§ 55
1. Denn die Erkenntnis ist sozusagen eine Art Vervollkommnung des Menschen als Menschen, da diese durch das Wissen von den göttlichen Dingen hinsichtlich der Gesinnung und der Lebensführung und der Rede zur Vollendung kommt und im Einklang und in der Übereinstimmung mit sich selbst und dem Worte Gottes ist.
2. Denn durch die Erkenntnis kommt der Glaube zu seiner Vollendung, da der Gläubige allein auf diese Weise vollkommen wird. Der Glaube ist nun ein in der Seele lebendes Gut; ohne nach Gott zu forschen, bekennt er, daß Gott ist, und preist ihn als seiend.
3. Deshalb ist es nötig, von diesem Glauben auszugehen und durch die Gnade Gottes in ihm zu wachsen und dann, soweit es möglich ist, die Erkenntnis von Gott zu gewinnen.
4. Nach unserer Ansicht ist aber ein Unterschied zwischen der Erkenntnis und der durch Unterricht vermittelten Weisheit. Denn insofern etwas Erkenntnis ist, insofern ist es durchaus auch Weisheit; insofern aber etwas Weisheit ist, so ist 61 es noch nicht auch durchaus Erkenntnis. Denn nur in der Anwendung des gesprochenen Wortes kommt der Begriff Weisheit zum Vorschein.
5. Andererseits besteht die Grundlage der Erkenntnis darin, daß man an Gott nicht zweifelt, sondern an ihn glaubt; Christus aber ist beides, die Grundlage und der darauf errichtete Bau, da durch ihn sowohl der Anfang als auch das Ende ist.
6. Und das, was die beiden äußersten Grenzen bildet, der Anfang und das Ende, womit ich den Glauben und die Liebe meine, kann nicht gelehrt werden; aber die Erkenntnis wird durch die Gnade Gottes auf Grund der Überlieferung weitergegeben und denen, die sich der Lehre würdig erweisen, wie ein Unterpfand anvertraut; von ihr aus erstrahlt die hohe Würde der Liebe in immer hellerem Licht.
7. Denn es ist gesagt: „Dem, der hat, wird noch dazu gegeben werden“, dem Glauben die Erkenntnis, der Erkenntnis die Liebe, der Liebe aber das himmlische Erbe.
§ 56
1. Dies geschieht aber, wenn sich jemand durch Glaube und durch Erkenntnis und durch Liebe unlöslich mit dem Herrn verbindet und mit ihm dorthin aufsteigt, wo der Gott und Hüter unseres Glaubens und unserer Liebe ist.
2. Von hier aus wird zuletzt die Erkenntnis den dazu Geeigneten und Auserwählten übergeben, weil sie mehr Vorbereitung und Vorübung nötig haben, sowohl damit sie die Verkündigung vernehmen als auch damit sie ihrem Leben eine würdige Haltung geben und damit sie zu einer höheren Stufe, als es die Gesetzesgerechtigkeit ist, auf Grund sorgfältiger Bemühung fortschreiten.
3. Diese Erkenntnis führt uns zu dem vollkommenen Ende, das selbst ohne Ende ist, und lehrt uns im voraus das Leben kennen, das wir nach Gottes Willen in Gemeinschaft mit Göttern haben werden, wenn wir von jeder Züchtigung und Strafe befreit sind, die wir wegen unserer Sünden als heilsame Zucht ertragen müssen.
4. Nach dieser Befreiung werden die Auszeichnungen und die Ehren den Vollendeten gegeben, bei denen jetzt die Reinigung, aber auch jeder andere gottesdienstliche Gebrauch zu Ende ist, mag er auch heilig sein und unter Heiligen vollzogen werden.
5. Sodann erwartet sie, wenn sie „reinen 62 Herzens“ geworden sind, die ersehnte Versetzung in das ewige Schauen in der Nähe der Herrn.
6. Und sie tragen den Namen Götter, da sie mit den übrigen Göttern, die zunächst nach dem Heiland ihren Platz erhalten haben, auf den gleichen Thronen sitzen werden.
7. Die Erkenntnis ist also ein rasches Mittel der Reinigung und geeignet, die willkommene Veränderung zum Besseren zu bewirken.
§ 57
1. Sodann versetzt sie den Menschen auch leicht in den göttlichen und heiligen Zustand, der der Seele verwandt ist, und mit einem nur ihr eigenen Licht führt sie ihn durch die mystischen Entwicklungsstufen, bis sie ihn zu dem alles überragenden Ort der Ruhe gebracht und den, der „reinen Herzens“ ist, Gott „von Angesicht zu Angesicht“ mit klarem Wissen und mit vollem Verständnis zu schauen gelehrt hat.
2. Denn darin besteht wohl die Vollendung der gnostischen Seele, daß sie über alle Formen der Reinigung und des Gottesdienstes hinauskommt und sich mit dem Herrn vereinigt, wo sie in unmittelbarer Nähe unter ihm steht.
3. Der Glaube ist also sozusagen eine kurz zusammengefaßte Erkenntnis der wichtigsten Dinge, die Erkenntnis ein fester und sicherer Beweis der durch den Glauben angenommenen Lehren, da sie durch den Unterricht des Herrn auf dem Glauben aufgebaut wird und uns zu unerschütterlicher Überzeugung und zu wissenschaftlicher Gewißheit führt.
4. Und, wie ich früher sagte, scheint mir eine erste heilbringende Veränderung die aus dem Heidentum zum Glauben, eine zweite aber die aus dem Glauben zur Erkenntnis zu sein; die letztere aber geht in Liebe über und bringt dann das Erkennende und das Erkannte in ein nahes freundschaftliches Verhältnis.
5. Und vielleicht hat derjenige, der so weit gekommen ist, bereits hier unten den Zustand des „Engelgleichseins“ vorausgenommen und zu eigen. Jedenfalls wird er, wenn er die letzte und höchste im Fleisch erreichbare Stufe erstiegen hat, sich immer noch, wie es sich geziemt, nach dem Besseren hin verändern und 63 darnach streben, durch die heilige Siebenzahl hindurch in das Haus des Vaters zu der wirklichen Wohnung des Herrn zu gelangen, wo er sozusagen ein feststehendes und ewig bleibendes, in jeder Hinsicht vollkommen unveränderliches Licht sein wird.
§ 58
1. Die erste Art des Wirkens des Herrn ist ein Beweis für die von uns genannte Belohnung der Gottesfurcht. Von den außerordentlich vielen Zeugnissen, die es gibt, will ich nur eines erwähnen, das von dem Propheten David in zusammenfassender Form etwa so ausgesprochen worden ist:
2. „Wer wird auf den Berg des Herrn hinaufgehen? Oder wer wird sich an seine heilige Stätte stellen? Wer schuldlose Hände hat und reinen Herzens ist; wer seinen Sinn nicht auf Törichtes gerichtet und wer seinem Nächsten keinen trügerischen Eid geschworen hat. Der wird von dem Herrn Segen empfangen und Barmherzigkeit von Gott, seinem Heiland. Das ist das Geschlecht derer, die den Herrn suchen, die das Angesicht des Gottes Jakobs suchen.“
3. Der Prophet hat hier, meine ich, den Gnostiker mit kurzen Worten geschildert. Und im Vorübergehen hat uns David, wie es scheint, damit gezeigt, daß der Heiland Gott ist, indem er ihn „das Angesicht des Gottes Jakobs“ nannte, ihn, der die frohe Botschaft und die Lehre von dem Vater brachte.
4. Deshalb hat auch der Apostel „Gepräge der Herrlichkeit des Vaters“ den Sohn genannt, der die Wahrheit über Gott lehrte und als Kennzeichen gab, daß „Gott und der Vater eins“ und er allein der Allmächtige ist, „den niemand als der Sohn erkannt hat und wem es der Sohn offenbart“.
5. Daß es aber nur einen einzigen Gott gibt, das ist durch die Worte „derer, die das Angesicht des Gottes Jakobs suchen“, kundgetan, den „allein“, da er Gott der Vater ist, als „gut“ unser Heiland und Gott kennzeichnet.
6. „Das Geschlecht derer, die ihn suchen“, ist aber „das auserlesene Geschlecht“, das geschickt ist zu suchen, um die Erkenntnis zu finden.
§ 59
64 1. Deshalb sagt auch der Apostel: „Ich werde euch nichts nützen, wenn ich nicht zu euch in Offenbarung oder in Erkenntnis oder in Weissagung oder in Lehre rede.“
2. Freilich wird auch von denen, die nicht Gnostiker sind, manches recht getan, aber nicht auf Grund vernünftiger Entscheidung, ähnlich, wie es bei der Tapferkeit geschieht.
3. Denn einige, die von Natur mutigen Sinnes sind und dann diese Anlage ohne vernünftige Überlegung weiterentwickelten, stürmen unvernünftig auf die verschiedensten Dinge los und handeln ähnlich wie die Tapferen, so daß sie manchmal auch das gleiche leisten, wie z. B. Foltern ruhig ertragen.
4. Aber dies geschieht bei ihnen weder aus dem gleichen Grunde wie bei dem Gnostiker noch auch in der gleichen Absicht, „auch wenn sie ihren ganzen Körper hingeben“; denn „sie haben“ nach dem Wort des Apostels „die Liebe nicht“, die aus der Erkenntnis hervorgeht.
5. Jede durch einen Verständigen vollführte Tat ist also eine gute Handlung; dagegen ist jede Tat eines Unverständigen eine verkehrte Handlung, auch wenn er eine grundsätzliche Haltung wahrt; denn er handelt nicht auf Grund vernünftiger Erwägung tapfer, und er blickt bei seinem Handeln auf nichts Nützliches, das zur Tugend hinführte oder von der Tugend ausginge.
6. Das gleiche gilt auch von den übrigen Tugenden und daher entsprechend auch von der Gottesfurcht. Daher zeigt sich uns als ein Mann dieser Art der Gnostiker nicht nur in seiner Frömmigkeit, vielmehr entsprechen seiner auf wahrer Einsicht beruhenden Gottesfurcht auch die Grundsätze in seinem ganzen übrigen Wandel.
7. Denn für jetzt ist unsere Absicht nur, das Leben des Gnostikers zu beschreiben, nicht die wissenschaftliche Begründung seiner Lehren vorzutragen, was wir später zur passenden Zeit auseinandersetzen wollen, indem wir zugleich auch die richtige Gedankenfolge einhalten.