§ 1
9 1. Jetzt ist es an der Zeit, den Griechen darzutun, daß allein der Gnostiker wahrhaft fromm ist, damit die Philosophen erkennen, welcher Art der wahre Christ ist, und mit Beschämung ihre eigene Torheit einsehen, in der befangen sie grundlos und aufs Geratewohl den Christennamen verfolgen und mit Unrecht Gottesleugner diejenigen nennen, die den wahren Gott erkannt haben.
2. Den Philosophen gegenüber geziemt es sich aber, meine ich, die Ausführungen recht einleuchtend zu gestalten, da sie durch ihren eigenen Bildungsgang in der Fähigkeit des Verstehens schon geübt sind, wenn sie sich auch noch nicht dessen würdig erwiesen haben, der Fähigkeit zu glauben teilhaftig zu werden.
3. Die Worte der prophetischen Schriften wollen wir für jetzt nicht erwähnen, da wir später an der richtigen Stelle die Heilige Schrift verwenden wollen. Wir werden aber die in ihnen enthaltenen Lehren kurz andeuten, wenn wir jetzt das Wesen des Christentums nach seinen Grundzügen darstellen. Wir würden sonst den Zusammenhang unserer Darlegung unterbrechen, wenn wir die Belege aus der Heiligen Schrift mitheranziehen würden, zumal bei Leuten, die die Redeweise der Schrift noch nicht verstehen. Wenn wir aber ihren Inhalt klargelegt haben und sie zum Glauben gekommen sind, dann werden ihnen obendrein auch noch die Schriftzeugnisse mitgeteilt werden.
4. Und falls das von uns Gesagte für manche aus der großen Masse von dem Worte des Herrn in der Heiligen Schrift abzuweichen scheint, so soll man wissen, daß alle unsere Worte aus 10 der Heiligen Schrift Geist und Leben haben, und zwar in ihr wurzeln, aber nicht ihren Wortlaut, sondern nur ihren Sinn wiederzugeben versprechen.
5. Denn die eingehende Behandlung würde, wenn sie zur unpassenden Zeit vorgenommen wird, mit Recht überflüssig scheinen; andererseits wäre es überaus nachlässig und mangelhaft, am Wichtigsten ohne jede Prüfung vorüberzugehen.
6. „Selig“ sind aber fürwahr, „die die Zeugnisse des Herrn erforschen; von ganzem Herzen werden sie ihn suchen.“ Es zeugen aber vom Herrn das Gesetz und die Propheten.
§ 2
1. Es ist also unsere Aufgabe, nachzuweisen, daß allein der Gnostiker heilig und fromm ist und in gottwohlgefälliger Weise den wahren Gott verehrt. Auf die gottwohlgefällige Gottesverehrung folgt aber, daß man von Gott geliebt ist und selbst Gott liebt.
2. Als der Verehrung würdig gilt aber dem Gnostiker alles, was durch seinen Wert hervorragt. Und so muß man nach seiner Ansicht in der sichtbaren Welt die Herrscher und die Eltern und alle Älteren ehren, in der Wissenschaft aber die älteste Philosophie und die ehrwürdigste Weissagung, in der Geisteswelt aber das, was seiner Entstehung nach das Älteste ist, nämlich den zeitlosen, anfangslosen Anfang und Erstling alles Seienden, den Sohn.
3. Durch ihn kann man das noch weiter zurückliegende Prinzip kennenlernen, den Vater der Welt, das älteste und allerwohltätigste Wesen, dessen Kenntnis nicht mehr mit gesprochenen Worten überliefert wird, das vielmehr mit Ehrfurcht und Stillschweigen und mit heiligem Staunen zu verehren ist und auch verehrt wird, das von dem Herrn in vollgültigstem Sinn verkündigt wurde, und zwar so, wie es für die Lernenden aufzufassen möglich war, aber wenigstens von denen verstanden wurde, welche vom Herrn für die Erkenntnis auserwählt worden waren, deren „Unterscheidungsvermögen“, wie der Apostel sagt, „geübt ist“.
§ 3
11 1. Der Gottesdienst des Gnostikers besteht also in der fortwährenden Fürsorge für die Seele und in seiner aus unaufhörlicher Liebe erwachsenden Beschäftigung mit dem Göttlichen.
2. Denn die Fürsorge für die Menschen will teils bessern, teils dienen. Die Besserung des Körpers ist Sache der Heilkunst, die der Seele ist Sache der Philosophie, Förderung durch Dienen dagegen wird den Eltern durch die Kinder und den Vorgesetzten durch ihre Untergebenen zuteil.
3. Ebenso versehen in der Kirche die Ältesten (Presbyter) das Amt des Besserns, die Gemeindepfleger (Diakonen) das Amt des Dienens.
4. Diese beiden Dienste erweisen die Engel Gott bei seiner Weltregierung und ebenso auch der Gnostiker selbst, indem er Gott dient und den Menschen seine Weltanschauung darlegt, die geeignet ist, sie zu bessern, dem entsprechend, daß er mit der Erziehung der Menschen zu ihrer Besserung betraut ist; denn fromm ist allein derjenige, der in den menschlichen Beziehungen Gott richtig und tadellos dient.
5. Denn wie diejenige Pflege der Pflanzen die beste ist, die die Früchte auf Grund der Kenntnis und der Erfahrung im Landbau wachsen und einernten und so den Menschen den Nutzen, den sie gewähren können, wirklich zuteil werden läßt, so nimmt die Frömmigkeit des Gnostikers die Früchte der durch seine Vermittlung zum Glauben bekehrten Menschen bei sich auf und erzielt die schönste Ernte durch seine Erfahrung, indem mehr Menschen zu voller Erkenntnis kommen und dadurch gerettet werden.
6. Wenn aber die Gottseligkeit (theoprepeia, (xxx)) ein Verhalten ist, das Gott gegenüber die geziemende Haltung wahrt, so ist allein der Gottselige von Gott geliebt. Ein solcher dürfte wohl der sein, der das Geziemende sowohl lehrmäßig als auch der Lebensweise nach erfaßt hat und somit weiß, wie der leben muß, der einst Gott sein soll und wirklich jetzt schon Gott ähnlich wird.
§ 4
1. Demgemäß ist er also gottliebend. Denn wie derjenige, der seinen Vater ehrt, seinen Vater auch liebt, so 12 liebt auch Gott, wer Gott ehrt.
2. So scheint es mir auch drei Wirkungen der gnostischen Fähigkeit zu geben, zunächst, die Tatsachen zu erkennen, sodann, zu vollbringen, was der Logos befiehlt, und drittens, in einer Gottes würdigen Weise die Geheimnisse der Wahrheit überliefern zu können.
3. Wer also überzeugt ist, daß Gott allmächtig ist, und die göttlichen Geheimnisse von seinem eingeborenen Sohn erfahren hat, wie könnte der Gottesleugner sein? Denn Gottesleugner ist, wer nicht an das Dasein Gottes glaubt; abergläubisch (deisidaimon,(xxx) ) aber ist, wer sich vor den Dämonen fürchtet und alles zu Götzen macht, sogar Holz und Stein und den Geist, der den nicht vernünftig lebenden Menschen zu seinem Sklaven gemacht hat.