§ 84
88 1. Soviel soll mit möglichst kurzen Worten über den Gnostiker für die Griechen gesagt sein, gleichsam als ein Samenkorn, aus dem besseres Verständnis erwachsen kann. Man muß aber wissen, daß der (einfache) Gläubige, auch wenn er in einem oder auch in mehreren von den besprochenen Punkten richtig handelt, es doch sicherlich nicht in allen zugleich und noch weniger mit höchstem Verständnis tut wie der Gnostiker.
2. Und was vollends die Leidenschaftslosigkeit, um diesen Ausdruck zu verwenden, unseres Gnostikers betrifft, vermöge deren die Vervollkommnung des Gläubigen durch Liebe fortschreitet und „zur vollkommenen Mannesreife, zum Vollmaß des Alters“ gelangt, indem sie Gott ähnlich wird, nachdem sie wahrhaftig „engelgleich“ geworden ist, - was also die Leidenschaftslosigkeit betrifft, so läge es mir nahe, noch viele andere Zeugnisse aus der Schrift beizubringen, ich halte es aber für besser, wegen der Länge meiner Abhandlung auf ein solches ehrgeiziges Bemühen zu verzichten und denen, die sich anstrengen wollen, es zu überlassen, daß sie durch Auszüge aus der Heiligen Schrift auch die Lehren mühsam ausarbeiten.
3. Nur eine Stelle will ich ganz kurz behandeln, um den Abschnitt nicht ganz ohne eine erklärende Bemerkung zu lassen. Der göttliche Apostel sagt nämlich in seinem ersten Brief an die Korinther: „Wagt es wirklich einer von euch, wenn er einen Rechtshandel mit dem anderen hat, vor den Ungerechten sein Recht zu suchen statt vor den Heiligen? Oder wißt ihr nicht, daß die Heiligen die Welt richten werden?“ und was folgt.
4. Da aber die Schriftstelle sehr umfangreich ist, wollen wir von den Worten des Apostels die passendsten verwenden und in möglichster Kürze im Vorübergehen die Stelle gewissermaßen in unsere Sprache übertragen und so den Sinn des Wortes des Apostels darlegen, mit dem er die Vollkommenheit des Gnostikers beschreibt.
5. Er sieht nämlich die Eigenart des Gnostikers nicht nur darin, daß er lieber Unrecht leidet als Unrecht tut, sondern lehrt ihn auch, Böses nicht nachzutragen, wobei er nicht einmal gestattet, im Gebet etwas Ungünstiges für den Beleidiger zu erbitten; denn 89 er weiß, daß auch der Herr ausdrücklich befohlen hat, „für die Feinde zu beten“.
6. Der Ausdruck „sein Recht vor den Ungerechten suchen“ bedeutet nun nichts anderes, als daß der Beleidigte offenbar wiedervergelten will und vorhat, durch Vergeltung ein zweites Unrecht zu tun, was bedeutet, daß er auch selbst in der gleichen Weise Unrecht tut.
7. Wenn es dagegen heißt, daß manche „vor den Heiligen ihr Recht suchen“ wollen, so wird damit auf die hingewiesen, die in ihrem Gebet erflehen, daß denen, die ihnen Unrecht getan haben, ihre Anmaßung vergolten werden möge, und es bedeutet, daß die letzteren zwar besser als die ersteren, aber noch nicht leidenschaftslos sind, wenn sie nicht jede Kränkung völlig vergessen und entsprechend der Lehre des Herrn auch für die Feinde beten.
§ 85
1. Es ist also gut, wenn sie infolge der zum Glauben führenden Sinnesänderung eine andere bessere Gesinnung annehmen. Denn wenn auch die Wahrheit diejenigen zu Feinden zu haben scheint, die sie zur Eifersucht reizen wollen, so ist sie doch selbst gegen niemand feindselig gesinnt.
2. Denn wie „Gott seine Sonne über Gerechte und Ungerechte leuchten läßt“, und den Herrn selbst zu Gerechten und Ungerechten gesandt hat, so ist es auch bei dem, der sich mit aller Macht bemüht, Gott ähnlich zu werden. Infolge seiner großen Versöhnlichkeit vergibt er „siebenzigmal siebenmal“ (das bedeutet während seines ganzen Lebens und während des ganzen Kreislaufes der Welt, auf den durch die Zählung von Siebenheiten hingewiesen ist) und er ist freundlich gegen jedermann, auch wenn jemand diese ganze Zeit, die er im Fleische lebt, hindurch dem Gnostiker Unrecht tut.
3. Denn der Apostel verlangt nicht nur, daß der sittlich Vollkommene das Urteil über die, die ihm Unrecht zugefügt haben, anderen überlasse, sondern will auch, daß der Gerechte von eben jenen Richtern für die, die sich gegen ihn verfehlt haben, Vergebung ihrer Sünden erbitte, und zwar mit Recht; denn jene, die ein Leid zuzufügen versuchen, können nur das Äußerliche und den Körper schädigen, mag es auch bis zum Tod kommen, und von all dem gehört nichts zu dem 90 eigentlichen Wesen des Gnostikers.
4. Und wie könnte jemand Richter über die abgefallenen Engel sein, wenn er selbst von dem Gebot des Evangeliums, daß man erlittenes Unrecht vergessen müsse, abtrünnig geworden wäre?
5. „Warum laßt ihr euch nicht lieber Unrecht zufügen?“ sagt der Apostel. „Warum laßt ihr euch nicht lieber berauben? Aber statt dessen fügt ihr selbst Unrecht zu“, indem ihr nämlich gegen die betet, die aus Unwissenheit fehlen, „und beraubt“, nämlich der Freundlichkeit und der Güte Gottes, so viel es auf euch ankommt, diejenigen, gegen die ihr betet, „und zwar, obwohl sie eure Brüder sind“, womit er nicht nur die Brüder im Glauben, sondern auch die unter ihnen als Fremdlinge (Proselyten) Lebenden meint.
§ 86
1. Denn wir wissen noch nicht, ob nicht etwa auch der, der jetzt feindlich gegen uns gesinnt ist, später zum Glauben kommen wird. Daraus folgt deutlich, daß wenn auch nicht alle bereits unsere Brüder sind, sie uns doch als solche gelten müssen.
2. Ferner ist nur der Verständige Träger der Erkenntnis, daß alle Menschen das Werk eines einzigen Gottes sind und das gleiche Bild dem gleichen Stoff eingeprägt an sich tragen, wenn auch das Bild bei den einen mehr, bei den anderen weniger getrübt ist, und deswegen verehrt er durch die Geschöpfe die Schöpfertätigkeit Gottes und durch sie wieder seinen Willen.
3. „Oder wißt ihr nicht, daß Ungerechte das Königreich Gottes nicht erben werden?“ Unrecht aber tut, wer Böses mit Bösem vergilt, sei es nun mit einer Tat oder auch mit einem Wort oder auch nur mit dem gedachten Wunsch, etwas vergelten zu können. Dies letztere verbietet das Evangelium denen, die durch die Schule des Gesetzes gegangen sind.
4. „Und solcher Art waren einige von euch“, offenbar solcher Art, wie diejenigen, denen ihr selbst nicht verzeihen wollt, jetzt noch sind.
5. „Aber ihr habt euch rein gewaschen“, nicht einfach so wie die übrigen, sondern ihr habt die Leidenschaften der Seele mit Erkenntnis von euch abgewaschen, so daß ihr, soweit es möglich ist, durch eure Bereitwilligkeit, Böses zu ertragen und Kränkungen zu vergessen, der Güte der göttlichen Vorsehung ähnlich wurdet, indem ihr in Worten und Taten eure 91 Freundlichkeit „über Gerechte und Ungerechte“ wie die Sonne leuchten lasset.
6. Zu dieser Haltung wird der Gnostiker entweder durch seine eigene Hochherzigkeit oder durch die Nachahmung des besseren Wesens gelangen; ein dritter Antrieb dazu liegt in dem Wort: „Vergib, und es wird dir vergeben werden“, da dieses Gebot durch das Übermaß der Güte gleichsam mit Gewalt zur Ergreifung des Heils zwingt.
7. „Aber ihr seid geheiligt.“ Denn wer zu einem solchen Verhalten gelangt ist, der muß notwendig heilig sein, so daß er in keiner Weise in irgendeine Leidenschaft verfällt, sondern gewissermaßen bereits frei von den Fesseln des Fleisches und bereits über diese Erde erhaben ist.
§ 87
1. Deshalb sagt er: „Ihr wurdet gerechtfertigt durch den Namen des Herrn.“ Ihr wurdet sozusagen von ihm so gerecht gemacht, wie er es selbst ist, und ihr wurdet, soweit es überhaupt möglich ist, „mit dem Heiligen Geiste“ vollkommen vereinigt.
2. Sagt er denn nicht: „Alles ist mir erlaubt, aber ich will mich nicht zwingen lassen“, nämlich etwas gegen das Evangelium zu tun oder zu denken oder zu sagen? „Und die Speisen sind für den Bauch, und der Bauch ist für die Speisen bestimmt“, die „Gott zunichte machen wird“. Das heißt, er wird die zunichte machen, die so denken und so leben, als wären sie nur des Essens wegen geboren, statt daß sie es nur als eine Nebensache ansehen zu essen, um zu leben, als eine Hauptsache aber, sich ernstlich um die Erkenntnis zu bemühen.
3. Und sagt der Apostel nicht, daß diese gleichsam das Fleisch des heiligen Leibes sind? Als „Leib“ wird aber sinnbildlich die Kirche des Herrn bezeichnet, der geistliche und heilige Reigen, von dessen Gliedern diejenigen, die nur den Namen tragen, aber nicht der Lehre entsprechend leben, nur Fleisch sind.
4. „Aber der Leib“, nämlich der geistige, das ist die heilige Kirche, „ist nicht für die Unzucht da“ und darf auf keine Weise und auch nicht im geringsten mit dem Abfall vom Evangelium zum heidnischen Leben in irgendwelche Verbindung gebracht werden.
§ 88
1. Denn gegen die Kirche und „gegen seinen eigenen Leib“ treibt Unzucht, wer in der Kirche ein heidnisches 92 Leben führt, sei es durch die Tat, sei es durch das Wort, sei es auch nur mit dem Denken.
2. Wer sich an diese „Buhlerin hängt“, nämlich an die Tätigkeit, die im Widerspruch zu dem Testament steht, wird zu einem anderen, nicht heiligen Leib, „zu einem einzigen Fleisch“ und zu heidnischem Leben und hat etwas anderes zu erwarten.
3. „Wer aber dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm“, „ein geistlicher Leib“; das ist die Art der Vereinigung, die von jener verschieden ist. Ein solcher ist ganz Sohn, ein heiliger Mensch, leidenschaftslos, gnostisch, vollkommen, gestaltet durch die Lehre des Herrn, damit er wirklich im Tun und im Reden und im Geiste selbst dem Herrn ganz nahe komme und so jene Wohnung erlange, die dem gebührt, der auf diese Weise ganz zum Mann geworden ist.
4. Dieses Beispiel genügt für die, die Ohren haben. Denn das Geheimnis darf man nicht der Öffentlichkeit preisgeben, sondern nur so weit andeuten, als für die zur Erinnerung hinreicht, die an der Erkenntnis Anteil erhalten haben; diese werden auch verstehen, in welchem Sinn von dem Herrn gesagt worden ist: „Werdet vollkommen wie euer Vater!“, indem ihr die Sünden völlig vergebt und Kränkungen nicht nachtragt und euer Leben in dem dauernden Zustand der Leidenschaftslosigkeit führt.
5. Denn wie wir von einem vollkommenen Arzt und von einem vollkommenen Philosophen sprechen, so sprechen wir, meine ich, auch von einem vollkommenen Gnostiker. Aber keine von diesen Arten des Vollkommenseins, mögen sie auch die höchste Stufe erreichen, kann mit der Vollkommenheit Gottes verglichen werden. Denn wir haben nicht die gottlose Ansicht der Stoiker, die behaupten, daß Mensch und Gott die gleiche Tugend haben.
6. Ist also vielleicht der Sinn der, daß wir vollkommen werden sollen, wie der Vater es will? Denn es ist unmöglich und undenkbar, daß jemand so vollkommen wird, wie es Gott ist; der Vater will aber, daß wir im Gehorsam gegen das Evangelium leben und so in untadeliger Weise vollkommen werden.
7. Wenn wir also, da der Satz unvollständig ist, um den Sinn der Stelle zu vervollständigen, das 93 fehlende Wort („will“) einsetzen, das hinzuzudenken denen überlassen ist, die den Sinn verstehen können, dann werden wir sowohl den Willen Gottes erkennen als auch so, wie es dem Gebote entspricht, fromm und zugleich hochgesinnt wandeln.