557 Diese Leichenrede hielt Gregor von Nyssa während des zweiten ökumenischen Konzils in Konstantinopel 381 wenige Tage nach dem Tode des Bischofs Meletius von Antiochia, der in diesem Jahre mitten in seiner Thätigkeit aus dem Konzil mit Tod abging. Wenigstens ein* Vorredner hat vor Gregor von Nyssa den verstorbenen heiligen Bischof in einer Trauerrede bereits verherrlicht und besonders seine dreimalige Verbannung hervorgehoben. Aus einer etwas dunklen Stelle unserer Rede, wo von Ephraim und Manasse beispielsweise angeführt wird, daß sie vom Vater große Thaten erzählt haben, könnte man schließen, daß dem Gregor von Nyssa zwei Vorredner vorausgegangen sind.
Unser Redner schildert die Größe des aus dem Tode des Meletius der Kirche im Allgemeinen und der Kirche von Antiochia insbesondere erwachsenden Verlustes, und hebt hiebei den 558 Gegensatz des gegenwärtigen Augenblicks mit der Feier der Wahl des Gregor von Nazianz zum Patriarchen von Konstantinopel hervor, bei welcher Gelegenheit er gleichfalls eine nicht mehr vorhandene Rede gehalten hatte. Nachdem er seinem Schmerze lebhaften Ausdruck gegeben hat, sucht er gegen Ende zu trösten, gestützt aus Bibelsprüche.*
§ 1
Vermehrt hat uns die Zahl der Apostel der neue Apostel, der aufgenommen worden ist unter die Zahl der Apostel. Denn die Heiligen nahmen zu sich Den auf, der ihnen im Leben ähnlich war, die Streiter den Streiter, die Gekrönten den Gekrönten, die Reinen im Herzen den mit reiner Seele, die Diener des Wortes den Verkünder des Wortes. Glücklich zu preisen ist unser Vater wegen seiner Gemeinschaft mit den Aposteln und seiner Auflösung zu Christus, bedauernswerth aber sind wir. Denn unsere frühzeitige Verwaisung gestattet uns nicht, das Glück des Vaters selig zu preisen. Für ihn war es besser, durch die Auflösung bei Christus zu sein, für uns aber ist es betrübend, von dem väterlichen Oberhirten geschieden zu sein. Denn sieh, es ist Zeit zur Berathung, und der Rathgeber schweigt. Der Krieg hat uns umstrickt, der Krieg mit der Häresie, und es fehlt der Feldherr. Krank liegt der gemeinsame Leib der Kirche darnieder, und wir finden keinen Arzt. Sehet, in welcher Lage wir uns befinden! Ich wünschte, wenn es irgendwie möglich wäre, meine Ohnmacht zu stärken, zur Höhe des Unglücks mich zu erheben und in Worte auszubrechen, wie sie für den Trauerfall angemessen sind, wie diese trefflichen Männer gethan haben, die mit erhabener Stimme den Tod des Vaters betrauerten. Doch wie wird es mir ergehen? Wie werde ich meine Zunge dazu bringen, der Rede dienstbar zu sein, da sie vom Unglück 559 wie mit einer schweren Fessel gefesselt ist? Wie werde ich meinen Mund öffnen, den die Sprachlosigkeit geschlossen hält? Wie werde ich meine Stimme vernehmen lassen, die, wie es zu geschehen pflegt, durch Schmerz und Thränen erstickt wird? Wie werde ich mit den Augen der Seele emporblicken, da ich in das Dunkel des Unglücks gehüllt bin? Wer wird mir diese dichte und dunkle Wolke der Trauer zertheilen und mir aus heiterem Himmel wieder den leuchtenden Strahl des Friedens zeigen? Und von woher soll der Strahl wieder aufleuchten, da die Lichtquelle untergegangen ist? O unglückliche Nacht, die einen Aufgang des Lichtes nicht zu hoffen hat! Welchen Gegensatz bilden an dieser Stätte unsere gegenwärtigen und früheren Reden! Damals jubelten wir wie bei einer Hochzeitsfeier, jetzt seufzen wir jammervoll in unserm Schmerze. Damals sangen wir einen Hochzeitgesang, jetzt singen wir einen Grabesgesang. Denn ihr erinnert euch wohl noch, wie wir euch ein geistiges Hochzeitmahl bereiteten, indem wir die Jungfrau dem schönen Bräutigam zuführten und nach unserem Vermögen die Hochzeitsgeschenke der Rede beisteuerten, wechselweise Freude spendend und genießend. Jetzt aber hat sich unsere Freude in Thränen verwandelt, und das Gewand der Freude ist zum Trauerkleide geworden.
§ 2
Sollten wir nun etwa vom Trauerfalle schweigen und den Schmerz stillschweigend in unserm Innern vergraben, um den Söhnen des Brautgemachs nicht lästig zu fallen, da unsere Rede nicht ein glänzendes Hochzeitskleid trägt, sondern in schwarzes Gewand gehüllt ist? Denn als der schöne Bräutigam uns entrissen wurde, hüllten wir uns sogleich in schwarze Trauer, und wir können nicht den gewohnten heiteren Redeton annehmen, nachdem das Mißgeschick uns des Kleiderschmuckes beraubt hat. Mit Gütern überhäuft sind wir zu euch gekommen, nackt und arm verlassen wir euch. Senkrecht über unserm Haupte leuchtete die Fackel, die reiches Licht ausstrahlte, ausgelöscht tragen wir sie zurück, in Rauch und Asche hat das Licht sich 560 aufgelöst. Wir hatten den großen Schatz in irdenem Gefäße. Der Schatz ist verschwunden und das irdene Gefäß ist den Gebern, seines Reichthums entleert, erhalten geblieben. Was werden wir sagen, die wir ihn eingeladen haben? Was werden Die entgegnen, aus deren Händen er zurückgefordert wird? O unheilvoller Schiffbruch, daß mitten im Hafen der Hoffnung unser Schiff zerschellte! Daß das reichbeladene Lastschiff sammt der Ladung versinken und uns, die wir einst reich waren, nackt zurücklassen mußte! Wo ist jenes leuchtende Segel, das überall vom heiligen Geiste seine Richtung erhielt? Wo ist das sichere Steuerruder unserer Seelen, mit welchem wir an den Brandungen der Häresie unbeschädigt vorbeischifften? Wo ist der unverrückbare Anker der Einsicht, mittelst dessen wir nach geschehener Arbeit in voller Sicherheit ausruhten? Wo ist der treffliche Steuermann, der das Schiff nach dem höheren Ziele leitete?
Ist Unbedeutendes geschehen, und habe ich keinen Grund, meinem Schmerze Ausdruck zu geben? Oder bleibe ich nicht vielmehr hinter dem Trauerfalle zurück, mag ich noch so sehr meine Stimme erheben? Gewähret uns, Brüder, gewähret uns die Thräne des Beileides! Denn auch wir haben, als ihr euch freutet, an euerer Freude Antheil genommen. Laßt uns also diese traurige Erwiderung zu Theil werden! Sich freuen mit den Fröhlichen, das haben wir beobachtet; zu weinen mit den Weinenden, das sei euere Erwiderung. Es weinte einst ein fremdes Volk um den Patriarchen Jakob und machte den fremden Unfall zu seinem eigenen, und als seine Söhne den Vater aus Ägypten fortbrachten, beweinte das ganze Volk im fremden Lande seinen Tod und setzte die Trauer um ihn dreissig Tage und ebenso 561 viele Nächte fort. Ahmet die Fremden nach, die ihr Brüder und Landsleute seid! Gemeinsam floßen damals die Thränen der Fremden und Einheimischen, gemeinsam mögen sie auch jetzt fließen! Denn auch der Trauerfall ist gemeinsam. Sehet diese Patriarchen! Alle diese sind Kinder unseres Jakob. Alle stammen von der Freien. Keiner ist unächt, keiner unterschoben. Denn es war ihm auch nicht erlaubt, eine unfreie Verwandtschaft in die edle Abstammung des Glaubens aufzunehmen. Es ist also Jener auch unser Vater, weil er Vater unseres Vaters war.
Ihr hörtet soeben den Ephraim und Manasse, was für große Thaten sie vom Vater erzählten, so daß die Rede hinter den Wunderdingen zurückbleiben mußte. Laßt auch mich hievon reden. Denn von nun an ist es ohne Gefahr, ihn selig zu preisen, und ich fürchte keine Mißgunst. Denn was soll sie mir noch Schlimmeres zufügen? Vernehmt also, wer der Mann war. Er war von vornehmer Abkunft von Aufgang der Sonne, untadelig, gerecht, wahrhaft, gottesfürchtig und enthielt sich jeder bösen That. Denn es wird der große Job nicht in Eifersucht gerathen, wenn durch die ihm zu Theil gewordenen Zeugnisse auch sein Nachahmer verherrlicht wird. Aber die Mißgunst, die auf alles Schöne schaut, sah mit dem bitteren Auge auch auf unser Gut, und der auf der Erde umherwandelt (Satan), kam auf seinem Wege auch bei uns durch und zeichnete einen breiten Fußtritt der Trübsal in unser Glück. Nicht verheerte er Rinder- und Schafheerden, man müßte denn im mystischen Sinne unter der Heerde die Kirche verstehen. Nicht hierin also ist uns von der Mißgunst Schaden zugefügt worden. Und nicht in Eseln und Kameelen hat er uns benachtheiligt, noch durch Verwundung des Fleisches unsere Sinne schmerzlich berührt, sondern er hat uns des Hauptes beraubt. Mit dem Haupte aber gingen zugleich 562 unsere werthvollen Sinneswerkzeuge verloren. Wir haben kein Auge mehr, das nach dem Himmlischen schaut, kein Gehör, das auf die göttliche Stimme lauscht, nicht mehr jene Zunge, das unbefleckte Weihgeschenk der Wahrheit. Wo ist die süße Ruhe der Augen? wo das heitere Lächeln auf den Lippen? Wo ist die leutselige Rechte, die mit der Segnung des Mundes zugleich die Finger in Bewegung setzte? Ich werde fortgerissen, wie auf der Bühne das Unglück zu bejammern. Ich bedaure dich, o Kirche; zu dir spreche ich, Stadt des Antiochus! Ich bedaure dich wegen dieser plötzlichen Veränderung. Wie wurde dir die Schönheit entrissen? Wie wurde der Schmuck dir geraubt? Wie welkte plötzlich die Blume hin? In Wahrheit vertrocknete das Gras und sank die Blume hin. Welches böse Auge, welcher schlimme Neid wüthete gegen jene Kirche? Was tauschte sie ein und wofür? Versiegt ist die Quelle, vertrocknet der Fluß. Wieder hat sich das Wasser in Blut verwandelt. O über jene unglückliche Botschaft, welche der Kirche den Trauerfall meldet! Wer wird den Kindern sagen, daß sie verwaist sind? Wer wird der Braut melden, daß sie Wittwe ist? O Unglück! Was haben sie entsendet, und was erhalten sie zurück? Eine Arche sandten sie fort, einen Sarg erhalten sie zurück. Eine Arche, Brüder, war der Mann Gottes, eine Arche, welche die göttlichen Geheimnisse in sich schloß. Dort war das goldene Gefäß, angefüllt mit dem göttlichen Manna, angefüllt mit der himmlischen Nahrung. In ihr waren die Tafeln des Bundes, in die Tafeln des Herzens mit dem Geiste des lebendigen Gottes eingetragen, nicht mit Tinte. Denn in die Reinheit des Herzens war keine finstere und düstere Gesinnung eingebrannt. In ihr waren die Säulen, die Sockel, die Kapitäle, das Rauchfaß, der Leuchter, der Sühnedeckel, die Waschbecken, die Vorhänge an den Eingängen, in ihr der Priesterstab, der in seinen Händen aufsproßte. 563 Und wenn wir von etwas Anderem hören, was die Arche enthielt, so war Alles von der Seele jenes Mannes umfangen. Doch was haben wir statt dessen? Verstumme, o Rede! Reine Leinwand und seidenes Gewebe, Reichthum an Salben und Wohlgerüchen, das Geschenk eines sittsamen und züchtigen Weibes. Denn es soll, damit auch das ihr zum Zeugniß diene, ausgesprochen werden, was sie am Priester that, indem sie das Salbengefäß über dem Haupte des Priesters reichlich entleerte. Aber was ist darin aufbewahrt? Todte Gebeine, die schon vor dem Tode die Abtödtung übten, die traurige Erinnerung unseres Unglücks. O welche Stimme wird wieder in Rama gehört werden. Rachel beweint nicht ihre Kinder, sondern ihren Mann, und will sich nicht trösten lassen. Entfernet euch, ihr Tröster, entfernet euch! Bemüht euch nicht zu sehr, sie zu trösten! Heftigem Schmerze gebe sich die Wittwe hin! Sie empfinde den Verlust, den sie erlitten hat .
§ 3
Doch hat die Trennung sie nicht unvorbereitet getroffen, da sie bei den Kämpfen des Streiters im Voraus sich gewöhnte, die Vereinsamung zu ertragen. Ihr erinnert euch gewiß, wie euch die vorhergehende Rede die Kämpfe des Mannes darlegte, daß er, wie er in Allem die heilige Dreiheit ehrte, auch in der Zahl der Kämpfe die Ehre bewahrte, indem er gegen drei Angriffe der Versuchungen kämpfte. Ihr vernahmt die Reihenfolge seiner Leiden, welches das erste, welches das mittlere, welches das letzte war. Ich halte es für überflüssig, die trefflichen Worte zu wiederholen. Aber so viel zu sagen dürfte nicht unpassend sein. Als jene wohlgesittete Kirche den Mann zum ersten 564 Male sah, sah sie ein Antlitz, wahrhaft nach dem Bilde Gottes gestaltet, sah eine Liebe, die wie eine Quelle sprudelte, sah Anmuth um seine Lippen ausgegossen, den höchsten Grad der Demuth, über dem sich kein höherer mehr denken läßt, eine Sanftmuth wie bei David, eine Einsicht wie bei Salomo, eine Güte wie bei Moses, eine Vollkommenheit wie bei Samuel, eine Keuschheit wie bei Joseph, eine Weisheit wie bei Daniel, sah ihn im Eifer des Glaubens beschaffen wie den großen Elias, in der Unversehrtheit des Körpers wie den erhabenen Johannes, in der unübertrefflichen Liebe wie Paulus, sah die Vereinigung so vieler Güter in einer einzigen Seele. Sie wurde von seliger Liebe verwundet und liebte mit reinem und gutem Wohlwollen ihren Bräutigam. Aber bevor sie ihres Verlangens theilhaftig wurde, bevor sie ihre Sehnsucht stillte, da sie noch von Begierde brannte, wurde sie allein gelassen, indem die Versuchungen den Streiter zu den Kämpfen riefen. Und er bestand die heissen Kämpfe für die Frömmigkeit, sie aber bewahrte fortwährend die keusche Ehe. Lange Zeit verfloß inzwischen, und Einer griff in ehebrecherischer Gesinnung das unbefleckte Ehebett an, aber die Braut blieb ohne Makel. Und es erfolgte wieder Rückkehr und wieder Verbannung, und in gleicher Weise zum dritten Male, bis der Herr das Dunkel der Häresie zerstreute und den Lichtstrahl des Friedens entsendend einige Erholung von den langen Mühseligkeiten hoffen ließ. Aber als sie sich gegenseitig wieder sahen und der wohlgesittete Verkehr und die geistigen Freuden sich wieder erneuerten und die Sehnsucht wieder entbrannte, da verhindert den Genuß diese letzte Reise. Er kam, um euch für den Brautstand zu schmücken, 565 und verfehlte seinen Zweck nicht. Er setzte der schönen Verbindung die Kränze des Segens auf. Er ahmte den Herrn nach. Wie zu Kana in Galiläa der Herr, so machte es auch hier der Nachahmer Christi. Denn die jüdischen Wasserkrüge, die mit häretischem Wasser gefüllt waren, füllte er mit ungemischtem Weine, indem er in der Kraft des Glaubens die Natur umwandelte. Er stellte oft in euere Mitte einen nüchternen Becher, indem er mit seiner süßen Stimme in reichlichem Maße die Gnade hineingoß. Oft setzte er euch das gemeinsame Gastmahl des Wortes vor. Er machte segnend den Anfang, diese seine trefflichen Schüler aber dienten der Menge, indem sie das Wort bis in die kleinsten Theile erklärten. Auch wir freuten uns, weil wir den Ruhm eueres Geschlechtes zu dem unsrigen machten.
Wie gut läßt sich bisher erzählen! Welches Glück wäre es, wenn man hiemit die Rede beschließen könnte! Aber was folgt weiter? Ruft die Klagefrauen, spricht Jeremias. Denn nicht anders kann das brennende Herz beschwichtigt werden, wenn es von Schmerz überströmt, ausser daß es sich durch Seufzer und Thränen erleichtert. Damals tröstete uns wegen der Trennung die Hoffnung der Rückkehr. Jetzt ist er durch die letzte Trennung von uns geschieden. Eine große Kluft hat sich zwischen ihm und der Kirche gebildet. Er ruht im Schooß Abrahams, und Niemand ist, der den Tropfen Wasser brächte, um die Zunge der Gepeinigten abzukühlen. Entschwunden ist jene Schönheit, verstummt die Stimme, verschlossen sind die Lippen, entflohen ist die Anmuth, das Glück gehört der Geschichte an. Es versetzte einst auch Elias das israelitische Volk in Trauer, als er von der Erde zu Gott auffuhr. Aber es tröstete sie wegen der Trennung Elisäus, der sich mit dem Schaffell des Lehrers schmückte. Jetzt aber gibt es für die 566 Wunde keine Heilung, weil sowohl Elias hinweggerafft ist, als auch kein Elisäus zurückgelassen wurde. Ich vernahm von Jeremias einige wehmüthige und klagende Töne, in denen er darüber weint, daß die Stadt der Jerusalemiten verödet sei, indem er manches Andere mit großem Schmerze anführt und auch Dieses sagt: „Die Straßen Sions trauern.“ Das ist damals gesagt worden und jetzt in Erfüllung gegangen. Denn wenn die Nachricht vom Trauerfall einmal die Runde gemacht hat, dann werden die Straßen mit Leidtragenden sich füllen. Und Die, welchen er Weide gab, werden sich ausgießen und im Unglück in die Rufe der Niniviten einstimmen oder vielmehr noch heftigeren Schmerz als jene zeigen. Denn jene befreite die Wehklage von der Furcht, Diese aber finden in ihren Wehklagen keine Hoffnung, von ihren Leiden befreit zu werden. Ich kenne auch ein anderes Wort des Jeremias, welches in die Bücher der Psalmen aufgenommen ist, das er über die Gefangenschaft Israels aussprach. Es lautet das Wort: „An den Weidebäumen hingen wir unsere Instrumente auf“ und legten uns selbst und den Instrumenten Schweigen auf. Ich mache von diesem Gesange für mich Gebrauch. Denn wenn ich die Verwirrung der Häresie sehe, ― Babylon aber ist die Verwirrung, ― und wenn ich die Versuchungen sehe, welche durch die Verwirrung fließen, so erkläre ich das für jene babylonischen Flüsse, an denen wir sitzen und weinen, weil wir Niemand haben, der uns durch dieselben führte. Und wenn du die Weidenbäume nennst und die Instrumente daran, so paßt auch das als Gleichniß für mich. Denn wir leben in Wahrheit unter Weidebäumen. Denn der Weidebaum hat keine Frucht. Von unserm Leben aber ist die süße Frucht abgefallen. Wir sind also unfruchtbare Weidebäume geworden und haben die müssigen und ruhenden Instrumente der Liebe am Holze aufgehängt. „Wenn ich dich vergesse, Jerusalem,“ sagt er, „so soll meine Rechte 567 vergessen werden.“ Gestattet mir, an Dem, was geschrieben steht, eine kleine Änderung vorzunehmen; nämlich nicht wir haben die Rechte, sondern die Rechte hat uns vergessen, und die Zunge, am Schlunde festgehalten, hat der Stimme den Durchgang versperrt, daß wir jene süße Stimme fernerhin nicht mehr vernehmen.
Doch trocknet meine Thränen! Denn ich merke, daß ich über den Trauerfall mehr als billig in weibische Klagen ausbreche. Nicht entrissen ist uns der Bräutigam, mitten unter uns steht er, wenn wir ihn auch nicht sehen. Im innersten Heiligthum ist der Priester. Innerhalb des Vorhanges, wo Christus als Vorläufer für uns eingetreten ist, hat er die Hülle des Fleisches abgelegt. Nicht mehr betet er das Zeichen und den Schatten des Himmlischen an, sondern schaut das Bild der Dinge selbst, nicht mehr im Spiegel und Gleichniß, sondern indem er ihn selbst schaut, fleht er Gott an für uns und die Verirrungen des Volkes. Abgelegt hat er die Kleider von Fellen. Denn nicht mehr bedürfen, die im Paradiese leben, solche Kleider. Dafür trägt er die Kleider, die er durch die Reinheit seines Lebens sich gewebt und als Schmuck angezogen hat. Kostbar ist vor dem Herrn der Tod eines solchen Mannes. Aber es ist vielmehr nicht ein Tod, sondern ein Zersprengen der Fesseln. „Denn du hast,“ heißt es, „meine Fesseln gesprengt.“ Entlassen wurde Simeon, befreit von den Fesseln des Körpers. Die Schlinge wurde zerrissen, der Sperling flog davon. Er verließ Ägypten, das materielle Leben. Er ging nicht über das rothe Meer, sondern über jenes schwarze und finstere Meer des Lebens. Er ging 568 in das Land der Verheissung. Auf dem Berge läßt er sich mit Gott in Betrachtungen ein. Er zog den Schuh seiner Seele aus, um mit dem reinen Tritte des Herzens das heilige Land zu betreten, in welchem Gott geschaut wird.
Da ihr also diesen Trost habt, Brüder, so vernehmet, die ihr die Gebeine Josephs in das Land des Segens bringet, die Ermahnung des Paulus: „Seid nicht bestürzt wie die Übrigen, die keine Hoffnung haben.“ Saget es jenem Volke, erzählet ihm die trefflichen Erzählungen. Theilt ihm mit das unglaubliche Wunder, wie das unzählige Volk, gleich einem Meere zusammengedrängt, insgesammt einen einzigen zusammenhängenden Leib bildete, wie ein Gewässer die Pracht des Gezeltes umfluthend, wie der treffliche David vielfältig und mannigfaltig in unzählige Reihen sich theilend unter Menschen fremder und gleicher Sprache um die Bundeslade tanzte, wie auf beiden Seiten die Feuerströme in einer Reihe von Fackeln in ununterbrochenem Zuge hinfloßen und sich ausdehnten, so weit das Auge zu folgen vermochte. Erzählet die Anhänglichkeit des ganzen Volkes, das Zusammenwohnen der Apostel, wie die Schweißtücher seines Angesichtes zum Schutze der Gläubigen zerrissen wurden. Man füge in der Erzählung einen Kaiser hinzu, welcher bei dem Todesfall von Trauer ergriffen wird und vom Throne aufspringt, und eine ganze Stadt, die sich dem Trauerzuge des Heiligen anschließt, und tröstet euch gegenseitig mit diesen Worten! In treffender Weise heilt Salomo den Schmerz. Denn er befiehlt den Trauernden Wein zu geben, indem er Dieß zu uns sagt, den Arbeitern im Weinberge: Gebet also eueren Wein 569 den Betrübten, nicht den, welcher die Trunkenheit bewirkt und dem Verstande nachstellt und den Körper zu Grunde richtet, sondern den, welcher das Herz erfreut, welchen der Prophet uns bezeichnete mit den Worten: „Der Wein erfreut des Menschen Herz.“ In reicherer Mischung und in volleren Bechern der geistigen Rede begrüßet sie, daß unser Schmerz sich wieder in Freude und Jubel verwandle durch die Gnade des Eingebornen Sohnes Gottes, durch welchen die Herrlichkeit Gott und dem Vater von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.IX. Rede auf Pulcheria.