§ 13
1. „Vom anderen will ich schweigen“ und preise den Herrn. Nur das eine will ich noch sagen: Jene gnostischen Seelen gelangen durch die Herrlichkeit ihres Schauens über das Bürgertum in allen den heiligen Ordnungen hinaus, nach denen die seligen Wohnungen der Götter bestimmt und durch das Los festgesetzt sind; sie werden als heilig unter die Heiligen gezählt und ganz und gar aus dem ganzen bisherigen Bereich in einen anderen versetzt; sie gelangen in bessere und immer bessere Räume, bis sie die Freude haben, Gott nicht mehr in Spiegeln oder vermittelst von Spiegeln zu schauen, sondern den Anblick genießen, der, soweit es möglich ist, ganz der Wirklichkeit entspricht und völlig deutlich ist und dessen die von übergroßer Liebe erfüllten Seelen nie überdrüssig werden können; sie werden sich bis in unendliche Zeiten ohne Aufhören ewiger Wonne erfreuen und alle durch die vollkommene Gleichheit der überragenden Stellung geehrt bleiben. Dies ist das die Wirklichkeit so, wie sie ist, 20 erfassende Schauen, derer, die „reinen Herzens“ sind.
2. Dies ist also die Lebensaufgabe des vollkommenen Gnostikers, durch den großen Hohenpriester Gemeinschaft mit Gott zu pflegen und nach Möglichkeit dem Herrn durch eine vollkommene Gott erwiesene Dienstleistung ähnlich zu werden, die die Rettung der Menschen zum Ziel hat, sowohl dadurch, daß er Vorsorge für die uns bestimmte Wohltat trifft, als auch dadurch, daß er uns dient, uns unterrichtet und uns durch Werke Wohltaten erweist.
3. Indem der Gnostiker sich auf diese Weise bemüht, Gott ähnlich zu werden, wird er gleichsam sein eigener Schöpfer und Bildner und gibt auch denen, die auf ihn hören, die rechte Gestalt; und, soweit es möglich ist, macht er dem, der von Natur die Freiheit von Leidenschaften besitzt, das Wesen ähnlich, das durch Selbstbeherrschung allmählich an Leidenschaftslosigkeit gewöhnt wurde, und das tut er, indem er „unverrückbar“ in Gemeinschaft mit dem Herrn lebt und mit ihm verbunden ist.
4. Der Maßstab für diese gnostische Annäherung an Gott sind, wie ich meine, Sanftmut und Güte und erhabene Frömmigkeit.
§ 14
1. Diese Tugenden sind, das behaupte ich, ein Gott „wohlgefälliges Opfer“, da die Schrift ein demütiges Herz, das auch das richtige Wissen besitzt, ein „vollkommenes Opfer für Gott“ nennt und jeder Mensch, der zur Heiligkeit erhoben wurde, zu einer untrennbaren Einheit (mit Gott) verklärt wird.
2. Denn das Evangelium und die Apostel verlangen, daß wir uns selbst gefangennehmen und uns selbst töten, indem wir „den alten Menschen, der sich durch die bösen Lüste zugrunde richtet“, töten und „den neuen Menschen“ aus dem Tode des alten verkehrten Wandels auferwecken, indem wir die Leidenschaften von uns ablegen und sündlos werden.
3. Das ist es also, was auch das Gesetz lehren wollte, wenn es 21 befahl, daß der Sünder getötet werde, nämlich daß er vom Tode ins Leben, das heißt in die aus dem Glauben erwachsende Freiheit von Leidenschaften, versetzt werden solle.
4. Aber die Erklärer des Gesetzes haben dies nicht verstanden, sondern hielten das Gesetz für streitsüchtig und gaben so denen, die es grundlos verdächtigen wollen, einen Anlaß dazu.
5. Aus diesem Grunde bringen wir mit Recht Gott keine Opfer dar, weil er bedürfnislos ist und allen alles geschenkt hat; wir preisen aber den für uns Geopferten und opfern uns selbst zu immer größerer Bedürfnislosigkeit und zu immer völligerer Freiheit von Leidenschaften.
6. Denn Gott freut sich nur über unser Heil, Mit Recht unterlassen wir es also, dem Opfer darzubringen, der nicht durch Genüsse gewonnen werden kann, da ja der aufsteigende Opferrauch diejenigen, die er überhaupt erreicht, irgendwo unten und nicht einmal in der Höhe der dichtesten Wolken, ja noch weit von ihnen entfernt, erreicht.
§ 15
1. Die Gottheit hat also an nichts Mangel und ist nicht genußsüchtig oder gewinnsüchtig oder geldgierig, da sie selbst an allem reich ist und jedem Mangel leidenden Geschöpf alles darbietet; die Gottheit wird auch nicht durch Opfer und Weihegaben und Lobpreis und Ehrerweisung günstig gestimmt oder durch Dinge dieser Art gewonnen, sondern zeigt sich den wackeren Männern ähnlich, die das Recht nie verraten würden, sei es wegen eines ihnen angedrohten Schrecknisses, sei es wegen der Verheißung von großen Geschenken.
2. Aber alle, die nicht beachtet haben, daß die Seele des Menschen hinsichtlich der Wahl der Lebensführung völlige Freiheit hat und keinem Zwang unterworfen ist, ärgern sich über das, was von dem zuchtlosen Frevelsinn getan wird, und glauben deshalb nicht an das Dasein Gottes.
3. Die gleiche Anschauung wie sie haben auch jene, die infolge ihres Mangels an Selbstbeherrschung gegenüber den Lüsten in außerordentliche Widerwärtigkeiten und unerwünschte Schicksalsschläge geraten, und in ihrem Unglück verzagen und dann sagen, es gebe entweder überhaupt keinen Gott 22 oder wenn es einen gebe, so beaufsichtige er nicht alles.
4. Wieder andere sind diejenigen, die überzeugt sind, daß die Götter des Volksglaubens mit Opfern und Geschenken gewonnen werden und so ihnen bei ihrem zuchtlosen Leben gewissermaßen behilflich sein könnten; sie wollen daher auch nicht glauben, daß der wahre Gott nur der eine ist, der in seiner gerechten Güte immer unverändert der gleiche ist.
§ 16
1. Fromm ist also der Gnostiker, der zuerst für sich selbst sorgt, dann aber auch für seine Nächsten, damit wir die höchste Stufe sittlicher Vollkommenheit erreichen. Denn auch der Sohn macht einem guten Vater eine Freude damit, wenn er sich als tüchtig und als dem Vater ähnlich erweist, und ebenso ist es bei einem Untergebenen seinem Gebieter gegenüber.
2. Denn zu glauben und zu gehorchen steht in unserer Macht. Als die Ursache des Bösen kann man aber die Schwachheit der menschlichen Natur und die unbedachten Triebe der Unwissenheit und die sinnlosen, aus unserem Unverstand erwachsenden, zwingenden Gewalten ansehen.
3. Über all dies gewinnt der Gnostiker durch sein Lernen wie über wilde Tiere die Oberhand und tut nach Kräften den Menschen, die willig sind, Gutes und ahmt so den Willen Gottes nach.
4. Und wenn er einmal in ein obrigkeitliches Amt eingesetzt wird, so wird er wie Moses zum Wohle seiner Untergebenen regieren und wird das Wilde und Trotzige veredeln, indem er die Besten mit Ehren auszeichnet, die Schlechten aber bestraft, da ja die Strafe mit Recht zu den Erziehungsmitteln gerechnet wird.
5. Denn mehr als alles andere ist die Seele eines Gerechten „Ein Abbild Gottes, das Gott wirklich ähnlich ist“. Denn in einer solchen Seele nimmt infolge des Gehorsams gegen die Gebote Sitz und Wohnung der Herrscher über alle Sterblichen und Unsterblichen, der König und 23 Schöpfer alles Guten, der in Wahrheit Gesetz und Satzung und ewiges Wort ist, der einzige Heiland für jeden einzelnen für sich und für alle zusammen.
6. Er ist der wahrhaft Eingeborene, das Gepräge der Herrlichkeit des alles beherrschenden Königs und allmächtigen Vaters, und er prägt selbst nach seinem eigenen Bild dem Gnostiker die vollkommene Erscheinung wie mit einem Siegel ein, so daß von Gott jetzt bereits an dritter Stelle ein Abbild vorhanden ist, das so viel wie möglich der zweiten Ursache ähnlich wird, nämlich dem wahrhaftigen Leben, dem wir es zu verdanken haben, wenn wir ein wahres Leben leben, indem wir gleichsam den Gnostiker nachbilden, der ein Vorbild für uns geworden ist, da er nur bei dem Beständigen und durchaus Unveränderlichen verweilt.
§ 17
1. Er beherrscht also sich selbst und alles, was zu ihm gehört; er besitzt ein sicheres Verständnis der göttlichen Wissenschaft und nähert sich im eigentlichen Sinn des Wortes der Wahrheit.
2. Denn die Erkenntnis und das sichere Verständnis der geistigen Dinge wird wohl mit Recht Wissenschaft genannt werden. Deren Aufgabe hinsichtlich der göttlichen Dinge besteht zunächst darin, zu erforschen, was die erste Ursache ist, sodann was das ist, „wodurch alles wurde und ohne das nichts wurde“, ferner was die Kräfte sind, die teils durchdringen, teils umfassen und teils vereinigt, teils getrennt sind, und welche Rangordnung jede einzelne von ihnen einnimmt und welche Fähigkeit und welche Dienstleistung jede einzelne mit sich bringt.
3. Andererseits ist es hinsichtlich der menschlichen Dinge die Aufgabe der Wissenschaft, zu erforschen, was der Mensch selbst ist und was für ihn naturgemäß und was naturwidrig ist, und ferner, wie zu handeln und zu ertragen es sich für ihn ziemt, und was seine Tugenden und Laster sind. sodann Untersuchungen anzustellen über die 24 Güter und die Übel und die Dinge, die zwischen beiden in der Mitte stehen, und über all das, was sich auf die Tapferkeit und die Klugheit und die Besonnenheit und auf die über allen Tugenden stehende vollkommene Tugend, nämlich auf die Gerechtigkeit, bezieht.
4. Die Klugheit aber und die Gerechtigkeit verwendet er zum Erwerb der Weisheit, die Tapferkeit aber nicht nur dazu, daß er die Schicksalsschläge erträgt, sondern auch dazu, daß er über Lust und Begierde, Schmerz und Zorn Herr wird, und überhaupt dazu, daß er allem widerstehen kann, was uns, sei es mit Gewalt, sei es mit List, beeinflussen will.
5. Denn wir müssen die Laster und das Böse nicht ertragen, sondern von uns stoßen und die Schrecknisse ertragen. Jedenfalls erweist sich auch der Schmerz als nützlich in der Heilkunde und in der Erziehung und beim Bestrafen, und durch dieses letztere werden die Sitten zum Nutzen der Menschen gebessert.
§ 18
1. Formen der Tapferkeit sind aber die Standhaftigkeit, die Kühnheit, die Seelengröße, der Edelsinn und ein hochgemutes Wesen. Sie ist die Ursache davon, daß sich der Gnostiker weder um Tadel noch um üblen Leumund bei der großen Masse kümmert und daß er weder von dem guten Ruf noch von Schmeicheleien abhängig ist. Wenn es sich aber darum handelt, Mühen zu ertragen und dabei zugleich irgendwelche Pflichten zu erfüllen und tapfer über alles widrige Geschick erhaben zu sein, dann zeigt er sich unter den übrigen Menschen tatsächlich als ein Mann.
2. Und indem er wieder Klugheit bewährt, zeigt er seine Selbstbeherrschung durch Gemütsruhe und ist bereit, das verheißene Gute als das ihm zu eigen Gehörende anzunehmen, entsprechend seiner Abkehr von allem Häßlichen als von etwas ihm Fremdem; er lebt in dieser Welt und ist doch über diese Welt erhaben; er tut alles in Ordnung und in der richtigen Reihenfolge und handelt nie in irgend etwas verkehrt. Sein Reichtum besteht soweit 25 es irgend möglich ist, darin, daß er nichts begehrt, da er nur geringe Bedürfnisse hat und wegen seiner Kenntnis des Guten alles Gute im Überfluß besitzt.
3. Was ferner seine Gerechtigkeit betrifft, so tut sie sich in erster Linie darin kund, daß er gern mit seinen Artverwandten verkehrt und mit ihnen zusammen ist, sowohl auf der Erde als auch im Himmel.
§ 19
1. Deshalb ist er auch bereit, von dem, was er besitzt freigebig auszuteilen, und ist voll Liebe gegen seine Mitmenschen; dagegen ist er voll leidenschaftlichen Hasses gegen das Böse, entsprechend seiner völligen Abkehr von jeglicher Übeltat.
2. Man muß also lernen, sowohl sich selbst als auch seinen Nächsten treu und den Geboten gehorsam zu sein. Denn wer sich von den Geboten willig leiten läßt, der ist „der Diener Gottes“. Wer aber bereits nicht mehr wegen der Gebote, sondern wegen der Erkenntnis selbst „reinen Herzens“ ist der ist „ein Freund Gottes“.
3. Denn wir werden weder mit der Tugend geboren, so daß wir sie von Natur aus hätten, noch stellt sie sich später nach unserer Geburt auf natürlichem Wege bei uns ein, wie das sonst bei manchem der Fall ist, was zu unserem Körper gehört (denn sonst wäre sie weder mehr freiwillig noch lobenswert); auch kommt die Tugend nicht infolge der Ereignisse und der sich einstellenden Gewöhnung zur Vollendung, in der Weise wie die Sprache (denn es ist wohl eher das Laster, das sich auf diesem Wege einstellt).
4. Ebensowenig gewinnt man die Erkenntnis auf Grund irgendeiner Fertigkeit, mag sie sich auf das Erwerben oder auf die Körperpflege beziehen, aber auch nicht aus der Beschäftigung mit den enzyklopädischen Wissenschaften; denn man muß schon zufrieden sein, wenn diese die Seele nur vorbereiten und den Sinn schärfen können. Was ferner die Staatsgesetze betrifft, so sind sie vielleicht imstande, schlechte Taten zu verhindern.
§ 20
1. Aber weder sie noch die überzeugenden Worte können, da sie an der Oberfläche haften, einen auf Wissen 26 begründeten, dauernden Besitz der Wahrheit verschaffen.
2. Aber die griechische Philosophie reinigt gewissermaßen die Seele im voraus und gewöhnt sie im voraus an die Aufnahme des Glaubens; auf diesem Grund erbaut dann die Wahrheit die Erkenntnis.
3. Er (der Gnostiker) ist, ja er ist der wahre Wettkämpfer, der auf dem großen Kampfplatz, nämlich in der schönen Welt, wegen des wahren Sieges über alle Leidenschaften mit dem Siegeskranz gekrönt wird.
4. Denn der, welcher den Kampf veranstaltet, ist der allmächtige Gott, der Kampfrichter aber ist der eingeborene Sohn Gottes, und Zuschauer sind Engel und Götter, und der mit allen Waffen zu führende Allkampf geht „nicht gegen Fleisch und Blut“, sondern gegen die durch das Fleisch wirkenden „geistigen Mächte“ ungestümer Leidenschaften.
5. Wenn er aus diesem gewaltigen Ringen als Sieger hervorgegangen ist und Kämpfe, die der Versucher gleichsam über ihn verhängt hat, glücklich überstanden hat, dann hat er die Unsterblichkeit erlangt. Denn die Entscheidung Gottes ist unfehlbar in seinem überaus gerechten Gericht.
6. Die Zuschauer sind also eingeladen, den Kampf zu betrachten, die Wettkämpfer sind auf dem Kampfplatz zum Ringen angetreten; von ihnen gewinnt aber der den Preis, der den Weisungen des Lehrmeisters gehorsam war.
7. Denn allen sind von Gott alle Möglichkeiten in gleicher Weise gegeben, und ihm selbst kann man keine Vorwürfe machen; denn jeder, der kann, wird die Entscheidung herbeiführen, und jeder, der will, wird den Sieg gewinnen, Zu diesem Zweck haben wir auch den Verstand erhalten, damit wir wissen, was wir tun, und hier gilt der Satz „Erkenne dich selbst!“ Wir sollen nämlich wissen, wozu wir geschaffen sind.
8. Wir sind aber dazu geschaffen, daß wir den Geboten gehorsam sind, wenn wir uns für den Wunsch entscheiden, gerettet zu werden. Das ist 27 wohl die Adrasteia (die unentrinnbare Notwendigkeit) deren Bedeutung ist, daß es unmöglich ist, Gott zu entrinnen.
§ 21
1. Aufgabe der Menschen ist also der Gehorsam gegen Gott, der durch die Bekanntgabe der Gebote eine vielfältige Rettung verkündet hat; und Gottes Wohlgefallen ist die Zustimmung (des Menschen zu den Geboten).
2. Denn der Wohltäter macht den Anfang mit seiner Wohltat; wer aber mit den gebührenden Erwägungen die Wohltat willig annimmt und die Gebote beachtet, der ist „treu“, und wer sogar nach Kräften die Wohltat durch Liebe vergilt, der ist bereits „Freund“.
3. Und die einzige wirklich wertvolle Gegengabe von seiten des Menschen ist, daß er das tut, was Gott wohlgefällt
4. Und der Meister und Heiland nimmt als eine ihm selbst erwiesene Freundlichkeit und Ehrung all das auf, was zur Förderung und Besserung der Menschen geschieht, da der Mensch gleichsam sein eigenes Erzeugnis und ein ihm in gewisser Hinsicht verwandtes Geschöpf ist; dagegen betrachtet er die Schädigungen, die seinen Gläubigen angetan werden, als ihm selbst geltende Zeichen von Undank und Mißachtung. Denn welche andere Art von Mißachtung könnte Gott treffen?
5. Deshalb ist es auch nicht möglich, für ein so großes Geschenk eine andere, der Gabe des Heils gleichwertige Gegengabe darzubringen, die im richtigen Verhältnis zu der uns von dem Herrn gewährten Hilfe stünde.
6. Wie aber diejenigen, die die Habe jemands beschädigen, an dem Eigentümer freveln, und wie diejenigen, die den Soldaten Schaden zufügen, damit zugleich deren Anführer kränken, so ist es auch eine Mißachtung des Herrn, wenn man denen, die ihm geweiht sind, ein Leid antut.
7. Denn ebenso, wie die Sonne nicht nur den Himmel und die ganze Welt erhellt und ihre Strahlen über Land und Meer ergießt, sondern ihr Licht auch durch Fenster und kleine Öffnungen bis in die innersten Räume des Hauses dringen läßt, so ist auch das göttliche Wort überallhin ausgebreitet und erblickt auch die Einzelheiten in unserem Leben.