§ 28
1. Oder ist es denn nicht richtig und wahr, daß wir den, der durch nichts begrenzt werden kann, nicht auf irgendeinen Raum beschränken, und das, was alles in sich schließt, nicht in Tempel einschließen, die „von Menschenhänden gemacht“ sind?
2. Denn welches Werk von Baumeistern und Steinmetzen und von Handwerksarbeit könnte denn auch heilig sein? Ist es nicht besser als eine solche Gottesverehrung, wenn man die Luft und den sie umschließenden Himmel oder vielmehr die ganze Welt und das All für würdig der Erhabenheit Gottes erachtet?
3. Denn es wäre doch wirklich, wie die Philosophen selbst zugeben, lächerlich, wenn ein Mensch, der ein „Spielzeug Gottes“ ist, Gott machen wollte und Gott so als ein Scherzstück der Kunst entstünde. Denn alles, was entsteht, ist das nämliche oder doch ähnlich wie das, woraus es entsteht, wie z. B. das aus Elfenbein Hergestellte elfenbeinern und das aus Gold Hergestellte golden ist.
4. Und die von 34 menschlichen Handwerkern verfertigten Götterbilder und Tempel werden aus leblosem Stoff gemacht, so daß auch sie selbst leblos und stofflich und unheilig sind. Und wenn du auch die Kunst zur Vollendung führst, so bleibt an ihnen doch immer noch etwas Handwerksmäßiges haften. Also sind die Werke der Kunst nicht mehr heilig und göttlich.
5. Was könnte auch irgendwo festgesetzt werden, wenn es nichts gibt, was nicht bereits festgesetzt ist, da sich ja alles im Raume befindet? Ferner wird doch alles, was festgesetzt wird, von irgend jemand festgesetzt, während es vorher nicht festgesetzt war.
6. Wenn also Gott von Menschen eingesetzt wird, so hatte er zuvor keine feste Stätte und war überhaupt nicht vorhanden.
7. Denn das Nichtseiende, das ist es wohl, was nicht festgesetzt ist; denn alles Nichtseiende muß erst festgesetzt werden. Das Seiende kann aber wohl nicht von dem Nichtseienden festgesetzt werden, aber auch nicht von einem anderen Seienden; denn es ist schon für sich selbst etwas Seiendes.
§ 29
1. Es bleibt also nur noch übrig, daß es von sich selbst festgesetzt wird. Und wie könnte etwas sich selbst erzeugen? Oder wie könnte das Seiende selbst sich in das Sein einsetzen? War es etwa früher nicht eingesetzt und hat dann erst sich selbst eingesetzt? Aber dann wäre es nicht einmal gewesen, da nur das Nichtseiende nicht eingesetzt ist. Und wie könnte das, von dem man meint, es sei erst eingesetzt worden, sich erst später zu dem machen, was es durch sein Dasein schon vorher war?
2. Wie könnte aber das etwas bedürfen, dem alles Seiende zu eigen gehört? Wenn aber die Gottheit auch noch Menschengestalt hat, dann wird sie auch die gleichen Bedürfnisse wie der Mensch haben, Nahrung und Kleidung und Wohnung und alles, was dazu gehört. Denn diejenigen, die die gleiche Gestalt und die gleichen Empfindungen haben, werden auch die gleiche Lebensweise nötig haben.
3. Wenn aber der Begriff „das Heilige“ in zweierlei Bedeutung gebraucht wird, von Gott selbst und von dem zu seiner Ehre errichteten Bauwerk, wie sollten wir da nicht im vollen Sinn die Kirche, die zur Ehre Gottes auf Grund voller Erkenntnis heilig geworden ist, ein Heiligtum 35 Gottes nennen, das viel wert ist und nicht durch Handwerkskunst erbaut, aber auch nicht von der Hand eines Gauklers ausgeschmückt, sondern durch den Willen Gottes selbst zu einem Tempel gemacht ist?
4. Denn ich nenne hier nicht den Raum, sondern die Gemeinschaft der Auserwählten „Kirche“. Dieser Tempel ist besser dazu geeignet, die Erhabenheit der Würde Gottes in sich aufzunehmen. Denn das Wesen, das viel wert ist, das ist dem, der alles wert ist, dem gegenüber vielmehr alles wertlos ist, wegen seiner überragenden Heiligkeit geweiht.
5. Dieses Wesen dürfte aber wohl der Gnostiker sein, der viel wert und Gott teuer ist, in dem Gott seinen Wohnsitz findet, das bedeutet, in dem die Kenntnis von Gott ihre heilige Stätte hat.
6. Hier können wir auch das Abbild finden, das göttliche und heilige Ebenbild, in der Seele des Gerechten, wenn sie selbst selig ist, weil sie zuvor gereinigt wurde und selige Werke vollführt.
7. Hier ist beides vorhanden, das, was bereits eingesetzt ist, und das, was eben noch eingesetzt wird; das eine ist bei denen, die schon Gnostiker sind, das andere bei denen, die imstande sind, es zu werden, wenn sie auch noch nicht würdig sind, die Erkenntnis Gottes in sich aufzunehmen.
8. Denn alles, was im Begriff ist, zu glauben, ist in Gottes Augen bereits gläubig und ein zu seiner Ehre gegründetes, Gott geweihtes Tugendschmuckwerk.