§ 22
28 1. Aber die Griechen nehmen an, daß die Götter menschliche Gestalt und ebenso auch menschliche Leidenschaften haben; und wie jedes Volk seine Götter in der Gestalt abbildet, die es selbst hat, und daher „die Athiopen“, wie Xenophanes sagt, „ihre Götter schwarz und stumpfnasig, die Thraker die ihren blond und blauäugig“ malen, so stellen alle Menschen die Götter so dar, daß sie auch ihrem Wesen nach ihnen selbst ähnlich sind; zum Beispiel lassen die Barbaren ihre Götter roh wie Tiere und von wilder Gemütsart sein, die Griechen dagegen die ihren sanfter, aber freilich den Leidenschaften unterworfen.
2. Es ist daher begreiflich, daß die Vorstellungen, die die Schlechten von Gott haben, auch schlecht sein müssen, die der Guten aber vortrefflich. Und deshalb ist jener Mann, der in der Tat eine „königliche Seele“ hat und Gnostiker ist, auch gottesfürchtig und frei von Aberglauben, weil er überzeugt ist, daß der eine Gott allein Ehre verdient, heilig, erhaben, wohltätig, freigebig, Urheber alles Guten und schuldlos an allem Bösen ist.
3. Und über den Aberglauben der Griechen haben wir, meine ich, ausführlich genug in unserer Schrift, die den Titel „Mahnrede“ trägt, gesprochen und dabei die nötigen Untersuchungen in ausreichendem Maße vorgeführt.
§ 23
1. Es ist also nicht nötig, „noch einmal zu erzählen, was deutlich genug schon gesagt ist“. Insofern es aber an dieser Stelle gilt, einiges Wenige aus einer Fülle von Stoff anzumerken, so genügt auch folgendes zum Beweis, nämlich um die als gottlos zu erweisen, die die Gottheit den schlechtesten Menschen gleichmachen.
2. Denn entweder geschieht nach ihrer Erzählung den Göttern von den Menschen etwas zuleide, das würde aber beweisen, daß die Götter den Menschen unterlegen sind, wenn ihnen von uns etwas zuleide geschieht, oder, wenn dies nicht der Fall ist, warum lassen sie sich wie ein jähzorniges, zur Wut gereiztes altes Weib über etwas, 29 wodurch ihnen nichts zuleide geschieht, erbittern, wie von Artemis erzählt wird, daß sie wegen des Oineus auf die Ätoler zornig geworden sei.
3. Denn warum kam es ihr, die doch eine Göttin war, nicht zum Bewußtsein, daß Oineus nicht aus Verachtung gegen sie etwas versäumte, sondern entweder weil er es vergaß oder weil er der Meinung war, daß er schon geopfert habe.
4. Richtig sagt aber auch Auge, um sich gegen Athene zu verteidigen, als diese ihr zürnte, weil sie im Tempel ein Kind geboren hatte:
5. „Die Waffenbeute des erschlagnen Feinds Zu sehen freut dich und der Toten Trümmerfeld. Und dies ist dir kein Greuel; schrecklich aber ist, So meinst du, daß ein Kindlein ich gebar.“
6. Und doch begehen auch die anderen Lebewesen keinen Frevel, wenn sie in den Tempeln Junge zur Welt bringen.
§ 24
1. Da es also die abergläubischen Menschen mit so jähzornigen Wesen zu tun haben, halten sie begreiflicherweise alles, was sich zufällig ereignet, für Vorzeichen und für die Ursache von Unglück.
2. „Wenn den Altar, erbaut aus Lehm, durchwühlt die Maus Und, weil zu fressen sie nichts fand, den Sack zernagt, Und wenn ein Hahn, den man sich mästet, abends kräht, So sehn sie dies sofort als Vorbedeutung an.“
3. Einen solchen Menschen verspottet Menandros in dem Lustspiel „Deisidaimon“ („Der Abergläubische“): „Ein Glück sei mir beschieden, Götter hochgeehrt Denn als die Schuh’ ich anzog, riß der Riemen ab Am rechten Schuh. - Das ist begreiflich, dummer Kerl; Er war ja alt; du aber warst zu knauserig, Um neue Schuhe dir zu kaufen.“
4. Witzig ist die Äußerung des Antiphon. Als jemand ein Vorzeichen darin erblickte, daß eine Sau ihre Jungen aufgefressen hatte, und Antiphon sah, daß sie vor Hunger 30 abgemagert war, weil ihr Besitzer ihr aus Geiz nichts zu fressen gab, sagte er: „Freue dich über das Wunder, daß die Sau bei ihrem großen Hunger nicht deine Kinder aufgefressen hat!“
5. „Was soll denn daran merkwürdig sein“, sagt Bion, „wenn die Maus den Sack zernagt hat, weil sie nichts zu fressen fand? Denn das wäre merkwürdig, wenn, wie Arkesilaos scherzend einwarf, der Sack die Maus aufgefressen hätte.“
§ 25
1. Trefflich sagte auch Diogenes zu dem, der sich darüber wunderte, daß er die Schlange um die Mörserkeule herumgewunden fand: „Wundere dich nicht! Denn es wäre viel merkwürdiger, wenn du die Mörserkeule um die gerade aufgerichtete Schlange herumgewunden gesehen hättest!“
2. Denn auch die unvernünftigen Tiere müssen laufen und fressen, und kämpfen und Junge zur Welt bringen und sterben; und da all dies für sie etwas Natürliches ist, kann es doch nicht für uns etwas Naturwidriges werden.
3. „Zahlreich zwar fliegen die Vögel umher in den Strahlen der Sonne Hierhin und dorthin.“
4. Der Lustspieldichter Philemon macht sich aber auch über dergleichen lustig: „Wenn ich es seh’, daß jemand darauf Obacht gibt, Wer niest, wer redet, und drauf schaut, wer aus dem Haus Herauskommt, den verkauf’ sofort ich auf dem Markt. Für sich allein nur geht und spricht und niest von uns Ein jeder und nicht für die Leute in der Stadt. Die Dinge gehen so, wie’s der Natur entspricht.“
31 5. Sodann beten die Menschen in nüchternem Zustand um Gesundheit; bei den Festen aber überladen sie sich mit Speisen und trinken, bis sie berauscht sind, und ziehen sich so Krankheiten zu.
§ 26
1. Von vielen gilt aber auch der Vers: „Sie fürchten auch die Inschrift, die am Hause steht.“ Sehr witzig ist da das Wort des Diogenes. Als er am Hause eines schlechten Menschen die Inschrift fand: „Der sieggewohnte Herakles Wohnt hier im Haus. Nichts Schlechtes komme drum herein !“, sagte er: „Und wie soll dann der Herr des Hauses hereinkommen?“
2. Und diese nämlichen Leute verehren jedes Holz und jeden glänzenden Stein, wie man sagt, und fürchten sich vor roter Wolle und Salzkörnern und Fackeln und Meerzwiebeln und Schwefel und lassen sich von den Zauberern bei einer Art von unreinen Reinigungen betören. Aber Gott, der wahre Gott, kennt nichts Heiliges als die Gesinnung des Gerechten, wie andererseits nichts Fluchbeladenes als die Ungerechtigkeit und die Bosheit.
3. Jedenfalls kann man sehen, daß die Eier, die man von denen wegnimmt, die sich durch sie haben entsühnen lassen, in der Wärme ausgebrütet werden können. Das würde aber nicht geschehen, wenn die Eier die Übel derer, die sich so entsühnen lassen wollten, in sich aufnähmen.
32 4. Witzig verspottet auch der Lustspieldichter Diphilos die Zauberer mit folgenden Versen: „Jener entsühnte die Töchter des Proitos samt ihrem Vater Proitos, dem Sprößling des Abas, dazu eine Alte als fünfte, Mit einer einzigen Fackel und Zwiebel so viele Personen, Ferner mit Erdpech und Schwefel und Wasser vom rauschenden Meere Aus sanftwallender Flut des tiefen Okeanosstromes. Aber ich bitte dich, selige Luft, durch die Wolken zu senden Antikyra, daß verwandeln ich kann diese Wanze zur Drohne.“
§ 27
1. Gut sagt auch Menandros: „Wenn du ein wirklich Leiden hättest, Pheidias, Dann tät’ es not, daß du ein wirklich Mittel suchst. Doch hast du keins; drum muß das Mittel nichtig sein Beim nicht’gen Leiden; bild’ dir ein, daß es dir hilft! Entzaubern sollen dich die Weiber rings im Kreis Und ringsum schwefeln; und bespreng’ mit Wasser dich Von drei’rlei Quell, in das du Salz und Linsen warfst !“
2. „Denn rein ist jeder, der sich keiner Schuld bewußt !“
3. Von der gleichen Anschauung zeugt auch das Wort Tragödie: „Orestes, welche Krankheit zehrt an dir? - Mein Schuldgefühl; ich bin mir schlimmer Tat bewußt.“
33 4. Denn in der Tat ist die Reinheit nichts anderes als die Enthaltung von Sünden.
5. Trefflich sagt daher auch Epicharmos: „Wenn du rein dein Herz dir wahrest, ist dein ganzer Körper rein.“
6. Dementsprechend sagen wir auch, daß man die Seelen zuerst durch die wahre Lehre von den bösen und schlechten Meinungen reinigen und sich erst dann, wenn dies geschehen ist, der Einprägung der wichtigsten Hauptlehrsätze zuwenden muß. Denn so verlangt man auch von denen, die sich in Weihen aufnehmen lassen wollen, daß sie sich gewissen Reinigungen unterziehen, bevor man ihnen die Geheimlehren überliefert; das bedeutet, daß man die gottlose Meinung erst aufgegeben haben muß, bevor man sich der wahren Überlieferung zuwenden kann.