§ 109
1. Nun wollen wir dieses Buch schließen. Aber vorher möchte ich noch für die, „welche die Wahrheit schauen wollen“, aus dem Gesetz über die Opfer einen kleinen Lichtstrahl darauf fallen lassen, daß die gewöhnlichen Juden und die Irrlehrer als unrein in Form einer geheimnisvollen Andeutung von der Kirche Gottes unterschieden werden.
2. Die Schrift lehrt nämlich, daß die Opfertiere, die gespaltene Klauen haben und wiederkäuen, rein und Gott wohlgefällig sind; das hat den Sinn, daß die Gerechten durch den Glauben ihren Weg zum Vater und zum Sohn nehmen (denn darin besteht der feste Stand derer, die gespaltene Klauen haben) und „die Worte Gottes bei Nacht und am Tage im Herzen bewegen“ und in dem Wissensbehältnis ihrer Seele überdenken; dieses Nachdenken, das eine gnostische Übung ist, bezeichnet das Gesetz sinnbildlich als das Wiederkäuen eines reinen Tieres.
112 3. Diejenigen Tiere aber, denen entweder diese beiden Merkmale fehlen oder doch das eine davon fehlt, scheidet das Gesetz als unrein aus. Dementsprechend weist es mit den Tieren, die zwar wiederkäuen, aber keine gespaltenen Klauen haben, auf die große Masse der Juden hin, die zwar die Worte Gottes im Munde führen, aber nicht den Glauben und die Art des Gehens haben, das durch den Sohn zum Vater hinführt und auf die Wahrheit gegründet ist.
4. Daher ist diese Art von Lebewesen auch der Gefahr des Fallens ausgesetzt, da sie nicht gespaltene Klauen haben und sie sich nicht auf den doppelten Inhalt des Glaubens stützen können. „Denn niemand“, so heißt es, „kennt den Vater als der Sohn und wem es der Sohn offenbart.“
5. Andererseits sind wieder unrein auch jene Tiere, die zwar gespaltene Klauen haben, aber nicht wiederkäuen.
6. Damit weist er auf die Irrlehrer hin, die zwar bei ihrem Gehen die Füße auf den Namen des Vaters und des Sohnes gesetzt haben, die aber nicht dazu fähig sind, die genaue Bedeutung der Worte durch feine Untersuchungen festzustellen und alle Schwierigkeiten zu beseitigen und sich außerdem um die Werke der Gerechtigkeit nur im ganzen und großen, nicht mit der ins einzelne gehenden Sorgfalt kümmern, wenn sie sich überhaupt darum kümmern.
§ 110
1. Solche Leute sind es, zu denen der Herr sagt: „Warum sagt ihr zu mir ‘Herr, Herr’ und tut nicht, was ich sage?“ Ganz unrein sind aber, die keine gespaltenen Klauen haben und nicht wiederkäuen.
2. „Euch aber, Megarer“, - sagt Theognis, - „zählt man als dritte nicht oder als vierte, Auch nicht als zwölfte; ihr werdet vielmehr überhaupt nicht gerechnet“.
3. „Sondern ihr seid wie die Spreu, die der Wind vom Erdboden aufwirbelt“, und „wie der Tropfen, der vom Kruge herabfällt.“
113 4. Damit haben wir diese Vorarbeit vollendet und die Sittenlehre in kurzer Zusammenfassung vorgeführt. Dabei haben wir unserem Versprechen gemäß die Funken der Lehren der wahren Erkenntnis vereinzelt und ohne bestimmte Ordnung mit hereingestreut, so daß es für einen Uneingeweihten, dem diese Schrift in die Hände kommt, nicht leicht ist, ausfindig zu machen, was von dem Heiligen darin überliefert ist. Darum wollen wir jetzt an die Erfüllung unseres Versprechens herangehen.
§ 111
1. Unsere „Teppiche“ gleichen aber wohl nicht jenen sorgfältig angelegten Gärten, in denen zur Ergötzung der Augen alles in schöner Ordnung angepflanzt ist, sondern eher einer schattigen Berghalde, auf der Zypressen und Platanen, Lorbeer und Efeu dicht beieinander wachsen und auf der zugleich auch Apfelbäume und Ölbäume und Feigenbäume angepflanzt sind, indem wegen der Leute, die das Obst heimlich wegnehmen und stehlen wollen, mit Absicht Obstbäume und Bäume ohne genießbare Früchte untereinander gepflanzt sind; ebenso wollte der eigentliche Inhalt meiner Schrift verborgen bleiben.
2. Wenn der Gärtner aus einem solchen Wald die Bäume umpflanzt und versetzt, so kann er aus ihm einen schönen Park und einen lieblichen Hain herstellen.
3. Die „Teppiche“ legen also keinen Wert auf sorgfältige Gliederung oder auf den sprachlichen Ausdruck, da sie ja mit Absicht auch dem sprachlichen Ausdruck nach nicht wie die Griechen sein, sondern die Lehren in verborgener Weise hineinstreuen und nicht ganz offen an den Tag legen wollen, um auf diese Weise die Leser, wenn sich solche finden sollten, dazu anzuhalten, daß sie die Mühe nicht scheuen, sondern sich anstrengen, um etwas zu finden. Denn weil die Fische so verschieden sind, müssen auch die Lockmittel zahlreich und mannigfach sein.
114 4. Und nachdem wir dieses siebente Buch der „Teppiche“ zum Abschluß gebracht haben wollen wir bei dem folgenden Abschnitt unsere Untersuchung von einem neuen Gesichtspunkt aus beginnen.