§ 81
85 1. Nie trägt er denen, die sich gegen ihn verfehlt haben, etwas nach, sondern verzeiht ihnen. Deshalb hat er auch das Recht zu beten und zu sprechen: „Vergib uns; denn auch wir vergeben.“
2. Denn auch dieses ist eines von den Dingen, die Gott will, daß wir nichts begehren und daß wir niemand hassen, denn alle Menschen sind das Werk eines einzigen Willens.
3. Und da unser Heiland, der sagte: „Kommet her zu mir, ihr Kinder, und höret von mir die Furcht des Herrn!“, wollte, daß der Gnostiker „vollkommen ist wie der himmlische Vater“, das heißt, wie er selbst, will er vielleicht, daß dieser nicht mehr die Hilfe von seiten der Engel nötig habe, sondern, nachdem er dessen würdig geworden ist, jene Hilfe von sich selbst erhalte und infolge seines Gehorsams durch sich selbst die nötige Obhut habe.
4. Ein solcher Mann verlangt von dem Herrn das ihm Verheißene und braucht nicht mehr darum zu bitten. Und wenn seine Brüder in Not sind, dann wird der Gnostiker nicht für sich selbst Überfluß an Mitteln erbitten, um ihnen davon mitteilen zu können, sondern wird darum beten, daß jenen zum Geschenk gegeben werde, wessen sie bedürfen.
5. Denn in dieser Weise bringt der Gnostiker den Bedürftigen nicht nur sein Gebet als Gabe dar, sondern spendet ihnen auch, ohne daß es bekannt würde und ohne daß er sich dessen rühmte, das, was ihnen durch das Gebet zuteil wird.
6. Nun werden freilich Armut und Krankheit und andere derartigen Prüfungen zum Zweck der Mahnung verhängt, damit man das Vergangene wiedergutmache und das Zukünftige sich besser überlege.
7. Der Gnostiker erbittet für solche Leute Erleichterung, da er die auserlesene Gabe der Erkenntnis besitzt, und nicht aus nichtiger Ruhmsucht, sondern einfach deswegen, weil er Gnostiker ist, erweist er ihnen selbst Wohltaten und wird so ein Werkzeug der göttlichen Güte.
§ 82
1. Es wird aber in den „Überlieferungen“ berichtet, der Apostel Matthias habe bei jeder Gelegenheit gesagt: „Wenn der Nachbar eines auserwählten Mannes sündigte, 86 so sündigte der Auserwählte; denn wenn dieser sein Leben so geführt hätte, wie es das göttliche Wort gebietet, so hätte im Blick auf dieses Leben auch sein Nachbar sich davor gehütet zu sündigen.“
2. Was werden wir also von dem Gnostiker sagen? „Oder wißt ihr nicht“, sagt der Apostel, „daß ihr ein Tempel Gottes seid?“ Der Gnostiker ist also göttlich und bereits heilig; er trägt Gott in sich und wird selbst von Gott getragen.
3. Dementsprechend stellt die Heilige Schrift das Sündigen als etwas Fremdes hin, wenn sie sagt, daß das Volk, das in Sünden fiel, an die Fremdstämmigen verkauft wurde. Und wenn sie sagt: „Blicke nicht mit Begierde auf ein fremdes Weib!“, so sagt sie damit geradezu, daß die Sünde etwas ist, das dem Tempel Gottes fremd und gegen seine Natur ist.
4. Es gibt aber einen großen Tempel, wie die Kirche, und einen kleinen, wie der Mensch, der in sich den Samen Abrahams bewahrt. Wer also Gott in seinem Herzen ruhen hat, wird nach nichts anderem begehren.
5. Darum verläßt er alles, was ihn hemmt, verachtet alles Irdische, das ihn abziehen will, durchschneidet vermöge seiner Erkenntnis den Himmel, nimmt seinen Weg durch die Geisterwesen und alle Mächte und Gewalten hindurch und gelangt so zu den höchsten Thronen, da sein Ziel allein das ist, was allein der Gegenstand seines Erkennens war.
6. Da er so die Art der Schlange mit dem Wesen der Taube verbindet, lebt er vollkommen und zugleich mit gutem Gewissen, wobei sich hinsichtlich der Erwartung des Zukünftigen sein Glaube mit seiner Hoffnung vereinigt.
7. Denn er empfindet, daß er würdig geworden ist, die Gabe zu erlangen, die er erhalten hat; und da er von der Knechtschaft zur Kindschaft versetzt ist, vollführt er Taten, die seiner Erkenntnis entsprechen (da er „Gott erkannt hat und von ihm erkannt ist“); so beweist er sich durch sein Handeln würdig der ihm geschenkten Gnade; 87 denn der Erkenntnis folgen die Werke so wie dem Körper der Schatten.
§ 83
1. Mit Recht läßt er sich also durch nichts, was ihm auch widerfahren mag, in seiner Seelenruhe stören und fürchtet sich vor nichts, was auch immer auf Grund des göttlichen Erziehungsplanes zu seinem Besten geschehen mag, und scheut sich nicht vor dem Tode, da er mit gutem Gewissen vor den Mächten erscheinen kann, weil er sozusagen von allen Flecken der Seele gereinigt und ganz fest davon überzeugt ist, daß es ihm nach seinem Abscheiden von hier besser ergehen wird.
2. Deshalb zieht er nie das Angenehme und Nützliche der göttlichen Anordnung vor, sondern übt sich durch Befolgung der Gebote, damit er sowohl dem Herrn in allen Dingen wohlgefällig als auch der Welt gegenüber lobenswert werde, da ja die ganze Welt in der Hand eines einzigen, des allmächtigen Gottes, ruht. „In sein Eigentum“, so heißt es, „kam der Sohn Gottes, und seine Angehörigen nahmen ihn nicht auf.“
3. Wenn er daher auch die weltlichen Dinge benützt, so ist er nicht nur dankbar und bewundert die Schöpfung, sondern wird auch gelobt, weil er von jenen Dingen den richtigen Gebrauch macht; denn durch gnostische Tätigkeit in Befolgung der Gebote gelangt er zu dem höchsten Ziel, dem unmittelbaren Schauen.
4. Indem er sodann durch seine wissenschaftliche Erkenntnis die Hilfsmittel für dieses Schauen gewinnt und mit hochgesinntem Geiste die Erhabenheit der Erkenntnis in sich aufnimmt, schreitet er von jener Stufe weiter bis zu der heiligen Belohnung der Entrückung.
5. Denn er hat den Psalm gehört, in dem es heißt: „Geht ringsherum um Zion und umschließt es; erzählt in seinen Türmen!“ Damit ist nämlich, meine ich, angedeutet, daß diejenigen, die das Wort erhaben auffassen, hoch wie Türme sein und sowohl im Glauben als auch in der Erkenntnis unerschütterlich feststehen werden.