§ 69
1. So viel sei darüber gesagt. Da der Gnostiker dem Leib und der Seele nach so beschaffen ist, so wird er seinen Nächsten gegenüber als völlig gleich erfunden, mag er auch ein Sklave sein oder dem Gesetze nach sein Feind oder 73 was immer er auch sein mag.
2. Denn er verachtet den nicht, der nach dem göttlichen Gesetz sein Bruder von dem gleichen Vater und der gleichen Mutter ist; jedenfalls hilft er ihm, wenn er in Not ist, wieder auf, indem er ihn tröstet, ihn aufmuntert und ihm mit dem, was er zum Leben nötig hat, unterstützt; er gibt allen Bedürftigen, jedoch nicht allen in gleicher Weise, sondern gerecht und je nach Würdigkeit. Überdies gibt er auch dem, der ihn verfolgt und haßt, wenn dieser es nötig hat; dabei kümmert er sich wenig um die, die behaupten, er habe ihm aus Furcht gegeben, vorausgesetzt, daß er es wirklich nicht aus Furcht, sondern nur in der Absicht zu helfen tut.
3. Denn wer gegen Feinde freigebig und versöhnlich ist, wie viel mehr wird der gegen seine Freunde liebevoll sein? Von dieser Haltung aus wird ein solcher Mann dazu kommen, daß er genau weiß, wem in erster Linie und wie viel und wann und wie er geben soll.
4. Wer aber könnte vernünftigerweise Feind eines Mannes werden, der in keiner Weise irgendeinen Anlaß zur Feindschaft gibt?
5. Und wie wir von Gott sagen, daß Gott keines Menschen Gegner und keines Menschen Feind ist (denn er hat alle geschaffen, und von allem Vorhandenen gibt es nichts ohne seinen Willen), aber andererseits sagen, daß ihm diejenigen feind sind, die ihm nicht gehorchen und nicht nach seinen Geboten wandeln, wie z. B. diejenigen, die von Haß gegen seinen Bund erfüllt sind, so werden wir es wohl in der nämlichen Weise auch bei dem Gnostiker finden.
6. Denn er selbst wird wohl nie auf irgendeine Weise irgendeines Menschen Feind werden, dagegen müssen die als seine Feinde angesehen werden, die in der ihm entgegengesetzten Richtung ihren Weg nehmen.
7. Übrigens wenn auch das freigebige Verhalten bei uns Gerechtigkeit heißt, so ist doch in den Fällen, wo das Geben auf Grund wirklicher Einsicht geschehen muß, die Fähigkeit, je nach Würdigkeit zwischen mehr und weniger zu unterscheiden, eine Art der höchsten Gerechtigkeit.
8. Es kommt also 74 auch vor, daß etwas Gutes wie die Enthaltung von Genüssen bei manchen aus niedrigen Beweggründen geschieht. Denn wie bei den Heiden manche, weil sie das nicht erlangen können, wonach sie begehren, oder aus Furcht vor Menschen, manche auch mit Rücksicht auf größere Genüsse auf die ihnen bequem zugänglichen Annehmlichkeiten verzichten, so sind auch von den Gläubigen manche entweder wegen der Verheißung oder wegen der Furcht vor Gott enthaltsam.
§ 70
1. Aber eine Enthaltsamkeit von solcher Art ist doch wenigstens die Grundlage der Erkenntnis und der Zugang zu etwas Besserem und ein Ausgangspunkt für die Vollkommenheit. „Denn der Anfang der Weisheit“, heißt es, „ist die Furcht des Herrn.“
2. Der Vollkommene aber „trägt alles und duldet alles“, aus Liebe, „nicht um einem Menschen, sondern um Gott zu gefallen“.
3. Indessen ist es eine natürliche Folge, daß ihm Lob zuteil wird, nicht zu seinem eigenen Vorteil, sondern damit die, die ihn loben, ihn nachahmen und Nutzen davon haben.
4. Das Wort (xxx) [egkrates] wird aber auch in einem anderen Sinn gebraucht, nicht nur von dem, der seine Leidenschaften beherrscht, sondern auch von dem, der über das Gute Herr geworden ist und sich die herrlichen Güter des Wissens zum beständigen Besitz erworben hat, mit deren Hilfe er die tugendreichen Taten als Früchte hervorbringt.
5. Deshalb gibt der Gnostiker nie in irgendeiner Lage die ihm eigene Haltung auf. Denn fest und unveränderlich ist der auf Wissen begründete Besitz des Guten, der in der Kenntnis der göttlichen und menschlichen Dinge besteht.
6. Daher wird die Erkenntnis nie zur Unwissenheit, und das Gute verwandelt sich nie in Schlechtes. Deshalb ist auch das Essen und das Trinken und das Heiraten für ihn nicht die Hauptsache im Leben, sondern nur etwas Notwendiges. 75 Vom Heiraten spreche ich hier unter der Voraussetzung, daß die Vernunft dazu rät und daß es in der richtigen Weise geschieht. Denn wenn er vollkommen geworden ist, hat er die Apostel als seine Vorbilder.
7. Und der wirkliche Mann zeigt sich nicht darin, daß er das einsame Leben für sich wählt; vielmehr trägt unter Männern im Wettkampf jener den Siegespreis davon, der sich in der Ehe und beim Aufziehen von Kindern und in der Fürsorge für das Hauswesen unbeeinflußt von Freud und Leid bewährt hat und trotz aller Mühe, die die Sorge für die Familie mit sich bringt, von der Liebe zu Gott ungeschieden geblieben und siegreich aus allen Proben hervorgegangen ist, die durch seine Kinder und sein Weib, durch seine Diener und durch seinen Besitz an ihn herankommen.
8. Wer aber keine Familie hat, dem bleiben solche Proben zumeist erspart. Da er nur für sich allein zu sorgen hat, steht er hinter dem zurück, der ihm zwar hinsichtlich der Fürsorge für sein eigenes Heil unterlegen ist, aber ihm durch die Fürsorge für das Leben seiner ganzen Familie überlegen ist, wobei er im kleinen geradezu ein Abbild der wahren Vorsehung verkörpert.
§ 71
1. Unsere Aufgabe ist es jedenfalls, unsere Seele so viel wie immer möglich auf mannigfache Weise vorher zu schulen, damit sie für die Aufnahme der Erkenntnis geschickt werde.
2. Seht ihr nicht, wie das Wachs erweicht und das Erz geläutert wird, damit es das ihr aufgedrückte Gepräge annehme?
3. Wie ferner der Tod „die Trennung der Seele vom Körper“ ist, so ist die Erkenntnis gleichsam der Tod auf geistigem Gebiet, der die Seele von den Leidenschaften fortführt und scheidet und sie in das Leben guter Taten einführt, damit sie dann mit Freudigkeit zu Gott sprechen kann: Wie du willst, so lebe ich.
4. Denn wer sich vornimmt, „Menschen zu gefallen“, „kann Gott nicht gefallen“, da die Masse nicht das Nützliche, sondern das Ergötzende vorzieht. Wenn aber jemand Gott gefällt, so ist es die natürliche Folge, daß er auch das Wohlgefallen der guten Menschen findet.
5. Wie sollte also ein solcher Mann noch sein Ergötzen an Essen und Trinken und Liebeslust finden, da er ja sogar gegen ein Gespräch, das Vergnügen bereitet, und gegen eine ergötzliche 76 Gedankenregung oder Tätigkeit Bedenken hat?
6. Denn „niemand kann zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon“. Mit diesem Wort meint der Herr nicht einfach das Geld, sondern die mit Geld gemachten Aufwendungen auf die mannigfachen Genüsse; denn es ist tatsächlich unmöglich, daß jemand, der Gott in erhabener und wahrer Weise erkannt hat, ein Sklave der Lüste werden kann, die ihm entgegengesetzt sind.
§ 72
1. Nun ist nur ein einziger von Anfang an ohne Begierden, nämlich der Herr, der Freund der Menschen, der auch uns zuliebe Mensch geworden ist. Aber alle, die sich bemühen, dem von ihm gegebenen Gepräge ähnlich zu werden, strengen sich mit aller Kraft an, durch Übung frei von Begierden zu werden.
2. Denn wer eine Begierde gefühlt, aber sich beherrscht hat, der wird frei von Begierden, so wie eine Witwe durch ihre Keuschheit wieder zur Jungfrau wird.
3. Dies ist der dem Heiland und Lehrer für die Erkenntnis abzustattende Lohn, der Lohn, den dieser selbst verlangte, nämlich die Enthaltung von allem Bösen und die Vollführung guter Taten, wodurch die Rettung erlangt wird.
4. Wie nun diejenigen, die ein Handwerk erlernt haben, sich durch die gewonnenen Fertigkeiten ihren Lebensunterhalt erwerben, so erwirbt sich der Gnostiker durch seine Einsicht das (geistige) Leben und wird so gerettet. Denn wer sich nicht dazu entschließen kann, die Leidenschaften seiner Seele auszurotten, der tötet sich selbst. Aber Unwissenheit ist, wie es scheint, etwas, was die Seele abzehren und verkümmern läßt, die Erkenntnis dagegen ist Nahrung für sie.
5. Und die gnostischen Seelen sind es, die das Evangelium mit den geheiligten Jungfrauen verglichen hat, die den Herrn erwarten. Denn Jungfrauen sind sie, weil sie sich des Bösen enthalten haben, und sie warten auf den Herrn, weil sie ihn lieben, und sie zünden ihr eigenes Licht an, um die Wirklichkeit schauen zu können; sie sind kluge Seelen, weil sie sagen:
6. „Wir sehnen uns darnach, dich, o Herr, endlich einmal zu empfangen. Wir lebten gehorsam gegen deine Gebote, ohne irgendeines deiner Gebote zu übertreten; deshalb beanspruchen wir von dir auch die Erfüllung deiner 77 Verheißungen; wir beten aber um das, was uns nützlich ist, nicht um das, was uns ergötzt; denn es geziemt sich, daß wir das Beste von dir erbitten. Und wir werden alles als ersprießlich für uns auffassen, auch wenn die uns heimsuchenden Prüfungen schwer zu ertragen scheinen, die deine Heilserziehung über uns verhängt, um uns in der Beständigkeit zu üben.“
§ 73
1. Der Gnostiker ist also zu einer so außerordentlichen Höhe von Heiligkeit emporgestiegen, daß er mehr dazu bereit ist, sein Gebet nicht erfüllt zu sehen, als etwas ohne Gebet zu erlangen. Denn sein ganzes Leben ist ein Gebet und ein Gespräch mit Gott, und wenn er von Sünden rein ist, dann wird er sicherlich erlangen, was er wünscht. Denn zu dem Gerechten sagt Gott: „Bitte, und ich werde es dir geben; denke, und ich werde es tun.“
2. Wenn es nun etwas für ihn Nützliches ist, so wird er es sofort erhalten; um Unzuträgliches aber wird er nie beten; darum wird er es auch nie erhalten. Somit wird ihm alles zuteil werden, was er will.
3. Und wenn jemand zu uns sagt, daß auch manche von den Sündern bei ihren Gebeten erhört werden, so kommt das zunächst nur selten vor wegen der gerechten Güte Gottes, sodann wird die Gabe denen zuteil, die auch anderen Wohltaten erweisen können.
4. Daraus folgt, daß die Verleihung der Gabe nicht wegen des Betenden geschieht, sondern die göttliche Weltregierung sieht im voraus, daß jemand durch Vermittlung jenes Mannes Hilfe erfahren soll, und bewirkt so wieder, daß die Gabe, die sie spendet, gerecht ist. Allen denen aber, die dessen würdig sind, werden die wahren Güter geschenkt. auch ohne daß sie darum beten.
5. Wenn also jemand nicht aus Zwang oder Furcht oder Hoffnung gerecht ist, sondern auf Grund freier Willensentscheidung, so heißt das der „königliche Weg“, auf dem das „königliche Geschlecht“ wandelt; die anderen Wege aber, die von der Hauptstraße abführen, sind schlüpfrig und abschüssig.
6. Wenn man freilich die Furcht und die Hoffnung auf Ehre wegnimmt, so bezweifle ich, ob die trefflichen Philosophen, die so 78 zuversichtlich reden, die Drangsale noch werden ertragen können.
§ 74
1. Die Begierden und die übrigen Sünden sind aber „Disteln und Pfähle“, genannt. Darum arbeitet der Gnostiker in dem Weinberg des Herrn; er pflanzt, beschneidet, begießt und ist in der Tat der göttliche Gärtner für die, die in den Glauben eingepflanzt sind.
2. Während nun die einen, die das Böse unterlassen haben, einen Lohn dafür zu erhalten erwarten, daß sie nichts getan haben, fordert derjenige, der allein aus freiem Entschluß Gutes getan hat, mit Recht den Lohn als ein guter Arbeiter. Und gewiß wird er auch doppelten Lohn erhalten, den Lohn für das, was er unterlassen, und den Lohn für das Gute, das er getan hat.
3. Dieser Gnostiker erleidet von niemand eine Anfechtung, außer wenn Gott es zuläßt, und auch dies nur, um damit seiner Umgebung zu nützen. Denn sie wird jedenfalls zum Glauben ermutigt, wenn sie durch sein mannhaftes Aushalten gemahnt wird.
4. Sicherlich wurden auch deswegen die seligen Apostel zur Stärkung und Befestigung ihrer Gemeinden in Lagen geführt, wo sich ihre Vollkommenheit bewähren und bezeugen konnte.
5. Da also der Gnostiker in seinen Ohren immer die Stimme klingen hört, die sagt: „Erbarme dich dessen, den ich schlagen werde“, betet er auch für die um Sinnesänderung, die ihn hassen.
6. Denn der in den Rennbahnen stattfindende Vollzug der Bestrafung der Übeltäter ist auch für Kinder kein geeigneter Anblick. Und es ist ganz undenkbar, daß der Gnostiker durch etwas Derartiges belehrt würde oder seine Freude daran hätte, da er sich ja auf Grund freier Entscheidung darin geübt hat, wacker und gut zu sein, und es so erreicht hat, daß Lüste keinen Reiz auf ihn ausüben können. Da er nie in Sünden verfällt, hat er es nicht nötig, durch die Beispiele von Unglück, das andere trifft, erzogen zu werden.
7. Jedenfalls ist nicht daran zu denken, daß an irdischen Freuden und Schaustücken der Gefallen finden könnte, der auch die irdischen Verheißungen, selbst wenn sie göttlich sind, verachtet hat.
79 8. „Nicht jeder also, der ‘Herr, Herr’ sagt, wird in das Gottesreich kommen, sondern wer den Willen Gottes tut.“
9. Dies dürfte aber der gnostische Arbeiter sein, der, während er noch im Fleische selbst ist, über „die weltlichen Lüste“ Herr wird, hinsichtlich dessen aber, was er erkannt hat, nämlich des Zukünftigen und Unsichtbaren, so fest überzeugt ist, daß er es mehr als das ihm vor den Füßen Liegende für gegenwärtig hält,
§ 75
1. Er ist ein geschickter Arbeiter, der sich zwar über das, was er erkannte, freut, aber demütig ist, weil er noch in das verstrickt ist, was die Not des Lebens erfordert, da er noch nicht der tätigen Anteilnahme an dem gewürdigt ist, was er erkannt hat. Deshalb benützt er dieses Leben wie etwas ihm Fremdes nur als eine Naturnotwendigkeit.
2. Er kennt auch die geheime Bedeutung des Fastens an den bekannten Tagen, ich meine am Mittwoch und am Freitag, von denen der eine nach Hermes, der andere nach Aphrodite benannt ist.
3. Jedenfalls besteht sein Fasten darin, daß er sich in seinem Leben von der Habsucht und von der Wollust fernhält, die der Ursprung aller Laster sind. Denn wir haben schon öfters in Übereinstimmung mit dem Apostel die drei hauptsächlichsten Arten der Hurerei festgestellt, Wollust, Habsucht, Götzendienst.
§ 76
1. Er enthält sich also sowohl entsprechend dem Gesetz der bösen Taten als auch entsprechend der im Evangelium geforderten Vollkommenheit der bösen Gedanken.
2. Ihm werden auch die Prüfungen auferlegt nicht zum Zweck der eigenen Reinigung, sondern, wie wir sagten, zur Förderung der Nächsten, wenn sie sehen, wie er durch Leiden und Schmerzen erprobt wird, sich aber nicht vor ihnen fürchtet, sondern sie ganz unbeachtet läßt.
80 3. Das gleiche gilt auch von der Lust; denn es ist das Größte, sich ihrer zu enthalten, wenn man sie kennengelernt hat. Denn was Großes ist dabei, wenn man sich dessen enthält, was man nicht kennt?
4. Der Gnostiker aber vollführt das im Evangelium gegebene Gebot und macht zum Tag des Herrn jenen Tag, an dem er einen bösen Gedanken verscheucht und einen gnostischen Gedanken aufnimmt, indem er so die Auferstehung des Herrn in sich selbst ehrt.
5. Aber auch wenn er die Vorstellung von einem auf Wissen beruhenden Schauen erfaßt hat, glaubt er den Herrn zu sehen, indem er seine Blicke auf das Unsichtbare richtet.
6. Und wenn er das zu sehen glaubt, was er nicht sehen will, straft er sein Sehvermögen, sobald er sich dessen bewußt wird, daß er sich an dem vor seinen Augen entstehenden sinnlichen Bild freut; denn er will nur das sehen und hören, was sich für ihn geziemt.
7. Dementsprechend sieht er, wenn er die Seelen seiner Brüder betrachtet, auch die leibliche Schönheit nur mit den Augen seiner Seele, die daran gewöhnt ist, das Schöne für sich allein zu betrachten ohne die sonst damit verbundene fleischliche Lust.
§ 77
1. Und tatsächlich sind sie Brüder entsprechend der auserlesenen Schöpfung und der Gleichheit der Gesinnung und der Wesensart ihrer Taten, da sich ihr Tun und Denken und Reden auf die nämlichen heiligen und schönen Handlungen richtet, an die sie als Auserwählte nach dem Willen des Herrn denken müssen.
2. Denn ihr Glaube zeigt sich darin, daß sie das nämliche wählen, ihre Erkenntnis darin, daß sie das nämliche gelernt haben und in ihren Gedanken tragen, ihre Hoffnung darin, daß sie das nämliche ersehnen. Und wenn der Gnostiker infolge der dringenden Bedürfnisse des Lebens einen kleinen Teil seiner Zeit auf die Beschaffung der Nahrung verwenden muß, so glaubt er dadurch, daß er durch eine solche Beschäftigung in Anspruch genommen wird, um seine Zeit betrogen zu werden.
3. Darum sieht er nicht einmal einen Traum, der sich für einen Auserwählten nicht ziemte. Denn tatsächlich „ein Fremdling und ein Gast“ ist in seinem ganzen Leben ein jeder, der eine Stadt bewohnt, aber alles in ihr, was von anderen 81 bewundert wird, verachtet und in der Stadt wohnt, als wäre es eine Wüste, damit nicht der Ort Gewalt über ihn habe, sondern sein eigener freier Entschluß ihn als gerecht erweise.
4. Kurz, dieser Gnostiker tritt an die Stelle der dahingeschiedenen Apostel, indem er richtig lebt, genau erkennt, die Geeigneten unterstützt, die auf den Nächsten lastenden „Berge versetzt“ und die Unebenheiten ihrer Seelen ausgleicht.
5. Freilich ist jeder einzelne von uns sein eigener Weinberg und sein eigener Arbeiter. Er aber will, auch wenn er das Beste tut, vor den Menschen verborgen bleiben, wobei er den Herrn und zugleich sich selbst davon überzeugen will, daß er nach den Geboten lebt, und das vorzieht, was nach seinem Glauben der Ursprung seines Seins ist.
6. „Denn wo das Herz jemands ist“, so heißt es, „da ist auch sein Schatz“; darum benachteiligt er wegen seiner Vollkommenheit in der Liebe sich selbst, wenn es gilt, einen in Bedrängnis geratenen Bruder nicht ohne Hilfe zu lassen, besonders wenn er weiß, daß er selbst den Mangel leichter als der Bruder ertragen wird.
§ 78
1. Jedenfalls hält er das, was jenem Schmerz bereitet, für sein eigenes Leid. Und wenn er aus seinem eigenen Mangel Gaben spendet und infolge seiner Wohltätigkeit selbst ein Mißgeschick erleidet, so ist er darüber nicht ärgerlich, sondern steigert noch seine Wohltätigkeit.
2. Denn er hat einen unerschütterlichen Glauben hinsichtlich der wirklichen Tatsachen und preist das Evangelium durch seine Taten und durch seine geistige Anschauung. Und er sucht wirklich nicht „das Lob von Menschen, sondern das von Gott“ zu erlangen, dadurch, daß er die von dem Herrn gelehrten Forderungen erfüllt.
3. Da er ganz von der ihm eigenen Hoffnung hingenommen ist, findet er keinen Geschmack an dem Schönen in dieser Welt, sondern verachtet alles Irdische. Er bemitleidet diejenigen, die nach dem Tode gestraft werden und durch ihre Bestrafung wider Willen bekennen müssen, während er selbst mit ruhigem Gewissen getrost dem Ende entgegensieht und immer dazu bereit ist, da er hier unten 82 nur „ein Fremdling und ein Gast“ ist und immer nur an das ihm eigene Erbe denkt, dagegen alle Dinge hier unten als etwas Fremdes ansieht.
4. Er bewundert nicht nur die Gebote des Herrn, sondern ist sozusagen durch die Erkenntnis selbst des göttlichen Willens teilhaftig, da er tatsächlich mit dem Herrn und seinen Geboten nah vertraut ist; als Gerechter ist er auserwählt, als Gnostiker ist er zur Herrschaft und zur Königswürde bestimmt; alles Gold auf der Erde und unter der Erde und alle Herrschaft von einem Ende des Weltmeeres zum anderen Ende verachtet er, um sich allein der Verehrung des Herrn hinzugeben.
5. Darum ist sein Tun und Denken heilig, auch wenn er ißt und trinkt und heiratet, falls die Vernunft es gebietet, aber auch wenn er Träume sieht; darum ist er immer so rein, daß er beten kann.
6. Er betet aber auch mit den Engeln, da er ja bereits „engelgleich“ ist, und nie verläßt er den Bereich ihrer heiligen Obhut; auch wenn er allein betet, so ist er doch von dem Reigen der Heiligen umgeben.
7. Er weiß, daß das Wort „Glaube“ in zweierlei Bedeutung gebraucht wird, und zwar bedeutet es einmal die Tätigkeit des Glaubenden, sodann die Tätigkeit dessen, an den geglaubt wird, die seiner Würde entsprechende überragende Bedeutung; denn auch die Gerechtigkeit ist doppelter Art, die eine ist die aus Liebe, die andere die aus Furcht erwachsende.
§ 79
1. Jedenfalls ist uns gesagt: „Die Furcht des Herrn ist heilig; sie bleibt in alle Ewigkeit.“ Denn wer sich aus Furcht zum Glauben und zur Gerechtigkeit bekehrt, bleibt in Ewigkeit. Nun bewirkt die Furcht das Vermeiden böser Taten, die Liebe aber baut auf den freien Entschluß auf und treibt dazu an, Gutes zu tun, damit man vom Herrn das Wort höre: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde“, und daß man fortan sich voll Zuversicht dem Beten zuwende.
2. Die Form des Gebetes selbst ist aber Danksagung für das Vergangene und für das Gegenwärtige und für das Zukünftige, da dies des Glaubens wegen bereits gegenwärtig ist. Dem geht aber das Erfassen der Erkenntnis vorher.
83 3. Und so bittet er denn darum, daß er die ihm bestimmte Zeit im Fleische leben möge als Gnostiker, als frei von der Knechtschaft des Fleisches, und daß er das Beste erlangen, dem Bösen aber entrinnen möge.
4. Er bittet aber auch um Vergebung unserer Sünden und um unsere Bekehrung zur Erkenntnis. Wenn der Herr ihn am Ende abberuft, so folgt er rasch, sobald jener ruft; ja er geht wegen seines guten Gewissens sozusagen schon voraus und eilt, um das Opfer seines Dankes darzubringen; und wenn er zur Gemeinschaft mit Christus gekommen ist und sich selbst wegen seiner Reinheit als würdig erwiesen hat, besitzt er dort die durch Christus geschenkte Macht Gottes durch Vereinigung mit ihr.
5. Denn er will nicht durch Anteilnahme an Wärme warm oder an Feuer leuchtend, sondern selbst ganz Licht sein. Dieser versteht genau das Wort: „Wenn ihr nicht Vater und Mutter haßt und dazu auch euer eigenes Leben und wenn ihr nicht das Kreuzeszeichen tragt.“
6. Denn er haßt die fleischlichen Neigungen, die eine mächtige Verlockung zur Lust in sich schließen, und achtet alles gering, was zum Aufbau und zur Ernährung des Fleisches gehört, aber er leistet auch der körperlichen Seele Widerstand, indem er dem unvernünftigen Geist, der die Zügel von sich abwerfen will, das Gebiß anlegt; denn „dem Fleisch gelüstet es wider den Geist“. 7. „Das Kreuzeszeichen tragen“ bedeutet aber „den Tod mit sich herumtragen“, indem man noch im Leben „allem abgesagt hat“ da ein Unterschied ist zwischen der Liebe zu dem, der das Fleisch erzeugte, und der Liebe zu dem, der die Seele zur Erkenntnis geschaffen hat.
§ 80
1. Wenn bei diesem das Gutestun zum bleibenden Zustand geworden ist, so erweist er schneller, als man es sagen kann, in trefflicher Weise Wohltaten; er betet darum, sich einen Anteil der Sünden seiner Brüder zuschreiben zu dürfen, um so seine Angehörigen dazu zu veranlassen, ihre Sünden zu bekennen und sich zu bekehren. Er ist eifrig bestrebt, von seinen eigenen Vorzügen seinen besten Freunden mitzuteilen; und seine Freunde sind selbst 84 ebenso gegen ihn gesinnt.
2. So läßt er entsprechend der von dem Herrn befohlenen Tätigkeit des Landmanns die ihm anvertrauten Samenkörner sich entwickeln, und er bleibt sündlos und gelangt zur Selbstbeherrschung und lebt zusammen mit dem ihm Ähnlichen dem Geiste nach unter den Reigen der Heiligen, auch wenn er noch auf der Erde festgehalten wird.
3. Den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch freut er sich gar sehr, in Wort und Tat die Gebote des Herrn zu erfüllen, nicht nur am Morgen, wenn er aufsteht, und zur Mittagszeit, sondern auch, wenn er spazierengeht und wenn er sich niederlegt, wenn er sich ankleidet und wenn er sich auszieht.
4. Und er lehrt seinen Sohn, wenn er seinem Geschlecht nach ein Sohn ist, und läßt sich von dem Gebot und von der Hoffnung nie trennen, indem er immer Gott danksagt wie die Wesen, die nach der allegorischen Erzählung des Jesaias Gott preisen.
5. Bereit, jede Prüfung zu ertragen, sagt er: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen.“
6. Denn solche Gesinnung hatte auch Hiob, der vermöge seiner Liebe zu dem Herrn schon zuvor alles hingegeben hatte, bevor er aller äußeren Güter zusammen mit der Gesundheit des Körpers beraubt wurde. „Denn er war“, so heißt es, „gerecht und fromm und enthielt sich alles Bösen.“
7. Das Wort „fromm“ bedeutet aber, daß er in seinem ganzen Lebenswandel gerecht gegen Gott war; und da er die Fähigkeit dazu besaß, war er ein Gnostiker.
8. Denn man darf weder, wenn es sich um etwas Gutes handelt, sich leidenschaftlich daran hängen, da es etwas Irdisches ist, noch andererseits, wenn Schlimmes kommt, dagegen hadern, sondern man muß über beides erhaben sein, indem man das eine verächtlich mit Füßen tritt, das andere denen überläßt, die es nötig haben. Bei aller freundlichen Rücksichtnahme auf andere ist aber der Gnostiker doch vorsichtig, damit sein eigentliches Wesen nicht verborgen bleibt oder sein Rücksichtnehmen zu einem dauernden Zustand wird.