462 Obschon der heilige Ephräm in seinem Testamente (einer von ihm hinterlassenen Schrift) sich verbeten hatte, daß man nach seinem Tode ihn lobe, so glaubt doch Gregor von Nyssa sich an dieses Verbot nicht halten zu dürfen, weil das Lob, welches heiligen Männern gespendet wird, eine Aufmunterung zur Tugend sei. Wie er am Ende der Lobrede selbst sagt, wurde er zur Abfassung derselben zunächst durch die Aufforderung eines Namensgenossen des heiligen Ephräm veranlaßt, der durch die Fürbitte des Heiligen Schutz vor der Verfolguug seiner Feinde erlangte. Die biographischen Notizen erklärt Gregor von Nyssa den Schriften des hl. Ephräm selbst entnommen zu haben.
§ 1
Es veranlaßt mich zum angekündigten Gegenstande das Gleichniß in den göttlichen Evangelien, die 463 geheimnißvolle Andeutung mit dem Lichte, und löst meine Zunge, die bisher gebunden und verstummt war, und ebnet die Wege der Gedanken zu breiten Pfaden, und setzt den vielgestaltigen Wagen der Rede in Bereitschaft, auf der Heeresstraße dahin zu fliegen, indem es diesen durchdringenden Ruf erhebt: „Man zündet kein Licht an und setzt es unter den Schäffel, sondern auf den Leuchter, und es leuchtet Allen, die im Hause sind.“ Und was dieß für einen tieferen Sinn habe, fügt es in den Worten hinzu: „So leuchte euer Licht vor den Menschen, damit sie euere guten Werke sehen.“ Es ist also kein Grund vorhanden, da schüchtern zu sein und zu zagen, wo der Herr selbst uns Muth einflößt, der uns in dem Leben unseres göttlichen Vaters, von dem wir gegenwärtig handeln, eine leuchtende Fackel, welche die Sonnenfackel an Glanz übertrifft, angezündet hat und will, daß es nicht unter dem Schäffel des Stillschweigens verborgen werde, sondern hoch oben auf dem Gipfel der Kirche stehe, um Allen zu leuchten, die im Hause der Welt sich herumtreiben, und daß Die, welche es sehen, wegen desselben den Vater preisen, der im Himmel ist.
§ 2
Wir müssen uns also wegen seiner väterlichen Fessel nicht* so sehr* in Acht nehmen, daß das Gebot des Herrn mißachtet wird. Denn wir müssen damit unser Lob beginnen, obschon, was wir jetzt erwähnen, der Ordnung nach zum Anschluß an die Lobsprüche bestimmt ist. Denn das ist, wenn man die Sache wohl zu unterscheiden versteht, nicht schlechthin eine Fessel, welche hindert, Den mit Lobsprüchen zu überhäufen, welcher den menschlichen Ruhm von sich weist, sondern eine nicht fesselnde Fessel und ein 464 nicht hinderndes Hinderniß, das die Liebenden zum Gegentheil hindrängt. Denn Das, wodurch Jener unsern Lobsprüchen zu entrinnen suchte, indem er dem Versuch durch eine Fessel zuvorkommen wollte, nehmen wir zum Ausgangspunkt unserer Lobrede. Jeder seiner Vorzüge bietet Stoff zu vollkommenem Lobe dar, vorzüglich aber, daß er am Lobe sich nicht freute. Denn er wollte nicht gut* scheinen,* sondern* sein*. Deßwegen also allein schon, wenn er sonst nichts Lobenswerthes gethan hätte, verdient er gelobt zu werden. Denn so sehr verzichtete er auf die Lobsprüche, daß er seinem Abscheu vor denselben durch eine Fessel Ausdruck gab. Das aber eröffnet unserer Rede zuerst die Rennbahn und überzeugt uns, daß wir nicht unüberlegt daran gehen und nicht abwärts stürzen, sondern auf dem königlichen Wege wandeln, indem wir wohl erkennen, daß, wenn der wunderbare Mann Gottes sich nicht für lobenswerth gehalten hätte, er Die nicht abgewehrt hätte, die ihn loben wollten. Denn Keiner, der nicht durch die größten Vorzüge Aufsehen macht, mahnt die Überlebenden, während er noch im Leben weilt, seine Erinnerung in Vergessenheit sinken zu lassen. Dazu kann man auch noch Dieses fügen: Wie Paulus, der Redner der Gnade, der Brautführer der Kirche, der Mund Christi, des Namens eines Apostels nicht verlustig ging, weil er sagte: „Ich bin nicht werth, ein Apostel zu heissen,“ vielmehr wegen eben dieser Bescheidenheit um so größeren Ruhm erntete, ebenso wird auch unser großer Vater, der sich aus Strenge der Lobsprüche für unwürdig hielt, derselben gerade deßhalb für würdig erfunden werden.
Da wir nun in der Kirche die Sitte haben, Die, welche nach der Tugend streben, wenn sie die verschiedenen Gattungen derselben üben, zu krönen, und von diesen zumeist 465 Die, welche durch ihre demüthige Gesinnung geistig erhöht wurden nach dem Worte des Herrn im Evangelium, welches also lautet: „Wer sich erniedrigt, wird erhöhet werden,“ so werden Die von jedem Tadel, Vorwurf und selbst jeder Mißbilligung frei sein, welche die Tugenden dieses Vaters und Gottesmannes aufzeichnen und wie in einer beseelten und lebenden Bildsäule sein Leben uns wieder vorführen. Und der weise Zuhörer wird erkennen, daß wir Wort gehalten haben, wenn er der Rede folgend die mannigfaltigen Gattungen der Tugenden sich zusammenstellt. Aus diesen werden wir gleichsam eine goldene Krone, mit kostbaren und mannigfaltigen Steinen geziert, verfertigen und der Braut Christi, der Kirche, als ein erwünschtes Geschenk darbringen. Denn sie freut sich gerne an solchen Gaben, wenn die jährliche Erinnerungsfeier der Gerechten stattfindet. Den Ephräm hat uns jetzt der Kreislauf der Zeit zur Lobpreisung zurückgeführt. Wie soll sie nicht mit überströmender Freude sein Gedächtniß begehen?
Jenen Ephräm meine ich, der im Munde aller Christen lebt, Ephräm den Syrer, denn nicht schäme ich mich der Abstammung Desjenigen, auf dessen Sitten ich stolz bin; Ephräm, der durch das Licht seines Lebens und seiner Lehre die ganze Erde erleuchtete, den man fast überall unter der Sonne kennt, der nur von so Vielen nicht gekannt wird, als das große Kirchenlicht Basilius; Ephräm, welcher fürwahr der geistige Euphrat der Kirche ist, von dem benetzt die Gemeinde der Gläubigen die Saat des Glaubens hundertfach vervielfältigt; Ephräm, den fruchtbaren Weinstock Gottes, der wie süße Trauben Früchte der Lehre hervortreibt und die Zöglinge der Kirche mit der Sättigung der göttlichen Liebe erfreut; Ephräm, den trefflichen und treuen Verwalter der Gnade, welcher die Antheile der Tugenden in entsprechender Weise unter die Mitknechte vertheilt und 466 das Haus des Herrn in bester Weise verwaltet. Seine Abkunft, sein Heimathsland, den Glanz seiner Ahnen, den Ruhm seiner Eltern, seine Geburt, Erziehung, sein heranreifendes Alter, seine Leibesgestalt, Schicksal, Künste und den übrigen Prunk vorzuführen, der von den heidnischen Schriftstellern zu Lobsprüchen herangezogen wird, halten wir für überflüssig. Denn wir wollen das Lob der göttlichen Männer nicht aus* solchen* Dingen ableiten. Obschon er auch hierin Lob im Überfluß verdient, so wollen aus Dem, wodurch er selbst sich in Leben und Rede berühmt machte, auch wir ihm den Kranz der Rede flechten. Denn Lob gebührt Dem, was in unserer Macht steht, und die Belohnung Dem, was aus unserm freien Willen entspringt. Bei Dem aber, was wir aufgezählt haben, ist der Tadel unvernünftig und das Lob ungeeignet.
§ 3
Denn wie könnte er wünschen, wegen seiner Abkunft gelobt zu werden, da er jeden weltlichen Adel verabscheute und durch die Ausübung der besten Werke ein Kind Gottes zu werden trachtete, oder wie wegen seines Vaterlandes verherrlicht zu werden, da er die ganze Erde als ein ihm fremdes Land ansah, und von der materiellen Schöpfung als einem Feinde wegen der im Himmel hinterlegten ewigen Seligkeit sich abwendete? Oder wie könnte er weiter an dem Ruhme der Ahnen oder Eltern sich freuen, da er die leibliche Sinnlichkeit geradezu mit Füßen trat, und von der Hülle der Seele selbst, das heißt, dem elenden Fleische, sich beschwert fühlte, da er es als ein Hinderniß im raschen Laufe der Tugend ansah? Wie vollends könnte er wünschen, wegen der Zunahme und der Lebensweise des Körpers, oder wegen Geschicklichkeit oder Kunst, oder sonst einer verächtlichen Beschäftigung im Leben gelobt zu werden, da er von der ersten Jugend an im Studium der göttlichen Schriften seine Nahrung und sein Wachsthum fand, getränkt von den ewig fließenden Strömen der Gnade und, um mit dem Apostel zu sprechen, zum Maße des Alters 467 Christi gelangte? Da wir also wissen, daß unser großer Vater mit solchen lächerlichen Lobsprüchen nicht gerne verherrlicht wird, wie die Fleischlichgesinnten, so wollen wir versuchen, ihm wegen seiner eigenen Mühen wenigstens mäßiges Lob zu spenden. Denn der Rede ist es nicht gegeben, auch auf Das sich auszudehnen, was unser Vermögen übersteigt. Damit also weder unsere Sehnsucht durch Sprachlosigkeit aufgehalten werde, noch auch hinwiederum wir einen den Vätern fremden Pfad wandeln und vom königlichen Wege abirren, indem wir auf Seitenwegen uns herumtreiben, so wollen wir unserer Rede das rechte Maß anzupassen suchen.
Worin besteht an ihm nun Das, woraus wir sein Lob zu weben beschlossen haben? In That und Betrachtung, in deren Gefolge die Schaar der einzelnen Tugenden sich befindet, Glaube, Hoffnung, Liebe, Frömmigkeit gegen Gott, Studium der göttlichen Schriften, Heiligung der Seele und des Leibes, beständige Thränen, einsames Leben, die Zurückziehung von einem Ort zum andern, die Flucht vor den Bösen, die stets fließende Lehre, ununterbrochenes Gebet, Fasten und Wachen ohne Maß, Schlafen auf dem Boden und unbeschreiblich strenges Leben, Besitzlosigkeit und Demuth bis zum höchsten Grade, eine Barmherzigkeit, die ihn über die menschliche Natur erhebt, begeisterter Eifer gegen die wüthenden Feinde der Frömmigkeit, und um es kurz zu sagen, Alles, was den Menschen nach Gott zu bilden pflegt. Mit solchen Lobsprüchen wird unser Vater verherrlicht, und er erkennt das Gesprochene und weiß, daß diese die ihm eigenen Vorzüge sind, und findet Gefallen an den Reden, nicht weil sie ihm, sondern weil sie uns Nutzen bringen. Denn die bloße Erwähnung hievon wird für die Strebsamen eine Veranlassung zur Tugend. Und dieß haben wir nicht anderswoher, sondern aus Dem geschöpft, was er 468 selbst in Betreff seiner Person in seinen Schriften niedergelegt hat. Aus ihnen haben wir wie die gepriesene Biene aus vielen Blumen das Brauchbare gesammelt und diesen geistigen Honig bereitet. Und Ephräm wird uns wegen unseres Unternehmens gewiß nicht grollen. Denn er fürchtet nicht mehr den bösen Geist, welcher noch am Ende der Kämpfe Viele zum Falle bringt, und nachdem er einmal in die ruhigen Häfen des Unkörperlichen gelangt ist, ist er dem Sturme und der Brandung entronnen. Wohlan nun, wollen wir bei den einzelnen aufgezählten Punkten mit unserer Betrachtung etwas verweilen, und den Versammelten zeigen, wie der außerordentliche Mann beschaffen war, und zu welcher Höhe geistigen Aufschwungs er emporgestiegen ist.
Er hielt also fest am rechten* Glauben* und irrte nicht etwa weit von der Gottesfurcht ab, wie wir aus seinen Schriften und seinem Ansehen in der Kirche abnehmen können. Denn in gleicher Weise verabscheute er die vernunftwidrige Vermengung des Sabellius und die wahnsinnige Theilung des Arius. Er stand innerhalb der Grenzen der Frömmigkeit, indem er die* eine* unvermengte und hochheilige Dreiheit der Zahl nach theilte, der Substanz nach vereinigte, damit er weder, wie die Juden, den Vorwurf einer armen Gottheit erntete, noch wie die Heiden dem Wahne eines ganzen Volkes von Göttern verfiele. Denn es ist erwiesen, daß Dieses Jenen begegnet, die in Betreff der unbegreiflichen Dreiheit in Irrthum verfallen. Die vernunftwidrige Lehre des Apollinarius aber verwarf er so sehr, daß er seine ganze Kraft daran setzte, sie aus jeder christlichen Seele zu verbannen.
§ 4
469 Auch den Anomiern stopfte er mit vielen Vernunftbeweisen und Stellen aus der Schrift den zügellosen Mund und hinterließ uns die größte Sicherheit in seinen göttlichen Aussprüchen. Will man aber die Niederlage des übermüthigen Novatus wahrnehmen, so möge man im gelehrten Streite Ephräms den Fall des Gegners schauen, wobei man finden wird, daß die Überlegenheit unseres Lehrers im Zusammenstoß der Rede so groß war, als die eines geübten stets siegreichen Kämpfers über ein noch schwaches ohnmächtiges Kind. Nicht allein aber widerlegte er die durch den Säemann der Bosheit wie Unkraut in jener Zeit auftauchenden oder früher aufgetauchten Häresien durch das rechte Wort des Glaubens, sondern er sah auch mit prophetischem Blicke jene voraus, die später emporschießen sollten, und brachte sie im Voraus zum Falle. Mit diesen Beweisen sind alle seine Schriften und Dichtungen angefüllt. So irrte der Sohn der Wahrheit nie von der Wahrheit ab. Seine* Hoffnung* setzte er auf Gott allein, von dem den Würdigen die Erfüllung der hinterlegten Hoffnungen zu Theil wird. Denn er führte die Worte des Psalmes an und übte sie in Wort und That: „Auf ihn hat meine Seele gehofft, und es wurde mir Hilfe zu Theil.“ Deßhalb wird Den, welcher auf den Herrn hofft, Barmherzigkeit umgeben. Und das Vertrauen auf den Herrn macht ihn dem Berge Sion gleich. Aber auch die höchste Seligkeit gewährt es Dem, der es besitzt, wie man aus den Propheten selbst erfahren kann, da David sagt: „Selig der Mann, dessen Hoffnung der Name des Herrn ist,[“] Jeremias aber: „Gepriesen sei der Mensch, 470 der auf den Herrn vertraut, und dessen Hoffnung der Herr sein wird, und er wird sein wie der Baum, der am Wasser gedeiht“ und in der Feuchtigkeit seine Wurzeln ausdehnen wird, und Isaias: „Der Herr, unser König, der Herr, unser Heiland, er wird uns retten. Sieh, mein Gott, mein Heiland ist der Herr. Auf ihn werde ich mein Vertrauen setzen und werde guten Muthes sein,“ und da der selige Paulus uns ermahnt und sagt: „Wir halten fest an der Verheissung der Hoffnung, denn treu ist, der uns die Verheissung gegeben hat.“
Von dieser hinterlegten göttlichen Hoffnung genährt, verachtete er alles Weltliche und sehnte sich nach jedem ewigen Ruhme. Die* Liebe* gegen Gott und den Nächsten beobachtete er mit solchem Eifer, daß er, als er aus dem Leben schied, ― denn es ist gut, die Worte des in Gott versenkten Vaters selbst anzuführen, die besser als jeder andere Beweis sind, ― sich in folgender Weise ausdrückte: „In keiner Weise schmähte ich im ganzen Leben den Herrn, und keine unverständige Rede kam von meinen Lippen. In meinem ganzen Leben verwünschte ich Niemanden, überhaupt zankte ich mit keinem Gläubigen.“ O selige Zunge, die ohne Zagen in solche Worte ausbrach, die für die Engel allein vorzugsweise sich ziemen, weil ihr Leben der Materie und der Veränderung ferne steht, uns aber, die wir dem Fleisch unterworfen sind, fremd und übernatürlich und schwer ausführbar erscheinen!
Man mag große Mühe auf die Erforschung des Lebens großer Tugendhelden verwenden, man wird doch nirgends so einen Ausdruck reiner unbefleckter Liebe aufzufinden und nachzuweisen vermögen, wie bei unserm Vater. Wenn 471 also die Liebe größer ist als alle Tugenden, diese aber der selige Ephräm wie kein anderer von den Vätern übte, Jeder aber nach seinen Werken empfangen wird, so wollen wir die Folgerung hieraus Andern überlassen, damit wir nicht Väter mit Vätern zu vergleichen scheinen. Denn nicht der Vergleichung wegen haben wir das Gesagte angeführt, sondern nur, um der Menge darzulegen, daß unser Lehrer Ephräm oder vielmehr der Lehrer der ganzen Erde auf dem höchsten Gipfel der geistigen Leiter der Tugenden angelangt sei.
§ 5
Indem er aber im wahren Besitze der Weisheit sich* Frömmigkeit* erwarb nach dem Worte des Job: „Sieh, Frömmigkeit ist Weisheit,“ erhob er sich wie wir kurz vorhin gezeigt haben, als wir die Reinheit seines Glaubens beschrieben, durch dieselbe wie Paulus in den dritten Himmel, und hat in der Kirche den Schatz eines unsterblichen Gedächtnisses und fortwährenden Ruhmes sich hinterlegt. Das Studium der göttlichen Schriften entzündete er an der Fackel Davids, welcher sagt: „In meiner Betrachtung wird das Feuer sich anzünden.“ Denn es bewegte ihn die Liebe zu geistiger Betrachtung und fachte die Sehnsucht nach dem Überirdischen zur Flamme an. Denn indem er die ganze alte und neue Schrift durchforschte und diesen Betrachtungen wie kein Zweiter sich mit Liebe hingab, gab er von jedem Ausdruck eine genaue Erklärung, angefangen von der Schöpfungsgeschichte bis zum letzten Buch der Gnade, indem er sich des Geistes als Fackel bediente und die Tiefen der verborgenen Wissenschaften an’s Licht brachte.
Er hat aber nicht allein den ganzen geistigen Becher dieser unserer von Gott eingegebener Weisheit ausgetrunken und davon den Übrigen mitgetheilt, sondern er übte auch in hohem Grade die äussere* weltliche Weisheit* sowohl in 472 Bezug auf die zierliche und richtige Ausdrucksweise, als auch auf die Tiefe der Gedanken, eignete sich das Brauchbare an und verwarf das Unbrauchbare, wobei er nach der Wage der Gerechtigkeit That und Betrachtung sich verschaffte.
Die* Reinheit* der Seele und des Leibes pflegte er in einem Grade, als es die Natur ertrug, oder vielmehr, der über die Natur erhaben war, denn sie ist ein Geschenk der Gnade. Denn er gestattete der Seele nicht, von dem richtigen Verhältniß abzuirren, sondern er führte in der That durch die Seele die Herrschaft und strahlte am Körper herrlichen Glanz aus. Zeugniß für unsere Behauptung ist die Bekehrung jener bekannten Buhlerin. Dieser bediente sich als einer Lockspeise des Lasters der Menschenmörder Belial zur Überlistung des erleuchteten Mannes. Er täuschte sich aber so sehr in seiner Erwartung, daß die unzüchtige Person selbst gegen eben jenen Bösen sich kehrte, der sie angestiftet hatte, und durch Ermahnungen und Zurechtweisungen und den Zauber göttlicher Reden bekehrt und zum Bessern umgewandelt, keusch statt unzüchtig, sittsam statt ausgelassen, rein aus einer Befleckten wurde.
§ 6
Indem ich mich anschicke, von seinem nie versiegenden* Thränenstrom* zu reden, werde ich in Wahrheit selbst von Thränen ergriffen. Denn nicht kann man Dem wohl entgehen, wenn man sein Thränenmeer in der Rede durchschifft. Denn wie alle Menschen ihrer Natur nach Athem holen und niemals das Athemholen aussetzen, in gleicher Weise vergoß Ephräm Thränen. Nicht einen Tag, nicht eine Nacht, nicht eine halbe Nacht, nicht eine Stunde, nicht den kleinsten Augenblick konnte man sein nie schlafendes Auge trocken sehen, und er beweinte, wie er sagte, theils die gemeinsamen, theils seine eigenen Thorheiten, und weise lockte er die Ströme der Augen durch Seufzer herbei, oder vielmehr er rief die Seufzer durch die Thränenströme der Augen hervor, und auffallend war die Veranlassung auf beiden Seiten, indem das eine als die Ursache des Andern 473 erschien. Denn es wurden bei ihm die Seufzer durch Thränen und die Thränen wieder durch Seufzer erzeugt, und der Grund hievon war den Meisten unbekannt. Da nämlich keine Zeit dazwischen lag und aus den Seufzern immer Thränen hervorquollen und aus diesen wieder Seufzer, und so ein Kreislauf stattfand, war der Anfang und die Veranlassung des einen Theiles nicht bemerkbar. Und das wird man wahrnehmen, wenn man sich mit seinen Schriften befaßt. Denn man wird finden, daß er nicht bloß weint in den Reden über Buße, Sitte und gute Lebensweise, sondern selbst in seinen Festreden, wo die Meisten in ihren Reden in lauten Jubel auszubrechen pflegen. Er aber blieb sich überall gleich, und er war beständig reich an der Gabe der Zerknirschung. Deßhalb ruft er auch jetzt noch fast Alle, die seine Reden hören, zum wahren Leben. Eine so große Kraft besitzt seine von Gottes Geist durchwehte, mit Thränen untermischte Rede. Denn wer ist so gefühllos oder so harten Herzens, daß er bei Anhörung seiner Worte nicht gerührt werden, nicht seinen verstockten Sinn ablegen und seine Schlechtigkeit verabscheuen sollte? Wer hat eine so verwilderte Gemüthsart oder eine so unmenschliche Gesinnung, daß er, wenn er seine heilbringende Lehre mit den Ohren vernommen hat, nicht sogleich rechtschaffen, sanft und wohlgesittet werden sollte? Wer sucht sich so sehr in den Wollüsten des Lebens zu ergötzen und ist so sehr dem Weinen abgeneigt, daß er bei Anhörung einiger seiner Worte nicht weinen und klagen und sein Leben sich nicht zu Gemüthe führen sollte?
Die nicht zu uns gehören, haben von unmöglichen Dingen das Sprüchwort gebraucht: Du kochest einen Stein. Das hat die Erfahrung uns als Wirklichkeit dargestellt. 474 Denn ganz verknöcherte und unerweichliche Seelen überredete dieser göttliche Greis, daß sie besorgt wurden und sich erweichen ließen. Wer, wenn er seine Rede über die Demuth liest, wird nicht sogleich jede hohe Meinung von sich weisen und sich für den Geringsten erklären? Wer, wenn er sich mit seinen Reden über die Liebe befaßt, wird sich nicht bereit zeigen, für die Liebe Gefahren zu bestehen? Wer, wenn er mit seinen Büchern über die Jungfräulichkeit Bekanntschaft macht, wird nicht streben, an Seele und Leib sich Gott rein darzustellen? Wer, wenn er in die Reden vom Gerichte oder der zweiten Ankunft Christi nur einen Blick wirft, wird nicht glauben, bei jenem Gerichte gegenwärtig zu sein? Wer wird nicht von Zittern befallen werden und meinen, daß bereits der letzte Urtheilsspruch über ihn ergehen werde? Denn dieser gefeierte Mann und große Prophet schilderte das bevorstehende Gericht Gottes in solcher Weise, daß nichts Weiteres mehr von der Kenntniß fehlte, sondern nur mehr, daß man es in der Wirklichkeit und durch die Erfahrung kennen lernte.
Immer mit solchen Vorstellungen über das Gericht beschäftigt,* floh* der Selige* die Welt* und die Dinge in ihr, und er flüchtete sich weit weg, wie es in der Schrift heißt, und nahm seinen Aufenthalt in der Einsamkeit, bloß mit sich und Gott beschäftigt, und gewann dort die Zunahme in den Tugenden. Denn es war ihm genau bekannt, daß das Leben in der Einsamkeit Den, welcher will, vom Geräusch der Welt frei macht und in Folge der Ruhe ihn in Verkehr mit den Engeln bringt, und durch die Betrachtungen Gottes den Geist erhöht, so sehr es möglich ist. Wenn aber der ihn bewegende Geist heischte, daß er zur Erbauung Vieler von einem Orte zum andern wanderte, so war er nicht ungehorsam und widersetzte sich nicht. Denn er war den Befehlen Gottes unterwürfig, wie kein Anderer. 475 Deßhalb verließ er auch auf Befehl wie jener göttliche Abraham, sein Vaterland und kam nach der Stadt der Edessener, ― denn es geziemte sich nicht, daß die Sonne sich lange unter der Erde verborgen hielt, ― und zwar aus zwei Gründen, nämlich um die dortigen Heiligthümer zu verehren und noch mehr, um mit einem weisen Manne zusammen zu treffen und eine Frucht der Erkenntniß entweder zu empfangen oder mitzutheilen.
§ 7
Als er nun, wie erzählt wird, bei der Stadt angekommen war und bereits in die Stadt eintrat, begegnete er statt einem weisen Manne, dem er zu begegnen wünschte, einer Buhlerin. Da also der Anblick seiner Erwartung nicht entsprach, war ihm die Begegnung lästig, und nachdem er daher auf die Buhlerin geblickt hatte, wendete er sich, weil in seiner Hoffnung getäuscht, wieder ab. Diese aber, als sie sah, daß er sie anblicke, blickte ihn gleichfalls an und betrachtete ihn genau. Da sprach der Weise zu ihr: Sage mir, Weib, warum siehst du mich so genau an? Diese aber erwiderte rasch: Mit Fug und Recht. Denn ich bin aus dir, dem Manne, genommen. Du aber wirf deinen Blick nicht nach mir, sondern auf die Erde, von der du genommen bist. Als der Weise diese unerwartete Entgegnung vernommen hatte, erklärte er einen großen Gewinn erlangt zu haben, und er verherrlichte Gottes unbegreifliche Macht, der sogar Das, was wir hoffen, durch das Unerwartete uns gewährt.
Von da ging er, vom heiligen Geiste geleitet, nach Cäsarea in Kappadozien, und sah den großen Basilius, den Mund der Kirche, die goldene Nachtigall der Gelehrsamkeit. Als ihn der Greis sah, begann er ihn mit vielen lobpreisenden Worten zu ehren. Denn mit dem durchdringenden 476 Auge der Seele sah er eine glänzende Taube auf seiner rechten Schulter sitzen, die ihm Reden der Weisheit mittheilte, und sah ihn diese dem Volke vortragen. Von der ihn belehrenden und von ihm verehrten Taube eingeweiht, nahm er seine Ankunft wahr und erkannte, daß es Ephräm der Syrer sei. Und so wurden Beide auf einige Zeit einer geistigen Lebensgemeinschaft gewürdigt, und für Ephräm brachte die Mühsal keinen Nachtheil.
Die natürliche Unschuld seines Lebens zeigte ihm, wie er den Übeln entgehen könnte, indem sie ihn das Gute vorhersehen und das Schlimme abwehren und jenen Ansichten sich anschließen lehrte, die vernünftig, rein und zur Auswahl des Guten nützlich sind, die vorzugsweise für den Lehrvortrag sich eignen. Denn in reichlichem Maße hatte Christus dem göttlichen Greise das Talent der Rede verliehen, und dieses in den Herzen Vieler wie bei einer Bank anzulegen, mußte er sich vor allen Übrigen verpflichtet fühlen. Und er sagt dieß offenbar von sich selbst, daß er, nachdem er soeben aus dem zarten Kindesalter getreten war, ein geheimnißvolles Gesicht hatte, wie an seiner Zunge aus ihm ein sehr fruchtbarer Weinstock hervorkam und so groß wurde, daß er die Erde erfüllte und alle Vögel des Himmels kamen, um von ihm sich mit Nahrung zu sättigen, der Weinstock selbst aber, obschon er geplündert wurde und alle Vögel aufnahm, nur größeren Reichthum an Trauben zeigte. Dieß bezeugte damals auch ein Anderer von ihm, ein ganz scharfsinniger Mann, indem er sagte, er habe eine 477 Schaar von Engeln gesehen, die vom Himmel herabstieg und ein Buch in den Händen trug, das von innen und aussen beschrieben war. Es sagte aber jene erscheinende göttliche Schaar zu sich selbst: Wem müssen wir wohl dieses Buch übergeben? Von ihnen gaben nun die Einen diesem, die Anderen jenem Manne und Andere wieder anderen ausgezeichneten Männern jener Zeit den Vorzug. Hierauf hätten sie, nachdem sie dieselben durchgemustert, insgesammt gesagt: Das sind in der That heilige Diener Gottes, aber es kann ihnen doch dieses Buch nicht übergeben werden.
§ 8
Und nachdem sie viele der damaligen Heiligen erwähnt hatten, ohne daß sie ihren Beifall fanden, sagten sie zuletzt einstimmig: Niemanden kann dieses Buch übergeben werden ausser dem Ephräm. Und der das Gesicht hatte, heißt es, habe auch das geschaut, wie die göttlichen Engel dem Ephräm das Buch gaben, und es habe sich Der, welcher die geheimnißvolle Vision hatte, bei Nacht aufgemacht und sei in die Kirche gekommen. Da habe er den Ephräm eine inhaltsschwere, von der Gnade durchdrungene Rede halten hören. Und da er nun die Bedeutung des geschauten Gesichtes erkannte, habe er Gott gepriesen und die dem Heiligen verliehene reiche Gabe der Rede angestaunt. Denn es war ihm ein solches Übermaß der Weisheit verliehen, daß die Ströme seiner Rede beständig floßen, aber zu langsam waren für die Darstellung seiner Gedanken, nicht wegen Schwerfälligkeit der Zunge, sondern wegen des Reichthums der Gedanken. Und so hielt seine Zunge der Schnelligkeit fremder Gedanken das Gleichgewicht, war aber zu langsam für die Darstellung der eigenen Vorstellungen. Deßhalb soll der große Greis selbst Gott seinetwegen gebeten und um Mäßigung des unwiderstehlichen Geschenkes der Gelehrsamkeit also gefleht haben: „Laß nach, o Herr, mit den Wogen deiner Gnade.“ Denn der seine Zunge überfluthende Abgrund der Lehrweisheit gestattete ihm nicht, seine Gedanken zu bemeistern, indem die Sprachorgane ihm 478 die der vorzutragenden Predigt entsprechenden Wogen nicht zuführten.
Es unterbrach aber seine Reden nichts Anderes, als das Gebet allein, und dieses die Reden und diese die Thränen und diese wieder das Gebet. Und es war das Wort des Wortes oder, um es genauer auszudrücken, im Worte, das sich beständig mit Betrachtungen über Gott bei allen diesen Beschäftigungen befaßte. Denn indem er den Körper mit seinen Lüsten ertödtete und ihn durch Enthaltsamkeit der Herrschaft der Vernunft unterwarf, hatte derselbe, weil im Voraus durch Entziehung der Nahrung gebändigt, keine Neigung zum Unerlaubten, hielt dagegen fest am Nützlichen und an Dem, was das Heil der Seele verschafft. Ja nicht einmal die Nächte hemmten den Lauf seiner Tugend, und sie täuschten ihn nicht mit den Vorspiegelungen des Schlafes. Denn da sie nach dem Tage den Nüchternen empfingen, so eilten sie an ihm vorbei und berührten ihn nicht, wie wenn er gewacht hätte, indem er dafür besorgt war, daß ihn die Hand des Beherrschers dieser Finsterniß nicht im Schlafe erfaßte. Schlaf genoß er aber so viel, als zum Leben genügte, damit nicht durch den gänzlichen Umsturz der natürlichen Ordnung das Fleisch einer gewaltsamen Auflösung unterläge. Den Schlaf vertrieb und verscheuchte ihm sowohl vieles Andere aus den Augen, als auch vorzugsweise das Liegen auf dem Boden und die abgehärtete Lebensweise und mannigfaltige Mißhandlung des Körpers. Denn besonders dadurch wird naturgemäß das Eintreten des Schlafes ferngehalten. Die Armuth bewahrte er in so hohem Grade, wie man vernimmt, daß sie von den göttlichen Aposteln bewahrt worden sei. Deßhalb wird man, wenn man ihn das Muster der Besitzlosen nennt, von der Wahrheit nicht 479 abirren. Denn von ihm selbst haben wir ein süßes und seliges Wort, das er, als er im Begriffe stand, in die himmlischen Gegenden sich aufzumachen, uns zum Lehrer der Besitzlosigkeit hinterlassen hat, und das ungefähr also lautet: „Es hatte Ephräm niemals weder Geldbörse noch Stab noch Reisesack. Auch habe ich weder Silber noch Gold noch irgend einen anderen Besitz auf der Erde mir erworben. Denn ich hörte den guten König in den Evangelien zu seinen Jüngern sagen: „Besitzet Nichts auf Erden.“ Deßhalb entsagte ich jeder Leidenschaft für dergleichen Dinge. So verachtete er also Ruhm und Schätze, liebte das Gute über Alles, und eiferte auch von dieser Seite im gleichen Wettlaufe mit den Aposteln.
Was sollen wir aber Zeugniß für seine* Demuth* ablegen, da jede seiner Reden und Schriften diese Tugend deutlich verkündet, und er sie nur zu sehr gesucht hat? Denn wann sollte Der, welcher Thränen durch Thränen hervorruft, der Asche wie Brod genießt, seine grobe und unschmackhafte Nahrung und seinen Trank, wie es in der Schrift heißt, mit Thränen mischt, den Fuß der Seele an den Stein der Überhebung oder des Eigendünkels stoßen? Oder wann Der, welcher jeden menschlichen Ruhm von sich wies, und als er noch im Leben weilte, wenn ihn Jemand lobte, sich betrübte, die Farbe wechselte, zur Erde sah, einen leichten Schweiß vergoß und ganz verstummte, wie wenn Beschämung seine Zunge gelähmt hätte, und der, als er zum seligen und ewigen Leben aufbrach, gerade das wieder mit großer Mißbilligung von sich abwehrte und sagte: „Singt dem Ephräm kein Todtenlied, haltet ihm keine Lobrede. Beerdigt mich nicht in kostbarem Gewande, errichtet meinem Körper kein abgesondertes Grab. Denn ich habe Gott gelobt, unter den Fremden zu wohnen. Ein Fremdling bin ich und ein Eingewanderter, wie alle meine 480 Väter?“ Du hast also auch von dieser Tugend, wie von den übrigen klare Beweise in Überfluß. In Betreff der* Barmherzigkeit* und des Mitleids wird man nach dem Maßstab und Gesetz der Wahrheit aussprechen müssen, daß er sie nicht bloß geübt habe, sondern auch ihr Lehrer gewesen sei. Denn da er wegen seiner vollkommenen Armuth den Dürftigen nicht mittheilen konnte, so suchte er, indem er durch häufige Ermahnungen das Mitleid bei Andern wach rief, zur Barmherzigkeit zu bewegen. Denn es war seine Rede auch ohne seinen Anblick in der That ein von Gott verfertigter Schlüssel, der die Schätze der Reichen aufschloß und den Dürftigen das Nöthige verschaffte. Sein englisches Antlitz aber vermochte, wenn man es nur ansah, durch den Ausdruck der Einfalt, Sanftmuth und der beigemischten großen Rechtschaffenheit auch ganz hartherzige Menschen zu Mitleid und Erbarmung zu bewegen. Und wer war so sehr in Schamlosigkeit versunken, daß er, wenn er ihn ansah, nicht erröthete und so selbst sittsamer wurde?
§ 9
Vielleicht möchte nun Einer, wenn er von einer großen Menge von guten Thaten hört, glauben, daß dieser göttliche Mann nicht tief in die kirchlichen Lehren eindrang? Denn wie fand er Zeit, möchte ein Solcher sagen, da er durch so viele Tugendübungen in Anspruch genommen war? Er hatte aber keine oberflächliche Kenntniß der göttlichen Lehren. Denn er suchte diese nicht bloß bis zu dem Grade, um reden und Andere ermahnen zu können, sondern er war nach zwei Richtungen hin wohl unterrichtet, sowohl in den Lehren der Kirche selbst, als auch in Denen, die man Diesen zur Bekämpfung entgegensetzt. Die ersteren erlernte er zur Anwendung in seinem Berufe, die letzteren zur Widerlegung der Häretiker. Denn der Eifer entflammte ihn gegen die in der Kirche auftretenden Bestien. So kam eine 481 ungeschriebene Nachricht auf uns, die uns seinen Eifer für die Wahrheit zeigt, und welche lautet, wie folgt.
Der leichtsinnige oder vielmehr unsinnige und wahnsinnige Apollinarius, der viele Neuerungen gemacht und aus seinem Leibe entleert hat, sudelte eine gottlose Schrift gegen die Frömmigkeit zusammen und theilte sie in zwei Bücher. Diese hatte er einer Weibsperson, die, wie es hieß, seiner Wollust diente, zur Aufbewahrung übergeben. Sobald der große Mann von der Schrift Kenntniß erhielt, begab sich der Weise unter dem Scheine, als ob er ein Anhänger seiner Meinung wäre, zur Weibsperson, die jene unreinen Bücher in Verwahrung hatte, gab sich zu erkennen, brachte ihr gute Nachrichten wie aus der Wüste, und bediente sich wohl noch anderer Kunstgriffe. Zuletzt bittet er sie, sie möchte ihm des Nutzens wegen, wie er sagte, die Schriften des Lehrers geben, um die Häretiker, wie er nämlich uns nannte, leichter bekämpfen zu können. Diese aber merkte seine Absicht nicht und ließ sich hintergehen, als ob er zur Sekte des Apollinarius gehörte, übergab ihm die Bücher und trug ihm auf, dieselben bald wieder zurückzustellen. Dieser große Jakob, welcher den unreinen Esau hintergangen und die schlimme Erstgeburt seiner Gedanken sich angeeignet hatte, ging nun listig zu Werke. Denn indem er Blatt an Blatt legte und das Ganze mit Fischleim bestrich, brachte er das ganze Buch in einen Zustand, als wenn es ein einziges Blatt gewesen wäre, indem ein Theil vom andern wegen der zu festen Verbindung sich nicht trennen ließ. Nachdem er die zwei Bücher so zugerichtet hatte, gab er sie der Leiherin wieder zurück, die als Weib unbekannt mit gelehrten Untersuchungen, da sie an deren äusseren 482 Gestalt keine Änderung wahrnahm, sich um den inneren Zustand nicht weiter kümmerte.
Nach Verlauf einiger weniger Tage veranlaßt der göttliche Greis einige Rechtgläubige, den gottlosen Apollinarius zu einer Unterredung einzuladen. Dieser nahm die Einladung an und erschien im Vertrauen auf seine gottlosen Bücher am festgesetzten Tage. Einen freien Vortrag lehnte er unter dem Vorwande seiner Altersschwäche ab, ging aber darauf ein, sich seine Bücher bringen zu lassen und aus ihnen zu antworten und zu erwidern. Als nun seine Jünger die Bücher geholt hatten und damit großen Prunk machten, nahm jener in schlimmen Tagen ergraute Richter der Ungerechtigkeit eines der Bücher und suchte es zu öffnen. Da es aber, weil vom Leime festgehalten, sich nicht öffnete, versuchte er es in der Mitte des Buches. Aber auch hier ließ es sich nicht aufschlagen. Da er also mit dem ersten Nichts ausrichten konnte, so machte er sich sofort an das zweite, und als er nun fand, daß es sich gleichfalls nicht öffnen lasse, und ganz und gar nicht nachgebe, wechselte er vor Scham die Farbe, und die Verlegenheit raubte ihm die Fassung. Und indem er in Verwirrung die Versammlung verließ, wurde er vor lauter Kummer krank und kam dem Tode nahe. So unerträglich war ihm die Schmach.
§ 10
So zeigte sich im Eifer der Frömmigkeit unser großer Vater und Lehrer Ephräm. Das eine Mal zeigte er Sanftmuth und Gelassenheit, wenn kein Kampf nöthig war, ein anderes Mal Rauhheit und Härte. Zumal wenn der Glaube gefährdet war, behandelte er Alles mit Weisheit, und wie es die Verhältnisse erforderten. Denn auch das, sein Eifer 483 für Gott nämlich, ist nicht geringer, als seine vielen Fasten, Thränen und unabläßigen Gebete, oder ist vielmehr höher als Jenes, insoferne Jenes seinen Gewinn auf Den beschränkt, der sich ihm hingibt, dieser aber einen gemeinsamen Nutzen bringt. Denn die richtige Auffassung beurtheilt den guten Jäger im Kampfe gegen die streitbaren Thiere, den guten Steuermann im Kampfe mit den Winden, die das Schiff bestürmen, den geschickten Arzt an den schwer heilbaren Krankheiten, den wackeren Soldaten im Kampfe gegen ein mächtiges Heer, den für die Frömmigkeit besorgten und thätigen Mann in großen Gefahren und Schwierigkeiten, wenn er sich und die Übrigen aus bösen Anschlägen befreit. Man kann keine Art von Tugenden finden, die früher von Jemand geübt wurde, in der nicht zugleich auch er sich hervorgethan hätte. Und man kann seine Seele mit einer Quelle vergleichen, die allerlei Gewässer hervorsprudelt, welche mit Nutzen, Annehmlichkeit und Vergnügen geziert sind, oder mit einer Wiese, die mit mannigfaltigen wohlduftenden Blumen geschmückt ist, oder mit einem irdischen Himmel, der mit verschiedenen Lichtern prangt, oder mit einem Garten, wie der in Eden, den bekanntlich zahllose Fruchtbäume verschönerten, nur daß die böse Schlange ihn nicht betreten konnte, welche die Vertreibung bewirkte. Oder wenn die Natur sonst etwas Schönes und Angenehmes mit vielen und verschiedenen Gütern ausgezeichnet hat, so denke dir, daß der selige Geist des großen Ephräm so beschaffen sei, von allen Seiten mit vielen Gattungen von Tugenden umringt. Denn indem der wunderbare Mann im ganzen Leben bemüht war, den ganzen Umfang der Tugend sich anzueignen, strebte er alle Vorzüge in seiner einzigen Person zu umfassen.
Denn indem er das Gott angenehme Opfer Abels, des ersten unter den Gerechten, als Priester nachahmte, brachte er dem Herrn nicht Opfer von den Heerden, noch Fett dar, sondern ein unblutiges Opfer, den vernünftigen Dienst, in Reinheit des Lebens als Brandopfer dargestellt, nur soweit 484 mit Jenem in Widerspruch, als er nicht von dem bösen Mörder getödtet wurde, sondern den Schlingen des menschenfeindlichen Dämons entging und entfloh, und indem er als Sieger über die Nachstellung hervorging, wie Jener zum unvergänglichen Leben gelangte. Und indem er dem Enoch in der Hoffnung nacheiferte, rief er nicht bloß den Namen Gottes des Herrn an, sondern lehrte auch Andere, ihn zugleich anzurufen. Den Enoch ahmte er nicht durch die auffallende Versetzung von der Erde ins Paradies nach, sondern durch den Übertritt von der sinnlichen Leidenschaft zum Geiste. Den Noe ahmte er nach, nicht indem er das Geschlecht in einer hölzernen Arche spärlich rettete, sondern indem er seine Seele von allen Seiten sicher stellte, so daß er ohne Nachtheil durch die Woge des Lebens ging und die Ladung der Tugend keinen Schaden litt. Den Abraham ahmte er sowohl in vielen andern Dingen nach, im Glauben, in der Sanftmuth und in der Liebe zu Gott, als auch vorzugsweise in der Flucht vor der Welt, indem er wie Jener sein liebes Heimathsland und seine lieben Verwandten verließ, und darin, daß er an seinem Körper die Opferung des Eingebornen darstellte, indem er sich selbst Gott opferte und die irdischen Glieder tödtete. Den Isaak ahmte er nach, indem er bereitwillig und unerschrocken den Tod hinnahm, nur nicht vom Vater. Denn er opferte sich überall in apostolischer Weise. Mit dem Leibe brachte er sich als Fruchtopfer dar, soweit es vom Willen abhing. Dem Geiste nach aber lebte er und lebt er für Gott wegen des heiligen Opfers seines Leibes wie im Widder. Den Jakob ahmte er nach, indem er den unreinen Esau hinterging, das heißt, den Vater der Häresien, und die Erstgeburt, die richtige Lehre der Kirche, an sich riß und indem er nicht eine von der Erde bis an den Himmel 485 reichende Leiter, sondern eine bis an den Himmel sich erhebende Feuersäule sah, welche die Tiefe des Geheimnisses noch schöner zu verstehen gab, ausserdem noch, indem er an seine Jünger, als er im Begriffe war, von seinem Leibe zu scheiden, wie Jener an seine Söhne die Segnungen austheilte. Und wenn Einer diese genau betrachtet, so wird er glauben, daß es die jenes großen Jakob selbst seien. Den Joseph ahmte er zunächst nach in der Keuschheit und Reinheit des Körpers, vielmehr aber noch darin, daß er das Wort, wie Jener das Getreide, austheilte.
Dem Moses war er entweder in Allem oder im Meisten ähnlich. Denn auch er floh vor dem hinterlistigen Pharao und lebte in der Wüste und sah Gott, so weit es durch die Betrachtung möglich ist, und vollbrachte Wunder und führte das Volk in der Eigenschaft eines Lehrers und überlistete die Ägyptier und riß ihren Reichthum an sich, indem er die Bücher der Häretiker erbeutete und über sie triumphirte, und er theilte das Meer, den salzigen untrinkbaren Unglauben, und führte das Volk hindurch, die Schaar der Rechtgläubigen. Und die Pharaoniten ersäufte er im Meere, die gottlose Brut der Häretiker. Und er schlug den Amalek in die Flucht, wenn du einen Häretiker unter diesem Namen bezeichnen willst. Von Gott leitete er das Gesetz des rechten Glaubens ab und theilte es uns Allen mit. Auf dem Berge schaute er das Vorbild des Zeltes, nicht des Zeltes des Moses, sondern des bevorstehenden schrecklichen Gerichtes und Zustandes. Den Priestern ertheilte er die Weihe, indem er Vorschriften über das Priesterthum gab. Wasser ließ er aus dem Felsen sprudeln, indem er steinharten Herzen Thränen entlockte. Mit himmlischem Brode sättigte er wie Jener, indem er Allen die Reden der Liebe darbot, wodurch vorzugsweise jede Seele Kraft erlangt und guten Muthes zum göttlichen und geheimnißvollen Brode 486 hinzutritt, das aus dem Schooße des Vaters zu unserm Heile herabgekommen ist. Wachteln gab er uns Gläubigen auf Erden, indem er uns lehrte, durch das Andenken an Gott in den Himmel zu dringen und die himmlische Schönheit zu betrachten. Und überhaupt, mit welchen betrachtenden Reden man immer die Auszeichnungen unsers Vaters den alten Auszeichnungen an die Seite setzen will, man wird durchaus nicht finden, daß erstere hinter den letzteren zurückbleiben.
§ 11
Wie Jesus, der Sohn des Nave, den Jordan theilte, so öffnete er die für das Almosengeben verschlossenen Hände der Reichen zur Wohlthätigkeit, und setzte das Volk in die Erbschaft des Landes, nicht der irdischen Verheissung, sondern des himmlischen Reiches ein. Wie Samuel wurde er als Kind Gott dargebracht und vernahm die göttliche Stimme. Wie der große Elias verspottete er die Priester der Schande und lockte geistiges Feuer auf das vernünftige Opfer nicht einmal, sondern oft herab, und erhob sich auf dem feurigen Wagen der Tugenden als Fuhrmann nicht in die Luft, sondern in den Himmel. Wie Elisäus hat er die doppelte Gnade des Geistes sich erworben, und ist wie die Propheten oft der Erscheinung Gottes gewürdigt worden. Unsere Rede wagt es, ihn auch Dem, welcher der Größte ist von Denen, die ein Weib gebar, dem Vermittler des Gesetzes und der Gnade, an die Seite zu setzen. Wie der Vorläufer hielt er sich in der Wüste auf, und der Ruf des Herrn erging auch an ihn, und er trat als Bußprediger auf und unterwies Die, welche zu ihm kamen, ihre Sünden zu bekennen. Wie Paulus, das Gefäß der Auserwählung, bestand er mannigfaltige Versuchungen und wurde nicht müde, den Samen der Buße, wie Jener den Samen des Glaubens, auszustreuen. Und wozu soll man ihm noch länger den Einen nach dem Andern zur Seite setzen, da seine guten Thaten den ganzen Erdkreis erfüllen? 487 Wo aber die Werke hervortreten, ist es überflüssig, viele Worte zu machen und die lange Rede schlägt zur Unehre der Tugenden aus, als ob sie nicht im Stande wären, sich in Werken genügend zu offenbaren, sondern des Beistandes der Rede bedürften. Es geziemt sich aber, der Rede als eine wohlschmeckende Würze das hochgefeierte Wunder seines Todes beizufügen.
Als nämlich dieser Gottesmann in Begriff stand, in die himmlischen Wohnungen aufzubrechen, trug er den Anwesenden auf, sie sollten nicht in kostspieliger Kleidung seinen Leib beerdigen. Wenn aber etwa Einer als Freund des Vaters so Etwas beabsichtigt oder in Bereitschaft gesetzt hätte, so möchte er sein Vorhaben keineswegs ausführen, sondern es möge eben Das, was für seine Beerdigung bestimmt gewesen sei, den Armen gegeben werden. Einer von den Anwesenden von vornehmem Stande hatte nun ein kostbares Kleid im Voraus herrichten lassen und beschlossen, in demselben den Leib des göttlichen Greises zu begraben. Als er daher den Tadel vernahm, schmerzte es ihn und er konnte nicht zum Entschlusse kommen, das in Bereitschaft gesetzte Kleid den Armen zu geben, und glaubte sein Gewissen beruhigen zu können, wenn er den Armen dafür eine angemessene Summe Geldes gäbe. Dieser wurde sogleich vom bösen Geiste geschlagen und erntete für seinen Ungehorsam die bittersten Früchte, indem er sich vor dem Lager des Heiligen zerfleischte und aus dem Munde schäumte. Aber der mitleidige Mann Gottes sagte zu dem Geplagten: O Mensch, hast du irgend etwas Unrechtes gethan, daß dieser Unfall über dich kam? Dieser aber richtete sich in Folge seiner Anrede wieder empor, und, obschon vom Dämon im Geiste umdunkelt, gestand er doch den geheimen Gedanken und offenbarte seinen Ungehorsam. Nach diesem Geständniß machte ihn der barmherzige Greis wieder gesund und befreite ihn durch Auflegung der Hände und durch Gebet von seinem Zustande. Dann fügte er hinzu: Erfülle 488 dein Versprechen, o Mensch, das du schon lange in deinem Herzen gemacht hast.
Nachdem er ein solches Wunder am Ende seines Lebens gewirkt und seine Umgebung mit vielen Ermahnungen zum Eifer in der Tugend angeregt hatte, wie seine letzten Worte zeigen, führte ihn sein letzter Athemzug in den ruhigen Hafen des ewigen Reiches und er fand da gute Aufnahme. Und wo anders sollen wir glauben, daß seine Seele eingekehrt sei, als offenbar in den himmlischen Gezelten, wo die Schaaren der Engel, wo die Chöre der Propheten, wo die Throne der Apostel, wo die Freude der Martyrer, wo der Jubel der Heiligen, wo der Glanz der Lehrer, wo die Festversammlung der Erstgebornen und der reine Klang der Theilnehmer des Festes? Zu jenen Gütern, welche die Engel zu schauen sich sehnen, an jenen heiligen Ort ging die hochgepriesene und heilige Seele unseres seligen und gefeierten Vaters ein. Und ich glaube, daß seiner Seele, als sie zum Himmel sich erhob, die Tugenden seines Lebens vorausgingen und eine jede ihr jene unaussprechliche und unsichtbare Schönheit gezeigt habe, und daß wohl die größte von allen Tugenden, die Liebe, hinzugetreten sei und also gesprochen habe: Sieh, o theuerste Seele, welche Schönheit ich dir verschaffte! und mit diesen Worten ihm zugleich den Gegenstand der Entzückung gezeigt, und daß die Demuth herbeigekommen sei und gesagt habe: Sieh, gottgeliebte Seele, was für einen Ort der Ruhe auch ich dir bereitete! und daß alle nach einander gesagt und gezeigt haben, welche Belohnungen sie ihr, weil sie früher geübt worden wären, später verschafft hätten. O der preiswürdigen beneidenswerthen Abreise! O über den Tod, den man nicht zu beweinen braucht! O über die Trennung, welche die ersehnte Vereinigung bewirkt! O Hinscheiden, das dem Hingeschiedenen keine Unzufriedenheit bringt! O Leichenbestattung, die mit keinem Schmerz verbunden ist! Denn worin wir seine Lebensweise bewundern, darin finden wir unsern Trost. Denn bei den übrigen Menschen sehen die Überlebenden den 489 Tod als eine Ursache der Thränen an, bei den Heiligen aber veranlaßt er Freude und Festfeier, weil das nicht ein Tod, sondern vielmehr ein Scheiden und ein Hinübergehen zu einem besseren Loose ist.
Diese Lobsprüche werden dir von uns, bester Vater und Lehrer des Erdkreises, als Gaben unter deinem Verdienste, mit kühner Zunge dargebracht, nicht als ob du dessen bedürftest, ― denn welchen Ruhm könnte dir eine Rede bringen, die hinter dem Verdienste des Gelobten zurückbleibt? ― sondern vielmehr zum Nutzen der Lebenden. Denn die größte Aufmunterung und Ermahnung zum Guten ist das den guten Männern gespendete Lob. Zu dieser Rede veranlaßte und ermuthigte uns sowohl vieles Andere, ― denn ich übergehe die vielfältigen Vorzüge und was von deinem Leben und deiner Lehre in der ganzen Welt berühmt ist, ― als auch vorzugsweise dein wunderbarer Beistand in der Befreiung deines Namensgenossen, der uns auch bewog, dieser Arbeit uns zu unterziehen. Dieser wurde von Barbaren, Nachkommen des Ismael, gefangen fortgeführt. Und als er nach kurzer Entfernung von seiner Heimath wider [„wieder“ statt „wider“?] nach Hause zurückkehrte und keinen sicheren Weg kannte, fand er deinen unerwarteten Beistand und lernte durch dich den zur Rettung geeignetsten Weg kennen und verfehlte in der That sein Ziel nicht. Da er nämlich schon in die äusserste Gefahr gerathen war und er den Tod vor Augen sah, weil auf seinem Wege ihn ringsum die Barbaren bedrohten, so entging er, als er nur deines Namens gedachte und ausrief: „Heiliger Ephräm, steh mir bei!“ unbeschädigt dem gefahrvollen Irrweg, zeigte sich über die Furcht erhaben und hat so wider Erwarten Rettung gefunden und ist durch deine Fürsorge geschützt dem Vaterlande unverhofft zurückgegeben worden.
Deßhalb wagten wir im Vorhergehenden, uns weiter zu verbreiten, und wagten dein Lob mit unreinen Lippen auszusprechen. Und wenn wir in unserer Darstellung das 490 rechte Maß ziemlich erreicht haben, so werden wir dich offen als den Urheber des Gelingens erklären und dir das Verdienst zuschreiben. Wenn aber die Lobsprüche hinter deinem Werthe zurückbleiben, so werden wir auch dann für das Mißlingen dich verantwortlich machen, mag es auch ein kühnes Wort sein. Denn da du den Lobsprüchen entgehen willst und auch jetzt nach deinem Hinscheiden noch, wie damals, als du auf der Welt warest, die Demuth liebst, so stehst du Denen hindernd im Wege, die dich loben wollen. Doch mag das Eine oder das Andere der Fall sein, wir entrichten dir, so weit wir vermögen, unsere Schuld, und vertrauen, daß du uns, die wir dem Vater mit warmer Liebe zugethan sind, nicht zurückweisen, sondern wie von Kindern unsere stammelnden Worte, die den Eltern lieb sind, aufnehmen wirst. Du aber, der du am göttlichen Altare stehst und mit den Engeln die das Leben beherrschende hochheilige Dreiheit anbetest, sei unser Aller eingedenk, erflehe uns Nachlassung der Sünden und den Genuß des ewigen Reiches in Christus Jesus, unserm Herrn, dem der Ruhm sei mit dem Vater, der keinen Ausgang hat, und dem göttlichen belebenden Geiste jetzt und allzeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.VI. Lobrede auf den großen Martyrer Theodor.