448 Diese dritte Rede über die vierzig Martyrer hielt Gregor von Nyssa nach einer Rede seines Bruders Basilius über den gleichen Gegenstand. Er spricht sich bescheiden dahin aus, daß dieß für ihn allerdings ein schlimmer Umstand sei, weil er seinen Bruder in der Beredsamkeit nicht erreichen könne. Aber es sei ihm nicht darum zu thun, zu glänzen, sondern seinen Zuhörern zu nützen. Diese Rede erzählt den Tod der vierzig Martyrer theilweise umständlicher als die vorhergehende. Ferner wird ein von den vierzig Martyrern nach ihrem Tode gewirktes Wunder erzählt. Auch berichtet der Redner ein Traumgesicht, das er 449 selbst sah, als er auf Einladung seiner Mutter zu der zum ersten Male veranstalteten Gedächtnißfeier dieser Martyrer in Folge vieler anderwärtiger Geschäfte mit einigem Widerstreben sich begeben hatte.
§ 1
Die römischen Soldaten legen nach vaterländischer Sitte und nach einer alten Gewohnheit, welche die Kinder von ihren Vorfahren angenommen haben und bis in die Gegenwart beobachten, bei Beginn des gegenwärtigen Monats volle Waffenrüstung an, begeben sich auf eine ziemlich weite und abschüssige Fläche, wo man die Pferde weit herumtummeln, Manöver ausführen und jede Waffenübung vornehmen kann, begehen eine Erinnerung des Jahres und eine festliche Feier des Tages. Ich aber feiere die Erinnerung der Martyrer, und nachdem ich euch diese am vorhergehenden Tag angekündigt habe, rüste ich die vierzig Streiter Christi, die an Muth von Niemand übertroffen werden, zu den Kämpfen, und stelle sie euch heute, wenn ihr der Sehkraft nicht beraubt seid, in bewundernswerther Gestalt vor, als Zierde der Kirche, als Freude der Völker, als Ruhm Gottes, der ihnen Stärke verlieh. Gewiß aber ist es gut und sehr nützlich, daß im Hinblick auf die Beispiele der Tugend die Jünglinge aufwachsen und die Männer heranreifen. Denn das Gehör gehört zu den nützlichsten Sinneswerkzeugen, und man kann durch dasselbe ebenso lernen wie durch die Augen. Denn durch die Ohren führt es die Kenntnisse deutlich in die Seele ein, und es ist von großer Bedeutung, ob der Vortrag gut oder nicht gut sei. Denn wie dieser beschaffen ist, so muß auch die Vorstellung in den Gedanken sich gestalten. Eine fortgesetzte geistige Erwägung und Betrachtung aber erregt im Menschen das Verlangen, zu thun, was er denkt. Deßhalb höret mich ruhig und aufmerksam an, damit auch den seligen Martyrern die geziemende Ehre zu Theil werde, und ihr durch 450 die Erinnerung zur Frömmigkeit und Liebe Gottes angeleitet werdet.
§ 2
Ich aber habe einen doppelten Kampf zu bestehen und befürchte, ich möchte durch die Schwäche der Darstellung meinen Gegenstand verunglimpfen. Denn mag man die Großartigkeit des zu behandelnden Gegenstandes selbst betrachten, so ist er über jede Rede erhaben, oder mag man Den betrachten, der vor uns durch seine Weisheit die Heiligen gekrönt hat, so ist er ein Mann, dessen Bewunderung dem Erdkreise gemeinsam ist, eine zuverläßige Richtschnur in christlicher und heidnischer Wissenschaft, eine Zierde der Weltweisheit, ein schwer zu erreichendes Vorbild für Bischöfe, ein Lehrer, in dem Wort und That in Einklang stehen, dessen Ehre bei allen Menschen unbestritten ist, ausser bei Denen, die selbst Christum lästern. Denn wie Niemand bestreitet, daß die Sonne erleuchte und erwärme, so wird auch Niemand bestreiten, daß der große* Basilius* mit jeder Schönheit der Tugend geziert sei. Er ist ein erhabener Lobredner der Erhabenen, ein heiliger Diener der Heiligen, der nach der ihm verliehenen Kraft den Siegern den Ehrenpreis entrichtet. Ich aber muß nicht deßhalb schweigen, weil er zuerst das Ausserordentliche in großartiger Weise verkündet hat. Denn ich beabsichtige jetzt nicht einen Wettkampf mit dem früheren Redner, sondern es ist mir um den Nutzen meiner Zuhörer zu thun. Es nützt aber nothwendig Jeder, wie er es vermag, indem den Genuß des Größeren die Reicheren verschaffen.
Die vierzig Krieger also waren ihrem Stande nach Soldaten des römischen Kaisers, ihrem Glauben nach Christen und fromme Verehrer Gottes. Da aber der damalige Machthaber zu den Götzendienern gehörte, ließ er, indem die Dämonen ihn zu diesem harten Beschluß verleiteten, durch ein neues Gesetz und Decret die Christen verfolgen, indem er befahl, daß alle Unterthanen entweder den Dämonen Weihrauch opfern oder, wenn sie das nicht thun 451 wollten, zum Tode verurtheilt werden, und vor dem Tode am ganzen Körper viele Mißhandlungen leiden sollten. Damals nun, damals benützten die Seligen die Grausamkeit des Tyrannen und das gottlose Gesetz, um eine Probe ihres Heldenmuthes zu geben und indem sie sich von den übrigen Soldaten losrissen und eine auserlesene christusfreundliche Schaar bildeten, die von der Macht des Geistes angeführt wurde, widersetzten sie sich offen den gottlosen Decreten und verkündeten Alle einstimmig wie aus einem Munde unsern Glauben, indem sie erklärten, sie kümmerten sich wenig um dieses vergängliche Leben und wollten ihre Leiber den mannigfachen Gattungen von Strafen ausliefern. Als nun der Diener des gewaltthätigen Gesetzes, ein noch größerer Tyrann, von der Widerspenstigkeit der Heiligen hörte, suchte er eine Strafe ausfindig zu machen, die ihrem Muthe das Gleichgewicht hielte, und ersann für die unfügsamen Gemüther ein neues unerhörtes Einschüchterungsmittel. Drohe ich ihnen mit dem Schwerte, denkt er bei sich, so ist die Furcht zu gering, um sie zu erschüttern, und sie werden sich nicht beugen. Denn es sind Männer, die von Kindheit auf unter den Waffen lebten und das Schwert zu tragen gewohnt sind. Wenn ich mit anderen Peinen auf sie eindringe, so werden sie muthig Stand halten, da sie mit Schlägen und Wunden wohl vertraut sind. Auch das Feuer ist für Leute von so widerspenstigem Sinne nicht furchtbar. Deßhalb mußte er eine Strafe erfinden, die mit brennender Heftigkeit des Schmerzes einen langsamen schleppenden Verlauf verbände. Was beschloß nun mit solcher Besorgtheit der Erfinder des Bösen gegen die Heiligen? Durch ernstes Nachdenken gerieth er auf eine Qual in freier Luft, zu welcher die Jahreszeit und das Land ihm behilflich waren. Denn die Zeit war der Winter, der Ort aber Armenien, das euch bekannte rauhe Nachbarland, das seinen Bewohnern nicht einmal die heisse Jahreszeit bringt, sondern mit genauer Noth so viel Wärme annimmt, als nöthig ist, um die Ähre zur Reife zu bringen. Das Gewächs des Weinstocks ist bei ihnen ganz unbekannt, und wer keine 452 weite Reise macht, lernt keine Traube kennen, und er frägt in Betreff des Weinstocks, wie wir um die Erzeugnisse Indiens. Dort ― in Armenien ― pflügt der Säemann die Erde, wenn noch Schnee liegt, und die Ernte wird von Schneegestöber überrascht, und dem Schnitter wehen die Winde die Kleider fort, wenn er sie nicht fest anbindet und gegen den Andrang der Winde kämpft. Einen Herbst und Frühling gibt es aber beinahe nicht, da sie der Winter als ein schlimmer Nachbar an sich reißt und seiner Herrschaft unterwirft. In diesem Lande also und im gegenwärtigen Monate ließ er die Heiligen entkleiden und mit ganz nacktem Körper aussetzen, indem er so die Jünger der Frömmigkeit in ganz anderer Weise züchtigte, als der König der Assyrier im babylonischen Feuerofen. Aber in Bezug auf Schmerz ist brennendes Feuer mit der Kälte nicht in Vergleich zu setzen, welche Erstarrung und Aufsaugung der Kräfte bewirkt.
Denn das erste paßt zum Schwerte und führt rasch zum Tode, letztere bereitet den gleichen Schmerz, aber verzögert das Ende. Denn überhaupt haben die von der Kälte bewirkten Leiden, wie viertägiges Fieber, Krebs, Karbunkel und alle Zustände, von denen wissenschaftliche Ärzte nachweisen, daß sie durch die kalte Materie in den Körpern hervorgebracht werden, einen langsameren Verlauf. So sind Die, welche mehr kalt und fett von Constitution sind, träger und haben einen schwerfälligen Körper. Und ebenso verhält es sich mit den unvernünftigen Thieren: die wärmeren sind schnell und bewegen sich leicht, wenn irgend ein Bedürfniß es erheischt, die aber einen entgegengesetzten Zustand haben, sind langsam und von Lähmung gefesselt. So ist das Pferd schnell und läßt sich durch den Knall in Lauf bringen, bevor es die Peitsche fühlt, der Esel dagegen ist langsam und läßt sich kaum mit Prügeln forttreiben. Rasch ist der Panther und stürzt mit seinem dürren hitzigen Körper durch die Thalschluchten, der Bär dagegen kommt mit seinen dickeren Gliedern schwerfällig einhergeschritten. 453 Diese physiologischen Bemerkungen habe ich nicht ohne Absicht gemacht, sondern damit ihr die Ausdauer der Männer beurtheilen könnet, indem ihr die Art und Weise der Strafe erwäget.
§ 3
Der Winter bewirkt, daß schiffbare Flüsse mit den Füßen betreten werden, und verwandelt das fließende Wasser zur Härte und Festigkeit der Steine, zersprengt Felsen, wenn er in die Tiefe dringt, und zerstört Körper von entgegengesetzten Eigenschaften in gleicher Weise, indem er weiche in Steine umwandelt und harte zersprengt. So nimmt der Wein, wenn er fest wird, die Gestalt des umschließenden Fasses an, und das flüssige Öl wird starr und gestaltet sich nach dem Raum des Gefäßes. Der Krystall aber und die Muschel werden von der Feuchtigkeit zerbrochen und zerbröckelt. Von den Thieren gehen Die, welche auf den Bergen und unter freiem Himmel leben, theils zu Grunde, theils vergessen sie im Übermaß des Elends sogar ihre Wildheit. Denn Hirsche und Rehe schlagen in Ställen ihren Wohnsitz auf und fürchten sich dann weder vor Hunden, noch ergreifen sie die Flucht, wenn man sich nähert. Denn das größere Ungemach verscheucht immer die Angst vor den geringeren Schrecken. Die Vögel kehren bei den Menschen ein und weilen unter ihrem Dache. Die Menschen aber graben das Meer auf und zerhacken mit Instrumenten, mit denen man sonst Steine bearbeitet, das Wasser, und Solche, die nicht weit von einander entfernt sind, heben ihren Verkehr auf. Diese Jahreszeit diente dem Tyrannen zur Waffe gegen die Martyrer. Denn er mußte, wie es scheint, die große und einstimmige Schaar der Seligen durch eine neue gemeinsame Art der Strafe bekämpfen, damit sie einen Ruhm der Frömmigkeit erlangten, mit dem der Ruhm der übrigen Martyrer keinen Vergleich aushält. Da standen sie also bebend, und es froren ihre Glieder, und sie wankten nicht in ihrer Gesinnung und boten Engeln, Menschen und Dämonen ein Schauspiel des Kampfes dar. Die Engel warteten auf die Lostrennung der Seelen, um sie 454 aufzunehmen und zu ihrem eigenen Wohnort zu führen, die Menschen waren auf den Ausgang gespannt, um die Kraft der gemeinsamen Natur kennen zu lernen, ob wir aus Furcht oder aus Hoffnung der Zukunft so heftigen Schmerzen überlegen sein könnten. Die Dämonen waren aber auf die Vorgänge sehr aufmerksam und wünschten den Fall der Streiter und ihr unmännliches Verzagen in den Kämpfen zu sehen. Ihre Erwartung wurde aber beschämt, weil Gott Kraft verlieh.
Denn sie sahen ihre Verstümmelungen, sowohl jeder Einzeln seine eigenen, als auch Alle ihre gegenseitigen. Da lag Einer, dem Fuß oder Zehen abgefallen waren, dort ein Anderer, dessen natürliche Wärme ganz erloschen war. Wie die heftigen Winde, wenn sie auf eine bewachsene Gegend losstürmen, dann die hohen Bäume erschüttern und entwurzelt auf die Erde hinstrecken, in gleicher Weise wurde vom Winterfroste die Schaar der Seligen niedergeworfen, die edlen Bäume des Paradieses, die Zierde des Geschlechtes, die Wurzeln unseres Wachsthums, die Streiter des Paulus, die Leibwache Christi, die Zerstörer der Altäre, die Baumeister der Kirchen, die, zum Kampfe gegen die Barbaren geworben, gegen den gemeinsamen Feind der Menschheit den Kampf vollendeten. Den Tod erlitten sie nicht aus Zwang und unvermeidlicher Nothwendigkeit, sondern die Rettung war ihnen gar leicht und stand in ihrer Macht, wenn sie ihren Widerstand aufgeben wollten. Es war nämlich ein Bad in der Nähe, das absichtlich nahe an der Stelle der Strafe angebracht war, und es war die Thür geöffnet, und Thürwärter luden ein. Denn der Tyrann war erfinderisch in der Verfolgung und in schlauer Bosheit und legte den Erstarrenden den Köder der Übertretung nahe und rieth ihnen, zur Linderung überzulaufen, 455 wie sein Vater den ersten Menschen, vom Baume zu essen. Sie aber zeigten sich da noch mannhafter, weil sie wußten, daß die Ausdauer dann ihre Probe besteht, wenn sie, obschon der Genuß möglich gemacht ist, sich enthaltsam zeigt, wie aus früherer Zeit eine solche Handlungsweise in Betreff des großen Daniel erzählt wird. Denn da ihm der Genuß reichlicher und angenehmer Lebensmittel und Getränke angeboten wurde, begnügte er sich aus Abscheu und Abneigung vor Götzenopfern mit dem Genuß von Gemüsen, und er blühte trotz seinem Fasten, und obschon er sich der Speise enthielt, sah er besser aus, als die ein schwelgerisches Leben führten. Denn es ist das ein besonderes Geschenk Gottes, daß er den treuen Dienern in ihrer Noth unerwartete Hilfe spendet.
Weil übrigens an die großen Thaten sich die Mißgunst hängt, so wäre die selige Schaar beinahe verringert worden, und es fehlte nicht viel, so wäre uns die Vollzähligkeit der vierten Dekade verloren gegangen. Denn Einer von ihnen ließ sich durch die Kälte entmutigen, und schon dem Siege nahe verließ er, ach! seine Kampfgenossen und ging von der List des Tyrannen überwunden in das Bad, indem er aus Liebe zum Leben seines fast aufgeriebenen Fleisches schonte. Denn er ging der Hoffnung verlustig und gewann das zeitliche Leben nicht, da er bald nach seiner Übertretung starb, ein unglücklicher Judas unter den Martyrern, weder ein Jünger noch reich, und noch dazu den Strick hinter sich nachschleppend. Und man wundere sich nicht! Denn das ist die gewöhnliche boshafte Handlungsweise des Teufels gegen Die, welche sich ihm unterwerfen. Er betrügt sie und schmeichelt ihnen auf mannigfache Weise, um sie zum Falle zu bringen. Hat er sie aber zum Falle gebracht, so tritt er sie sogleich mit Füßen und häuft Spott auf den Gefallenen und fügt höhnend Schande zum Unglück und freut sich über die Schande des Verlockten. Daher nennt ihn auch der Psalmist einen Feind und 456 Rächer, um durch den Gegensatz der Namen die Veränderlichkeit der Lebensrichtung zu bezeichnen. Denn mit den Menschen schließt er niemals Bündniß und Freundschaft. Er heuchelt aber dann Freundschaft, wenn er sich in die Larve des Betruges stecken will. Aber der uns in unserer Ohnmacht beisteht und in uns die guten Reden und Handlungen pflanzt, fand wie Abraham ein Schaf zum Opfer, einen Verwandten unter den Feinden, einen Bekenner unter den Lästerern und einen Martyrer unter der Schaar der Verfolger. Einer nämlich von den Henkern des Tyrannen, der des Anblicks der Engel, die über die Martyrer herabschwebten, gewürdigt und von der Erscheinung der heiligen Geister, wie einst Paulus bei seiner Reise nach Damaskus von der Herrlichkeit Christi umstrahlt wurde, änderte sogleich seine Gesinnung, legte seine Kleidung ab und mischte sich unter die Erstarrenden. Und er wurde Alles zugleich innerhalb eines kurzen Zeitmomentes: Neubekehrter, Bekenner, Martyrer, im eigenen Blute ins Bad der Wiedergeburt getaucht, im erstarrten, nicht im fließenden Blute, ein gekrönter Mann, der Alles werth ist. Ihm verdanke ich es, daß ich in der Kirche die vierzig Männer zähle. Durch diesen Hochherzigen ist die Schaar der Martyrer ohne Verlust. Durch den Neubekehrten feiern wir bei unverkümmerter Zahl ein unverkümmertes Fest. Dem Teufel aber wurde ein hübscher und lustiger Streich gespielt. Indem er nämlich den Krieger stahl, wurde ihm der Verfolger und Henker entwendet.
§ 4
Was geschah nun weiter? Die Hochseligen gelangten an das erwünschte Ziel. Der Peiniger aber fand den Sieg der Martyrer unausstehlich und führte Krieg gegen die todten Leiber. Er befahl, daß die Wohnungen der heiligen Seelen dem Feuer übergeben würden, und ahmte in einer einzigen That die wilden Thiere und die grausamen Männer nach. Denn die ersteren zerreissen, wenn die verfolgten 457 Menschen die Flucht ergreifen, die ihnen vorgeworfene Kleidung, die letzteren aber zünden, wenn die Feinde fortziehen, ihre Häuser an und zerstören sie. Und einer der Martyrer hatte mit Recht zu ihm gesagt: Ich fürchte, o Thor, deine Grausamkeit nicht. Denn ich war in Furcht, so lange die Seelen in den Erstarrenden wohnten, es möchte die übermäßige Pein über den Muth der Frommen siegen. Nachdem aber diese Furcht verschwunden ist, so treibe mit dem zurückgebliebenen Staube, was dir beliebt, und wenn du mein Fleisch verzehrest, ist es mir gleichgiltig. Denn eine je wüthendere Grausamkeit du zeigst, eine desto herrlichere Siegeskrone bereitest du den Abgeschiedenen. Denn die muthigen Angriffe der Feinde sind leuchtende Beweise von der Tapferkeit der Sieger.
Doch wozu die langen Umschweife? Die Leiber wurden verbrannt und vom Feuer aufgenommen. In jenen Staub aber und in die Überreste des Ofens theilte sich die Welt, und fast jedes Land hat den Segen dieser heiligen Gegenstände. Auch ich habe einen Theil des Geschenkes und habe die Leiber meiner Väter zu den Überresten der Krieger gelegt, damit sie zur Zeit der Auferstehung mit den mächtigen Schützern auferweckt werden. Denn ich weiß, welche Kraft sie haben und sah deutliche Beweise ihrer Macht bei Gott und will nur eine ihrer Wunderthaten anführen. Dem mir zugehörigen Dorfe, in welchem die Überreste dieser Hochseligen ruhen, ist eine Stadt benachbart, die Ibor heißt. Da nun in dieser nach der hergebrachten Sitte der Römer eine Abtheilung Soldaten in Besatzung lag, kam einer der Kriegsleute in das genannte Dorf, den der Hauptmann zum Schutze des Ortes abgeordnet hatte, um die Excesse seiner Kameraden im Zaum zu halten, die das Militär aus Übermuth gegen die Landleute zu begehen pflegt. Dieser aber war an einem Fuß lahm und mußte hinken, und dieser sein Zustand war veraltet und unheilbar. Als er nun ins Martyrium und in die Ruhestätte der Heiligen getreten war und zu Gott betend 458 die Hilfe der Heiligen angerufen hatte, erschien ihm bei Nacht ein Mann von würdevollem Aussehen und sagte, nachdem er einiges Andere mit ihm gesprochen hatte: „Du hinkest, o Krieger, und bedarfst der Heilung? Laß mir doch deinen Fuß anrühren.“ Und das Traumbild berührte ihn und zog ihn kräftig an. Und während dieß in der nächtlichen Erscheinung vor sich ging, vernahmen die Wachenden ein Geräusch, wie es zu entstehen pflegt, wenn ein Bein, das aus der natürlichen Verbindung getreten ist, wieder mit Gewalt eingefügt wird. Darüber erwachten die übrigen Schläfer und auch der Krieger, und kaum war dieser erwacht, so ging er wie ein Gesunder in natürlichem Gange einher. Dieses Wunder sah ich an und traf mit dem Manne selbst zusammen, der es Allen verkündete und die Wohlthat der Martyrer pries, und die Menschenliebe der Krieger verherrlichte.
Soll ich aber Etwas beifügen, was mich persönlich betrifft, so will ich es anführen. Als wir nämlich im Begriffe standen, das erste Fest bei den Überresten zu feiern und die Urne in der heiligen Kapelle beizusetzen, lud mich meine Mutter, denn diese hatte das Fest für Gott angeordnet und vorbereitet, zur Begehung desselben ein, obschon ich weit entfernt und noch jung war und dem Laienstande angehörte. Wie es aber zu geschehen pflegt, wenn man dringende Geschäfte hat, nahm ich, da ich keine Muße hatte, den Ruf der Mutter übel auf und grollte ihr, daß sie das Fest nicht auf eine andere Zeit verlegte, sondern mich von vielen Sorgen abwendig machte und mich dorthin zog und bevor eine Versammlung stattgefunden hatte, kam ich an den Ort. Als nun in einem Garten eine Nachtfeier war, wo die Überreste der Heiligen durch Psalmengesänge geehrt wurden, erschien mir, während ich in einem benachbarten Häuschen schlief, folgendes Traumgesicht. Es kam mir vor, als wollte ich in den Garten eintreten, wo von den Wachenden die Nachtfeier begangen wurde. Als ich in der Thüre stand, sah ich eine Schaar Soldaten am Eingang sitzen. 459 Diese erhoben sich sogleich insgesammt, schwangen ihre Stäbe gegen mich und verwehrten mir, indem sie drohend auf mich losgingen, den Eingang, und ich hätte selbst Schläge davon getragen, wenn nicht, wie es mir schien, ein wohlwollenderer Mann für mich Fürbitte eingelegt hätte. Als ich aber vom Schlafe erwachte und meines Fehltrittes bei der Einladung gedachte, fiel mir ein, worauf die furchtbare Erscheinung der Krieger hinaus wollte, und ich beweinte meine Thorheit mit vielen Thränen und ließ auch auf das Behältniß der Reliquien eine bittere Thräne fließen, damit mir Gott gnädig wäre, und die heiligen Krieger mir verzeihen möchten.
§ 5
Das führte ich an, damit wir uns überzeugen, daß die Martyrer leben und Gottes Leibwache und Gefolge sind, die heute unserer Kirche Gewinn und Schmuck verleihen. Glänzender und großartiger aber ist dieser vierzigste Tag, der uns das Gedächtniß der vierzig Martyrer bringt, und berühmter der Monat als die übrigen Monate, und der rauhe Winter scheint mir nicht mehr beschwerlich, und ich schlage die Strenge der gegenwärtigen Jahreszeit nicht hoch an. Denn diese diente dem Verfolger zur Waffe und bereitete dieser heiligen Schaar das Lebensende. Und wie die Mutter der sieben Makkabäer, weil ihre Seele mehr Gott liebte als das Fleisch, weder über die Grausamkeit des Antiochus, des Tyrannen von Syrien, Klage führte, noch über die Martern und Leiden ihrer Söhne ungehalten war, sondern die Verlassenheit als Wohlthat und die Kinderlosigkeit als Unterstützung hinnahm, und wie auch Stephanus, als er gesteinigt wurde, nicht verletzt, sondern lebendig gemacht zu werden glaubte, so sind auch wir Denen, die gegen Gott kämpfen, wegen des guten Ausgangs Dank schuldig, daß sie uns Urheber so großer Güter geworden sind, wenn sie auch nicht eine Wohlthat, sondern einen feindseligen Kampf bei ihrer Thätigkeit beabsichtigen. Denn auch Feinde erweisen, ohne es zu wollen, Wohlthaten, die keinen geringeren Werth haben, als die von wahren Freunden. 460 Der Teufel nützte dem Job mehr, als er ihm schadete. Der König der Assyrier war ein Wohlthäter des Daniel. Die drei Knaben sollen dem Feuerofen Dank sagen, und der zersägte Isaias preise die Hebräer, Zacharias, der zwischen dem Tempel und Altare getödtet wurde, ehre seine Mörder, der enthauptete Johannes preise den Herodes als seinen Wohlthäter, und die Apostel Die, von denen sie gebunden und gegeißelt wurden. So mögen alle Martyrer ihre Verfolger lieben. Denn wenn diese den Kampfplatz nicht eröffnet hätten, so hätten die Wettkämpfer keine Probe ihrer Tapferkeit abgelegt.
Was soll man von Dem, was zum Lobe der Männer uns dargeboten ist, mehr anstaunen, die Menge, die Unerschütterlichkeit oder die ungeheuchelte Übereinstimmung? Wollen wir zuerst nicht gleichgiltig und undankbar die Zahl übergehen. Denn wer so viele Fürsprecher hat, dessen flehendes Gebet kann nie fruchtlos sein, mag er noch so sehr von Sünden beschwert sein. Und Zeugniß für diese Erwartung und Hoffnung gibt Gott in der Unterredung mit Abraham, als er die Fürbitte für die Sodomiten anhörte und nicht vierzig, sondern zehn Gerechte forderte, um die Rettung der zum Untergang bestimmten Stadt von sich erflehen zu lassen. Wir aber, die wir nach dem Ausspruch des Apostels von einer so großen Wolke von Martyrern umringt sind, wollen uns glücklich preisen, voll freudiger Hoffnung ausharrend im Gebete, Theil nehmend an den Erinnerungen der Heiligen.
Denn vierzig Martyrer sind es, mächtige Kämpfer gegen die Feinde, zuverlässige Fürbitter bei dem Herrn. In der Hoffnung auf diese fasse der Christ Vertrauen im Kampfe gegen den Teufel, der uns in Versuchung führt, 461 gegen die bösen Menschen, die sich erheben, gegen die Tyrannen, die im Zorne entbrennen, gegen das tobende Meer, gegen die Erde, wenn sie nicht hervorbringt, was sie für die Menschen zu erzeugen bestimmt ist, und gegen den Unglück drohenden Himmel. Denn für jedes Bedürfniß und jede Noth ist ihre Macht stark genug und erlangt reichliche Gnade von Christus, dem jeder Ruhm gebührt in Ewigkeit. Amen.V. Lobrede auf unseren heiligen Vater Ephräm.