434 Gegenwärtige Rede bildet eine Fortsetzung der vorhergehenden und bringt eine lebhafte Schilderung des qualvollen Todes der vierzig Martyrer mit Bezugnahme auf den Lobgesang der drei Jünglinge im Feuerofen. Besonders hervorgehoben wird der Starkmuth der Mutter eines der vierzig Martyrer, die den Sohn zur Ausdauer ermahnte. Am Schluß wird noch von der Belohnung der vierzig Martyrer gehandelt, denen der Eintritt ins Paradies vom Engel mit dem flammenden Schwerte nicht verwehrt wurde.
§ 1
Gestern riefen die Martyrer das Volk zu sich, heute kehren sie selbst eingeladen unter dem gastlichen Dache der Kirche ein. Es ist aber eine gewisse Vorschrift des Gastrechtes, daß diese wiederkehrenden Bewirthungen abwechselnd 435 von den Gästen gegenseitig gegeben werden. Daher müssen auch wir den Martyrern in gleicher Weise die gastliche Bewirthung erwidern. Da es uns aber an Reichthum der Rede gebricht, so ist es passend, daß wir mit ihren eigenen Überresten Die bewillkommnen, welche uns gestern bewirthet haben, heute aber unsere Gäste sind. Es genügt nämlich ein ganz kleiner Theil von einem reichen Tische zur Bereitung eines großen Gastmahls, wenn man solche Überreste hat. Was sind nun das für Überreste? Ihr erinnert euch wohl noch, wo wir in der Rede standen, als jenes uns erwünschte und angenehme Geräusch, das wegen der Menge der Versammelten entstanden war, unsere Worte unverständlich machte, als jenes beseelte Meer der Kirche, durch die Masse der Zuströmenden angeschwollen, beim Andrang der stets mit Gewalt Eindringenden in Brandung gerieth und auch durch sein Brausen das wahre Meer nachahmte und gleichsam an unseren Ohren das Geräusch der Wogen brach. Wo wir also in der Rede standen, als sie vom Geräusch bestürmt wurde, erinnert ihr euch gewiß, da euch die Erinnerung an die Martyrer am Herzen liegt. Es war, glaube ich, der Gedankengang der Rede der, daß die zu diesem Kampfe Auserlesenen nicht zu den nächst Besten gehörten, daß sie nicht ein zusammengewürfelter namenloser Haufe waren und von niedrigen Verhältnissen ausgehend zu dieser Würde sich erhoben haben, sondern daß sie zuerst wegen guter körperlicher Beschaffenheit, weil sie an Schönheit, Kraft und übermäßiger Stärke die Übrigen übertrafen, unter die Soldaten eingereiht waren, hierauf aber, als sie sich durch ihr tugendhaftes Leben und ihren weisen Wandel hervorthaten, gleichsam als ein Ehrengeschenk und eine Siegeskrone bei ihrer Vollendung die Gnade des Martyriums erlangten.
§ 2
Und wenn es gut dünkt, so wollen wir, um angenehmer zu werden, alle Thaten der Martyrer der Reihe nach wieder darstellen, indem wir gleichsam den anwesenden Zuschauern den Kampf vor Augen führen. Es gab eine alte Soldatenabtheilung in der benachbarten Stadt, welche den ganzen 436 Volksstamm gegen die Angriffe der Barbaren schützte. Diese waren in Folge einer früheren göttlichen Erscheinung mehr um den Glauben als um die Kriegskunst bekümmert. Und vielleicht ist es nicht ungeeignet, eine Glaubensthat jener Männer im Vorbeigehen zu berühren. Als sie nämlich in einen Krieg mit den Barbaren verwickelt waren und alle günstigen Plätze vom feindlichen Heere ihnen im Voraus weggenommen waren und die Feinde das Wasser in ihre Gewalt bekommen hatten und sie in die äusserste Gefahr gerathen waren, sei es durch die Unwissenheit unserer Feldherren, sei es durch eine bessere und göttlichere Heilsordnung, damit vorzugsweise auch hierin der Unterschied zwischen Christen und Nichtchristen hervorträte, so verzichteten die Edlen, da sie sich in ihrer Lage nicht zu helfen wußten und in großer Verlegenheit waren, indem sich in der Gegend keine Quelle und kein Abfluß von Wasser zeigte und große Gefahr vorhanden war, sie möchten vom Durste bewältigt den Feinden unterliegen, auf bewaffnete Hilfe und beschloßen, in der furchtbaren Lage eine in Schlacht und Kampf unüberwindliche Bundesgenossenschaft anzurufen. Denn da sie Die, welche den Glauben noch nicht angenommen hatten und für sich gesondert lebten, im Lager zurückgelassen, ahmten sie das Wunder zur Zeit des Propheten Elias nach, indem sie mit gemeinsamer vereinigter Stimme flehten, es möchte ihnen Befreiung aus ihrer verzweiflungsvollen Lage zu Theil werden. Diese flehten, und um was sie flehten, wurde sogleich zur That. Denn als sie noch auf den Knieen lagen, erschien, von einem heftigen Winde von irgend einer Seite herbeigetrieben, eine Wolke hoch über dem feindlichen Heere. Hierauf erdröhnten furchtbare Donner und zuckten flammende Blitze, und in reichlichen Strömen stürzte das Wasser herab, so daß den Gegnern die ununterbrochenen Blitze und die maßlosen Regengüsse gänzliches Verderben bereiteten, diesen aber, die mit Gebet sich gerüstet hatten, einen doppelten Dienst erwiesen, sowohl um die Gegner zu besiegen, als auch um den Durst zu stillen, indem der Abfluß der Bäche ihnen reichlichen Trank verschaffte.
437 Mit diesen vereinigte sich also auch unsere Heeresabtheilung, und durch jene Erzählungen auch selbst im Glauben befestigt und in ähnlichen Thaten geübt erhoben sie sich zu einer so erhabenen Größe, daß sie durch das Übermaß der Tugend den Neid gegen sich erregten. Denn wie wir aus Dem erfahren haben, was uns jetzt aus der Geschichte des Job vorgelesen wurde, daß der Widersacher des menschlichen Lebens den Ruhm des Lebens Job’s als eine Ungerechtigkeit gegen sich selbst ansah und deßhalb seine Züchtigung verlangte, weil Job ihm Kummer machte, da er wahrhaft, gerecht und untadelhaft war, in gleicher Weise sah Der, welcher auf die Guten losstürzt, mit seinem bösen Auge diese großen Kämpfer und ertrug es nicht, die Sitten des Greisenalters am jugendlichen Alter zu sehen. Er sah die Blüthe der Körper mit Enthaltsamkeit geschmückt, er sah sie im Heere Gott eine Art Waffentanz aufführen, schön anzuschauen, furchtbar im Blicke, stolzer Gesinnung, er sah die Schnelligkeit der Füße, die übermäßige Kraft, das Ebenmaß der Glieder und bei allen diesen Vorzügen, die sie besitzen, die Tugend der Seele, welche den glücklichen Zustand des Körpers überstrahlt. Es schreitet auch unter ihnen neidisch einher, der auf der Erde einherschreitet. Er sah nicht* einen* wahrhaften Menschen, sondern eine göttliche Schaar von so vielen Menschen, welche alle wahrhaft, gerecht, gottesfürchtig waren; er fordert auch von diesen, daß sie seiner Willkür ausgeliefert werden. Und zuerst flüstert er dem Führer des Heeres, einem Götzendiener, ein, daß er nicht anders die Barbaren besiegen werde, ausser wenn er Die zuvor hinschlachten würde, welche den Namen Christi anbeteten. Da aber Diese durch das gute Bekenntniß schnell verrathen waren und selbst zur Vollendung im Leiden hineilten, so verschmähte es der Feind, schnell die Hinrichtung durch das Schwert zu vollstrecken, als zu menschlich, und schlug sie in eiserne Fesseln und machte damit den Anfang 438 der Strafe. Diesen aber galten auch die Fesseln als Schmuck und als ein für die Augen von Christen schöner und erfreulicher Anblick. Eine auserlesene Jugend in so großer Zahl, ausgezeichnet durch Schönheit, an Alter den Übrigen überlegen, wurden sie alle durch das gleiche Band an einander gefesselt wie etwa eine Krone oder eine Halskette, welche aus einer Reihe gleich großer in einander greifender Edelsteine besteht.
So beschaffen waren die Heiligen und im Glauben Vereinigten und mit Fesseln an einander Geketteten; denn indem sie alle einzeln für sich schön waren, erhöhten sie gegenseitig ihre Schönheit, wie es bei den himmlischen Wundern zu geschehen pflegt, wenn in einer heitern und schönen Nacht die Anmuth der Sterne durch ihr Zusammenwirken erhöht wird, indem jeder seinen Glanz zum gemeinsamen Schmuck des Himmels beiträgt. So beschaffen war auch der Anblick der Heiligen, in Wahrheit, wie irgendwo der Prophet Ezechiel sagt, ein Gesicht sich bewegender Fackeln. Es verweilt die Rede gerne bei der Schönheit der Jugend. Denn es pflegt, wie die Weisheit sagt, aus der Größe und Schönheit der Schöpfung auch die verborgene Schönheit ermessen zu werden, da die Reinheit der Seele aus der äusseren Erscheinung hervorleuchtete und der Mensch in seiner äusseren Erscheinung eine würdige Wohnung des Unsichtbaren war. Welch schöner Anblick war es also damals für die Betrachtenden, ― ein schöner nämlich für Die, welche die Schönheit sehen wollen, ein schöner für die Engel, ein schöner für die überirdischen Mächte, ein bitterer aber für die bösen Geister und alle Menschen, welche den bösen Geistern dienen, wenn es anders Menschen sind, die durch ihre großartige Natur so hoch sich erheben ―: Soldaten Christi, Waffenträger des heiligen Geistes, Vorkämpfer des Glaubens, Thürme der göttlichen Stadt, die jede Strafe 439 und Peinigung, jede Aufregung der Furcht, jede Drohung wie kindischen Unverstand verspotteten, gleich als wenn sie nicht ihre* Körper* den Martern preisgäben, sondern die* Schatten* der Körper, Männer, die im Fleische das Fleisch bezwangen und bei ihrer Todesverachtung sich über jede Tyrannenfurcht hinwegsetzten und über menschliches Maß erhaben zeigten! O, wie sie trefflich in körperlichen Siegen sich geübt, trefflich die Kriegskunst im Kampfe gegen den Teufel angewendet, indem sie nicht die Hand mit dem Schwert bewaffnet, nicht den hölzernen Schild vorgehalten haben, nicht mit ehernem Helm und Beinschienen sich umschanzten, sondern die Waffenrüstung Gottes anlegten, die der Heerführer der Kirche, der göttliche Apostel, beschreibt: Schild, Panzer, Helm und Schwert. So zogen sie gegen die feindliche Macht. Es führte sie die himmlische Gnade an, die Schlachtreihen des Teufels aber Der, welcher die Macht des Todes hat. Der Ort aber, wo sie sich aufstellten, war der Gerichtshof der Blutmenschen. An diesem sammelten sie sich zum Kampfe, und die Einen kämpften mit Drohungen, die Andern setzten Geduld entgegen. Es war ihnen von den Gegnern die Wahl gelassen, den Glauben an den Herrn abzuschwören, oder mit dem Tod bestraft zu werden. Die Antwort der heldenmüthigen Kämpfer aber lautete, sie würden bis in den Tod dem Worte treu bleiben. Da war ihnen mit Feuer und Schwert und dem Abgrund gedroht worden, und was es sonst für Namen von Strafen gibt.* Ein* Laut wurde bei allen diesen Drohungen gehört, das Bekenntniß Christi im Munde der Heiligen. Das war die Verwundung der Gegner, diese Lanze streckten sie gegen den Feind aus. Durch diese Worte wurde der Widersacher mitten ins Herz getroffen. Das ist der Stein, den David mit seiner Hand abschleudert, der den Helm des Widersachers trifft. Denn das Bekenntniß Christi wird eine 440 Schleuder des guten Soldaten. Es fällt der Feind und verliert das Haupt.
§ 3
Aber die Rede verliert die Zügel und stürmt fort und überschreitet die Grenzen und wagt sich an das Geheimnißvolle und läßt sich fortreissen, es auszusagen, als ob sie das Unsichtbare sähe, daß wegen dieses Lautes, der Christum offen bekannte, von oben ein Geräusch und Lobspruch der heiligen Engel und der rauschende Beifall ertönte, den die Bürger der himmlischen Stadt der guten That zollten, und die ganze himmlische Versammlung sich freute. Denn was für ein Schauspiel zeigte sich damals unter den Menschen in der Welt den Engeln? Was für eine Verwicklung des Teufels mit den Menschen sahen Die, welche unser Leben schauten? Wie viel anders stand seine Sache, als bei dem ersten Kampfe, da die Schlange den Adam überwand? Nicht einen einzigen Angriff des Bösen ertrug damals der Mensch, der durch einen schönen reizenden Anblick auf ihn gemacht wurde, sondern kaum war der Angriff gemacht, so fiel und unterlag er. An Diesen allen aber war der Angriff des Feindes ohne Kraft und Wirkung. Er köderte sie mit Versprechungen, sie traten sie mit Füßen; er suchte sie mit Drohungen zu schrecken, sie lachten über dieselben. Nur Eines fürchteten sie, von Christus getrennt zu sein; nur nach* einem* Gute strebten sie, Christum allein zu besitzen, alles Übrige galt ihnen als lächerlicher Schatten und leeres Traumgebilde. Deßhalb erhebt sich die Rede zu dem Unsichtbaren und spricht aus, daß die ganze überirdische Macht über den Sieg der Wettkämpfer frohlockte. Noch schwingt sich die Rede zu einem kühnen Wagstück empor, erkühnt sich nämlich, das Überirdische zu erklären, daß für den Fall, wenn Dieß hier gut von Statten gehe, der gerechte Preisrichter in dem Kampfe mit den Gegnern die Siegeskronen anbot und der oberste Führer der göttlichen Macht den Siegern die Preise bereitete und der heilige Geist mit den vielfältigen Gnadengaben sie ausstattete. Denn da sie den Glauben 441 an die Dreiheit bekannten, so wurde ihnen deßhalb auch die Gnade der Dreiheit zugemessen.
Worin bestand aber die Gnade? Gerade darin, daß sie höher erschienen als die ersten Kämpfer, als Adam und Eva nämlich. Jene stürzten die aufrecht stehende Menschennatur. Diese richteten sie, als sie in Folge des früheren Falles darniederlag, wieder auf. Jene wurden aus dem Paradiese auf die Erde verstoßen, Diese von da ins Paradies verpflanzt; Jene bewaffneten gegen sich den Tod, ― denn eine Waffe des Todes ist die Sünde, heißt es, ― Diese überwanden den mit der Sünde bewaffneten Tod durch ihre Herzhaftigkeit, indem sie durch die Geduld in den Leiden dem Stachel die Spitze abbrachen, so daß sie passend sagen: „Tod, wo ist dein Stachel? wo dein Sieg, o Hölle?“ Was ist werthloser als die Frucht des Holzes, was geringfügiger als das Holz? Die Frucht, verführerisch durch schöne Farbe und guten Geschmack, bewirkte, daß die Gnade des Paradieses verschmäht wurde. Diesen großen Kämpfern aber zeigte sich nicht einmal die Sonne selbst erwünscht, sondern sie schieden von dieser freiwillig, um nicht das wahre Licht zu verlieren. Was sagt das Wort von der* Eva?* Denn ich lasse mich sogar weiter als geziemend fortreissen, von den Ureltern zu reden. Sie sah, heißt es, daß sie schön anzusehen und zum Genuß reif war, dann gab sie für diesen Reiz das Paradies hin.* Diesen* gewährten die Gegenstände, welche sie sahen, die Annehmlichkeit des Genusses: Himmel, Sonne, Erde, Menschen, Vaterland, Mütter, Brüder, Freunde, Verwandte, Altersgenossen. Und was ist auch süßer zu schauen, welcher Genuß schätzenswerther? Ihr Kinder kennt die Liebe zu eueren Eltern, ihr Eltern 442 kennt euere Gesinnung gegen euere Kinder. Du, der du nicht blind bist, siehst die liebliche Sonne; du, der du den Bruder liebst, bist nicht unbekannt mit dem natürlichen Zuge des Bruderherzens. Du Jüngling kennst, was dir von deinen Altersgenossen zu gute kommt, wie angenehm sie dir das Leben machen. Aber Jenen war Alles verhaßt, Alles zuwider. Ein einziges Gut kannten sie, nämlich Christus. Alles verleugneten sie, um Diesen zu gewinnen. Nicht kurz war die Zeit der Gefangenschaft, und bei den Heiligen wuchs mit der Dauer der Strafe die Begierde nach der Vollendung. Und wie Diejenigen, welche auf leibliches Wohlergehen bedacht sind, nachdem sie bei einem Erzieher hinlängliche Kraft erlangt haben, dann muthig in den Kampf gehen, in gleicher Weise wurden auch Diese, als sie durch die Ketten der Gefangenschaft hinlänglich zur Frömmigkeit erzogen waren, dann zur Siegeskrone in den Kämpfen ausgeführt. Es ist der Verlauf der Rede am Ende oder vielmehr am Gipfel der großen That angekommen. Das war die rechte Zeit, dieß die Tage des Kampfes, dieß die Einleitung des Osterfestes, das Geheimniß der heiligen vierzig Tage. Wir haben vierzig Tage der Versöhnung, ebenso groß ist auch die Zahl der Kronen der Heiligen. Scheine ich euch ein maßloser Schwätzer zu sein, da ich euere Wunder unter euch darlege und euere Ohren mit euerem Eigenthum erfreue?
Damit aber die Rede euch nichts Unvollständiges biete, wollen auch wir in Gemeinschaft mit den Heiligen an das Ende der Rede eilen. Kälte herrschte an jenem Tage, ich brauche euch aber durchaus nicht zu sagen, welche Kälte, da ihr vom heutigen Tage es abnehmen könnt, eine Kälte, die selbst durch die Haare dringt. Ihr versteht die rednerische Übertreibung, sowohl Fremde als auch Eingeborne, und braucht darüber nicht aufgeklärt zu werden. Auch ein Anderer könnte euch die Wundererscheinungen euerer Winter darstellen, wie die sonst stets fließenden Ströme stille stehen, da das Gefrieren ihren Lauf hemmt und die Wellen wie 443 zu Stein verhärtet, der benachbarte See aber gewisser Zeichen bedarf, um als See erkannt zu werden, indem er durch das Gefrieren in Festland verwandelt worden ist, auf dem man, wenn man will, oberhalb der Wellen zu reiten pflegt. Ich weiß, daß die Bewohner oft auch mit Feuer Wasser zu Stande bringen, wenn sie irgend ein Stück Wasser abbrechen, es wie z. B. ein Stück Erz oder Eisen im Feuer schmelzen und den Stein zu Wasser machen. So standen die Dinge zur Zeit des Kampfes, während das Übel mehr, als der natürliche Lauf der Dinge es erheischte, durch Nordwinde vergrößert wurde, wie man von Denen hören kann, welche die Wunder erzählen. Da sie unverhohlen den Namen des Herrn öffentlich verkündeten und durch ein solches öffentliches Bekenntniß schon mit der Siegeskrone erschienen und der Vollendung durch den Tod entgegen gingen, wurde folgende Art des Kampfes für sie ersonnen. Es ergeht ein Befehl vom Tyrannen, die Kämpfer mit Kälte zu peinigen. O schwache Worte und Gedanken! Wie weit bleibt die Rede hinter der Sache zurück! Das Urtheil des Todes, Kälte, Qual und Erwartung einer solchen Strafe, und die selige Jugend eilte lachend und munter scherzend an den Ort der Strafe, eilfertig gingen die Kämpfer dem Leiden entgegen in einem heiligen und angestrengten Laufe und voll Wetteifer, die Krone des Bekenntnisses zuerst zu gewinnen! Alle strebten in gleichem Eifer nach dem Siege, Keiner zeigte geringeres Verlangen, sondern Alle begaben sich einmüthig an diesen Platz, gleichwie wenn er damals als öffentlicher Badeort Zutritt gewährt hätte und auch sie durch das Bad ihre Körper hätten pflegen wollen. Bereitwillig legten sie die Kleider ab, welche sie trugen, indem sie insgesammt die Worte Jobs sprachen: „Nackt gingen wir in die Welt, nackt werden wir zu Dem zurückkehren, der uns in dieselbe eingeführt hat.“ Wir haben Nichts in die Welt mitgebracht und brauchen Nichts 444 aus derselben fortzunehmen, oder wir sind vielmehr nackt in dieselbe eingetreten und werden sie wegen des guten Bekenntnisses mit Schätzen bereichert verlassen. Indem sie so sprachen und durch solche Reden sich ermuthigten, gaben sie ihren Körper der Erstarrung preis, und die Natur der Elemente unterlag der Erstarrung, die Natur der Martyrer aber war wie unbezwingbar, oder vielmehr die Natur litt, was ihr eigen ist, und fügte sich in das Schmerzliche, die Hochherzigkeit der Kämpfer aber kämpfte gegen die Natur selbst. Denn die Kraft schwand allmählig, durch die Erstarrung geschwächt und aufgezehrt, die Seelenstärke aber wurde größer. Die körperliche Schönheit wurde verdunkelt und verblühte, und die schöne Farbe des Körpers verwelkte. Die Finger fielen ab, von der Kälte allmählig versengt, alle Glieder und Sinneswerkzeuge wurden durch die heftige Kälte gebrochen. Denn allmählig fiel die Haut vom Fleische, und an den Gliedern aufschwellend und zerreissend fiel dieses von den Knochen und empfand die Schmerzen des Todes, und so rückte der Tod nur allmählig heran und wurde drei Tage lang hinausgedehnt. Denn so lange dauerte ihre Empfindung und blieben sie in der anfänglichen Stellung und in Allem Sieger gegen den Widersacher. Aber wer möchte wohl nach Gebühr das Folgende schildern? Welche Rede wird jenen göttlichen Festzug beschreiben, als die heiligen Leiber auf Wägen zum Feuer geführt wurden, wie an die Stelle Desjenigen, der vom Teufel zum Abfall gebracht worden war, von der Gnade zur Ergänzung der Zahl der Gefängnißwärter gesetzt wurde?
§ 4
Wer wird mir jene Mutter darstellen, die würdig war, daß aus ihr ein solcher Martyrer hervorging, die, da ihr Sohn vom Scharfrichter zurückgelassen, und weil er noch am Leben war, mit den Übrigen nicht auf den Wagen geworfen wurde, bei Wahrnehmung des schonenden Verfahrens des Scharfrichters gegen den heldenmüthigen Kämpfer die Verweigerung der Ehre nicht ertrug, sondern ihm Vorwürfe machte, daß er den Kämpfer von seinen 445 Kampfgenossen trennte? Dann trat sie zum Martyrer hin, der vom Frost bereits erstarrt war und sich nicht mehr bewegen konnte, und als sie sah, daß er nur mehr einen kalten und kurzen Athem und nur mehr soviel Lebenskraft hatte, daß er den Schmerz empfand, und mit schwachem mattem Blicke auf seine Mutter schaute und mit der erstorbenen und kraftlosen Hand ihr zuwinkte, sie tröstete und zu heldenmüthiger Geduld aufmunterte: als Dieß die Mutter sah, begegnete ihr etwa, was einer Mutter verzeihlich ist? Wurden ihre Eingeweide bewegt oder zerriß sie ihr Kleid oder stürzte sie sich auf ihr Kind, um in ihren warmen Armen die Erstarrung zu lösen? Kein Gedanke! Nur so Etwas zu sagen, ist ungereimt. Fürwahr, wir erkennen den Baum aus seiner Frucht. Nicht kann ein schlechter Baum gute Früchte bringen. Da nun die Frucht des Martyrthums gut ist, so preise die Mutter, die den ausgezeichneten Mann geboren hat, die durch die Geburt gerettet wird, wie der Apostel sagt. Denn da sie für Gott eine solche Frucht hervorbrachte, legte sie Fürbitte für das gesammte Frauengeschlecht ein. Nicht* mein* Kind, sagt sie, bist du, nicht die Frucht* meiner* Schmerzen. Indem du* Gott* aufgenommen hast, bist du in Gott geboren. Du hast die Macht empfangen, ein Kind Gottes zu werden. Eile zu deinem Vater! Bleib nicht zurück hinter deinen Altersgenossen, damit du nicht nach ihnen die Krone empfängst. Vereitle nicht das Gebet deiner Mutter! Du wirst die Mutter nicht betrüben, wenn du als gekrönter Sieger triumphirst.
Indem sie so sprach und über die Natur sich anstrengte oder vielmehr vom Geiste gestärkt wurde, legte sie selbst ihren Sohn zu den übrigen auf den Wagen, indem sie mit heiterem Blicke den Kämpfer wie in festlichem Zuge begleitete. Was geschah nun weiter? Es kämpften die Heiligen in der Luft. Sie heiligten auch das Feuer, indem sie von ihm umfangen wurden und der Flamme sich zur Nahrung darboten. Sie hatten auch das Wasser gesegnet, in Allem erfüllten sich die göttlichen Prophezeiungen. Die 446 drei Jünglinge fügen in ihrem gemeinsamen Lobgesang Kälte und Hitze zusammen, Kälte im Frost, Hitze im Brennen. Dann gingen sie durch Feuer und Wasser. Aber Dieß wünscht die Rede als bekannt zu übergehen, und wir müssen jetzt Etwas in Angriff nehmen, wornach vorgestern geforscht wurde.
Als der Mensch aus dem Paradiese verbannt war, wurde dem geschwungenen flammenden Schwerte die Aufgabe zu Theil, den Eingang zu bewachen. Und die Ursache dieser Vorkehrung Gottes war, daß der Mensch keinen Zutritt zum Baume des Lebens hätte, davon genöße und unsterblich würde. Ihr erinnert euch gewiß an den Gegenstand der Untersuchung, ihr erinnert euch wohl auch an das Ergebniß unserer Untersuchung; wenn wir es aber von vorne wieder durchgehen und die ganze Rede nachholen wollten, so würde uns die zu Gebote stehende Zeit zu kurz werden. Der Gegenstand der Untersuchung war also dieser: ob auch den Heiligen das Paradies durch das gezückte Schwert verwehrt würde, und ob die Kämpfer vom Paradiese ausgeschlossen wären, und für welche Verheissung sie ferner die Kämpfe der Gottseligkeit unternehmen, und ob sie dem Schächer nachstehen sollen, zu dem der Herr sagte: „Heute wirst du bei mir im Paradiese sein.“ Und doch nahte der Schächer nicht freiwillig dem Kreuze, sondern als der scharfsichtige und verständige Dieb dem Heile nahe war, sah er den Schatz und stahl, da sich ihm hiezu Gelegenheit darbot, das Leben, indem er von der Diebskunst einen guten und glücklichen Gebrauch machte. „Herr,“ sagte er, „gedenke meiner in deinem Reiche!“ Wird nun Jener des Paradieses gewürdigt, während den Heiligen das flammende Schwert den Eingang verwehrt? Doch gerade hier findet sich die Lösung der Frage. Denn deßhalb zeigt das Wort dem Anblick der Eintretenden das Schwert nicht immer 447 als ruhend, sondern stellt es auch als geschwungenes hin, damit es dicht vor den Unwürdigen sich zeige, bei den Würdigen aber hinter ihrem Rücken sich schwinge und ihnen den ungehinderten Eintritt zum Leben eröffne, in welches Jene durch ihre unverdrossenen Kämpfe eindrangen und unversehrt durch die Flamme gingen. Mögen durch diese furchtlos auch wir gehen und ins Paradies gelangen, gestärkt durch ihre Fürbitte zum rühmlichen Bekenntniß unsers Herrn Jesus Christus, dem der Ruhm sei von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.IV. (Dritte) Lobrede auf die heiligen vierzig Martyrer, gehalten im Martyrium.