§ 162
1. Unser Gnostiker beschäftigt sich immer mit dem Wichtigsten; wenn er aber einmal Zeit und Gelegenheit zur Ausspannung von der Beschäftigung mit der Hauptsache hat, dann befaßt er sich nicht mit den anderen unnützen Dingen, sondern auch mit der griechischen Philosophie, indem er sie nachträglich, gleichsam wie einen Nachtisch 351 nach der Mahlzeit, genießt und dabei das Wichtigere nicht vernachlässigt, sondern auch sie, soweit es sich geziemt, aus den Gründen, die ich früher nannte, noch mit hinzunimmt.
2. Wer aber auf die nicht notwendigen und überflüssigen Teile der Philosophie Wert legt und seinen Sinn nur auf die der Streitsucht dienenden Trugschlüsse richtet, der entfernt sich von dem Notwendigsten und Wichtigsten und jagt geradezu dem Schatten der Wörter nach.
3. Nun ist es freilich schön, alles zu wissen; wessen Seele aber zu schwach ist, um sich nach einer ausgebreiteten Gelehrsamkeit auszustrecken, der wird nur die Hauptsache und das Beste für sich wählen.
4. Denn das wahre Wissen, das, wie wir behaupten, nur der Gnostiker besitzt, ist ein sicheres Erfassen, das durch wahre und sichere Gründe zur Erkenntnis des Urgrundes emporführt; wer aber weiß, was in irgendeiner Beziehung wahr ist, der weiß sofort auch, was in der gleichen Beziehung falsch ist.
5. Denn auch jener Satz scheint mir doch wohl recht zu haben: „Wenn man Philosophie treiben muß, so muß man Philsophie treiben; denn das folgt aus der Annahme selbst; aber man muß es auch, wenn man nicht Philosophie treiben soll; denn man darf nichts verurteilen, bevor man es kennengelernt hat; man muß also Philosophie treiben.“
§ 163
1. Da sich dies so verhält, müssen die Griechen durch Gesetz und Propheten lernen, einen einzigen Gott zu verehren, der wahrhaft allmächtig ist, sodann sich durch die Apostel über folgendes belehren lassen: „Für uns gibt es kein Götterbild in der Welt“, weil es nicht möglich ist, daß es ein Abbild Gottes unter dem Erschaffenen gibt; ferner müssen sie sich aber auch darüber belehren lassen, daß die Götterbilder nicht einmal Abbilder der Wesen sind, die sie verehren; denn das Geschlecht der Geister ist der Gestalt nach durchaus nicht derart wie die Götzenbilder, die die Griechen anfertigen.
2. Denn die Seelen sind unsichtbar, nicht nur die mit Vernunft begabten, sondern auch die der unvernünftigen Tiere; ihre Körper werden aber nie Teile der Seelen selbst, sondern Organe, bei den einen als solche, auf denen sie sitzen, bei den anderen als solche, auf denen sie fahren, wieder bei anderen als anderer Besitz.
§ 164
352 1. Aber auch die Bilder der Organe kann man nicht völlig naturgetreu herstellen; denn dann sollte jemand auch die Sonne so, wie man sie sieht, abbilden oder den Regenbogen mit seinen Farben malen.
2. Wenn sie aber von den Götterbildern abgelassen haben, dann werden sie das Schriftwort hören: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer“ (deren Gerechtigkeit im Unterlassen von Übeltaten besteht), nämlich dadurch besser, daß ihr nicht nur darin zur Vollkommenheit gelangt, sondern auch den Nächsten lieben und ihm Wohltaten erweisen könnt, so werdet ihr nicht Anteil an der Königsherrschaft haben. Denn erst die Steigerung der dem Gesetze entsprechenden Gerechtigkeit zeigt den Gnostiker an.
3. Wenn jemand so an die Stelle gesetzt ist, die der beherrschenden Stelle des eigenen Körpers, dem Haupte, entspricht, und bis zu der höchsten Stufe des Glaubens, der Erkenntnis selbst, gelangt ist, der auch alle Organe der sinnlichen Wahrnehmung dienen, dann wird er in gleicher Weise auch die höchste Stufe der Erbschaft erlangen.
4. Die beherrschende Stellung der Erkenntnis zeigt der Apostel deutlich denen, die zu schauen vermögen, indem er jenen Angehörigen des griechischen Volkes, den Korinthern, ungefähr so schreibt: „Wir haben aber die Hoffnung, daß wir, wenn euer Glaube wächst, unter euch im Einklang mit unserer Glaubensregel bis zu einer außerordentlichen Höhe erhoben werden, so daß wir noch über euch hinaus das Evangelium verkündigen können.“ Damit meint er nicht die weitere räumliche Ausbreitung der Verkündigung; denn er sagt selbst, daß sich auch in Achaia der Glaube weit ausgebreitet habe.
§ 165
1. Und in der Apostelgeschichte wird berichtet, daß er auch in Athen die Lehre verkündet habe. Er lehrt vielmehr mit jenen Worten, daß die Erkenntnis, die die Vollendung des Glaubens ist, entsprechend der gewaltigen Lehre des Herrn und entsprechend der kirchlichen Glaubensregel noch weit über den (den Korinthern erteilten) 353 Unterricht hinausgehe.
2. Deshalb fügt er auch hernach hinzu: „Wenn ich aber auch ein Laie im Reden bin, so bin ich es doch nicht in der Erkenntnis.“
3. Übrigens sollen uns diejenigen Griechen, die sich rühmen, die Wahrheit erfaßt zu haben, doch sagen, wer der Lehrer war, auf dessen Unterricht sie so stolz sind. Denn sie werden nicht wohl sagen können: „Gott“, sondern es zugestehen: „Menschen“.
4. Und wenn dies der Fall ist, so müssen sie die Wahrheit entweder von sich selbst gelernt haben, indem sie spät klug geworden sind, wie ja auch wirklich manche von ihnen aufgeblasen sich dessen brüsten, oder von anderen ihresgleichen.
5. Aber Menschen sind als Menschen keine zuverlässigen Lehrer, wenn es sich um Gott handelt. Denn ein Mensch ist als Mensch nicht dazu imstande, auch über Gott die Wahrheit zu sagen, der Schwache und Vergängliche über den Ungewordenen und Unvergänglichen und das Geschöpf über den Schöpfer.
§ 166
1. Ferner muß man dem, der über sich selbst die Wahrheit nicht sagen kann, nicht noch viel weniger glauben, wenn er über Gott spricht? Denn so sehr der Mensch an Macht hinter Gott zurücksteht, ebensosehr ist auch seine Rede zu schwach, auch wenn sie nicht Gott selbst nennt, sondern nur über Gott spricht und über die Lehre von Gott.
2. Denn von Natur ist die Sprache des Menschen schwach und unfähig, Gott zu verkündigen, ich meine nicht seinen Namen (denn diesen zu nennen, ist etwas ganz Gebräuchliches nicht nur bei den Philosophen, sondern auch bei den Dichtern) und auch nicht sein Wesen (denn das ist unmöglich) sondern die Macht und die Werke Gottes.
3. Kommen doch sogar diejenigen, die Gott zu ihrem Lehrer gewählt haben, nur mit Mühe zu einer Vorstellung von Gott, obwohl die Gnade ihnen zu einer gewissen Stufe der vollen Erkenntnis verhilft, indem sie sich gleichsam daran gewöhnen, den Willen (Gottes) mit Hilfe seines Willens und den Heilgen Geist mit Hilfe des Heiligen Geistes anzuschauen; „denn der Geist erforscht die Tiefen Gottes, der psychische Mensch aber nimmt das nicht an, was vom Geiste kommt.“
4. Demnach ist allein die Weisheit, die sich bei uns findet, von Gott gelehrt, und aus ihr entspringen alle Quellen der Weisheit, soweit sie die 354 Wahrheit zu erreichen suchen.
5. Allerdings gibt es von Anfang an seit der Erschaffung der Welt Unzählige, die darauf hinwiesen, daß der Herr zu den Menschen kommen und unser Lehrer sein werde, und viele, die ihn verkündeten, ihm den Weg bereiteten und seine Vorläufer waren, die durch Taten und Worte anzeigten und weissagten, daß er kommen werde, und wo und wie das der Fall sein werde und unter welchen Zeichen.
§ 167
1. So bereiten auf ihn noch aus der Ferne das Gesetz und die Weissagung vor; dann zeigt der Vorläufer auf ihn, wie er bereits zugegen ist, und nach ihm kommen die Prediger, die auf die Wirkung seiner Erscheinung hinweisen und über sie unterrichten.
2. Aber die griechischen Philosophen haben nur bei den Griechen und auch bei diesen nicht allgemein Beifall gefunden, sondern Sokrates nur bei Platon bei Xenokrates und Aristoteles bei Theophrastos und Zenon bei Kleanthes; sie vermochten eben nur ihre eigenen Anhänger zu überzeugen.
3. Dagegen blieb die Lehre unseres Meisters nicht nur in Judäa wie die Philosophie in Griechenland, sondern breitete sich über die ganze bewohnte Erde aus und gewann für sich unter Griechen ebenso wie unter Barbaren in jedem Volk, in jedem Bezirk und in jeder Stadt ganze Familien und jeden einzelnen der Hörer und bekehrte bereits auch nicht wenige von den Philosophen selbst zur Wahrheit.
4. Und wenn irgendein Herrscher die griechische Philosophie verbietet, so verschwindet sie sofort; unsere Lehre aber wollen gleich von ihrer ersten Verkündigung an zugleich Könige und Tyrannen und die Teilherrscher und Statthalter zusammen mit allen ihren Söldnern und außerdem mit zahllosen Menschen hindern, indem sie uns bekämpfen und, soweit es in ihrer Macht liegt, unsere Lehre auszurotten trachten.
5. Sie aber blüht nur um so mehr; denn sie geht nicht wie eine menschliche Lehre zugrunde und verwelkt nicht wie eine schwache Gabe (denn keine Gabe Gottes ist schwach), sie bleibt vielmehr ungehemmt, obwohl sie, wie ihr geweissagt ist, bis ans Ende verfolgt werden wird.
§ 168
1. Sodann müssen wir an das denken, was Platon über die Dichtkunst sagt: „Eine leichte und heilige Sache ist ein Dichter, und er ist nicht imstande zu dichten, bevor 355 er begeistert und in Entzückung versetzt ist.“
2. Und Demokritos sagt in ähnlicher Weise: „Was immer ein Dichter in Begeisterung und von heiligem Geiste getrieben schreibt, das ist gewiß schön.“ Wir wissen aber, wie das ist, was die Dichter sagen.
3. Vor den Propheten des allmächtigen Gottes sollte man aber nicht erschrecken, die Werkzeuge der Stimme Gottes geworden sind?
4. Wir haben nun von dem Gnostiker gleichsam ein Bild entworfen und haben bereits gezeigt, wie beschaffen er ist, indem wir die Erhabenheit und Schönheit seines Wesens wie in einer Umrißzeichnung vor Augen stellten; denn wie er sich bei der wissenschaftlichen Untersuchung in den Grundfragen verhält, das soll später gezeigt werden, wenn wir von der Entstehung der Welt zu handeln beginnen.