§ 93
1. Wer aber willig ist, sich um des herrlichsten Lohnes willen abzumühen, wird nicht früher von dem Suchen 97 nach der Wahrheit ablassen, als bis er den Beweis von der Heiligen Schrift selbst erhalten hat.
2. Nun gibt es gewisse Erkenntnismittel, die allen Menschen gemeinsam sind, wie die Sinneswerkzeuge; die anderen finden sich dagegen nur bei denen, die die Wahrheit erstreben und sich in ihr üben, nämlich die auf Denken und Überlegen beruhenden Fähigkeiten, zwischen wahren und falschen Sätzen zu unterscheiden.
3. Das Wichtigste ist aber, daß man das unbegründete Meinen aufgibt, durch das man sich in die Mitte zwischen genauem Wissen und voreiliger Einbildung stellt, und daß man erkennt, daß jeder, der auf die ewige Ruhe hofft, auch weiß, daß der Eingang zu ihr mühevoll und „eng“ ist.
4. Wer aber einmal die frohe Botschaft gehört und, wie es heißt, „das Heil gesehen“ hat, soll in der Stunde, da er es kennengelernt hat, „sich nicht nach rückwärts umwenden wie Lots Weib“ und nicht wieder zu seinem früheren, den Sinnendingen zugewandten Leben oder gar zu den Irrlehrern zurückkehren; denn in irgendeiner Beziehung sind diese streitsüchtig, da sie den wahren Gott nicht kennen.
5. Denn „wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich“, den wahren Vater und Lehrer der Wahrheit, der die auserwählte Seele neu geboren werden läßt und neu erschafft und ernährt, „der ist meiner nicht wert“, womit er meint, nicht wert, Sohn Gottes und zugleich Schüler Gottes und sein Freund und Angehöriger zu sein.
6. „Denn niemand, der zurückschaut und die Hand an den Pflug legt, ist für das Reich Gottes tauglich.“
7. Aber, wie es scheint, gilt für die Masse auch jetzt noch Maria als eine Wöchnerin, weil sie das Kind geboren hat, während sie keine Wöchnerin ist (denn manche erzählen, daß sie, als sie nach der Geburt von einer Hebamme gepflegt wurde, als Jungfrau erfunden worden sei).
§ 94
1. Solcher Art sind für uns auch die Schriften des Herrn, die die Wahrheit auf die Welt bringen und doch jungfraulich bleiben, weil sie die Geheimnisse der 98 Wahrheit verbergen.
2. „Sie hat geboren und hat nicht geboren“, sagt die Schrift, da sie von sich selbst und nicht infolge der Verbindung mit einem anderen empfangen hat.
3. Deshalb hat die Heilige Schrift für die Gnostiker neues Leben zur Welt gebracht; die Irrlehren aber, die sie nicht richtig verstanden haben, verstoßen sie, als ob sie kein neues Leben geboren hätte.
4. Und obwohl alle Menschen das nämliche Urteilsvermögen in sich tragen, folgen doch die einen der sie leitenden Vernunft und kommen so zu festen Überzeugungen, die anderen aber geben sich den Lüsten hin und vergewaltigen die Deutung der Schrift im Sinne ihrer eigenen Begierden.
5. Der Liebhaber der Wahrheit hat aber, meine ich, eine seelische Stärke nötig; denn es ist unvermeidlich, daß in die größten Irrtümer die verfallen, die die größten Aufgaben in Angriff nehmen, wenn sie nicht die Richtschnur der Wahrheit von der Wahrheit selbst erhalten haben und besitzen.
6. Da aber solche Leute von dem rechten Weg abgekommen sind, so irren sie begreiflicherweise auch in den meisten Einzelheiten, da sie die Fähigkeit, zwischen Wahrem und Falschem zu unterscheiden, nicht haben, die geübt wäre, sorgfältig das Nötige zu wählen. Denn wenn sie diese Fähigkeit besäßen, so würden sie den göttlichen Schriften gehorchen.
§ 95
1. Gerade also, wie wenn jemand aus einem Menschen zu einem Tier würde, ähnlich wie die von Kirke durch Zauber in Tiere Verwandelten, geht es denen, die der kirchlichen Überlieferung verächtlich einen Fußtritt gegeben und sich schnell den Meinungen menschlicher Irrlehren zugewendet haben; sie verlieren die Eigenschaft, Menschen Gottes zu sein und dem Herrn treu zu bleiben.
2. Wer aber aus dieser Verirrung wieder umgekehrt ist, auf die Heilige Schrift gehört und sein eigenes Leben unter die Obhut der Wahrheit gestellt hat, der wird gleichsam aus einem Menschen zu Gott.
3. Denn zu eigen 99 haben wir den Urgrund aller Lehre, den Herrn, der durch die Propheten und durch das Evangelium und durch die seligen Apostel „auf mannigfache und vielfältige Weise“ vom Anfang bis zum Ende Führer in der Erkenntnis ist.
4. Wenn man aber annimmt, daß der Urgrund noch etwas anderes voraussetze, so kann man ihn nicht mehr als wirklichen Urgrund ansehen. Wer also von sich selbst aus (auf Grund eigener Überzeugung) der Schrift und dem Wort des Herrn Glauben entgegenbringt, der verdient selbst mit Recht Glauben, da jene durch den Herrn bewirkt werden, um den Menschen eine Wohltat zu erweisen.
5. Sicherlich verwenden wir Schrift und Wort des Herrn als den Maßstab für unser Urteil beim Auffinden der Tatsachen. Alles aber, was dem Urteil unterliegt, ist noch nicht sicher, bevor es beurteilt worden ist; daher kann auch etwas, was noch Beurteilung nötig hat, nicht Grundprinzip sein.
6. Nachdem wir also mit Recht durch den Glauben das Grundprinzip ohne Beweise erfaßt haben, erhalten wir zum Überfluß noch vom Grundprinzip selbst auch die Beweise für das Grundprinzip und werden so durch das Wort des Herrn zu der vollen Erkenntnis der Wahrheit angeleitet.
7. Denn wir hören nicht auf Menschen, die einfach irgend etwas behaupten und denen man ebenso eine Gegenbehauptung entgegenstellen könnte.
8. Wenn es aber nicht genügt, nur einfach das zu sagen, was man meint, sondern wir das Gesagte auch beweisen müssen, so warten wir nicht die Bezeugung durch Menschen ab, sondern beweisen das, worum sich die Untersuchung dreht, durch das Wort des Herrn, das zuverlässiger ist als alle Beweise, das vielmehr der einzige wirkliche Beweis ist.
9. Infolge dieser Erkenntnis sind diejenigen, die die Heilige Schrift nur gekostet haben, gläubig, diejenigen aber, die noch weiter fortgeschritten sind, die Gnostiker, sind gründliche Kenner der Wahrheit; denn auch in dem gewöhnlichen Leben haben die Fachleute etwas vor den Laien voraus und übertreffen die gewöhnlichen Vorstellungen durch ihre Leistungen.
§ 96
1. So ist es also auch bei uns. Da wir aus der Heiligen Schrift selbst vollkommene Beweise über sie selbst entnehmen, gewinnen wir aus unserem Glauben eine beweiskräftige Überzeugung.
2. Und wenn auch die Anhänger 100 der Irrlehren es wagen, prophetische Schriften zu verwenden, so verwenden sie zuvörderst nicht alle, sodann nicht die vollständigen Schriften und auch nicht so, wie es die Gesamtheit und der innere Zusammenhang der Weissagung verlangt; sie wählen vielmehr nur das aus, was in ihnen mehrdeutig gesagt ist, und bringen es in Beziehung zu ihren eigenen Meinungen, und indem sie da und dort einige wenige Worte herausnehmen, so achten sie nicht auf ihre wirkliche Bedeutung, sondern mißbrauchen den einfachen Wortlaut an und für sich.
3. Denn fast bei allen Schriftstellen, die sie anführen, kann man feststellen, daß sie nur auf die Worte achten, während sie den Sinn verdrehen und weder verstehen, wie die Worte wirklich gemeint sind, noch die ausgewählten Stellen, die sie tatsächlich anführen, in der Bedeutung verwenden, die sie wirklich haben.
4. Die Wahrheit wird aber nicht dadurch gefunden, daß man die Bedeutung verändert (denn auf diese Weise kann man alle wahre Lehre in ihr Gegenteil verkehren) sondern indem man genau überlegt, was dem Herrn und dem allmächtigen Gott vollkommen angemessen und entsprechend ist, und indem man jeden Beweis, den man der Heiligen Schrift entnimmt wieder aus eben der gleichen Schrift bekräftigt.
5. Sie sind daher weder bereit, sich zur Wahrheit zu bekehren, weil sie keine Lust haben, auf ihre angemaßte Selbstliebe zu verzichten, noch sehen sie eine Nötigung, ihre eigenen Meinungen umzugestalten, da sie die Schriftworte vergewaltigen. So haben sie rasch falsche Lehren unter den Menschen verbreitet, wobei sie mit fast allen Heiligen Schriften offenkundig im Widerspruch stehen und immer wieder von uns, die wir ihren Anschauungen entgegentreten, widerlegt werden; sie bringen es aber auch jetzt noch fertig, die einen von den prophetischen Schriften nicht anzuerkennen, bei den anderen in verleumderischer Weise zu behaupten, daß wir selbst, da wir von einer anderen Natur seien, nicht imstande seien, sie (die Schriften) zu verstehen, weil sie nur ihnen zugänglich seien. Manchmal verleugnen sie auch, wenn sie des Irrtums überführt sind, ihre eigenen Lehrsätze, weil sie sich schämen, offen das zu bekennen, was sie lehren und womit sie sich, wenn sie unter sich sind, brüsten.
§ 97
101 1. Denn dieses Verhalten kann man bei allen Irrlehrern beobachten, wenn man die Verkehrtheit ihrer Lehrsätze angreift. Denn wenn sie von uns dadurch widerlegt werden, daß wir zeigen, wie sie ganz offenkundig im Widerspruch zu der Heiligen Schrift stehen, so kann man sehen, daß von den Vorstehern der Irrlehre die eine oder die andere von zwei Möglichkeiten angewendet wird.
2. Denn entweder mißachten sie die aus ihren eigenen Lehren zu ziehenden Folgerungen oder die Weissagung selbst, vielmehr den Grund ihrer eigenen Hoffnung und ziehen bei jeder Gelegenheit das vor, was ihnen einleuchtender erscheint als das, was von dem Herrn durch die Propheten verkündet worden ist und von dem Evangelium, außerdem aber auch von den Aposteln, mitbezeugt und bestätigt wird.
3. Da sie also die Gefahr sehen, die ihnen nicht hinsichtlich eines einzelnen Lehrsatzes, sondern hinsichtlich der Möglichkeit droht, überhaupt ihre ketzerische Richtung am Leben zu erhalten, und da sie ferner nicht wirklich die Wahrheit finden wollen (denn wenn sie die Schriften lesen, die bei uns gebräuchlich und allgemein zugänglich sind, dann verachten sie sie als wertlos), sondern bemüht sind, über den allen gemeinsamen Glauben hinauszukommen, so verlassen sie die Wahrheit.
4. Denn da sie die Geheimnisse der kirchlichen Erkenntnis nicht kennengelernt und die Erhabenheit der Wahrheit nicht erfaßt haben, da sie ferner zu träge waren, um bis zu der Tiefe der Fragen vorzudringen, legten sie die Heilige Schrift beiseite, nachdem sie sie nur oberflächlich gelesen hatten.
§ 98
1. Da sie daher auf ihre eingebildete Weisheit stolz sind, fangen sie fortwährend Streit an, wobei es sich klar zeigt, daß sie mehr darauf bedacht sind, als Philosophen zu erscheinen, als wirklich Philosophen zu sein.
2. Deshalb legen sie den Tatsachen keine notwendigen Prinzipien zugrunde, sondern lassen sich von menschlichen Meinungen beeinflussen; dann ziehen sie aber die aus ihnen notwendig folgenden Schlüsse und streiten, um nicht des Irrtums überführt zu werden, aufs heftigste mit den Vertretern der wahren Philosophie. Und sie wollen lieber alles ertragen und setzen, wie man sagt, lieber alle Hebel in Bewegung, als daß sie ihren Irrtum aufgeben, 102 selbst wenn sie infolge ihres Unglaubens gegenüber der Heiligen Schrift zur Gottlosigkeit verführt werden sollten. Der Grund für dieses Verhalten ist aber, daß sie auf ihre Richtung so stolz sind und daß sie in ihren Versammlungen so gern die vielgenannten ersten Plätze einnehmen wollen, weswegen sie auch den Vorsitz bei jenen Trinkgelagen ihrer fälschlich so genannten Liebesmahle erstreben.
3. Die volle Erkenntnis der Wahrheit aber, die sich bei uns findet, gewinnt aus dem, was schon sicher ist, den Glauben an das, was noch nicht sicher ist, und dieser Glaube ist sozusagen die Grundlage des Beweises.
4. Aber jede Art von Irrlehre hat, wie es scheint, überhaupt kein Gehör, um das zu hören, was frommt, sondern ihre Ohren sind nur für das geöffnet, was zur Lust hinführt. Denn sonst wäre auch mancher von den Irrlehrern wieder auf den richtigen Weg gebracht worden, wenn er nur der Wahrheit hätte gehorchen wollen.
5. Dreifach ist aber der Weg zur Heilung für die Einbildung, wie für jede geistige Erkrankung: zuerst muß man die Ursache erkennen; sodann feststellen, wie diese Ursache beseitigt werden kann; das dritte aber ist, daß die Seele geübt und daran gewöhnt wird, dem zu folgen, was man als richtig erkannt hat.
§ 99
1. Denn wie ein getrübtes Auge, so kann auch die Seele, wenn ihr Blick durch naturwidrige Lehren getrübt ist, das Licht der Wahrheit nicht genau unterscheiden, vielmehr übersieht sie sogar das, was unmittelbar vor ihr liegt. So sagt man, daß in trübem Wasser auch die Aale nichts sehen und man sie deshalb fangen kann.
2. Und wie böse Buben ihren Schulmeister hinaussperren, so sperren diese Irrlehrer die Weissagungen von ihrer Kirche aus, weil sie die in ihnen enthaltenen Worte des Tadels und der Ermahnung fürchten.
3. Begreiflicherweise flicken sie gar viele Lügen und Erdichtungen zusammen, um den Anschein zu erwecken, daß sie einen triftigen Grund 103 hätten, die Heilige Schrift nicht anzunehmen.
4. Demnach sind sie nicht gottesfürchtig, da sie keinen Gefallen an den göttlichen Geboten, das heißt an dem Heiligen Geiste finden.
5. Und wie man nicht diejenigen Mandeln leer nennt, in denen überhaupt nichts ist, sondern die, deren Inhalt nichts taugt, so sagen wir, daß Irrlehrer diejenigen sind, bei denen von den göttlichen Ratschlüssen und den Überlieferungen Christi nichts zu finden ist, da sie die Urheber von Lehren sind, die in der Tat ebenso bitter sind wie die wilde Mandel, abgesehen von den Lehren, die sie nicht von sich fernhalten und nicht verbergen konnten, weil ihre Wahrheit allzu unbestreitbar am Tage liegt.
§ 100
1. Wie nun im Kriege der Soldat den Platz nicht verlassen darf, den ihm der Führer angewiesen hat, so dürfen auch wir den Platz nicht verlassen, den der Logos uns zugewiesen hat, den wir zu unserem Führer in der Erkenntnis und im Leben erhalten haben.
2. Die große Masse ist sich aber nicht einmal darüber klar geworden, ob sie irgendeinem Führer folgen muß und gegebenenfalls welchem Führer und in welcher Weise.
3. Denn wie die Rede, so soll auch das Leben des Gläubigen sein, so daß er imstande ist, „Gott zu folgen“, der von Anfang an in allem „auf einem geraden Wege dem Ziel zustrebt“.
4. Wenn aber jemand gegen den Willen des Logos und damit gegen den Gottes gehandelt hat, so gibt es zwei Möglichkeiten: Wenn er sich schwach gezeigt hat, weil plötzlich irgendeine Vorstellung vor sein geistiges Auge trat, so muß er darnach trachten, daß die vernünftigen Vorstellungen bei ihm stets gegenwärtig sind; wenn er dagegen einer Gewohnheit unterlegen ist, die schon vorher Macht über ihn gewonnen hatte, und er so, wie die Schrift sagt, „gemein“ geworden ist, so muß er dieser Gewohnheit vollständig ein Ende machen und seine Seele dazu erziehen, daß sie der Gewohnheit widersteht.
5. Wenn aber manche auch durch widersprechende Lehren angezogen zu werden scheinen, so muß man diese allmählich beseitigen und sich denen zuwenden, die „Friedensstifter“ unter den Lehren sind; diese beschwichtigen 104 durch die göttliche Schrift die Furcht der Unverständigen und machen durch die Übereinstimmung der Testamente die Wahrheit klar.
6. Aber, wie es scheint, neigen wir uns lieber den gewöhnlichen Anschauungen zu, wenn sie auch in sich widerspruchsvoll sind, als der Wahrheit; denn diese ist streng und ernst.
7. Und von den drei Seelenzuständen, die es gibt, Unwissenheit, Einbildung, Erkenntnis, ist die eine, die Unwissenheit, für die Heiden bezeichnend, die andere, die Erkenntnis, für die wahre Kirche, die dritte, die Einbildung, für die Anhänger der Irrlehren.
§ 101
1. Man kann nun freilich sehen, daß diejenigen, die ein wirkliches Wissen besitzen, um nichts bestimmter die Richtigkeit dessen verfechten, was sie wissen, als diejenigen, die nur Meinungen haben, die Richtigkeit ihrer Meinungen, soweit es wenigstens auf unbewiesene Versicherungen ankommt.
2. Jedenfalls verachten und verlachen sie einander, und es kommt vor, daß der nämliche Gedanke bei den einen hoch in Ehren steht, bei den anderen für verrückt gilt.
3. Und wir haben doch gelernt, daß ein Unterschied ist zwischen der Lust, die man den Heiden zuweisen muß, und der Streitsucht, die man den Irrlehrern zuerkennen muß, und wieder der Freude, die man als die Eigenart der Kirche bezeichnen, und dem Frohsinn, den man dem wahren Gnostiker zuschreiben muß.
4. Und wie denjenigen, der sich unterweisen läßt, Ischomachos zum Landmann machen wird, Lampis zum Schiffer, Charidemos zum Heerführer, Simon zum Reiter, Perdix zum Kaufmann, Krobylos zum Koch, Archelaos zum Tänzer, Homeros zum Dichter, Pyrrhon zum Meister im Wortkampf, Demosthenes zum Redner, Chrysippos zum Meister im logischen Denken, Aristoteles zum Naturkundigen, Platon zum Philosophen, so wird, wer dem 105 Herrn gehorcht und der durch ihn gegebenen Weissagung folgt, nach dem Ebenbilde des Meisters vollkommen zu einem im Fleische wandelnden Gott gemacht.
5. Von dieser Höhe stürzen also die herab, die Gott nicht auf dem Wege, den er führt, folgen; er führt aber an der Hand der „von Gott eingegebenen Schriften“.
6. Denn wenn es auch unzählige Arten des menschlichen Handelns gibt, so lassen sich doch fast alle Verfehlungen auf zwei Ursachen zurückführen, auf Unwissenheit und auf Schwäche (beide sind aber von unserem Willen abhängig; sie finden sich bei denen, die weder lernen noch andererseits ihre Leidenschaften beherrschen wollen); infolge der ersteren kommt man nicht zum richtigen Urteil; infolge der anderen kann man dem richtigen Urteil, zu dem man gekommen ist, nicht folgen.
7. Denn weder kann man richtig handeln, wenn man sich zu einem falschen Urteil hat verführen lassen, selbst wenn man völlig imstande ist, das Erkannte zu tun, noch wird man sich, auch wenn man das richtige Urteil fällen kann, als untadelig bewähren, wenn man zu schwach zum Handeln ist.
§ 102
1. Dementsprechend werden also auch in der Hauptsache zwei Formen der Erziehung vorgesehen, die den beiden Ursachen der Verfehlungen entsprechen, bei der einen die Übermittlung der Erkenntnis und der unwiderlegliche Beweis, der aus dem Zeugnis der Heiligen Schrift entnommen ist; bei der anderen die vernunftgemäße Übung, die die Folge der Erziehung durch Glauben und Furcht ist. Beide entwickeln sich aber zu der vollkommenen Liebe.
2. Denn das Ziel des Gnostikers hier auf der Erde ist, meine ich, ein doppeltes, einerseits das auf wirkliches Wissen beruhende Schauen (Theorie) andererseits das tätige Handeln (Praxis) Möchte es also doch geschehen, daß auch diese Irrlehrer sich durch diese Darlegungen belehren lassen und so zu Verstand kommen und sich zu dem allmächtigen Gott bekehren!
3. Wenn sie aber „wie die tauben Schlangen das Lied nicht hören“, das zwar in neuer Weise vorgetragen wird, aber uralt ist, so möchten sie sich jedenfalls von Gott erziehen lassen, indem sie die dem Gerichte vorhergehenden väterlichen 106 Zurechtweisungen über sich ergehen lassen, bis sie sich schämen und ihren Sinn ändern, statt daß sie sich durch ihren hartnäckigen Ungehorsam mit Gewalt in das Gericht über ihr ganzes Tun stürzen!
4. Denn es gibt auch Züchtigungen, die sich nur auf einzelne Handlungen des Lebens beziehen, die man Strafen nennt, in welche die meisten von uns, die wir aus dem Volke des Herrn in Verfehlungen geraten sind, hinabgleiten und fallen.
5. Aber wie die Kinder von ihrem Lehrer oder ihrem Vater, so werden wir von der Vorsehung bestraft. Gott rächt sich nicht (die Rache ist nämlich eine Wiedervergeltung von Bösem) sondern straft, um dadurch den Bestraften, sowohl der Gesamtheit wie den einzelnen, zu nützen.
6. Diese Darlegungen setzte ich hierher in der Absicht, die Lernbegierigen vor der bei ihnen vorhandenen Gefahr der Hingabe an die Irrlehren zu warnen; ich habe aber diese Worte auch mit Rücksicht auf die anderen ausgesprochen, weil ich wünsche, sie von der sie beherrschenden Unwissenheit oder Dummheit oder dem Mangel an Begabung oder, wie man es sonst nennen soll, zu befreien, und weil ich bestrebt bin, diejenigen, die nicht ganz unverbesserlich sind, umzustimmen und für die Wahrheit zu gewinnen.
§ 103
1. Denn es gibt Leute, die es von vorneherein ablehnen, auf die zu hören, die sie zum Erfassen der Wahrheit aneifern wollen; und sie fangen an, törichtes Zeug zu schwätzen und Schmähreden gegen die Wahrheit auszustoßen, während sie sich selbst zutrauen, die höchste Erkenntnis zu besitzen, obwohl sie nicht gelernt, nicht gesucht, nicht gearbeitet und die Folgerichtigkeit der Wahrheit nicht gefunden haben; sie verdienen mehr Mitleid als Haß für eine so völlige Verkehrtheit.
2. Wenn aber einer noch zu heilen ist, weil er, gleichsam wie Feuer oder Eisen, das freimütige Wort der Wahrheit ertragen kann, das ihre falschen Meinungen ausscheidet oder ausbrennt, der öffne uns das Ohr seiner Seele!
3. Und dies wird dann geschehen, wenn sie nicht in ihrem ungestümen Leichtsinn die Wahrheit von sich stoßen oder in ehrgeizigem Streben gewaltsam etwas Neues schaffen wollen.
4. Denn leichtsinnig sind diejenigen, die, obwohl sie aus der Heiligen Schrift selbst die für die Schrift geeigneten Beweise beschaffen 107 könnten, das wählen, was ihnen gerade einfällt und was ihren eigenen Lüsten dienlich ist.
5. Ehrgeizig aber sind diejenigen, die die von den seligen Aposteln und Lehrern in Übereinstimmung mit den von Gott eingegebenen Worten überlieferten Lehren absichtlich durch andere Aufstellungen fälschen und so mit menschlichen Lehren der göttlichen Überlieferung entgegentreten, um ihre Irrlehre zu begründen.
6. Denn welchen Rang könnten unter solchen Männern, ich meine hinsichtlich der von der Kirche überlieferten Erkenntnis, z. B. Marcion oder Prodikos und die ihnen ähnlichen Leute, die nicht den richtigen Weg gingen, wohl einnehmen?
7. Denn sie übertrafen doch wohl nicht an Weisheit die Männer der früheren Zeit, so daß sie etwas zu den Wahrheiten, die jene verkündet hatten, noch hätten hinzufinden können; sie hätten vielmehr zufrieden sein müssen, wenn sie sich das hätten aneignen können, was vorher überliefert war.
§ 104
1. Unser Gnostiker ist es also allein, der in der Beschäftigung mit der Heiligen Schrift selbst alt geworden ist und an den rechtgläubigen Lehren der Apostel und der Kirche festhält und ganz rechtschaffen nach den Geboten des Evangeliums lebt. Er wird aber von dem Herrn dazu angeleitet, die Beweise, die er sucht, von dem Gesetz und von den Propheten ausgehend zu finden.
2. Denn das Leben des Gnostikers ist, meine ich, nichts anderes als Werke und Worte, die der Überlieferung des Herrn entsprechen.
3. Aber man sagt: „Die Erkenntnis ist nicht Sache aller.“ „Denn ich möchte euch darüber nicht in Unkenntnis lassen, liebe Brüder“, sagt der Apostel, „daß alle unter der Wolke waren und an geistlicher Speise und an geistlichem Trank Anteil erhielten“, womit er deutlich zeigen will, daß nicht alle Hörer des Wortes die Größe der Erkenntnis in Werk und Wort erfaßt haben.
4. Deshalb fügte er auch hinzu: „Aber nicht an ihnen allen fand er Wohlgefallen.“ Wer ist es, von dem er redet? Derjenige, der sagte: „Warum nennt ihr mich ‘Herr’ und tut den Willen meines Vaters nicht?“ Damit ist die Lehre des Heilands gemeint, die unsere geistliche Speise und ein Trank ist der keinen Durst mehr kennt, „Wasser des Lebens“ der Erkenntnis.
5. Ja, sagen sie, aber von der Erkenntnis heißt es, daß sie 108 „aufblähe“. Ihnen entgegnen wir: Vielleicht gilt es von der scheinbaren Erkenntnis, daß sie „aufbläht“, wenn man annimmt, daß das Wort die Bedeutung von „aufgeblasen oder dünkelhaft geworden sein“ habe.
6. Wenn aber das Wort des Apostels, was wohl eher der Fall ist, die erhabene und wahrhaftige Gesinnung meint, so ist die Schwierigkeit behoben; wir wollen aber trotzdem im Anschluß an die Heilige Schrift das Gesagte bestätigen.
§ 105
1. „Die Weisheit“, sagt Salomon, „hat ihre Kinder aufgebläht.“ Nun flößte der Herr bei seinem Unterricht den Kindern doch wohl nicht Einbildung ein, sondern Vertrauen auf die Wahrheit und eine erhabene Gesinnung im Bewußtsein des Besitzes der durch die Heilige Schrift überlieferten Erkenntnis; auf diese Weise macht er sie innerlich erhaben über all das, was zur Sünde verführen will; dies bedeutet das Wort „sie hat aufgebläht“, insofern die Weisheit durch ihre Lehren denen, die ihrem Lernen nach Kinder waren, erhabene Gesinnung einpflanzte.
2. Dementsprechend sagt der Apostel: „Und ich werde nicht die Rede, sondern die Kraft der mit Geist Erfüllten (der Aufgeblähten) kennenlernen“, ob ihr nämlich hochgesinnt (das ist wahrhaftig; denn es gibt nichts, was über die Wahrheit erhaben wäre) die Heilige Schrift versteht. Denn darin zeigt sich die Kraft der mit Geist erfüllten (aufgeblähten) Kinder der Weisheit.
3. Er sagt gewissermaßen: Ich will in Erfahrung bringen, ob ihr mit Recht auf eure Erkenntnis stolz seid. Denn „bekannt ist“ nach dem Worte Davids „in Judäa Gott“, das heißt bei den Israeliten, die es ihrer vollen Erkenntnis nach sind.
4. Denn Judäa wird mit „Bekenntnis“ übersetzt. Mit Recht ist daher von dem Apostel gesagt: „Denn das Gebot: ‘Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst dich nicht gelüsten lassen!’ und wenn es sonst ein Gebot gibt, ist in diesem Wort zusammengefaßt: ‘Du sollst deinen Nächsten wie dich selbst lieben!’ “
5. Denn man darf niemals so, wie es die Anhänger der Irrlehren tun, Ehebruch an der Wahrheit begehen und ebensowenig die 109 Richtschnur der Kirche bestehlen, indem man seinen eigenen Begierden und ehrgeizigen Bestrebungen nachgibt und dadurch seine Nächsten betrügt, die man mehr als alles andere lieben und dazu erziehen muß, daß sie sich an die Wahrheit selbst halten.
6. Jedenfalls heißt es ausdrücklich: „Verkündigt unter den Heidenvölkern seine Taten!“, damit diejenigen, die es zuvor gehört haben, nicht gerichtet, sondern bekehrt werden. Für alle aber, die „mit ihren Zungen Falsches reden“, ist die Strafe schon im voraus in der Schrift festgelegt.