§ 5
1. Der erste Beweis dafür, daß man Gott kennt, ist, nachdem man zu der Lehre des Heilands Vertrauen gefaßt hat, daß man in keiner Weise Unrecht tut, in der Überzeugung, daß dies der vollen Erkenntnis Gottes angemessen ist.
2. So überragt auf der Erde alle der frömmste Mensch, überragt im Himmel alle der Engel, das Wesen, das der Gottheit räumlich näher und des ewigen und seligen Lebens bereits völliger teilhaftig ist.
3. Aber am vollkommensten und heiligsten und erhabensten und aller Herrschaft und des Königtums würdigsten und wohltätigsten ist seinem Wesen nach der Sohn, der dem allein Allmächtigen am allernächsten steht.
4. Er ist die höchste, alles überragende Macht, die alles nach dem Willen des Vaters ordnet und das All aufs beste steuert, mit unermüdlicher und unzerstörbarer Kraft alles hervorbringt, indem sie bei ihrem Wirken auf die verborgenen Gedanken Gottes achtet.
5. Denn nie verläßt der Sohn Gottes jemals seine hohe Aussichtswarte; er wird nie geteilt oder 13 getrennt; er wandert nicht von einem Ort zum anderen, sondern ist zu aller Zeit überall und ist in keiner Weise begrenzt; er ist ganz Geist, ganz Licht vom Vater her, ganz Auge; er sieht alles, hört alles, weiß alles, erforscht mit Macht die Mächte.
6. Ihm ist das ganze Heer der Engel und Götter untertan, da er als das Wort des Vaters die heilige Weltregierung übernommen hat, „um dessen willen, der es ihm unterworfen hat“; nach seinem Willen sind auch alle Menschen sein eigen, aber die einen „mit vollem Verständnis“, die anderen noch nicht; die einen als Freunde, andere als treue Diener, wieder andere einfach als Diener.
§ 6
1. Dies ist der Lehrer, der mit Geheimnissen den Gnostiker, mit frohen Hoffnungen den Gläubigen und mit bessernder Zucht durch fühlbare Einwirkung den erzieht, der verhärteten Herzens ist. Er ist der Ausgangspunkt für die Vorsehung, die für jeden einzelnen und für die Allgemeinheit und für die ganze Welt sorgt.
2. Und daß es einen Sohn Gottes gibt und daß dieser der Heiland und Herr ist, von dem wir reden, das sprechen die göttlichen Weissagungen mit klaren Worten aus.
3. So sucht er, der Herr über alle ist, von den Griechen und Barbaren einen jeden für sich zu gewinnen, der sich von ihm gewinnen lassen will. Denn er zwingt den nicht, der von sich selbst aus das Heil dadurch ergreifen kann, daß er wählt und alles, was seine Aufgabe ist, erfüllt, um das Erhoffte zu erlangen.
4. Er ist es, der auch den Griechen die Philosophie durch die niedriger stehenden Engel gab. Denn auf Grund göttlicher und uralter Ordnung sind die Engel auf die Völker verteilt. Aber „das Erbteil des Herrn“ zu sein, 14 dessen rühmen sich die Gläubigen.
5. Denn es gibt nur zwei Möglichkeiten; die eine ist die, daß sich der Herr nicht um alle Menschen kümmert; und der Grund dafür wäre, daß er entweder nicht könnte (dies anzunehmen wäre nicht erlaubt; denn es wäre ein Zeichen von Schwäche), oder daß er es nicht wollte, obwohl er könnte (ein solches Verhalten ist aber mit seiner Güte nicht vereinbar; denn er, der unsretwegen das schwache Fleisch angenommen hat, wird doch nicht aus Bequemlichkeit nachlässig sein). Die andere Möglichkeit ist, daß sich der Herr um alle Menschen kümmert, was sich auch in der Tat für den geziemt, der der Herr über alle geworden ist.
6. Denn er ist der Heiland, nicht nur für die einen, für die anderen aber nicht; vielmehr teilte er jedem einzelnen, soweit er zur Annahme fähig war, seine Wohltat zu, Griechen sowohl als auch Barbaren, und zwar denen, die aus ihnen vorausbestimmt waren und zur rechten Zeit zu Gläubigen und Auserwählten berufen wurden.
§ 7
1. Nun ist gewiß der gegen niemand mißgünstig gesinnt, der alle in gleicher Weise berufen, denen aber außerordentliche Ehren zugewiesen hat, die sich durch ihren Glauben ausgezeichnet haben. Andererseits kann es gewiß kein Hindernis für den geben, der Herr über alles ist, und ganz besonders nicht, wenn er den Willen seines guten und allmächtigen Vaters vollführt.
2. Aber da der Herr von Ewigkeit her frei von jeder Leidenschaft ist, so ist er auch dem Neid völlig unzugänglich; zudem sind die menschlichen Dinge wahrlich nicht der Art, daß sie den Neid des Herrn erregen könnten. Vielmehr ist es ein anderer, der von Neid erfüllt ist und der auch den Leidenschaften zugänglich war.
3. Man kann aber ebensowenig behaupten, daß der Herr infolge von Unwissenheit die Menschheit nicht retten wolle, weil er nämlich nicht wisse, auf welche Weise für jeden einzelnen zu sorgen sei.
4. Denn Unwissenheit ist völlig undenkbar bei dem Sohn, der vor 15 Erschaffung der Welt Ratgeber seines Vaters war. Denn er war die Weisheit, an der der allmächtige Gott sich „freute“.
5. Denn eine „Kraft Gottes“ ist der Sohn, da er das ursprüngliche Wort des Vaters ist, früher als alle erschaffenen Dinge, und im eigentlichen Sinn könnte man ihn „Weisheit“ Gottes nennen und Lehrer der durch ihn Geschaffenen.
5. Ferner läßt er sich gewiß nicht durch irgendeine Lust abziehen, so daß er die Fürsorge für die Menschen vernachlässigte, er, der ja das von Natur den Leidenschaften unterworfene Fleisch, das er an sich genommen hatte, zum Zustand der Leidenschaftslosigkeit erzog.
6. Und wie könnte er Heiland und Herr sein, wenn er nicht aller Heiland und Herr wäre? Er ist aber der Heiland der Gläubigen, weil sie sich für die Erkenntnis entschieden haben, und der Herr derer, die nicht glauben wollten, bis sie fähig wurden, ihre Sünden zu bekennen, und die von ihm vermittelte Wohltat in einer Weise erlangten, die ihnen angemessen und entsprechend war.
7. Alle Wirksamkeit des Herrn geht aber auf den Allmächtigen zurück, und der Sohn ist sozusagen eine Wirksamkeit des Vaters.
§ 8
1. Also ist der Sohn doch wohl nie ein Menschenfeind, er, der aus überschwenglicher Menschenliebe die Schwachheit des menschlichen Fleisches nicht verachtete, sondern sich mit ihr bekleidete und auf die Erde kam, um allen Menschen zusammen das Heil zu bringen. Denn allen denen, die das Heil erwählen, ist der Glaube gemeinsam zugänglich.
2. Er kann aber auch nie sein eigenes Werk vergessen, deswegen, weil dem Menschen allein von allen Lebewesen bei der Schöpfung eine Vorstellung von Gott eingeflößt worden ist.
3. Es könnte aber auch keine bessere und keine zu Gottes Wesen mehr passende Fürsorge für die Menschen geben als die bestehende. Denn es ist ja billig, daß immer das von Natur überlegene über das Niedrigere herrsche und daß dem, der irgend etwas gut verwalten kann, die Sorge dafür übertragen wird.
4. Aber das, was in Wahrheit herrscht und regiert, ist das Wort Gottes und die göttliche Vorsehung, die alles überwacht 16 und bei keinem von denen, die ihr angehören, die Fürsorge vernachlässigt.
5. Das sind aber wohl die, die sich dazu entschlossen haben, ihr anzugehören, diejenigen, die durch den Glauben zur Vollkommenheit gelangen wollen. So wird durch den Willen des allmächtigen Vaters der Sohn der Urheber alles Guten, die für die Sinne nicht wahrnehmbare, den Anfang aller Bewegung wirkende Kraft.
6. Denn nicht das, was er wirklich war, wurde von denen geschaut, die es wegen der Schwachheit des Fleisches nicht fassen konnten, vielmehr hatte er das sinnlich wahrnehmbare Fleisch angenommen und kam auf die Erde, um auf dem Wege des Gehorsams gegen die Gebote zu zeigen, was den Menschen möglich ist.
§ 9
1. Da er also die Kraft des Vaters ist, erreicht er leicht alles, was er will, und läßt auch nicht das Geringste von allem, was ihm anvertraut ist, unberücksichtigt; denn dann erstreckte sich seine wohltätige Wirksamkeit nicht mehr auf die ganze Welt.
2. Denn ein Beweis der größten Macht ist, meine ich, die mit Sorgfalt durchgeführte, auch bis auf das Kleinste sich erstreckende Prüfung aller Teile, da alle auf den obersten Verwalter des Alls blicken, der gemäß dem Willen des Vaters die Rettung aller lenkt, wobei die einen unter diesen, die anderen unter jenen Führern stehen, bis man zuletzt zu dem großen Hohenpriester gelangt.
3. Denn von einem Uranfang, der nach dem Willen Gottes wirkt, hängt das Erste und das Zweite und das Dritte ab; sodann haben am äußersten Ende der sichtbaren Welt die seligen Engel ihren Platz, und dann kommt bis zu uns selbst herab eine Reihenfolge, bei der die einen immer tiefer als die anderen stehen, aber alle auf Veranlassung und durch Vermittlung eines einzigen gerettet werden und selbst retten.
4. Wie also auch das entfernteste Eisenteilchen durch den Einfluß des Steins von 17 Herakleia (des Magnetsteins) der durch viele Eisenringe hindurchwirkt, mitbewegt wird, so erhalten auch durch den Einfluß des Heiligen Geistes die Tugendhaften die erste Wohnung, und die anderen der Reihe nach bis zur letzten; diejenigen aber, die aus Schwäche schlecht sind und infolge ihrer frevelhaften Unersättlichkeit in einen schlimmen Zustand geraten sind, können weder sich selbst halten noch von anderen gehalten werden; sie werden von ihren Leidenschaften herumgewirbelt, brechen zusammen und stürzen in die Tiefe, Denn es ist von alters her geltendes Gesetz, daß, wer die Tugend besitzen will, sich selbst für sie entscheiden muß.
§ 10
1. Darum haben die in dem Gesetz enthaltenen Gebote und ebenso die Gebote, die vor dem Gesetz für die nicht unter dem Gesetz Stehenden gegeben waren (denn „für einen Gerechten ist das Gesetz nicht vorhanden“) bestimmt, daß, wer das Leben erwählte, ewige und selige Belohnung erhalten solle, andererseits aber zugelassen, daß, wer Freude an der Schlechtigkeit gefunden hat, bei dem bleibt, was er sich erwählte, und wiederum, daß die Seele, die sich hinsichtlich der Erkenntnis der Tugend und des Wachstums in der Gerechtigkeit immer weiter zum Guten entwickelt, eine bessere Stelle in dem Weltall erhält, da sie sich mit jeder Stufe des Fortschritts immer mehr nach dem Zustand der Leidenschaftslosigkeit „ausstreckt“, bis sie „in das vollkommene Mannesalter“ gelangt, was die höchste Stufe sowohl der Erkenntnis als auch des Erbes ist.
2. Diese heilsamen Veränderungen geschehen in regelrechter Ordnung nach der Reihenfolge des 18 Wechsels, je nach dem Unterschied von Zeit und Ort und Ehren und Erkenntnissen und Erbteilen und Dienstleistungen, eine Veränderung nach der anderen bis hinauf zu der alles überragenden, die dem Herrn in unaufhörlichem Schauen ganz nahe ist.
3. Das Liebenswerte kann aber zum Schauen seiner selbst einen jeden führen, der sich aus Liebe zur Erkenntnis völlig dem Schauen hingegeben hat.
§ 11
1. Deshalb gab der Herr sowohl die zuerst als auch die an zweiter Stelle genannten Gebote, indem er sie aus einer einzigen Quelle schöpfte; er wollte nämlich weder zulassen, daß die vor dem Gesetze Lebenden ganz ohne Gesetz seien, noch gestatten, daß diejenigen, die ohne Kenntnis der barbarischen Philosophie waren, ohne jede sie zügelnde Hemmung lebten.
2. Denn indem er den einen die Gebote, den anderen die Philosophie gab, hat er den Unglauben bis zur Zeit seiner Erscheinung „verschlossen“, so daß jeder, der nicht zum Glauben kam, ohne Entschuldigung ist. Denn er führt aus beiden Entwicklungstufen, der der Griechen und der der Barbaren, zu der Vollendung durch den Glauben.
3. Wenn aber einer von den Griechen die vorbereitende Stufe der griechischen Philosophie übersprang und sofort auf die wahre Lehre zueilte, so hat er, auch wenn er nicht gebildet ist, auf einmal alle Mitbewerber übertroffen, indem er den kürzesten Weg zum Heil, nämlich den durch den Glauben zur Vollkommenheit, wählte.
§ 12
1. Daher machte er alles, was kein Hindernis für die freie Wahl des Menschen ist, zu Hilfsmitteln bei Erlangung er Tugend und ließ sie als solche erkennen, damit auch denen, die nur undeutlich sehen können, der wahrhaft allein einzige allmächtige Gott wenigstens in gewisser Hinsicht als der gute Gott vor Augen trete, der von Ewigkeit zu Ewigkeit durch seinen Sohn errettet, aber am Bösen durchaus in jeder Hinsicht unschuldig ist. 2. Denn durch den Herrn der ganzen Welt sind alle Dinge im allgemeinen und im besonderen auf die Rettung der Gesamtheit hin 19 eingerichtet.
3. Es ist also die Aufgabe der Gerechtigkeit des Heilands, einen jeden einzelnen je nach der Möglichkeit zu einer immer besseren Stufe emporzuführen. Denn für die Rettung des Wertvolleren und für seine Erhaltung sind entsprechend ihrer Eigenart auch die weniger wichtigen Dinge bestimmt.
4. Demgemäß wendet sich alles Tugendhafte besseren Wohnstätten zu, wobei der Wechsel durch die Wahl der Erkenntnis verursacht ist, und diese Wahl stand in der völlig unabhängigen Entscheidung der Seele.
5. Aber diejenigen, die noch mehr „verhärtet“ sind, werden zur Buße gezwungen durch die notwendigen Züchtigungen, die der alles beaufsichtigende große Richter in seiner Güte durch die ihm nahestehenden Engel oder durch mannigfache vorläufige Gerichte und schließlich durch das letzte, abschließende Gericht vollziehen läßt.