§ 89
1. Nun wäre es die nächste Aufgabe, uns gegen die Vorwürfe zu verteidigen, die von Griechen und Juden gegen uns erhoben werden. Da aber bei einigen dieser Fragen wie bei den früher behandelten auch die innerhalb der wahren Lehre entstandenen Irrlehren mitbeteiligt sind, so ist es wohl zweckmäßig, zuerst die Hindernisse aus dem Weg zu räumen und dann, wohlvorbereitet für die Lösung jener Fragen, zum nächsten Buch der „Teppiche“ weiterzugehen.
2. Das erste nun, was sie gegen uns vorbringen, ist eben die Behauptung, man dürfe wegen der Verschiedenheit der christlichen Richtungen nicht glauben; denn bei wem sei denn auch die Wahrheit, wenn die einen diese, die anderen jene Lehrsätze aufstellen ?
3. Ihnen erwidern wir: Auch bei euch Juden und bei den Hervorragendsten der griechischen Philosophen sind gar viele Richtungen entstanden, und ihr behauptet doch wohl nicht, daß man Bedenken tragen müsse, Philosophie zu treiben und jüdische Anschauungen zu pflegen, weil die Lehren der bei euch vorhandenen Richtungen im Widerspruch zueinander stehen.
4. Sodann war von dem Herrn prophetisch verkündet worden, daß der Same der Irrlehren in die Wahrheit werde eingestreut werden wie der des Unkrauts unter den Weizen, und es ist unmöglich, daß die Weissagung nicht würde erfüllt werden. Und die Ursache davon ist, daß allem Trefflichen Mißdeutung auf dem Fuße folgt.
§ 90
1. Sollten wir vielleicht, wenn jemand eingegangene Verpflichtungen vernachlässigt oder das uns gegebene Versprechen nicht hält, wegen dessen, der das gegebene Wort gebrochen hat, etwa auch unsererseits der Wahrheit 94 untreu werden?
2. Gewiß nicht ! Der rechtschaffene Mann muß sich vor der Lüge hüten und darf kein Versprechen, das er gegeben hat, brechen, wenn auch manche andere ihren Verpflichtungen untreu werden; und ebenso dürfen auch wir in keiner Weise die kirchliche Richtschnur übertreten; und zwar wahren wir vor allem hinsichtlich der wichtigsten Fragen das Bekenntnis, jene aber halten sich nicht daran. Man muß also denen vertrauen, die fest bei der Wahrheit bleiben.
3. Ferner können wir, um uns in dieser Hinsicht ausführlicher zu verteidigen, gegen sie auch vorbringen, daß auch die Ärzte, obwohl sie entsprechend den Schulrichtungen, denen sie angehören, entgegengesetzte Anschauungen haben, doch tatsächlich in gleicher Weise Kranke heilen.
4. Sollte also einer, dessen Körper krank ist und ärztliche Hilfe braucht, wegen der verschiedenen Richtungen in der Heilkunde keinen Arzt zu sich kommen lassen? Ebensowenig aber darf einer, dessen Seele krank und voll von Trugbildern ist, die verschiedenen Richtungen als Ablehnungsgrund vorschützen, wenn es sich für ihn darum handelt, gesund zu werden und sich zu Gott zu bekehren.
5. Tatsächlich sagt der Apostel: „Die Richtungen sind da wegen der Bewährten.“ „Bewährt“ nennt er entweder diejenigen, die zum Glauben kommen, die sich der Lehre des Herrn mit der Fähigkeit, richtig auszuwählen, nahen und wie die bewährten Geldwechsler die echte Münze des Herrn von der Fälschung unterscheiden können, oder diejenigen, die im Glauben selbst stehen und bereits durch ihr Leben und durch ihre Erkenntnis bewährt geworden sind.
§ 91
1. Deshalb gerade haben wir also mehr Sorgfalt und Aufmerksamkeit nötig, um festzustellen, wie wir vollkommen richtig leben müssen und was die wahre Frömmigkeit ist.
2. Denn es ist klar, daß die Streitfragen daraus entstanden sind, daß die Wahrheit schwer festzustellen und nur mit Mühe zu erlangen ist. Aus diesen Streitigkeiten sind aber die selbstgefälligen und ehrgeizigen Irrlehren entstanden, deren Urheber Erkenntnis nicht wirklich erlernt oder übernommen haben, sondern nur von der 95 Einbildung, die sie besitzen, erfüllt sind.
3. Man muß also mehr Sorgfalt auf die Erforschung der wirklichen Wahrheit verwenden, die allein es mit dem wahrhaft seienden Gott zu tun hat. Auf die Mühe folgt aber das süße Finden und die angenehme Erinnerung daran. Die Irrlehren sollten uns also veranlassen, uns eifrig an die Mühe des Findens heranzumachen, statt es ganz aufzugeben.
4. Denn wenn zweierlei Obst vor uns liegt, von dem das eine wirkliches, reifes Obst, das andere eine möglichst naturgetreue Nachbildung aus Wachs ist, so müssen wir doch nicht, weil sie einander ähnlich sind, auf beide verzichten; wir müssen vielmehr das wirkliche Obst von dem, das nur so aussieht, durch verständige Betrachtung und wirksames Nachdenken unterscheiden.
5. Ein anderes Beispiel ist folgendes: Wenn es nur einen einzigen richtigen Weg, nämlich den königlichen Weg gibt, dagegen viele andere Wege, die teils in einen Abgrund, teils in einen reißenden Fluß oder in das gleich am Ufer tiefe Meer führen, so wird doch wohl niemand wegen der Verschiedenheit der Wege ganz aufs Gehen verzichten; vielmehr wird er die ungefährliche, königliche, dem allgemeinen Verkehr dienende Straße benützen. Ebenso darf man nicht ganz auf die Wahrheit verzichten, weil die einen dieses, die anderen jenes über sie sagen, sondern man muß um so eifriger die zuverlässige Kenntnis von ihr zu erjagen suchen.
6. Denn auch unter den Gemüsepflanzen, die in den Gärten gezogen werden, wächst das Gras mit auf. Sollten deswegen die Gärtner auf den Gartenbau ganz verzichten?
7. Da wir also von Natur mancherlei Möglichkeiten haben, das, was man sagt, zu prüfen, so ist es unsere Pflicht, ausfindig zu machen, was die folgerichtige Wahrheit ist.
8. Deshalb werden wir auch mit Recht verurteilt, wenn wir dem unsere Zustimmung versagen, was wir glauben sollten, weil wir das Widerspruchsvolle und Unziemliche und Unnatürliche und Unwahre nicht von dem Wahren und Folgerichtigen und Geziemenden und Naturgemäßen unterscheiden, während wir doch diese Unterscheidungsmerkmale zur vollen Erkenntnis der wirklichen Wahrheit benützen sollten.
§ 92
1. Jener von den Griechen vorgebrachte Vorwand ist also hinfällig. Denn wer will, wird die Wahrheit auch 96 finden können; wer aber unvernünftige Gründe dagegen vorschützt, der hat keine Entschuldigung, wenn er verurteilt wird.
2. Denn stellen sie in Abrede oder geben sie zu, daß es einen Beweis gibt? Ich meine, alle werden dies zugeben mit Ausnahme derer, die die sinnliche Wahrnehmung leugnen.
3. Wenn es aber einen Beweis gibt, muß man sich auch zu den Untersuchungen bereit finden lassen und durch die Heilige Schrift beweiskräftig lernen, wie die Irrlehren auf falsche Wege geraten sind und wie andererseits allein in der wahren und alten Kirche die zuverlässigste Erkenntnis und die wahrhaft beste Richtung zu finden ist.
4. Diejenigen aber, die von der Wahrheit abirren, suchen teils nur sich selbst, teils auch die Nächsten zu täuschen.
5. Die einen also, die sogenannten eingebildeten Weisen, glauben, die Wahrheit gefunden zu haben, ohne irgendeinen wahren Beweis zu besitzen, und täuschen so sich selbst, indem sie zur Ruhe gekommen zu sein glauben. Ihre Zahl ist nicht gering; es sind das Leute, die der Untersuchung ausweichen, weil sie fürchten, widerlegt zu werden, und auch vor der Belehrung fliehen, weil sie durch sie verurteilt würden.
6. Die anderen aber, die alle täuschen, die sich an sie wenden, sind ganz schlechte Leute, die, obwohl sie sich dessen bewußt sind, daß sie nichts verstehen, doch mit Wahrscheinlichkeitsschlüssen die Wahrheit verdunkeln. Es ist aber, meine ich, ein großer Wesensunterschied zwischen den Wahrscheinlichkeitsschlüssen und den wirklichen Beweisen.
7. Wir wissen auch, daß die Bezeichnung „Irrlehren“ zur Unterscheidung von der Wahrheit gebraucht werden muß; denn die Sophisten rauben, um die Menschen in die Irre zu führen, Bruchstücke von der Wahrheit und vergraben sie in die künstlichen menschlichen Gedankengebilde, die sie selbst erfunden haben, und rühmen sich dann, Vorsteher zu sein, freilich mehr einer Schulrichtung als einer Kirche.