammenhang und der Übereinstimmung des Gesetzes und der Propheten mit dem bei der Anwesenheit des Herrn geschlossenen Neuen Bund.
4. Der Erkenntnis folgt nun Klugheit, und Besonnenheit folgt der Klugheit; denn es sei gesagt, daß die Klugheit in göttlicher Erkenntnis besteht und sich bei den zu göttlichem Wesen Erhobenen findet, die Besonnenheit dagegen etwas Irdisches ist und sich bei Menschen findet, die zwar nach Weisheit streben, aber noch nicht weise sind.
5. Denn wenn die Tugend etwas Göttliches ist, so ist es gewiß auch ihre Erkenntnis. Die Besonnenheit aber, die gleichsam eine noch unvollkommene Klugheit ist, aber nach Klugheit strebt, die noch angestrengt tätig und noch nicht fähig ist, zu schauen, ist, wie das natürlich auch auf die Gerechtigkeit zutrifft, etwas Menschliches, etwas der Allgemeinheit 324 Zugängliches und steht tiefer als die Frömmigkeit, die Gerechtigkeit gegenüber der Gottheit ist.
6. Für den Vollkommenen beruht aber die Gerechtigkeit nicht auf staatlichen Verpflichtungen oder auf den Verboten des Gesetzes, sondern sie erwächst aus dem Handeln aus eigenem Antrieb und aus der Liebe zu Gott.
§ 126
1. Aus vielen Gründen verbirgt also die Heilige Schrift den eigentlichen Sinn, zunächst damit wir eifrig und geschickt im Suchen werden und uns immer wach erhalten für das Auffinden der Worte des Heilands, ferner weil es für die große Masse nicht einmal zuträglich gewesen wäre, die Schrift zu verstehen, damit sie nicht Schaden nähme, wenn sie das von dem Heiligen Geiste in heilsamer Absicht Gesagte falsch auffaßte.
2. Gerade deshalb werden für die auserwählten Menschen und für diejenigen, die aus dem Glauben zur Erkenntnis zu gelangen bestimmt sind, die heiligen Geheimnisse der Weissagungen aufbewahrt und in den Gleichnissen verhüllt.
3. Denn die Eigenart der Heiligen Schrift besteht darin, daß sie in Gleichnissen spricht, weil auch der Herr, obwohl er nicht zu dieser Welt gehörte, wie ein Geschöpf dieser Welt zu den Menschen kam. Denn er trug auch alle Tugend an sich und war dazu bestimmt, den in dieser Welt heimischen Menschen durch die Erkenntnis zu dem Geistigen und allein Wirklichen emporzuführen, aus dieser Welt in eine andere Welt.
4. Deshalb verwendet er auch die Schrift in übertragenem Sinn; denn das ist das Wesen des Gleichnisses: es ist eine Redeform, die von etwas, was nicht das Eigentlichgemeinte, aber ihm ähnlich ist, den Verständigen zum Wahren und Eigentlichen emporführt, oder, wie einige sagen, eine Ausdrucksweise, die das Eigentlichgemeinte durch anderes mit Nachdruck vor Augen stellt.
§ 127
1. Ferner erscheint auch die prophetische Verkündigung des ganzen auf den Herrn bezüglichen Heilsplans in Wahrheit wie ein Rätsel denen, die die Wahrheit nicht kennen, wenn nämlich der eine verkündigt und die anderen hören, was nach dem Wort des Apostels „den Juden 325 ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit“ ist, nämlich daß der Sohn Gottes, des Schöpfers aller Dinge, Fleisch an sich genommen habe und im Schoß einer Jungfrau als Leibesfrucht getragen wurde” auf welche Weise sein sichtbarer Leib geboren wurde, und daß er dementsprechend, daß dieser entstanden war, auch gelitten habe und auferstanden sei.
2. Wenn aber die Schrift erläutert ist und denen, die Ohren haben, die Wahrheit klargelegt hat, so verkündigt sie eben damit, daß das Fleisch gelitten hat, das der Herr an sich genommen hatte, „Kraft Gottes und Weisheit.“
3. Vor allem aber war die mit Gleichnisworten redende Art schriftlicher Mitteilung, die, wie wir gezeigt haben, überaus alt ist, begreiflicherweise besonders bei den Propheten in hohem Maß vorhanden, damit der Heilige Geist deutlich zeigen könne, daß sowohl die Philosophen bei den Griechen als auch die Weisen bei den übrigen Barbaren von der zukünftigen Erscheinung des Herrn und von der geheimnisvollen Lehre nichts wußten, die von ihm überliefert werden sollte.
4. Wenn also die Weissagung den Herrn verkündigte, so kleidete sie begreiflicherweise, damit sie nicht, wenn sie im Gegensatz zu den Anschauungen der großen Masse spräche, manchen Schmähworte zu sprechen scheine, ihre Offenbarung in Worte, die auch auf andere Gedanken hinführen konnten.
5. Infolgedessen wurden alle Propheten, die das Kommen des Herrn und mit ihm die heiligen Geheimnisse im voraus verkündigt hatten, verfolgt und getötet, wie auch der Herr selbst, der ihre Schriften erklärt hatte, und seine Jünger, die die Lehre verkündigten, in gleicher Weise nach ihm ihr Leben hingeben mußten.
§ 128
1. Darum sagt auch Petrus in seiner Predigt über die Apostel folgendes: „Wir aber schlugen die Bücher auf, die wir besaßen, verfaßt von den Propheten, die teils in Gleichnissen, teils in Rätseln, teils ganz deutlich und mit ausdrücklichen Worten den Christus Jesus nennen, und fanden sowohl sein Kommen als auch seinen Tod und seine Kreuzigung und alle die übrigen Peinigungen, die ihm die Juden antaten, und seine Auferweckung und seine Aufnahme 326 in den Himmel vor der Gründung Jerusalems, wie das alles aufgeschrieben war, was er leiden mußte und was nach ihm sein werde.
2. Nachdem wir dies kenengelernt hatten, kamen wir zu dem Glauben an Gott durch das, was mit Bezug auf ihn geschrieben ist.“
3. Und ein wenig später fügt er wieder Worte hinzu, in denen er in folgender Weise klarlegt, daß die Weissagungen durch göttliche Vorsehung gegeben worden sind: „Denn wir erkannten, daß Gott es wirklich angeordnet hatte, und wir behaupten nichts ohne Schriftbeweis.“
§ 129
1. Nun hat die Mundart der Hebräer auch einige andere Eigentümlichkeiten, wie das auch bei jeder der übrigen Mundarten der Fall ist, da sie manche Sprachformen enthält, die die Eigenart des Volkes erkennen lassen. Man bestimmt ja die Mundart als eine Sprachform, die durch die Eigenart eines Volkes zustande kommt.
2. Aber die Weisung ist jenen Mundarten durchaus nicht bekannt; denn bei den griechischen Sprachen verbargen zwar nach dem Vorbild unserer prophetischen Schriften die sogenannten ungewöhnlichen Wendungen mit Absicht die eigentliche Bedeutung; jedoch zeigt sich dabei, daß die Vertauschung an Stelle des richtigen Ausdrucks durch metrische oder prosaische Redeform mit Vorbedacht geschieht.
3. Die „Wendung“ ((xxx)tròpos) ist also eine Redeform, die von dem eigentlichen Sinn auf das nicht Eigentliche übertragen ist, um den in der Rede verwendeten Stil zu schmücken und ihn seinem Zweck dienstbar zu machen.
4. Die Weissagung dagegen bemüht sich durchaus nicht um die künstliche Gestaltung der Redeweise wegen der Schönheit des Ausdrucks, sondern hält die Wahrheit, weil sie nicht jedermanns Sache ist, auf mannigfache Weise geheim und läßt nur den in die Erkenntnis Eingeweihten, denen, die die Wahrheit aus Liebe zu ihr suchen, das Licht aufgehen.
§ 130
1. Eine Art der Weissagung heißt also in der barbarischen Philosophie „Sprichwort“ oder auch „Gleichnis“ oder dazu noch „Rätsel“. Es ist aber auch von 327 „Weisheit“ die Rede und, als von etwas davon Verschiedenem, von der „Bildung“ und dann wieder von „Worten der Klugheit“ und von „künstlich gefügten Reden“ und von „wahrer Gerechtigkeit“ und wieder von dem Unterricht darin, „gerechte Urteile zu fällen“, und von „Klugheit für die Harmlosen“, die ihnen infolge der Unterweisung zuteil wird, und von „Verstand und Einsicht“, die dem erst vor kurzem Unterrichteten gegeben wird.
2. „Ein Weiser, der diese Propheten hört“, so heißt es, „wird noch weiser werden, und der Verständige wird Lebensklugheit gewinnen und wird Gleichnisse und dunkle Worte und die Aussprüche von Weisen und Rätselworte verstehen.“
3. Wenn es aber Tatsache ist, daß die griechischen Mundarten nach Hellen, dem Sohn des Zeus mit dem Beinamen Deukalion, benannt sind, so kann man aus der Zeitrechnung, die wir früher dargelegt haben, leicht erkennen, um wie viele Geschlechterfolgen die Mundarten bei den Griechen jünger als die Sprache der Hebräer sind.
§ 131
1. Im weiteren Fortgang unserer Schrift wollen wir auf die soeben genannten, von Propheten verwendeten Darstellungsformen bei jedem einzelnen Abschnitt aufmerksam machen und auf sie hinweisen, wenn wir die Lebensweise des Gnostikers entsprechend der Richtschnur der Wahrheit kunstgerecht darstellen.
2. Hat nicht auch in dem Gesicht das Engelwesen, das dem Hermas in der Gestalt der Kirche erschien, ihm das Buch zum Abschreiben gegeben, das den Auserlesenen verkündigt werden sollte? Er schrieb es aber ab „Buchstabe für Buchstabe“, wie es heißt, da er das Ende der Silben nicht fand.
3. Damit wollte er also kundtun, daß die Schrift für alle ganz verständlich ist, wenn man sie einfach liest und sie so auffaßt, und daß dies der Glaube ist, der die Stufe der Anfangsgründe einnimmt; deshalb wird bildlich auch von dem Lesen „Buchstabe für Buchstabe“ gesprochen. Wenn aber der Glaube bereits weiter fortgeschritten ist, kommt es zu dem gnostischen Verständnis der Schrift; dieses wird nach unserer Auffassung mit dem Lesen nach den Silben (d.h. mit richtiger Erfassung der Worttrennung) 328 verglichen.
4. Aber auch der Prophet Jesaias erhält die Weisung, ein neues Buch zu nehmen und einiges hineinzuschreiben, wobei der Geist weissagte, daß das heilige Verständnis erst später durch die Auslegung der Heiligen Schrift erfolgen werde, während es zu jenem Zeitpunkt noch nicht schriftlich niedergelegt war, weil es noch nicht verstanden wurde. Denn sie war zuerst nur denen gesagt worden, die sie verstehen konnten.
5. Dementsprechend wird, nachdem der Heiland die Apostel unterrichtet hat, die ungeschriebene Überlieferung der geschriebenen Worte nunmehr auch an uns weitergegeben, indem sie durch die Macht Gottes entsprechend der Erneuerung des Buches in neue Herzen eingeschrieben ist.
§ 132
1. So weihen die Gelehrtesten bei den Griechen dem Hermes, der, wie sie sagen, die vernünftige Rede ist, wegen der Fähigkeit des Ausdeutens die Frucht des Granatapfelbaumes; denn das Wort enthält viele Bedeutungen in sich.
2. Mit Recht sah füglich auch Josua, der Sohn Nuns, den Moses bei seiner Entrückung in doppelter Gestalt, und zwar die eine Gestalt bei den Engeln, die andere, wie er in den Schluchten des Gebirges der Bestattung gewürdigt wurde.
3. Josua sah aber diese Erscheinung von unten, indem er nur im Geist zugleich mit Kaleb in die Höhe gehoben wurde. Aber nicht in gleicher Weise sahen beide; vielmehr sank der eine auch rascher wieder herab, da er viel ihn Herabziehendes mit sich führte, der andere folgte ihm erst später nach unten und beschrieb den Glanz, den er gesehen hatte, da er diesen Anblick mehr als der andere ertragen konnte, weil er eben auch reiner als er war. Diese Erzählung beweist, meine ich, daß „die Erkenntnis nicht Sache aller“ ist, da die einen nur den Leib der Schriften, die Redensarten und die Wörter, gleichsam den Leib des Moses, sehen, die anderen dagegen den Sinn und die Bedeutung der Wörter durchschauen, indem sie sich gleichsam um den unter die Engel versetzten Moses kümmern.
4. So ist es auch zu erklären, daß von denen, die den Herrn um Hilfe anriefen, die meisten sagten: „Sohn Davids, erbarme dich meiner!“, und nur wenige ihn als Sohn Gottes erkannten, wie Petrus, den er auch 329 glücklich pries, weil ihm nicht Fleisch und Blut die Wahrheit offenbart hatte, sondern sein Vater im Himmel. Damit gab er zu verstehen, daß der Gnostiker nicht durch sein Fleisch, das geboren wurde, sondern durch die Macht des Vaters selbst den Sohn des Allmächtigen erkennt.
5. Die Wahrheit zu erwerben ist also nicht nur für die schwer, die sich ihn nur so aufs Geratewohl nahen, sondern auch denen, die bereits Wissen zu eigen haben, wird das Schauen, wie die Erzählung von Moses zeigt, nicht auf einmal in vollem Umfang geschenkt, bevor wir uns an das Anschauen gewöhnt haben und, wie die Hebräer den Glanz des Moses und die Heiligen des Volkes Israel die Erscheinungen der Engel, so auch wir den Anblick des schimmernden Glanzes der Wahrheit ertragen können.