§ 52
1. Aber die gnostische Würde wird noch gesteigert und auf eine noch höhere Stufe durch den emporgeführt, 58 der die Leitung des Unterrichts der übrigen auf sich genommen hat, womit er die Verwaltung des herrlichsten Gutes auf Erden in Wort und Tat übernommen hat, weil er durch sie die enge Vereinigung und Gemeinschaft mit Gott vermittelt.
2. Und wie diejenigen, die irdische Dinge verehren, zu den Götterbildern beten, als könnten sie hören, und die Verträge, die zuverlässig sein sollen, vor ihnen abschließen, so wird in Gegenwart der beseelten Götterbilder, der Menschen, die wahre Herrlichkeit der Lehre von dem glaubwürdigen Lehrer empfangen, und die diesen erwiesene Wohltat wird auf den Herrn selbst zurückgeführt, nach dessen Vorbild der wahre Mensch durch seine Erziehung den Menschen, den er zu unterrichten hat, bildet und umgestaltet und für das Heil erneuert.
3. Denn wie die Griechen auf Grund einer sprachlichen Übertragung das Eisen Ares und den Wein Dionysos nennen, so könnte der Gnostiker, der die Rettung der Nächsten für sein eigenes Heil hält, mit Recht beseeltes Bild des Herrn genannt werden, nicht in bezug auf die Eigentümlichkeit der äußeren Gestalt, sondern wegen des Kennzeichens der (gleichen) Wirkung und wegen der Ähnlichkeit der Verkündigung.
§ 53
1. Daher bringt er alles, was er im Sinn hat, auch mit seiner Zunge zu denen, die auf Grund ihrer Übereinstimmung mit ihm würdig sind, es zu hören, da seine Worte ebenso wie sein Leben Ausdruck seiner wirklichen Überzeugung sind.
2. Denn er denkt Wahres und spricht zugleich auch wahr; es müßte denn sein, daß er einmal zum Zweck heilsamer Beeinflussung, so wie es ein Arzt den Kranken gegenüber tut mit der Absicht, den Leidenden zu helfen, lügen, oder, nach dem Ausdruck der Sophisten, etwas Unwahres sagen wird.
3. So beschnitt der edle Apostel den Timotheus, obwohl er es 59 laut aussprach und in seinen Schriften verkündete, daß die mit Händen gemachte Beschneidung nichts nütze. Wenn er aber mit einem Schlage von dem Gesetz zu der Beschneidung des Herzens, die durch den Glauben erfolgt, hätte herüberziehen wollen, so war die Gefahr vorhanden, daß er dadurch seine in ihrer Haltung noch unsicheren Zuhörer aus der Zahl der Hebräer mit Gewalt dazu veranlassen könnte, die Beziehungen zu der (christlichen) Gemeinde abzubrechen. Um dies zu vermeiden, paßte er sich den Juden an und wurde für sie „ein Jude, um alle zu gewinnen“.
4. Wer also wegen des Heils derer, um derentwillen er nachgiebig ist, sich einfach zur Nachsicht herabläßt, ohne daß er wegen der Gefahr, die den Gerechten von den Eiferern droht sich irgendwie der Heuchelei schuldig machte, der unterliegt keineswegs einem Zwang. Vielmehr wird er nur manches zum Nutzen seiner Nächsten tun, was er nie um der Sache selbst willen täte, wenn er es nicht um jener willen tun müßte.
5. Dieser gibt sich willig für die Kirche und für seine Schüler hin, die er selbst im Glauben „erzeugt hat“, als ein Vorbild für diejenigen, die fähig sind, Nachfolger in dem erhabenen Berufe des von Liebe zu den Menschen und von Liebe zu Gott erfüllten Erziehers zu werden, zu einem Beweis für die Wahrheit seiner Worte und zu einer Bekundung seiner Liebe zu dem Herrn durch die Tat.
6. Er bleibt ungeknechtet in Schrecknis, er ist wahrhaftig in seiner Rede, ausdauernd in mühevoller Arbeit; er ist entschlossen, auch in den Worten, die er offen ausspricht, nie die Unwahrheit zu sagen, und erweist auch hier durch die Tat stets seine Sündlosigkeit, da ja die Lüge selbst stets der Ausdruck einer gewissen Heimtücke und deshalb kein wirkungsloses Wort ist, sondern eine schlimme Wirkung ausübt.
§ 54
1. Demnach ist der Gnostiker allein in jeder Beziehung ein Zeuge für die Wahrheit, sowohl durch die 60 Tat als auch durch das Wort; denn er ist immer in allen Dingen durchaus untadelig, im Reden, im Handeln und selbst im Denken.
2. Dies ist, soweit es in der Kürze möglich ist, eine Schilderung der Frömmigkeit des Christen. Wenn er wirklich pflichtgetreu und in Übereinstimmung mit der richtigen Vernunft so handelt, dann handelt er fromm und gerecht. Wenn sich dies aber so verhält, dann ist in der Tat der Gnostiker allein fromm und gerecht und gottesfürchtig.
3. Der Christ ist also kein Gottesleugner (dies den Philosophen zu beweisen, war ja meine Absicht) und darum wird er auch auf keine Weise irgend etwas Böses oder Schimpfliches, das heißt irgendein Unrecht, tun.
4. Daraus folgt, daß er auch nicht gottlos ist; vielmehr ist tatsächlich er allein in heiliger und geziemender Weise gottesfürchtig, indem er den wahren Gott, der der Herrscher über alle und der König über alle und allmächtig ist, in wahrer Gottesfurcht fromm verehrt.