§ 35
1. Es ist uns aber befohlen, den Logos anzubeten und zu verehren, in der Überzeugung, daß er unser Heiland und Führer ist, und durch ihn den Vater, und zwar sollen wir dies nicht wie manche andere nur an besonders auserwählten Tagen, sondern ununterbrochen das ganze 42 Leben hindurch und auf jede Weise tun.
2. „Das auserlesene Geschlecht“ sagt ja: „Siebenmal des Tages lobte ich dich“, und wird so durch Befolgung des Gebotes gerechtfertigt.
3. Deshalb schaut sich der Gnostiker nicht nach einem bestimmten Platz oder einem auserlesenen Heiligtum und auch nicht nach bestimmten Festen und nach Tagen um, die aus den übrigen abgesondert sind, sondern er verehrt Gott sein ganzes Leben lang an jedem Ort, mag er nun für sich ganz allein sein oder einige bei sich haben, die in gleicher Weise wie er gläubig geworden sind; er ehrt aber Gott dadurch, daß er ihm für die ihm gewährte Erkenntnis und den ihm ermöglichten Lebenswandel Dank sagt.
4. Wenn aber die Anwesenheit eines guten Mannes auf jeden, der mit ihm zusammentrifft, immer einen bessernden Einfluß ausübt, weil man auf ihn Rücksicht nehmen und sich vor ihm schämen muß, wie sollte es da nicht selbstverständlich sein, daß noch viel mehr derjenige, der durch die Erkenntnis und durch seinen Lebenswandel und durch seine Danksagung immer ohne Unterbrechung mit Gott zusammen ist, bei jeder Gelegenheit und in jeder Hinsicht, in Taten, in Worten und in der Gesinnung, besser wird, als er es bisher war?
5. Ein solcher Mann ist es, der überzeugt ist, daß Gott überall zugegen ist, und nicht annimmt, daß Gott in bestimmten, festbegrenzten Plätzen eingeschlossen sei, so daß er in der törichten Meinung, irgendeinmal fern von ihm zu sein, bei Tag und bei Nacht zuchtlos wäre.
6. Wir bringen also unser ganzes Leben wie einen Festtag zu; und da wir überzeugt sind, daß Gott überall und allenthalben zugegen ist, preisen wir ihn, während wir unser Feld bebauen, und singen Loblieder, während wir zur See fahren, und führen auch sonst unser ganzes Leben in Gedanken an Gott.
7. Und der Gnostiker kommt in ein immer näheres Verhältnis zu Gott, da er in allem zugleich ernst und heiter ist, ernst, weil sein Denken der Gottheit zugewendet ist, heiter, weil er an die menschlichen Güter denkt, die uns Gott geschenkt hat.
§ 36
1. Auf die überragende Bedeutung der Erkenntnis weist aber der Prophet offenbar mit folgenden Worten 43 hin: „Lehre mich Güte und Bildung und Erkenntnis!“, wobei er durch die Steigerung in der Aufzählung das besonders hervorhebt, was bei der Vollkommenheit die erste Stelle einnimmt.
2. Dieser Gnostiker ist also wirklich der königliche Mensch; er ist ein frommer Priester Gottes, wie sich diese Verbindung zwischen Königtum und Priestertum auch jetzt noch bei den verständigsten Barbaren erhält, die das Geschlecht der Priester zur Königswürde aufsteigen lassen.
3. Ein solcher Mann versteht sich nie dazu, sich unter den Pöbel zu mischen, der in den Theatern herrscht, und was dort der zuchtlosen Lust wegen gesagt und getan und angeschaut wird, das mißbilligt er sogar im Traum. Er hält sich also von diesen Vergnügungen der Schaustücke fern und ebenso von den mannigfaltigen Darbietungen der anderen Genüsse, wie z. B. von den kostbaren Wohlgerüchen, die den Geruchsinn betören, und den kunstvollen Zubereitungen von Speisen und dem Genuß von verschiedenen Weinen, der den Geschmackssinn verlockt, und von den bunten und süßduftenden Blumenkränzen, die durch ihre Wirkung auf die Sinne die Seele verweichlichen.
4. Und alles, was er mit reinem Sinn genießt, führt er immer auf Gott als den Urheber zurück und spendet von Speise und Trank und Salbe dem, der alles gegeben hat, und sagt mit der ihm geschenkten Sprache Dank für das Geschenk und den ihm dadurch gewährten Genuß. Nur selten nimmt er die Einladung zu gastlichen Veranstaltungen an, es sei denn, daß ihm die Einladung das freundschaftliche Zusammensein mit Gleichgesinnten verheißt und ihn deshalb veranlaßt, zu kommen.
5. Denn er ist überzeugt, daß Gott alles weiß und nicht nur die Stimme hört, sondern auch die Gedanken kennt, da ja auch unser Hören, obwohl es durch die Gehöröffnungen an unserem Körper bewirkt wird, nicht durch die Fähigkeit des Körpers dieses Verstehen ermöglicht, sondern durch eine Wahrnehmung der Seele und durch den Verstand, der die Bedeutung der Laute unterscheiden kann.
§ 37
1. Gott ist also nicht etwa menschenähnlich, um etwas hören zu können, und er hat keine Sinneswerkzeuge, 44 insbesondere das Gehör und das Gesicht, nötig, wie die Stoiker annehmen, weil er auf andere Weise nie etwas wahrnehmen könne.
2. Aber die Empfänglichkeit der Luft für alle Eindrücke und das überaus scharfe Wahrnehmungsvermögen der Engel und die das Bewußtsein der Seele berührende Macht erkennt durch eine Art unaussprechlicher Kraft auch ohne das sinnliche Hören alles, in dem Augenblick, in dem es gedacht wird.
3. Und wenn jemand behaupten wollte, daß die Stimme nicht zu Gott gelangen könne, weil sie sich unten irgendwo in der Luft herumtreibe, so ist zu entgegnen, daß die Gedanken der Heiligen nicht nur die Luft, sondern auch die ganze Welt durchschneiden.
4. Und die göttliche Macht durchdringt mit ihrem Sehen in einem Augenblick wie das Licht die ganze Seele. Gelangen ferner nicht auch unsere Vorsätze zur Gottheit, indem sie ihre Stimme hören lassen?
5. Und werden sie nicht auch von unserem Gewissen zu Gott emporgetragen? Auf welche Stimme sollte auch der noch warten müssen, der nach seiner Vorausbestimmung den Auserwählten auch schon vor seiner Geburt und das Zukünftige kennt, als ob es bereits gegenwärtig wäre?
6. Oder leuchtet nicht überall bis in die Tiefe der ganzen Seele das Licht der Macht, da, wie die Schrift sagt, „die Leuchte“ der Macht „die inneren Kammern durchforscht“? Denn Gott ist ganz Ohr und ganz Auge, um diese Ausdrücke zu verwenden.
§ 38
1. Eine Vorstellung von Gott, die seiner nicht würdig ist, sondern sich in niedrige und unziemliche Gedanken und Begriffe verirrt, kann also unmöglich irgendeine Art von Frömmigkeit aufrechterhalten, weder in Liedern noch in Worten, aber auch nicht in Schriften oder Lehren. Daher unterscheiden sich die frommen Reden der Masse in nichts von Gotteslästerungen, weil sie die Wahrheit nicht kennt.
2. Das nun, worauf sich das Verlangen und die Begierden und überhaupt die Willensbestrebungen richten, das ist auch der Gegenstand der Gebete. Deshalb 45 begehrt niemand einen Trank, sondern darnach, das Getränk zu trinken, und ebensowenig nach der Erbschaft, sondern darnach, zu erben, ebenso aber auch nicht nach der Erkenntnis, sondern darnach, zu erkennen, und auch nicht nach einem richtigen Lebenswandel, sondern darnach, einen solchen zu führen.
3. Unsere Gebete richten sich also auf das, was wir wünschen, und wir wünschen die Dinge, nach denen wir begierig sind. Das Beten und das Verlangen hat aber das gleiche Ziel, nämlich daß man das Gute und die mit seinem Besitz verbundenen Vorteile erhält.
4. Deshalb richtet der Gnostiker sein Beten und sein Verlangen immer auf die wahren Güter, nämlich die Güter der Seele, und er betet darum, indem er zugleich auch selbst daran mitarbeitet, zu dem Zustand des Gutseins zu kommen, so daß er das Gute nicht mehr wie ein Stück Wissen neben sich liegen hat, sondern selbst gut ist.
§ 39
1. Deshalb ist es vor allem für diejenigen angemessen zu beten, die die Gottheit in der richtigen Weise kennen und die Tugend besitzen, die der Gottheit entspricht; denn sie sind es, die wissen, was die wahren Güter sind und was man erbitten muß und wann und wie alles einzelne.
2. Es ist aber die größte Torheit, von denen, die keine Götter sind, etwas zu erbitten, als ob sie Götter wären, oder das zu erbitten, was nicht zuträglich ist, wobei man in der Vorstellung, daß es sich um etwas Gutes handle, für sich selbst etwas Schlimmes erbittet.
3. Da der gute Gott nur einer ist, so ist es richtig, wenn wir von ihm allein erbitten, daß von dem Guten uns das eine gegeben werden, das andre uns erhalten bleiben möge; das erbitten wir und die Engel, aber wir tun beides nicht in gleicher Weise.
4 Denn es ist nicht das nämliche, darum zu bitten, daß die Gabe bei uns bleiben möge, und uns darum zu bemühen, daß wir sie überhaupt erhalten. Aber auch die Bitte um Abwendung des Bösen ist eine Form des Gebets.
5. Aber ein solches Gebet darf man nie zum Schaden für andere Menschen verwenden, es sei denn, daß der Gnostiker sein Gebet so gestaltet, um bei denen, die „verhärteten Herzens“ sind, die Achtung vor der Gerechtigkeit geschickt zu bewirken.
6. Es ist also das Gebet, um diesen kühnen Ausdruck zu wagen, ein Gespräch mit Gott. Wenn wir daher auch nur flüsternd und, selbst ohne die Lippen zu 46 öffnen, schweigend zu ihm sprechen, so rufen wir laut zu ihm in unserem Herzen; denn Gott hört ununterbrochen die innere Stimme unseres Herzens.
§ 40
1. Deshalb heben wir auch (beim Beten) den Kopf in die Höhe und strecken die Hände zum Himmel empor und stellen uns bei dem gemeinsamen Sprechen der Schlußworte des Gebets auf die Fußspitzen, indem wir so dem Streben des Geistes empor in die geistige Welt zu folgen suchen. Nachdem wir die durch die Sehnsucht nach der höheren Welt „beflügelte Seele“ in die Höhe erhoben haben, versuchen wir, den Körper zugleich mit den von uns gesprochenen Worten von der Erde zu lösen, und strengen uns mit aller Gewalt an, zu dem Heiligtum zu gelangen, indem wir die Fesseln des Fleisches verachten.
2. Denn wir wissen gar wohl, daß der Gnostiker aus eigenem Antrieb aus der ganzen Welt, ebenso wie die Juden aus Ägypten, scheiden will, wodurch er ganz deutlich zeigt, daß er mehr als alles andere erstrebt, so nahe als möglich bei Gott zu sein.
3. Wenn aber einige auch bestimmte Stunden für das Gebet festsetzen, wie z. B. die dritte und die sechste und die neunte, so ist dagegen zu sagen, daß jedenfalls der Gnostiker sein ganzes Leben hindurch betet, da er bestrebt ist, durch das Gebet mit Gott vereinigt zu sein und, um es kurz zu sagen, alles verlassen zu haben, was ihm nichts nützt, wenn er dorthin gekommen ist, als einer, der bereits hier unten die Vollkommenheit des in der Liebe zum Mann Erwachsenen erreicht hat.
4. Aber auch die Stundeneinteilung mit ihren drei Abständen, die durch die gleichen Gebete ausgezeichnet ist, ist denen vertraut, die die selige Dreizahl der heiligen Wohnungen kennen.
§ 41
1. In diesem Zusammenhang fallen mir die von einigen Irrlehrern, nämlich den Anhängern der Sekte des 47 Prodikos, eingeführten Lehren ein, daß man nicht beten solle.
2. Damit sie sich nun auf diese ihre gottlose Weisheit nicht etwas zugute tun, als wäre es eine neue Erfindung, so sollen sie wissen, daß sie von den sogenannten Kyrenaischen Philosophen schon vorweggenommen ist.
3. Trotzdem wird die unheilige Erkenntnis dieser Leute, die mit Unrecht als Gnostiker bezeichnet werden, eine Widerlegung finden, aber erst, wenn die rechte Zeit dazu ist, damit nicht ihre Bekämpfung, die sich nicht mit wenigen Worten erledigen läßt, jetzt störend in meine Untersuchung eindringe und den vorliegenden Gedankengang unterbreche, in dem wir zeigen wollen, daß allein wahrhaft heilig und fromm der Gnostiker ist, der dies wirklich entsprechend der kirchlichen Richtschnur ist, und daß ihm allein nach Gottes Willen die Bitte erfüllt wird, mag er nun die Bitte ausgesprochen oder nur gedacht haben.
4. Denn wie Gott alles kann, was er will, so erhält der Gnostiker alles, worum er bittet.
5. Denn Gott weiß überhaupt, wer der Güter würdig ist und wer nicht. Daher gibt er jedem einzelnen, was ihm zukommt. Deshalb wird er oft das Erbetene nicht geben, wenn die Betenden dessen nicht würdig sind, und (ohne gebeten zu sein) denen geben, die nämlich würdig sind.
6. Indessen ist das Gebet nicht überflüssig, wenn das Gute auch ohne Bitte gegeben wird. Zum Beispiel ist das Dankgebet und das Gebet für die Nächsten zum Zweck ihrer Bekehrung eine Pflicht des Gnostikers.
7. So betete auch der Herr, indem er dafür dankte, daß er seinen Dienst vollendet hatte, und betete, daß möglichst viele zu voller Erkenntnis kommen möchten, damit unter den Geretteten durch die Rettung Gott auf Grund voller Erkenntnis gepriesen und der einzige Gute und der einzige Heiland durch den Sohn von Ewigkeit zu Ewigkeit erkannt werde.
8. Freilich ist auch schon 48 der Glaube, daß man etwas erlangen werde, die Form eines Gebets, das in gnostischer Weise im Inneren vorhanden ist.
§ 42
1, Wenn aber das Gebet eine Möglichkeit bietet, mit Gott in Verkehr zu kommen, so darf man keine Möglichkeit eines Zugangs zu Gott unbenützt lassen.
2. Jedenfalls zeigt die Frömmigkeit des Gnostikers, die entsprechend dem freiwilligen Bekenntnis mit der seligen Vorsehung Gottes verbunden ist, daß die Wohltat Gottes vollkommen ist.
3. Denn die Frömmigkeit des Gnostikers ist eine Art von Rückwirkung der Vorsehung und eine (der erfahrenen Liebe) entsprechende auf Gott zurückgerichtete Liebe von seiten des Freundes Gottes.
4. Denn weder ist Gott, ohne es zu wollen, gütig in der Weise, wie das Feuer von selbst wärmend ist (vielmehr geschieht die Mitteilung der Güter von ihm auf Grund freien Entschlusses, auch wenn vorher das Gebet zu ihm kommt) noch wird der, der gerettet wird, wider seinen Willen gerettet werden; denn er ist nicht unbeseelt (willenlos) sondern es ist überaus gewiß, daß er sich mit eigenem Willen und freiem Entschluß um sein Heil bemühen muß.
5. Deshalb wurden auch die Gebote dem Menschen gegeben, weil er sich aus eigenem Entschluß, je nachdem er will, einem von beiden zuwenden kann, dem, was es verdient, erwählt zu werden, oder dem, was man meiden sollte.
6. Also unterliegt Gott keinem Zwang, wenn er wohltut, sondern tut aus freiem Entschluß denen Gutes, die sich auf Grund freien Willens zu ihm bekehren.
7. Denn die Vorsehung, die von Gott zu uns kommt, ist nicht bestimmt, uns zu dienen, wie wenn sie von Niedrigerem ausginge und zu Höherem emporstiege, vielmehr werden aus Mitleid mit unserer Schwachheit die unmittelbar von der Vorsehung ausgehenden Heilstaten vollführt, wie auch die Fürsorge der Hirten für die Schafe und die des Königs für seine Untertanen, und so, wie auch wir selbst uns gegen unsere Vorgesetzten gehorsam verhalten, die in geordneter Weise das Amt verwalten, mit dem sie von Gott betraut wurden.
8. Diener und Verehrer der Gottheit sind also diejenigen, die den edelsten und königlichsten Dienst leisten, nämlich den Dienst, der die Folge von frommer Gesinnung und Erkenntnis ist.
§ 43
49 1. Jeder Ort, wo wir an Gott denken, und jede Zeit ist sonach heilig. Wenn aber jemand zugleich mit guten Vorsätzen und mit Dankbarkeit etwas im Gebet für sich erbittet, so hilft er in einem gewissen Sinn dazu mit, daß er das Erbetene erlangt, indem er dadurch, daß er betet, sich willig zeigt, das Gewünschte anzunehmen.
2. Denn wenn der Geber alles Guten von uns die Bereitwilligkeit (zur Annahme) entgegennimmt, dann wird uns alles Gute auf einmal zuteil gleichzeitig damit, daß wir es in Gedanken erfassen. Sicherlich wird durch das Gebet erprobt, wie sich jeder seiner Gesinnung nach zu seinen Pflichten verhält.
3. Wenn uns aber die Sprache und das Wort gegeben sind, damit wir einander verstehen können, wie sollte da Gott nicht die Seele selbst und das Denken hören, da ja schon eine Seele eine andere Seele und ein Geist einen anderen Geist vernimmt?
4. Deshalb hat es Gott nicht nötig, erst die Äußerungen in den mannigfaltigen Sprachen abzuwarten, wie das bei den menschlichen Dolmetschern der Fall ist, sondern er kennt unmittelbar die Gedanken aller Menschen; und was uns die Stimme kundtut, das sagt Gott unser Denken, von dem er schon vor der Schöpfung wußte, daß es uns in den Sinn kommen werde.
5. Es ist also möglich, das Gebet auch ohne das gesprochene Wort zu Gott zu senden, wenn man nur in seinem Inneren entsprechend der unverrückbaren Hinwendung zu Gott alle seine Geisteskraft auf die Stimme des Geistes sammelt.
6. Da aber der Osten das Bild für den Tag der Geburt ist und sich von dort her das Licht ausbreitet, das zuerst „aus der Finsternis hervorleuchtete“, und ferner auch den in Unwissenheit Befindlichen gleich der Sonne der Tag der Erkenntnis der Wahrheit aufging, werden die Gebete in der Richtung auf den Aufgang der Morgenröte gesprochen.
7. Deshalb schauten auch die ältesten Tempel gegen Westen, damit diejenigen, die den Götterbildern gegenüberstanden, angeleitet würden, sich dem Osten zuzuwenden.
8. „Mein Gebet steige vor dir gerade in die Höhe wie ein Rauchopfer, das Erheben meiner Hände wie ein Abendopfer!“, sagen die Psalmen.
§ 44
50 1. Bei den schlechten Menschen ist also das Gebet nicht nur in Beziehung auf die anderen, sondern auch auf sie selbst sehr schädlich. Wenn sie nämlich auf ihr Gebet auch erhalten sollten, was sie selbst Glücksgüter nennen, so bringen diese ihnen, wenn sie sie erhalten haben, nur Schaden, da sie nicht verstehen, sie richtig zu verwenden.
2. Denn die einen beten darum, das zu erhalten, was sie nicht haben, und erbitten die scheinbaren, nicht die wirklichen Güter.
3. Der Gnostiker aber wird um den Bestand dessen bitten, was er schon besitzt, um Geeignetsein für das, wozu er gelangen soll, und um Gleichmut gegenüber den Dingen, die er nicht erhalten wird. Was aber die wahren Güter, nämlich die Güter der Seele, betrifft, so bittet er darum, daß er sie haben und behalten möchte.
4. So erstrebt er auch nichts von dem, was er nicht hat, sondern begnügt sich mit dem Vorhandenen. Denn es fehlt ihm nichts von den ihm angemessenen Gütern, da er infolge der göttlichen Gnade und Erkenntnis bereits sich selbst genug ist.
5. Da er aber in sich selber Genüge gefunden hat und das Übrige nicht bedarf, da er ferner den Willen des Allmächtigen kennt und daher gleichzeitig hat und bittet, ist er der alles beherrschenden Macht ganz nahe gekommen und, da er sich bemühte, geistig zu sein, ist er durch seine unbegrenzte Liebe bereits mit dem (Heiligen) Geiste vereinigt.
6. Dieser hochgesinnte Mann, der durch sein Wissen das Wertvollste von allem, das Beste von allem besitzt, ist geschickt darin, sein Schauen rasch auf etwas zu richten, und hält in seiner Seele die Macht über das Geschaute dauernd fest; das heißt, er besitzt die alles durchschauende Schärfe des Wissens.
7. Mit aller Macht ist er bestrebt, diese Fähigkeit so viel als möglich zu gewinnen, dadurch, daß er Herr wird „über das, was dem Geiste widerstreitet“, und sich ohne Unterbrechung um das Schauen bemüht und sich eifrig darin übt, seine Freude an Vergnügungen einzuschränken und das, was geschehen muß, in der richtigen Weise durchzuführen.
8. Da er außerdem teils aus seinem Lernen, teils aus seinem Leben viel Erfahrung gewonnen hat, besitzt er auch große Gewandtheit im Reden, nicht die Fähigkeit, einfach so hemmungslos darauf loszuschwätzen, sondern eine 51 Redefähigkeit, die einfache Worte verwendet, aber weder aus freundlicher Rücksicht noch aus Furcht irgend etwas von dem, was zur richtigen Zeit gesagt werden kann, vor den Leuten verschweigt, die es vor allem hören sollen.
§ 45
1. Nachdem er so die Lehre von Gott in würdiger Weise dargelegt hat, in der er von dem geheimnisvollen Reigen der Wahrheit selbst unterrichtet worden ist, verwendet er eine Redeform, die zur Pflege der erhabenen Tugend antreibt und ihr Wesen selbst so, wie es sich gebührt, und ihre Wirkungen aufzeigt, indem er durch die gotterfüllte Erhebung im Gebet den geistigen und geistlichen Dingen in gnostischer Weise so viel wie möglich nahekommt.
2. Deshalb ist er immer milde und sanft, leicht zugänglich, freundlich entgegenkommend, gern zum Verzeihen bereit, wohlwollend, guten Gewissens, ernst. Dieser unser Gnostiker ist von sittlich ernstem Wesen, so daß er nicht nur nicht verführt werden, sondern nicht einmal in Versuchung geraten kann; denn er bringt es fertig, daß sich seine Seele in keiner Weise von Freude oder Schmerz beeinflussen oder gefangennehmen läßt.
3. Wenn ihn eine klare Überlegung dazu beruft, wird er auch ein Richter von unerschütterlicher Festigkeit, der in keiner Hinsicht seinen eigenen Stimmungen nachgibt, sondern unwandelbar auf dem Wege geht, auf dem das Recht seiner Natur nach dahinzieht; dabei ist er überzeugt, daß alle Dinge unübertrefflich gut gelenkt werden und daß für die Seelen, die die Tugend erwählt haben, die weitere Entwicklung immer nach der Richtung des Besseren vorwärts gehe, bis sie zu dem Guten selbst gelangen, wenn sie nämlich sozusagen in dem Vorhof des Vaters in die Nähe des großen Hohenpriesters gekommen sind.
4. Dieser unser Gnostiker ist der Gläubige, der davon überzeugt ist, daß alles in der Welt aufs beste geordnet wird; die Folge davon ist natürlich, daß er mit allem zufrieden ist, was ihm auch immer begegnen mag.
§ 46
1. Verständigerweise begehrt er also nichts von dem, was im Leben zu den notwendigen Bedürfnissen gehört; denn er ist überzeugt, daß der allwissende Gott den Guten 52 das, was ihnen zuträglich ist, schenkt, auch wenn sie nicht darum bitten.
2. Denn wie dem Kunstverständigen alle Dinge in einer der Kunst entsprechenden Weise und dem Heiden in einer dem Heidentum entsprechenden Weise zugeteilt werden, so wird, meine ich, auch dem Gnostiker alles in gnostischer Weise zugeteilt.
3. Und wer sich aus dem Heidentum bekehrt, der wird um den Glauben, wer aber noch weiter zur Erkenntnis emporsteigt, der wird um „die Vollkommenheit der Liebe“ beten.
4. Und wenn der Gnostiker endlich den Gipfel erreicht hat, dann bittet er, daß die Fähigkeit vollkommenen Schauens sich bei ihm mehren und dauernd bei ihm bleiben möge, ebenso wie der gewöhnliche Mensch sich beständige Gesundheit wünscht.
5. Indessen wird er auch darum bitten, daß er nie aus dem Stand der Tugend falle, wobei er mit aller Kraft mit dazu hilft, so zu werden, daß er nicht ins Wanken kommen kann.
6. Denn er weiß, daß es auch einigen der Engel, die infolge ihres leichtfertigen Sinns wieder auf die Erde herabgefallen waren, nicht mehr völlig gelang, sich aus einem Zustand, in dem sie sich ebensogut nach der einen wie nach der anderen Seite entscheiden konnten, wieder zu jener früheren, nur eine Richtung kennenden Haltung emporzuarbeiten.
7. Aber für den, der sich von hier unten durch Übung zu der höchsten Stufe der Erkenntnis und zu der noch darüber stehenden Höhe vollkommener Mannesreife aufgeschwungen hat, ist alles Zeitliche und Räumliche zum Vorteil; denn infolge der durchaus nur auf ein einziges Ziel gerichteten Festigkeit seiner Gesinnung hat er sich entschlossen, sein Leben ohne jede Veränderung zu führen, und übt sich darin.
8. Aber bei allen, bei denen noch ein sie belastendes Eck zurückgeblieben ist, das sie durch sein Gewicht herabdrückt, wird auch das, was durch den 53 Glauben zur Höhe emporstrebt, mitherabgezogen.
9. Wer sich also durch gnostische Übung die Tugend zu einem unverlierbaren Besitz gemacht hat, dem wird sein Verhalten zu Natur, und wie für den Stein die Schwere, so wird für ihn das Wissen zu einer unverlierbaren Eigenschaft, und zwar nicht ohne seinen Willen, sondern auf Grund seines eigenen freien Entschlusses, durch die Macht des Denkens, der Erkenntnis und der sorgsamen Vorsicht.
§ 47
1. Da aber das, was infolge von Vorsicht nicht verlorengegangen ist, durch Klugheit unverlierbar wird, so wird der Gnostiker bei der Vorsicht beharren, um nicht zu sündigen, bei der Klugheit aber, um die Tugend zu einem unverlierbaren Besitz zu machen.
2. Die Erkenntnis führt aber offenbar zur Klugheit, indem sie das zu erkennen lehrt, was zum dauernden Besitz der Tugend mithelfen kann.
3. Das größte ist freilich die Erkenntnis Gottes; deshalb wird auch durch sie die Unverlierbarkeit der Tugend gewahrt. Wer aber Gott erkannt hat, ist heilig und fromm. Damit haben wir also bewiesen, daß allein der Gnostiker fromm ist.
4. Dieser freut sich an dem vorhandenen Guten und ist fröhlich wegen des ihm Verheißenen, gerade als wäre es schon vorhanden. Denn das Verheißene ist ihm nicht verborgen, wie es begreiflich wäre, weil es noch abwesend ist; denn er hat bereits erkannt, wie beschaffen es ist.
5. Da er also durch seine Erkenntnis überzeugt ist, daß jedes einzelne von dem Zukünftigen bereits vorhanden ist, besitzt er es. Denn Mangel und Bedürfnis wird an dem Maßstab dessen gemessen, was einem jeden gebührt. Wenn er also Weisheit besitzt und die Weisheit etwas Göttliches ist, so ist der mit dem Bedürfnislosen Verbundene selbst bedürfnislos.
6. Denn die Mitteilung der Weisheit geht nicht so vor sich, daß die Tätigkeit des Gebers und des Empfängers in der Wechselwirkung von Bewegung und Hemmung stünden, auch nicht so, daß einer beraubt und dadurch selbst bedürftig würde; jedenfalls bleibt die wirkende Kraft offenbar durch die Mitteilung selbst unvermindert.
7. So besitzt also unser Gnostiker alles Gute der Anlage nach, aber noch nicht in meßbarer Wirklichkeit; denn sonst könnte er auch nicht 54 entsprechend den Stufen und Stellungen, für die er von Gott bestimmt ist, versetzt werden.
§ 48
1. Ihm hilft auch Gott und ehrt ihn durch eine noch unmittelbarere Fürsorge. Oder sind nicht um der guten Menschen willen und zu ihrem Gebrauch und Nutzen oder vielmehr zu ihrem Heil alle Dinge geschaffen worden? Gott wird also sicherlich denen, für die das Geschaffene da ist, das nicht nehmen, was der Tugend wegen da ist.
2. Denn es ist offenbar, daß er ihre gute Anlage und ihre heilige Entscheidung ehren wird, da er ja auch denen, die sich zu einem guten Leben entschlossen haben, Kraft für die Vollendung der Rettung einflößt, und zwar den einen nur dadurch, daß er sie antreibt, den anderen, die durch ihre eigene Leistung würdig geworden sind, auch dadurch, daß er ihnen hilft.
3. Denn für den Gnostiker ist alles Gute eine Art von nachträglicher Zutat, da ja sein Endziel ist, alles einzelne zu verstehen und verständig zu handeln.
4. Wie aber der Arzt denen Gesundheit verschafft, die mit ihm auf die Gesundheit hinarbeiten, so schenkt auch Gott das ewige Heil denen, die mit ihm auf die Erkenntnis und auf das Verrichten guter Taten hinarbeiten; und da es in unserer Macht steht, zu tun, was die Gebote befehlen, so wird gleichzeitig damit, daß wir etwas tun, auch die Verheißung erfüllt.
5. Und mir scheint jene Erzählung bei den Griechen treffend zu sein: Ein hervorragender Wettkämpfer der Vorzeit kam zu den Olympischen Spielen, nachdem er seinen Körper lange Zeit hindurch gar trefflich für ausgezeichnete Leistungen geschult hatte. Dort richtete er seinen Blick auf das Standbild des Zeus von Pisa und sagte: „Wenn ich, o Zeus, mich in jeder Hinsicht pflichtgemäß auf den Kampf vorbereitet habe, so gib mir, wie es billig ist, rasch den Sieg!“
6. Denn so verhält es sich auch bei dem Gnostiker. Wenn er ohne Versäumnis und mit gutem Gewissen, soweit es auf ihn ankommt, hinsichtlich des Lernens und der Selbstbeherrschung und der Vollführung von guten Taten und des Erwerbens des göttlichen Wohlgefallens alles erfüllt hat, dann hilft die ganze Welt mit, um sein Heil zu vollenden.
7. Das ist es also. was von 55 uns gefordert wird, nämlich das, was in unserer Macht steht, das ist bei den Dingen, die uns angehen, mögen sie gegenwärtig oder abwesend sein, Wahl und Verlangen und Erwerben und Benützen und beständiges Verharren.
§ 49
1. Deshalb muß, wer mit Gott verkehren will, seine Seele unbefleckt und vollkommen rein erhalten, womöglich indem er sich zu vollkommener Güte ausgebildet hat, wenn aber dies nicht möglich ist, indem er wenigstens zur Erkenntnis hin Fortschritte macht und nach ihr Verlangen trägt und sich von den Taten der Bosheit vollkommen losgesagt hat.
2. Aber es geziemt sich auch, daß er alle Gebete ordentlich und zusammen mit ordentlichen Menschen verrichtet; denn es ist eine gefährliche Sache, wenn man die Verfehlungen anderer begünstigt.
3. Der Gnostiker wird also mit den einfachen Gläubigen nur in den Dingen auch mitbeten, bei denen es sich für ihn ziemt, auch mitzuarbeiten. Sein ganzes Leben ist aber ein heiliges Fest.
4. Dementsprechend bestehen seine Opfer in Gebeten und Lobpreisungen und dem Lesen der Heiligen Schrift vor der Mahlzeit, in Psalmen und Gesängen während der Mahlzeit und vor dem Schlafengehen, aber auch nachts wieder in Gebeten. Dadurch vereinigt er sich mit „dem göttlichen Reigen“, dem er infolge seines ununterbrochenen Gedenkens eingegliedert ist zu dem unvergeßlichen Schauen.
5. Wie nun? Kennt er nicht auch das andere Opfer, das in der willigen Hingabe von Lehren und Sachen an die Bedürftigen besteht? Ganz gewiß!
6. Bei dem Gebet aber, das er laut spricht, verwendet er nicht viele Worte, da er von dem Herrn auch gelernt hat, worum er beten muß. Er wird also an jedem Orte, aber nicht in aller Öffentlichkeit und vor aller Augen beten.
7. Er betet aber unter allen Verhältnissen, mag er nun einen Spaziergang machen oder in Gesellschaft sein oder ausruhen oder lesen oder ein verständiges Werk beginnen. Und wenn er in der „Kammer“ seiner Seele selbst nur einen Gedanken hegt und „mit unaussprechlichen Seufzern“ „den Vater anruft“ 56 ist dieser nahe und bereits zugegen, während jener noch spricht.
8. Von den drei Gesichtspunkten, die bei jeder Handlung möglich sind, kommt bei allen seinen Taten nur das Schöne und das Nützliche in Betracht; dagegen überläßt er es denen, die dem gemeinen Leben anhangen, das Angenehme zum Zweck des Handelns zu machen.