503 Die vorliegende Darstellung des Lebens des heiligen Gregor des Wunderthäters möchte den Namen einer pragmatischen Biographie verdienen. Nach allgemeinen Bemerkungen über den Nutzen, den uns die Lebensbeschreibungen der Heiligen bringen, und allgemeinen Lobsprüchen wird auf die einzelnen Thaten und Begebenheiten mit besonderer Hervorhebung der Wunderthaten eingegangen. Die Erzählung ist fortwährend mit Betrachtungen durchflochten, und es werden die Wunder des Heiligen den Wundern des alten Testamentes vergleichend gegenüber gestellt. Auch ist in die zweite Hälfte eine sehr lebhafte Schilderung der Christenverfolgung unter Decius eingeschaltet.
§ 1
Unsere Rede und unsere gegenwärtige Versammlung haben den gleichen Zweck. Denn der große Gregor hat 504 euere Versammlung und meinen Vortrag veranlaßt. Ich glaube, daß die nämliche Kraft nöthig ist, sowohl um die Tugend im Werke zu vollbringen, als auch, um das Gute würdig in der Rede darzustellen. Daher muß wohl jener Beistand angerufen werden, mit welchem Gregor im Leben die Tugend vollbrachte. Das ist aber, wie ich glaube, die Gnade des Geistes, welche sowohl zum Leben als auch zur Rede Denen ihre Kraft verleiht, die in diesen beiden Beziehungen thätig sind. Da nun jenes leuchtende und weithin strahlende Leben durch die Kraft des Geistes geführt wurde, so muß man flehen, daß der Rede so viel Beistand zu Theil werde, als Jenem im Leben geworden ist, damit nicht die Lobrede hinter dem Verdienste der Thaten zurückbleibe, sondern der Mann den Menschen der Gegenwart durch die Erinnerung so erscheine, wie er in jener Zeit durch die* Werke* sich selbst zeigte. Wenn nun die Erinnerung an Die, welche sich in der Tugend hervorthun, ohne Gewinn wäre und die Zuhörer nicht im Guten vorwärts brächte, so wäre es vielleicht überflüssig und nutzlos, ohne Aussicht auf Gewinn nach Schönheit der Rede zu streben, indem ich selbst derselben mich vergeblich bediente und die Zuhörer zwecklos belästigte. Da aber eine solche Anmuth der Rede, wenn sie anders in entsprechender Weise angewendet wird, ein gemeinsamer Gewinn für die Zuhörer sein wird, gleich wie der Leuchtthurm für Die, welche auf dem Meere schiffen, indem er Denen, welche im Dunkel auf dem Ocean herumirren, die Richtung zeigt, so glaube ich, daß beide Theile in gleicher Weise auf dieselbe einen Werth legen müssen, ihr als Zuhörer und ich als Redner. Denn es ist offenbar, daß sein tugendhaftes Leben, indem es nach Art eines Leuchtthurms mittelst der Erinnerung unseren Seelen leuchtet, ein Weg zum Guten sowohl für den Redner als für die Zuhörer wird. Denn wir Menschen sind schon von Natur so beschaffen, daß wir mit Allem, was lobenswerth und schätzbar ist, in Berührung stehen wollen und vom Verlangen nach dessen Besitz erfüllt werden.
§ 2
505 Von so hoher Bedeutung ist nun der Gegenstand unserer Rede; für mich aber ist es von allen Seiten gefahrlos, den Gegenstand in Angriff zu nehmen, mag die Rede zur Größe der Thaten sich zu erschwingen vermögen oder auch nicht. Denn in beiden Fällen wird für den Gelobten das Lob gleich sein. Wenn nämlich die Rede die Wunder erreichen sollte, so wird sie geradezu die Zuhörer durch die Thaten in Verwunderung setzen. Bleibt sie aber hinter der Größe zurück, so wird auch auf diese Weise der Ruhm des Gelobten verherrlicht. Denn es ist die beste Lobrede auf einen Mann, wenn es sich zeigt, daß er für die Macht der Lobredner nicht erreichbar sei. Keiner aber von Denen, welche in der göttlichen Weisheit unterrichtet sind, soll wünschen, daß Dem, welcher in geistiger Weise Lob verdient, nach Sitte der Ungläubigen durch die kunstvollen Windungen der Lobreden Lob gespendet werde. Denn nicht auf das Gleiche stützt sich für uns und die Übrigen die Beurtheilung des Guten, und nicht die nämlichen Meinungen findet man über die nämlichen Gegenstände bei Denen, welche für die Welt leben, und bei Denen, welche über die Welt sich erheben. Denn* Jene* halten für etwas Großes und Wünschenswerthes Reichthum, vornehme Abkunft, Ruhm, weltliche Macht, Mythen über die Entstehung der Vaterstadt und Erzählungen, die von allen Verständigen abgewiesen werden, Trophäen, Schlachten und Leiden des Krieges; nach* unserer* Ansicht aber steht* ein* Vaterland in Ehren, das Paradies, der erste Herd des Menschengeschlechtes,* eine* Stadt, die himmlische, die aus lebendigen Steinen gebaut ist, deren Baumeister und Gründer Gott ist,* eine* vornehme Abstammung, die enge Verwandtschaft mit Gott, welche nicht von ungefähr Jemand zu Theil wird nach Art des menschlichen Adels, der bekanntlich durch zufällige Reihenfolge sich fortpflanzend oft auch auf Unwürdige übergeht, sondern die man nicht anders als durch seine Lebensweise erwerben kann. Denn Allen, die ihn aufgenommen haben, sagt das göttliche Wort, gab er die Macht, Kinder 506 Gottes zu werden. Was könnte aber ehrwürdiger sein, als ein solcher Adel? Um das Vaterland drehen sich bei allen Übrigen Mythen, Dichtungen, und mit den mythischen Darstellungen vermischter dämonischer Trug, unser Vaterland aber bedarf keiner rednerischen Darstellung. Denn wenn man nach dem Himmel schaut und seine Schönheit und die ganze Schöpfung mit dem Auge der Seele betrachtet, so wird man in allen Wundern, die man hier wahrzunehmen vermag, eine Schilderung unseres Vaterlandes finden, oder vielmehr nicht unseres Vaterlandes selbst, sondern der Pflanzstadt, in die aus dem höheren Leben verpflanzt wir die gegenwärtige Welt in Besitz genommen haben. Wenn aber die Pflanzstadt so beschaffen ist, so läßt sich schließen, wie die Mutterstadt der Pflanzstadt sei, welche Schönheit sie besitzt, was für eine Residenz sie hat, welche Seligkeit die genießen, welche in derselben ihre Wohnung aufgeschlagen haben. Denn wenn Das, was in der Schöpfung sich wahrnehmen läßt, eine solche Beschaffenheit hat, daß es über jedes Lob erhaben ist, was soll man von Dem glauben, was darüber hinaus liegt, was man weder mit dem Auge erfassen noch mit dem Gehör in sich aufnehmen noch mit dem Gedanken ergründen kann? Bei dieser geistigen Lobspendung wendet die göttliche Lobpreisung auf die Gelobten die eitle irdische Redeweise nicht an, indem sie es für unanständig erachtet, daß Die, von welchen Solches bekannt ist, durch irdische Ehre verherrlicht werden. Denn ein weltlich gesinnter Mann, der auf sinnliches Glück schaut, mag auf solche Dinge das Lob der Menschen gründen: wenn Einer ein Vaterland hat, das reich ist an Weideplätzen, wenn ein benachtbartes Meer reichliche Nahrung für Feinschmecker liefert, wenn aus wohl gefügten Steinen prachtvolle Gebäude sich erheben. Wer aber auf das höhere Leben schaut, für wen die Schönheit in der Reinheit der Seele besteht, der Reichthum aber in der 507 Besitzlosigkeit, das Vaterland in der Tugend und die Stadt in der Herrscherwohnuug Gottes selbst, der wird die Ehre in irdischen Dingen für Schande halten. So werden auch wir solche Lobsprüche bei Seite lassen und weder das Vaterland dem großen Gregorius zum Ruhme anrechnen, noch die Ahnen zur Vermehrung seines Lobes herbeiziehen, wohl wissend, daß es kein wahres Lob gibt, wenn es nicht eigenes Verdienst Derjenigen ist, die gelobt werden. Eigen aber nennen wir, was beständig bleibt und in Ewigkeit nicht geraubt werden kann. Da wir nun von Allem uns scheiden müssen, von Reichthum, Ansehen, Ruhm, Ehre, Lust, Genuß, Verwandten, Freunden und nur in unserm Zustande in Bezug auf Laster und Tugend ohne Trennung verharren so halten wir nur den Tugendhaften für glückselig.
Niemand glaube jedoch, daß ich, weil ich über das Vaterland und die Ahnen des Mannes Nichts von Bedeutung zu sagen wisse, unter dem Vorwande, als ob ich solche Dinge verachte, deren Schande verdecke. Denn wer kennt nicht den Beinamen des Pontus, der dem Volke vor allen Menschen vorzugsweise ist beigelegt worden, durch den die Tugend Derer bezeugt wird, die von Anfang an die Gegend in Besitz genommen haben? Denn unter allen Ländern und Meeren wird dieses allein das gastliche* (εὔξεινος)* [euxeinos] genannt, mag nun der Name für ihre freundliche Gesinnung gegen die Fremden Zeugniß geben, die zu ihnen kommen, oder die Gegend so beschaffen sein, daß sie nicht nur den Einwohnern und Eingebornen, sondern auch Denen, die von allen Seiten dahin kommen, die Lebensmittel in reichlichem Maße gewährt. Denn die Natur des Landes ist so beschaffen, daß es Alles, was zum Leben nothwendig ist, reichlich hervorbringt, und daß ihm keines von den Gütern der Bewohner anderer Länder mangelt, weil das Meer Alles, was anderswo vorhanden ist, zu seinem Eigenthum macht. Da nun das ganze Volk so beschaffen ist, daß man, welchen Theil desselben man immer für sich betrachtet, auf die Meinung kommt, daß er es den Übrigen zuvorthue, so ist nichts 508 desto weniger nach dem gemeinsamen Urtheil des Volkes die Stadt des großen Gregor gleichsam die Krone aller umliegenden, welche ein hervorragender König aus der Zahl Derjenigen, welche die Herrschaft der Römer befestigten, Namens Cäsar, aus Liebe und Zuneigung zum Orte für würdig hielt, daß sie nach seinem eigenen Namen* Neu-Cäsarea* genannt werde. Aber das paßt nicht zu unserm Zwecke, als ob wir glaubten, wir könnten hiedurch jenen großen Heiligen ehrwürdiger darstellen, wenn das Land mit Früchten beschwert, wenn die Stadt mit schönen Gebäuden geziert ist, wenn aus dem benachbarten Meere ungehindert von allen Seiten reichliche Zufuhr stattfindet. Ja, ich werde auch seine Ahnen, die seiner Geburt im Fleische vorangingen, in meiner Rede nicht erwähnen, oder von ihrem Reichthum, Rang und weltlichen Glanze sprechen. Denn was würden Grabmäler, Monumente und Inschriften und eitle Worte zum Lobe Desjenigen beitragen, der sich über die ganze Welt erhoben hat? Ausserdem ist es gar nicht möglich, Die zu seinem Lobe heranzuziehen, mit denen er Nichts durch Verwandtschaft der Seele gemein haben wollte. Denn Jene waren dem Irrthum und der Thorheit des Götzendienstes ergeben, dieser aber blickte zur Wahrheit auf und trat durch den Glauben in die höhere Verwandtschaft.
Aber auch wie und von wem er geboren wurde, oder welche Stadt er anfangs bewohnte, übergehen wir, als zu unserm gegenwärtigen Zwecke nicht gehörig, und wir wollen da mit unseren Lobsprüchen beginnen, wo er das Tugendleben begonnen hat. Obschon er in ganz schwacher Jugend der natürlichen Aufsicht und Leitung durch den Tod seiner Eltern beraubt war, zeigte er gleich anfangs in einer Zeit, wo der Verstand bei den Meisten in Folge der Jugend noch nicht entwickelt ist und in der Beurtheilung des Guten irre geht, was aus ihm im vollendeten Alter werden würde. Und wie die edlen Gewächse, wenn sie im ersten Wachsthum in gerade Äste emporschießen, den Landwirthen aus der bereits vorhandenen Zierde die spätere Schönheit erkennen lassen, auf 509 gleiche Weise zeigte auch er an seiner Person in einer Zeit, wo die Seele bei den Übrigen wegen Unerfahrenheit sehr gefährdet ist, indem die Jugend auf eitle und unnütze Dinge gewöhnlich leicht verfällt, durch die erste Richtung seines Lebens, daß David die Wahrheit sage, wenn er die Worte spricht: „Der Gerechte wird wie ein Palmbaum blühen“. Denn dieser Baum allein wächst mit vollendeter Dicke von der Erde zum Gipfel empor und erhält, während die Dimension der Höhe nach zunimmt, mit der Zeit keinen Zuwachs in die Breite. So blühte auch Jener vom ersten Keime an, indem er in seinem Lebenswandel sogleich in Vollkommenheit und mit hohem Laubwerk emporstrebte. Denn fern von Allem, wovon die Jugend sich hinreissen läßt, von Reiten, Jagd, Schmuck, Kleiderputz, Würfelspiel, Weichlichkeit, richtete er sogleich seine ganze Thätigkeit auf die Erwerbung der Tugenden, indem er nach einander auf Das sein Streben richtete, was dem jeweiligen Alter entsprach. Den Anfang zur Erwerbung der Tugenden machte er aber mit dem Streben nach Weisheit, dieser folgte wie ein beigespanntes Füllen, die Mäßigkeit, beider Kampfgenossen aber war die Enthaltsamkeit; Demuth und Sanftmuth erreichte er durch die Verachtung des Reichthums. Denn es gibt keine andere Quelle von Hochmuth und Überhebung, als daß die Habsucht diese Leidenschaften in ihrem Gefolge hat. Wie es aber von dem Patriarchen Abraham heißt, daß er die Weisheit der Chaldäer kannte, und indem er die harmonische und geordnete Stellung und Bewegung der Gestirne wahrnahm, sich dieser Kenntniß als einer Stütze zur Betrachtung des höheren Gutes bediente, da er erwog, wie das Übersinnliche sein müsse, wenn Das, was sich durch die Sinne erfassen läßt, so beschaffen sei, und so sein Ziel erreichte, indem er gleichsam auf die heidnische Weisheit seinen Fuß setzte und durch dieselbe sich höher erhob, so daß er in gewisser Weise durch sie den unbegreiflichen 510 Dingen nahte, so wurde auch dieser große Mann, indem er sich mit der heidnischen Weisheit eingehend befaßte, durch das Nämliche, wodurch die Meisten im Heidenthum festgehalten werden, zur Erkenntniß des Christenthums geführt, verließ den falschen Gottesdienst der Väter und suchte die Wahrheit, indem er aus den Schriften der Heiden selbst die Schwäche der hellenischen Lehren kennen lernte. Denn da er sah, daß die hellenische und zugleich die ausländische Weisheit in den Ansichten über die Gottheit in verschiedene Meinungen gespalten, und auch die Vertreter der Lehransichten unter sich uneins seien, und jeder für sich in wissenschaftlicher Darstellung aus zänkischem Wetteifer zu siegen strebe, so kehrte er ihnen den Rücken, als Leuten, die sich in inneren Kämpfen gegenseitig aufrieben. Und er erfaßte die Lehre des Glaubens, die aufrecht steht und durch keine Vernünftelei und keine künstlichen Windungen befestigt zu werden braucht, sondern in einfachen Worten Allen ohne Unterschied verkündet wird, und die gerade im Überragen des (natürlichen) Glaubens ihre Bestätigung findet. Denn wenn die Lehre von der Art wäre, daß sie durch die Kraft der menschlichen Vernunft erfaßt werden könnte, so würde sie sich in Nichts von der hellenischen Weisheit unterscheiden. Denn auch sie halten Das, was sie zu erfassen vermögen, für wirklich. Da es aber der menschlichen Vernunft unmöglich ist, die höhere Natur zu erfassen, so tritt deßhalb an die Stelle der Vernunft der Glaube, der sich auf Das erstreckt, was Vernunft und Fassungskraft übersteigt. Wie daher die Schrift von Moses sagt, daß er in aller Weisheit der Ägyptier unterrichtet wurde, so eignete sich auch dieser große Mann die ganze Bildung der Hellenen an und wurde, da er durch eigene Erfahrung die Schwäche und Unzuverlässigkeit ihrer Lehrer kennen gelernt hatte, ein Schüler des Evangeliums, 511 und bevor ihm die mystische und unkörperliche Geburt zu Theil ward, führte er ein so tadelloses Leben, daß er keinen Sündenschmutz zum Bade mitbrachte. Und als er in Ägypten in der großen Stadt Alexanders weilte, wohin von allen Seiten die Jugend zum Studium der Philosophie und Arzneikunde zusammenströmte, gewährte es seinen Altersgenossen ein unangenehmes Schauspiel, einen Jüngling zu sehen, der mit einer Enthaltsamkeit geziert war, die über sein Alter ging. Denn das Lob des Reinen war ein Vorwurf für die Befleckten. Damit nun die Zügellosen einige Entschuldigung fänden, wenn sie nicht* allein* so zu sein schienen, kamen sie auf einen hinterlistigen Einfall. Sie stiften nämlich eine gemeine Dirne aus einem öffentlichen Bordelle an, ihn zu verleumden. Als er nun, wie gewöhnlich, mit den auserlesenen Männern in ernster Stimmung über einen philosophischen Gegenstand eine eingehende Untersuchung anstellte, trat das Weib zu ihm hin mit frechen und schamlosen Geberden, und gab sich durch alle ihre Reden und Handlungen den Anschein, als ob sie mit ihm wohl bekannt wäre. Hierauf sagte sie, er sei ihr den Lohn rückständig, und fügte in schamloser Weise auch hinzu, für welche Leistungen sie ihn einer Verkürzung des Lohnes beschuldige. Da diese aber die Reinheit seines Lebenswandels kannten und von Unwillen und Zorn gegen das Weib ergriffen wurden, theilte er mit ihnen, die wegen seiner Person ungehalten waren, nicht die Aufregung, und es entfiel ihm nicht in Folge der Verleumdung ein Wort, wie man es dem Gekränkten nicht hätte verübeln können, er rief Niemanden zum Zeugen für seinen 512 Lebenswandel an, wies nicht mit einem Eide die Schmach von sich, hielt nicht Jenen ihre Schlechtigkeit vor, die diesen ärgerlichen Auftritt gegen ihn veranlaßt hatten, sondern sagte, indem er sich mit ruhiger und gemäßigter Stimme an einen seiner Kameraden wandte: He du, zahle ihr das Geld, damit sie uns nicht länger belästigt und in unserer vorliegenden Arbeit stört. Als nun Der, an den er diese Aufforderung richtete, von der Dirne vernommen hatte, wie viel Geld sie von ihm fordere, zahlte er ihr sogleich Alles aus, und die Ausgelassenen hatten mit ihrer Hinterlist gegen den Züchtigen ihr Ziel erreicht, und der Gewinn befand sich in den Händen des ehrlosen Weibes. Da nun gibt Gott Zeugniß von der Züchtigkeit des Jünglings und überführt seine Altersgenossen der Verleumdung. Denn kaum war das Geld in ihre Hände gekommen, so wurde sie vom bösen Geiste gepackt und sank brüllend wie ein Thier, nicht mit menschlicher Stimme aufschreiend, mitten unter den Versammelten hin, wo sie den zahlreich Anwesenden mit verworrenen, von ihren eigenen Händen zerrauften Haaren, mit verdrehten Augen und schäumendem Munde, einen schauerlichen und furchtbaren Anblick darbot. Und nicht eher ließ der böse Geist ab, sie zu würgen, als bis dieser große Mann Gott anrief und ihr Verzeihung erflehte.
§ 3
Dieß erzählt man von der Jugend des großen Mannes, und es ist wahrhaft ein würdiger Anfang für sein späteres Leben, ist so wunderbar, daß, wenn man Nichts weiter hinzufügen könnte, deßhalb allein keiner von Denen, welche durch Tugend sich hervorgethan haben, mehr Lob verdienen würde. Reich, jung, hielt er sich im Ausland in einer volkreichen Stadt auf, in welcher wegen der ausgelassenen Lebensweise der Jugend die Reinheit der Sittsamen bei den Zügellosen als Schmach galt. Ohne daß eine Mutter um sein Leben emsig besorgt war, ohne daß ein Vater die Schritte seines Lebens lenkte, brachte er es durch Fernehaltung von der Leidenschaft in der Tugend so hoch, daß er Den, der 513 Alles lenkt, zum Zeugen seines Wandels machte, durch den schweren Schlag das Weib der Verleumdung überführte. Und was könnte man noch Größeres als Gegenstand einer Lobrede ersinnen? Wie könnte man nach Verdienst ihm Bewunderung zollen, der durch die Vernunft die Natur bezwang und gleich einem zahmen Thiere seine Jugend in das Joch der Besonnenheit spannte und die Regung aller natürlichen Leidenschaften besiegte und, indem er den Neid, welchem alles Gute verfällt, sich zuzog, auch diesen bemeisterte, so daß er sich gegen die Nachstellung seiner Kameraden nicht einmal zur Wehr setzte und Jener, welche ihnen zu seiner Beschimpfung dienstbar war, eine Wohlthat erwies und sie von dem bösen Feinde durch Gebet befreite? So wird uns in der Geschichte auch Joseph geschildert, dem es frei gestanden wäre, mit der Frau seines Herrn Unerlaubtes zu thun, da sie selbst von rasender Liebe zum schönen Jüngling erfüllt war, und kein Mensch als Zeuge ihres Frevels zugegen gewesen wäre. Aber auch er scheute sich vor dem Auge Gottes und wollte lieber schlecht scheinen, als schlecht sein, lieber die Strafe eines Bösewichtes leiden, als wie ein Bösewicht handeln. Aber vielleicht hat dieser mehr Grund, sich zu rühmen, als Joseph in der heiligen Geschichte; denn leichter hält man sich von Befleckung rein, wenn es sich, wie dort, um ein Verbrechen wie Ehebruch handelt, als wenn man den Vorwurf einer geringeren Verirrung sich aufzubürden glaubt. Der also da, wo von den Gesetzen Nichts zu besorgen war, die bloße aus der Sünde entspringende Lust für sich allein mehr fürchten zu müssen glaubte, als die Strafe, hat entweder den Joseph in der Großartigkeit des Wunders übertroffen, oder wird wenigstens ihm nicht nachgesetzt werden können. So war nun der Anfang seines Lebens beschaffen, wie aber sein Leben selbst? Als er mit der ganzen heidnischen Philosophie sich bekannt gemacht hatte und einen gewissen Firmilian, einen vornehmen Kappadocier, kennen lernte, der ihm an Sitten gleich war, wie er durch sein späteres Leben zeigte, da er eine 514 Zierde der Kirche von Cäsarea wurde, und als er die Richtung seiner Gesinnung und seines Lebens dem Freunde offenbarte, daß nämlich seine Augen auf Gott gerichtet seien, und als er sah, daß sein Verlangen ihn zum gleichen Streben ansporne, da verließ er ganz das Studium der heidnischen Weisheit und schloß sich mit ihm dem damaligen Haupte der christlichen Weisheit an. Dieß aber war Origenes, der berühmte Schriftsteller. Er zeigte dadurch nicht bloß seine Liebe zur Wissenschaft und Arbeit, sondern auch die Demuth und Bescheidenheit seines Herzens. Denn obschon er bereits von solcher Weisheit erfüllt war, verschmähte er es doch nicht, sich eines Lehrers in den göttlichen Wissenschaften zu bedienen, und nachdem er bei dem Lehrer eine entsprechende Zeit der Wissenschaft gelebt hatte, und ihn Viele einluden und im fremden Lande zurückzuhalten suchten, und in ihn drangen, bei ihnen zu bleiben, so zog er doch seine Heimath Allem vor und kehrte wieder in sein Vaterland zurück, wohin er den vielfältigen Reichthum an Weisheit und Kenntnissen mit sich führte, den er in der profanen Wissenschaft bei seinem Verkehr mit allen berühmten Männern, wie ein Handelsmann, eingehandelt hatte.
Auch das wird Dem, welcher nach Fug und Recht die Sache beurtheilt, gewiß kein geringer Beitrag zu seinem Lobe dünken, daß er dem nachdrücklichen gemeinsamen Flehen einer Stadt nicht nachgab, und den Bestrebungen aller hervorragenden Männer in derselben, ihn zurückzuhalten und den Wünschen der Ortsbehörden, die ebendahin gingen, sich nicht fügte. Diese beabsichtigten insgesammt, daß dieser große Mann bei ihnen bleiben und gleichsam ein Begründer der Tugend und Gesetzgeber des Lebens werden sollte. Er aber floh vor jeder Veranlassung zum Hochmuth, da er wußte, daß die Leidenschaft des Stolzes gewöhnlich die 515 Quelle eines schlechten Lebenswandels sei, und zog sich, wie in einen Hafen, in das ruhige Leben in seiner Vaterstadt zurück. Da aber alles Volk seine Blicke auf den Mann warf, und Alle erwarteten, er werde in öffentlichen Versammlungen seine Gelehrsamkeit kund geben, um für seine langen Bemühungen einige Frucht in dem daraus erwachsenden Ruhme zu ernten, so erkannte der große Mann wohl, wie die wahre Philosophie von ihren gründlichen Verehrern kundgegeben werden müsse, damit die Seele niemals von Ehrsucht verwundet werde; denn das Lob der Zuhörer übt einen mächtigen Einfluß, um durch Stolz und Ehrsucht die Spannkraft der Seele zu locken. Deßhalb lehrt er sie durch Schweigen und gibt den in ihm wohnenden Schatz durch die That, nicht durch Worte zu erkennen, und indem er sich vom Lärm der Menschen und überhaupt vom Aufenthalt in der Stadt zurückzog, lebte er in einem verborgenen Winkel für sich allein im Verkehr mit Gott, wenig bekümmert um die ganze Welt und was in ihr vorging. Er mischte sich nicht in die Angelegenheiten der Könige, kümmerte sich nicht um die Handlungsweise der Behörden, hörte keine Vorträge über Verwaltung des Staates, sondern indem er darüber nachdachte, wie seine Seele durch die Tugend vervollkommnet würde, verwendete er hierauf die ganze Thätigkeit seines Lebens, und durch die Verzichtleistung auf alle weltlichen Dinge erschien er geradezu in unserer Zeit als ein zweiter Moses, der mit dessen Wundern sich in einen Wettstreit einließ. Beide, Moses und Gregor, verließen, jeder zu seiner Zeit, dieses unruhige und geräuschvolle Leben, und lebten in der Einsamkeit, solange beiden durch göttliche Offenbarung der Gewinn des reinen Lebens sich kundgab. Moses hatte jedoch bei seinem Streben nach Vollkommenheit eine Gattin, Gregor aber machte zu seiner einzigen Lebensgefährtin die Tugend. Da nun Beide das gleiche Ziel verfolgten, denn Beide hatten, wenn sie sich von der Menge trennten, die Absicht, mit dem reinen Auge der Seele die göttlichen Geheimnisse zu betrachten, so kann Der, welcher die Tugend richtig zu schätzen versteht, 516 beurtheilen, welcher von Beiden in seinem Leben mehr von Leidenschaft frei gewesen ist, Der, welcher den gesetzlich erlaubten Genuß des Vergnügens sich gestattete, oder der sich über ihn erhob und der sinnlichen Leidenschaft bei sich keinen Eingang gewährte.
Da aber in dieser Zeit Phädimus die Kirche der Amasäer leitete, der von Gott durch den heiligen Geist eine gewisse Sehergabe besaß und Alles aufbot, um den großen Gregorius zu gewinnen und ihm die Aufsicht über die Kirche zu übertragen, damit nicht ein so hochbegabter Mann unthätig und nutzlos sein Leben hinbrächte, so suchte dieser, als er das Vorhaben des Priesters merkte, die Verborgenheit und begab sich anderswohin in eine andere Einsamkeit. Als nun jener große Phädimus alles Mögliche versucht und durch alle Mittel und Kunstgriffe nicht vermocht hatte, den Mann zur Annahme des Priesterthums zu bewegen, der mit hundert Augen auf seiner Hut war, um nicht etwa von der Hand des Priesters erreicht zu werden, und Beide wie in einem Wettkampfe rangen, indem der Eine zu erhaschen suchte, der Andere aber dem Verfolger zu entkommen strebte, ― denn der Eine wußte, daß er Gott ein heiliges Weihgeschenk zuführen würde, der Andere aber fürchtete, es möchte ihm die Sorge des Priesterthums, wenn sie auf seinem Leben lastete, ein Hinderniß in der höheren Lebensweise* (φιλοσοφία)* [philosophia] sein, ― so erhob sich Phädimus in diesem seinem Streben zu höherem göttlichen Schwunge, und ohne auf den Zwischenraum zu achten, der ihn von Gregor trennte, welcher drei Tagreisen von ihm entfernt war, und indem er beim Aufblick zu Gott voraussetzte, daß sowohl er selbst als auch Jener in jener Stunde von Gott gesehen würde, wendete er bei Gregor statt der Händeauflegung das Wort an, indem er den körperlich Abwesenden Gott heiligte und ihm jene Stadt übertrug, die bis dahin so sehr in den 517 Götzenwahn verstrickt war, daß unter den unzähligen Bewohnern der Stadt selbst und der Umgegend sich nicht mehr als siebenzehn fanden, die das Wort des Glaubens angenommen hatten.
§ 4
Da er also in dieser Weise gezwungen das Joch auf sich genommen hatte, und hierauf die gesetzlichen Vorschriften an ihm vollzogen worden waren, so erflehte er von Dem, welcher ihm das Priesterthum übertragen, einige Zeit, um das Geheimniß genauer zu erforschen, und er glaubte nicht mehr, wie der Apostel sagt, an Fleisch und Blut sich halten zu dürfen, sondern er flehte, es möchte ihm von Gott die Offenbarung der Geheimnisse zu Theil werden, und er hatte nicht eher den Muth, das Wort zu verkünden, als bis ihm durch eine Erscheinung die Wahrheit geoffenbart würde. Als er nun einst in einer Nacht über das Wort des Glaubens nachsann und verschiedene Gedanken sich in seinem Kopfe bewegten, ― denn es gab auch damals Einige, welche die fromme Lehre verfälschten und durch Scheingründe oft auch bei den Verständigen Zweifel gegen die Wahrheit erregten, ― als er damals in seiner Nachtwache über die Wahrheit nachdachte, erschien ihm im wachen Zustand Jemand in menschlicher Gestalt, mit dem Aussehen eines Greises, in ehrwürdigem Anzug, der durch die Anmuth seines Antlitzes und seine körperliche Haltung hohe Tugend ankündigte. Er aber gerieth beim Anblick in Furcht, erhob sich von seinem Lager und verlangte zu erfahren, wer er sei und weßhalb er komme. Als aber Jener seine Aufregung durch eine ruhige Ansprache beschwichtigte und erklärte, er sei ihm aus göttlichem Auftrag wegen seiner Zweifel erschienen, um die Wahrheit des frommen Glaubens ihm zu enthüllen, so flößten ihm die Worte Muth ein, und er schaute auf ihn mit Freude und Verwunderung. Hierauf streckte Jener die Hand gerade aus, als wollte er mit seinen 518 gerade ausgestreckten Fingern auf eine gegenüber befindliche Erscheinung deuten. Da folgte auch er mit seinem Blicke der ausgestreckten Hand und sah der ersten Erscheinung gegenüber eine zweite mehr als menschliche Erscheinung in weiblicher Gestalt. Und wieder wurde er von Furcht ergriffen und schlug die Augen nieder, denn der Anblick brachte ihn aus der Fassung und seine Augen konnten die Erscheinung nicht ertragen. Und besonders überraschend zeigte sich die Erscheinung darin, daß in tiefer Nacht die ihm erscheinenden Gestalten Licht ausstrahlten, wie wenn eine helleuchtende Lampe angezündet wäre. Da er nun mit seinen Augen den Anblick nicht ertragen konnte, hörte er die Erscheinungen reden, wie sie mit einander den Gegenstand seiner Untersuchung erörterten. Dadurch wurde er nicht bloß in der wahren Kenntniß des Glaubens unterrichtet, sondern er lernte auch die Erscheinungen nach ihrem Namen kennen, da jede die andere bei ihrem Namen anredete. Denn er soll vernommen haben, wie die Erscheinung in weiblicher Gestalt den Evangelisten Johannes aufforderte, dem Jüngling das Geheimniß der Frömmigkeit zu offenbaren. Jener aber erwiderte, er sei bereit und wolle der Mutter des Herrn diesen Gefallen erweisen, da sie dieß wünsche, und nachdem er so den Gegenstand in entsprechender und eingehender Weise dargelegt hatte, verschwand er wieder aus seinen Augen. Dieser aber legte jene göttliche Unterweisung sogleich schriftlich nieder und verkündete nach derselben später das Wort in der Kirche und hinterließ jene von Gott mitgetheilte Lehre der Nachwelt als Erbtheil, indem in derselben bis jetzt das Volk jener Stadt unterwiesen wird und von jeder ketzerischen Bosheit sich rein erhält. Die Worte der Unterweisung aber sind folgende.
„Ein Gott ist, Vater des lebenden Wortes, der substanziellen Weisheit und Kraft, des ewigen Wesens, vollkommen, Erzeuger des Vollkommenen, Vater des eingebornen Sohnes, ein Herr, Einer von Einem, Gott von Gott, Gestalt und Bild der Gottheit, thätiges Wort, Weisheit, die 519 das Weltall umfaßt, und Kraft, die jedes Geschöpf hervorbringt; wahrer Sohn vom wahren Vater, unsichtbar vom Unsichtbaren, unverweslich vom Unverweslichen, unsterblich vom Unsterblichen und ewig vom Ewigen. Und* ein* heiliger Geist, der von Gott seinen Ursprung hat und durch den Sohn erschienen ist, nämlich den Menschen, Bild des Sohnes, vollkommen vom Vollkommenen, Leben, Ursprung der Lebenden, heilige Quelle, Heiligkeit, Heiligmacher, in dem sich offenbart Gott der Vater, der über Alles und in Allem, und Gott der Sohn, der Alles durchdringt, vollkommene Dreiheit, welche in Ruhm, Ewigkeit und Herrschaft nicht getheilt, noch geschieden ist. Also weder etwas Geschaffenes noch etwas Knechtisches ist so in der Dreiheit, noch Etwas, was von aussen kommt, so daß es früher nicht vorhanden war, später aber hinzukam. Es fehlte also niemals der Sohn dem Vater, noch dem Sohn der Geist, sondern unwandelbar und unveränderlich ist es immer die nämliche Dreiheit.“
Wer sich aber hievon überzeugen will, der höre die Kirche, in welcher er das Wort verkündete, wo selbst die Schriftzüge jener seligen Hand noch bis heute aufbewahrt werden. Wetteifern diese nicht mit jenen von Gott verfertigten Tafeln an Größe der Gnade? Ich meine jene Tafeln, in denen die Gesetzgebung des göttlichen Willens eingegraben war? Denn wie das Wort von Moses sagt, er habe, als er sich ausserhalb der sichtbaren Welt befand, und seine Seele ins unsichtbare Heiligthum gedrungen war, ― denn das wird durch das Dunkel angedeutet, ― die göttlichen Geheimnisse kennen gelernt und durch seine Vermittlung dem ganzen Volke die Kenntniß Gottes beigebracht, so kann man den nämlichen Vorgang auch bei diesem großen Manne wahrnehmen. Ihm diente als Berg nicht ein wahrnehmbarer Gegenstand oder eine Erhebung der Erde, 520 sondern die Höhe des Verlangens nach der wahren Lehre, als Dunkel der den Andern unzugängliche Anblick, als Tafel aber die Seele, als Schriftzüge auf den Tafeln die Stimme der Erscheinung. Durch Dieß alles wurde ihm und den von ihm Unterwiesenen die Verkündung der Geheimnisse zu Theil. Da er also durch jenes Gesicht mit Muth und Zuversicht erfüllt wurde, ging, wie ein Wettkämpfer, der unter einem Lehrer zu den Kämpfen hinlängliche Geschicklichkeit und Gewandtheit sich erworben hat, muthig auf den Kampfplatz dringt und mit den Gegnern kämpft, in gleicher Weise auch er, nachdem er durch seine eigene Bemühung und die Mitwirkung der ihm erschienenen Gnade seine Seele hinlänglich gesalbt hatte, so in den Kampf. Denn man kann sein ganzes Priesterleben nichts Anderes nennen, als Kampf und Streit, da er in demselben durch den Glauben die ganze Macht des Widersachers bezwang.
§ 5
Er entsagte nun plötzlich der Einsamkeit und brach nach der Stadt auf, in welche er die Kirche Gottes verpflanzen sollte. Als er wahrnahm, daß der ganze Ort vom Betruge der bösen Geister beherrscht werde und dem wahren Gott nirgends ein Tempel erbaut, dagegen die ganze Stadt und die Umgebung von Altären, Kapellen und Bildsäulen angefüllt sei, weil das ganze Volk darauf dachte, daß die Kapellen und heiligen Stätten der Götzenbilder geschmückt daständen, und der Wahnsinn des Götzendienstes den Menschen erhalten bliebe, der durch Festlichkeiten, religiöse Gebräuche und die Entweihungen an den Altären sich behauptet, so begann, gleichwie ein wackerer Soldat mit dem Führer der feindlichen Schaar sich in den Kampf einläßt und mit ihm die Untergebenen in die Flucht schlägt, auch dieser Große seine Heldenthaten mit den Dämonen selbst. In welcher Weise aber? Als er sich nämlich aus der Einsamkeit in die Stadt begab, überfiel ihn bei einbrechender Nacht ein heftiger Regen, und er begab sich mit seinem Gefolge in einen Tempel. Dieser Tempel aber war dadurch berühmt, daß die dort verehrten Dämonen mit den 521 Tempeldienern in Verkehr standen, indem von ihnen weissagende Orakelsprüche verkündet wurden. Als er nun mit seinen Begleitern in den Tempel getreten war, verscheuchte er sogleich durch die Anrufung des Namens Christi die Dämonen, und nachdem er durch das Zeichen des Kreuzes die von Fettdampf befleckte Luft gereinigt hatte, brachte er nach seiner Gewohnheit die ganze Nacht unter Gebeten und Lobgesängen wachend zu, so daß das Gebäude, welches durch den Schmutz der Altäre und die Götzenbilder einen eckelhaften Anblick gewährte, in ein Haus des Gebetes umgewandelt wurde. Als er in dieser Weise die Nacht zugebracht hatte, setzte er mit Tagesanbruch seine Reise wieder fort. Als aber der Tempeldiener am Morgen den Dämonen seinen gewöhnlichen Dienst darbrachte, sollen ihm die Dämonen erschienen sein und gesagt haben, der Tempel sei ihnen unzugänglich wegen Desjenigen, der in ihm verweilt habe. Er aber soll durch einige Reinigungen und Opfer versucht haben, die Dämonen wieder in den Tempel einzuführen. Als er aber nach Anwendung aller Mittel Nichts zu Stande brachte, da die Dämonen seiner Aufforderung keineswegs in gewohnter Weise gehorchten, da erhob sich der Tempeldiener voll Wuth und Zorn und holte diesen großen Mann ein und überhäufte ihn mit den schrecklichsten Drohungen, ihn bei der Obrigkeit anzuklagen, Hand an ihn zu legen und seine Vermessenheit beim Kaiser anzuzeigen, daß er als Christ und Feind der Götter es gewagt hätte, in den Tempel zu dringen, und daß sein Eintritt die in den Opfern wirksame Kraft verscheucht habe und nicht mehr wie gewöhnlich an der Stätte die weissagende Kraft der Dämonen sich äussere.
Als aber dieser den heftigen und unvernünftigen Zorn des Tempeldieners hohen Sinnes zurückwies und den Beistand des wahren Gottes allen Drohungen entgegensetzte und sagte, daß er so sehr auf die Kraft Desjenigen vertraue, der für ihn kämpfe, daß es in seiner Macht stehe, sie von jedem beliebigen Orte zu vertreiben und in jedem 522 beliebigen Ort einzuführen, und als er versprach, den Beweis für seine Worte sogleich liefern zu wollen, so verwunderte sich darüber der Tempeldiener und erstaunte über die Größe der Macht und forderte ihn auf, gerade hierin seine Macht zu zeigen und die Rückkehr der Dämonen in den Tempel zu bewirken. Als aber dieß der große Mann vernommen hatte, riß er ein kleines Stück Papier aus einem Buche und gab es dem Tempeldiener, nachdem er einen Befehl an die Dämonen darauf geschrieben hatte. Es lauteten aber die geschriebenen Worte: „Gregor an den Satan: Tritt ein!“ Der Tempeldiener aber nahm die Schrift und legte sie auf den Altar. Als er hierauf den gewohnten Fettdampf und die Entweihungen darbrachte, sah er wiederum, was er früher sah, bevor die Dämonen aus dem Tempel waren vertrieben worden. Als aber dieß geschehen war, kam er zur Einsicht, daß in Gregor eine göttliche Kraft wohne, durch die er den Dämonen sich überlegen zeigte. Und als er ihn wieder schnell eingeholt hatte, bevor er noch in der Stadt angelangt war, verlangte er von ihm das Geheimniß zu erfahren, und wer der Gott sei, dem die Natur der Dämonen unterworfen wäre. Als ihm aber der große Mann in wenigen Worten das Geheimniß der frommen Lehre mittheilte, so machte das auf den Tempeldiener einen Eindruck, wie es sich erwarten ließ von einem Manne, der in die göttlichen Dinge nicht eingeweiht war, und er hielt es der Würde Gottes nicht für angemessen, zu glauben, daß die Gottheit den Menschen im Fleische erschienen sei. Als Jener aber sagte, daß der Glaube hieran nicht in Worten seine Kraft habe, sondern durch die geschehenen Wunder seine Gewißheit erlange, so verlangte von ihm der Tempeldiener ein Wunder zu sehen, um dann auf diese Weise durch das Geschehene zur Annahme des Glaubens geführt zu werden.
Da soll nun dieser große Mann ein ganz unglaubliches großes Wunder gewirkt haben. Da nämlich der Tempeldiener verlangte, es sollte einer von den großen Steinen, 523 die er vor sich sah, ohne Zuthun einer Menschenhand sich bewegen und durch die bloße Kraft des Glaubens auf den Befehl des Gregorius an eine andere Stelle versetzt werden, so trug jener große Mann ohne Aufschub sogleich dem Steine, wie wenn er belebt wäre, auf, an jene Stelle sich zu begeben, welche der Tempeldiener bezeichnet hatte. Als nun das geschehen war, glaubte der Mann sogleich dem Worte, und indem er Alles verließ, Verwandte, Familie, Eheweib, Kinder, Freunde, Priesterthum, Herd, Besitzthum, zog er Allem, was er besaß, den Umgang mit dem großen Manne und die Theilnahme an seinen Mühen und jener göttlichen Wissenschaft und Unterweisung vor.
§ 6
Es sei hiebei verzichtet auf jedes künstlerische Verfahren der Schriftsteller, die ausserordentlichen wundervollen Begebenheiten durch rednerischen Aufputz zu vergrößern. Es ist ja in dem Erzählten das Wunder nicht so beschaffen, daß es durch die Kraft des Redners kleiner oder größer würde. Denn was könnte man ausser dem Erzählten sagen, um das Wunder größer erscheinen zu lassen? Wie könnte man bei den Zuhörern die Verwunderung über das Geschehene vermindern? Ein Stein macht von den Steinen Die abwendig, welche den Steinen unterworfen sind; ein Stein wird Verkünder des göttlichen Glaubens und für die Ungläubigen Wegweiser zum Heile nicht durch irgend eine Stimme und Rede die göttliche Macht verkündend, sondern durch die That den von Gregor verkündeten Gott offenbarend, dem jedes Geschöpf in gleicher Unterwürfigkeit dient, so daß nicht bloß Alles, was Empfindung, Athem und Leben hat, sondern wenn auch Etwas hieran nicht Theil nimmt, es so den Auftrag vom Diener hinnimmt, als wenn es nicht ohne Empfindung wäre. Denn welches Gehör hat der Stein? Wie vernimmt er den Machtspruch des Befehlenden? Worin hat er das Vermögen, seine Stelle zu 524 verändern? Was hat er für Glieder und Gelenke? Aber alles Dieß und Ähnliches wird bei dem Steine durch die Macht des Befehlenden ersetzt. Auf diese sah jener Tempeldiener und erkannte und verabscheute den Betrug der Dämonen in der Verführung der Menschennatur, und bekehrte sich zum wahren Gott, indem er aus Dem, was vom Diener geschah, auf die unaussprechliche Macht des Herrn schloß. Denn wenn die Macht des Dieners so groß ist, daß er durch ein Wort das Bewegungslose in Bewegung setzt, und den empfindungslosen Gegenständen gebietet und an leblose Dinge seinen Befehl ergehen läßt, was für eine übergroße Macht muß man am Herrn des Weltalls annehmen, dessen Wille so zu sagen Materie und Form und Kraft der Welt selbst und aller Dinge in der Welt und über der Welt geworden ist? Daher begann dieser große Mann mit seinem Sieg über die Dämonen, und indem er gleichsam als Siegeszeichen gegen die Besiegten den Tempeldiener mit sich herumführte und das Volk durch seinen Ruf im Voraus in Staunen versetzte, betrat er in dieser Weise mit Vertrauen und Zuversicht schon die Stadt, nicht auf Wagen, Pferde, Maulesel und zahlreiches Gefolge pochend, sondern ringsum von Tugenden umgeben. Da nun alle Bewohner der Stadt in Masse hinausströmten, wie um ein neues Schauspiel zu betrachten, und da Alle zu sehen wünschten, wer dieser Gregor sei, der, obschon nur ein Mensch, über die bei ihnen verehrten Götter eine Macht wie ein König übe, indem er durch ein Wort die Dämonen, wohin es ihm beliebe, bringe und versetze, und nach Belieben sie wie Sklaven, wo er wolle, austreibe und zurückbringe, und er führte jenen Diener mit sich, wie Einen, den er seiner Macht unterworfen, welcher die Ehre, in der er früher stand, gering achtete und seinem ganzen Besitze den Verkehr mit ihm vorzog, als mit solchen Vorstellungen ihn Alle vor der Stadt erwarteten und bei seinem Erscheinen Alle unverwandt auf ihn blickten, ging er an den Menschen wie an leblosen Gegenständen vorbei, ohne sich zu einem der Begegnenden zu wenden, und schritt gerade 525 auf die Stadt zu. Da erregte er noch mehr Verwunderung und schien Denen, welche ihn sahen, größer als sein Ruf. Denn daß er beim ersten Besuch einer großen Stadt, da er zuvor niemals an eine solche gewöhnt war, beim Zusammenströmen einer so großen Volksmenge um ihn herum die Gemüthsruhe nicht verlor, sondern wie durch eine Wüste schreitend bloß auf sich und den Weg seine Aufmerksamkeit lenkte und zu Keinem der ihn Umringenden sich wendete, dieß schien den Leuten ein größeres Wunder als das mit dem Steine gewirkte zu sein. Obschon, wie im Vorhergehenden gesagt worden ist, Die, welche vor seinem Episkopate den Glauben angenommen hatten, sehr Wenige waren, so war er deßhalb doch bei seinem Einzug in die Stadt von allen Seiten von Begleitern in einer Weise umringt, als ob die ganze Stadt seine Bischofswürde hätte ehren wollen.
Da er aber, sobald er sich der höheren Lebensweise hingab, sich zugleich von Allem wie von einer Last befreit hatte, so besaß er nichts von Dem, was zum Leben nothwendig ist, weder einen Acker noch eine Heimath noch ein Haus, sondern er war sich selbst Alles, oder vielmehr die Tugend und der Glaube waren ihm Vaterland, Herd und Reichthum. Als er nun in der Stadt war und nirgends ein Haus hatte, um auszuruhen, weder als Eigenthum der Kirche noch als Privateigenthum, und seine Begleiter in ängstlicher Sorge waren, weil sie nicht wußten, wo er zukehren und bei wem er ein Obdach finden sollte, sagte der Meister zu ihnen: „Wie wenn ihr ausserhalb des Obdaches Gottes wäret, seid ihr um einen Ruheort für den Körper besorgt. Scheint euch Gott ein kleines Haus zu sein, wenn wir in ihm leben, uns bewegen und sind? Oder ist es euch zu enge unter dem himmlischen Obdach, und ihr suchet ausser diesem eine andere Herberge?* Ein* Haus liege euch am Herzen, das eines Jeden Eigenthum ist, das in den 526 Tugenden sich aufbaut und in die Höhe steigt. Nur* der* Gedanke bereite euch Kummer, es möchte dieses Haus uns nicht gut eingerichtet sein. Denn die schützenden Wände aus Erde bringen Denen, welche tugendhaft leben, keinen Gewinn. Eher aber suchen natürlich Die, welche im Schmutze des Lasters leben, den Schutz der Wände, weil das Haus oft dazu dient, eine geheime Schande zu verdecken, während für Die, welche ein tugendhaftes Leben führen, die Wände Nichts zu verhüllen brauchen.“ Als er sich so gegen seine Begleiter herausließ, trat ein durch Geburt und Reichthum hervorragender Mann, der auch ausserdem durch sein Ansehen zu den Ersten zählte, Musonius mit Namen, zum Manne hinzu, und da er wahrnahm, daß Mehrere nach der nämlichen Ehre strebten, den Mann in ihr Haus aufzunehmen, so kam er den Übrigen zuvor und riß diese Gunst an sich, indem er den großen Mann bat, er möge seine Gastfreundschaft annehmen und mit seiner Einkehr seinem Hause Ehre erweisen, damit er angesehener und auch bei der Nachwelt berühmt würde, wenn auch den Nachkommen die Erinnerung an eine solche Ehre erhalten bliebe. Da aber auch viele Andere herbeieilten und um das Gleiche flehten, so schien es ihm gerecht zu sein, die Gunst Dem zu gewähren, der sich zuerst angeboten, und er kehrte, nachdem er den Übrigen mit freundlichen und ehrenden Worten gedankt hatte, bei Dem ein, der ihm zuvorgekommen war.
Wenn die Schilderung seiner Thaten bloß erzählend und kunstlos ist, da unsere Rede die Vergrößerungen der Thaten auf künstlichem Wege geflissentlich unterläßt, so dürfte sie für die Urtheilsfähigen kein geringer Beweis sein, daß wir keineswegs die Wunder des Gefeierten absichtlich vergrößern, sondern daß uns die Erinnerung seiner Thaten zum vollendetsten Lobe genüge, wie eine natürliche Schönheit, welche ohne Anwendung der Verschönerungskunst im Antlitz strahlt. Während die Zahl Derer, welche zuvor im Worte unterrichtet worden, eine geringe war, so schloßen sich bei der ersten Begegnung, bevor der Tag verflossen und 527 die Sonne untergegangen war, so Viele an, daß die Zahl der Gläubigen hinreichte, um eine Gemeinde zu bilden. Es wurde Morgen, und wieder erschien das Volk an den Thüren mit Frauen, Kindern und Greisen und Solchen, die durch Dämonen oder sonst einen Unfall am Körper verunglückt waren, und mitten unter ihnen bewegte sich der Heilige, indem er sich jedem der Versammelten nach dessen Bedürfniß in der Kraft des Geistes hingab, predigend, gemeinsam untersuchend, mahnend, lehrend, heilend. Denn durch* diese* Predigt gewann er vorzugsweise die Menge, weil das Gesicht mit dem Gehör zusammenwirkte und durch Beides die Kennzeichen der göttlichen Macht an ihm erglänzten. Denn auf das Gehör wirkte die Rede, auf das Gesicht aber machten die Wunder an den Kranken einen mächtigen Eindruck. Der Trauernde wurde getröstet, der Jüngling gebessert, der Greis durch angemessene Reden geheilt, die Sklaven zur Liebe gegen ihre Herren, die Herrschenden zur Menschlichkeit gegen ihre Untergebenen ermahnt, der Arme belehrt, daß es nur* einen* Reichthum, die Tugend, gebe, deren Erwerbung in Jedermanns Macht steht. Der sich mit seinem Reichthum brüstete, wurde in entsprechender Weise gemahnt, sparsam mit seinem Besitze umzugehen, und ihm zu verstehen gegeben, daß er davon nicht Eigenthümer sei. Indem er den Frauen zutheilte, was ihnen entsprach, den Kindern, was ihnen angemessen war, den Vätern, was sich für sie geziemte, und Allen Alles wurde, zog er durch die Mitwirkung des Geistes sogleich so viel Volk an sich, daß er sich daran machen konnte, einen Tempel zu erbauen, indem Alle ihm Geld und Handarbeit zu diesem Zwecke anboten. Dieß ist der Tempel, den Jener zu bauen anfing und einer seiner Nachfolger in würdiger Weise verschönerte, der gegenwärtig noch gezeigt wird, den dieser große Mann sogleich als Stütze und Grundlage seines Priesteramtes an dem höchsten Punkte der Stadt zu errichten 528 begann und wie mit göttlicher Kraft ausbaute, wie die folgende Zeit es beweist. Denn als einst in unseren Zeiten in der Stadt ein großes Erdbeben eintrat und beinahe Alles von Grund aus vernichtet wurde, indem alle öffentlichen und Privatgebäude einstürzten und verwüstet wurden, da blieb jener Tempel allein unbeschädigt und unerschüttert, so daß auch daraus deutlich hervorgeht, mit welcher Macht dieser große Mann an seine Unternehmungen ging. Aber Dieß wurde viel später zum Zeugniß für den Glauben des Großen von der göttlichen Macht bewirkt.
Als damals alle Bewohner der Stadt und der Umgegend über seine apostolischen Wunder mit Staunen erfüllt waren und glaubten, daß alle seine Reden und Thaten von einer göttlichen Kraft vollbracht und gesprochen würden, so glaubten sie auch nicht, daß es für sie in weltlichen Streitigkeiten einen anderen berechtigteren Richterstuhl geben könne, sondern jede Streitfrage und jede schwer zu entwirrende Verwicklung wurde durch seine Rathschläge gelöst. So wurde ein guter gesetzlicher Zustand und Friede Allen insgemein und jedem Einzelnen insbesonders durch ihn zu Theil und groß war der Fortschritt im Guten, im Privatleben wie im öffentlichen, da keine Bosheit die gegenseitige Eintracht störte. Es dürfte vielleicht nicht ungeeignet sein, nur eine Entscheidung von ihm anzuführen, damit uns nach dem Sprüchwort aus dem Saume das ganze Gewebe bekannt werde. Denn auch der heiligen Schrift genügte es, da Salomo seinen Untergebenen viele Urtheilssprüche ertheilte, durch einen einzigen die Einsicht des Mannes uns darzustellen, als er über zwei Mütter zu Gericht sitzend, weil man das Unrecht nicht nachweisen konnte, da jede das todte Kind von sich wies und auf das lebende Anspruch machte, die verborgene Wahrheit durch eine List zu entdecken beschloß. 529 Denn da das Unrecht nicht bezeugt war und die Muthmaßung der Lüge und Wahrheit auf beiden Seiten sich das Gleichgewicht hielt, so zog er die Natur zur Bezeugung der Wahrheit heran, indem er unter verstellter Drohung seine wahre Absicht verbarg. Indem er nämlich den Befehl gab, das lebende und todte Kind mit dem Schwerte in zwei gleiche Theile zu theilen und beiden die Hälften der Kinder zu geben, überantwortete er der Natur die Entscheidung der Wahrheit. Denn als die Eine ohne Widerrede den Befehl aufnahm und den Henker herbeirief, die andere aber, in ihren mütterlichen Eingeweiden bewegt, sich für besiegt erklärte und um Schonung für das Kind bat, ― denn sie gab sich zufrieden, wenn das Kind auf was immer für eine Weise am Leben erhalten würde, ― so sah der König hierin ein Kennzeichen der Wahrheit und sprach Derjenigen den Sieg zu, die sich freiwillig für besiegt erklärte, indem er schloß, daß Die, welche die Ermordung des Kindes gleichgiltig hinnahm, von der Natur angeschuldigt werde, daß sie auch nicht Mutter desjenigen sei, auf dessen Tod sie dringe.
§ 7
Welche Entscheidung des großen Gregor werden also* wir* erzählen? Zwei Brüder im jugendlichen Alter, die soeben die väterliche Erbschaft unter sich getheilt hatten, stritten sich um einen See, den jeder ganz besitzen wollte, ohne den andern am Besitze Theil nehmen zu lassen. Der Lehrmeister wurde nun zum Schiedsrichter gewählt, und als er an Ort und Stelle war, bediente er sich zur Schlichtung seiner eigenen Gesetze, indem er die Jünglinge zu versöhnen suchte und aufmunterte, sich auf gütlichem Wege zu vergleichen und den Frieden für einen höheren Gewinn zu achten als große Einkünfte, denn der erste bleibe ihnen ewig im Leben und im Tode, die letzteren aber gewährten 530 einen vorübergehenden Genuß und zögen wegen Ungerechtigkeit ewige Verdammniß nach sich, und was er sonst zu sagen für geeignet hielt, um den Ungestüm der Jugend zu beschwichtigen. Als aber seine Ermahnung erfolglos war und das jugendliche Feuer tobte und durch die wachsende Hoffnung auf Gewinn angefacht in hellen Zornesflammen ausschlug und auf beiden Seiten sich aus den Untergebenen ein Heer bildete, ein großer Haufen, von jugendlichem Grolle geführt, und schon die Zeit des Zusammenstoßes festgesetzt war, und am folgenden Tage die Schlacht auf beiden Seiten entbrennen sollte, da blieb der Mann Gottes an den Ufern des See’s und wirkte, indem er die Nacht schlaflos zubrachte, am Wasser ein Wunder, wie Moses, nicht, indem er durch einen Schlag mit dem Stabe die Tiefe in zwei Hälften theilte, sondern indem er ihn durch Gebet ganz in festes Land verwandelte, so daß bei Tagesanbruch sich statt des See’s trockenes Land zeigte, ohne Naß und Feuchtigkeit, und in den Vertiefungen auch nicht ein Tröpflein Wasser sich vorfand, wo vor seinem Gebete die Fluthen sich ergoßen.
Er nun, nachdem er auf diese Weise sein Richteramt geübt hatte, kehrte wieder nach Hause zurück. Die Jünglinge aber gaben ihren Zwist auf, da er durch die That geschlichtet war. Denn da der Gegenstand, wegen dessen sie sich gegenseitig befeindet hatten, nicht mehr vorhanden war, kehrte Friede in ihre Herzen ein, und es machte sich bei den Brüdern die natürliche Zuneigung wieder geltend. Und jetzt noch kann man die deutlichen Zeichen jener göttlichen Entscheidung sehen. Denn rings um den ehemaligen See haben sich bis jetzt noch einige Spuren der Wasserfluthen erhalten. Alles aber, was damals tief unter Wasser stand, verwandelte sich in Waldung, bewohnte Plätze, Wiesen und angebautes Land. Dieser richterlichen Entscheidung würde, wie ich glaube, nicht einmal jener berühmte Salomo den Vorrang streitig machen. Denn trug es etwa so viel zur Tugend bei, den Säugling der rechten Mutter zu 531 erhalten, für den es in Bezug auf das Seelenheil durchaus einerlei war, ob ihm von seiner Mutter oder einem andern Weibe der Lebensunterhalt verschafft wurde, als zwei Jünglinge zum Heile zu führen, die soeben in das Leben eingetreten, in jugendlicher Kraft, in der schönsten Blüthe des Alters, als ihr Groll sie zur gegenseitigen Ermordung anspornte, ein bedauernswerthes Schauspiel ihren Zeitgenossen zu geben im Begriffe standen, indem sie gegen einander die Waffen ergriffen, bei Denen zu befürchten stand, daß sie entweder beide sich gegenseitig mordeten, oder daß wenigstens Einer sich mit Brudermord befleckte, um von Denen nicht zu reden, die auf beiden Seiten mit gleichem Grolle sich gegenüberstanden, und die ein und dasselbe Ziel bei ihrem gegenseitigen Angriffe hatten, die Ermordung der Gegner? Der also das gegen sie vom bösen Richter bereits erlassene Todesurtheil durch sein Gebet wieder umstürzte und die Natur mit sich wieder aussöhnte und die Mordlust in die Freuden des Friedens verwandelte, wird er wegen seiner Entscheidung nicht etwa mit Recht mehr bewundert, als Der, welcher den Betrug der Buhlerin entdeckte? Denn was das Wunder mit dem Wasser betrifft, wie das schiffbare Element plötzlich in Festland sich umgestaltete, und der See sich in Flachland und Thalgrund verwandelte, und wie der Ort, wo früher ein Meer war, jetzt Früchte hervorbringt, so halte ich es für besser, darüber zu schweigen, als es in der Rede darzustellen, die sich zur Höhe des Gegenstandes nicht erheben kann. Denn wo haben wir von einem Wunder gelesen, das mit diesem den Vergleich aushalten kann? Josue, der Sohn des Nave, brachte den Jordanfluß zum Stehen, aber nur so lange sich die Bundeslade im Wasser befand. Als aber das Volk hinübergesetzt war, und man die Bundeslade hinübergebracht hatte, überließ er den Fluß wieder seinem gewöhnlichen Zustande. Im rothen Meere wird der Abgrund von Wasser frei, indem das Wasser vom Winde auf beide Seiten gedrängt wurde; aber das Wunder dauerte nur so lange, als das Heer durch den trockenen Abgrund marschirte, hierauf zeigte das Meer wieder 532 eine zusammenhängende Oberfläche, und was auf kurze Zeit getrennt war, floß wieder zusammen. Hier aber dauert der einmal eingetretene Zustand fort, so daß nicht einmal durch die Zeit der Glaube an das Wunder geschwächt werden kann, da es fortwährend durch den Anblick bezeugt wird.
Was man also vom See erzählt und sieht, verhält sich auf die angegebene Weise. Es wird aber von ihm noch ein zweites Wunder ausser diesem gezeigt und erwähnt. Es fließt ein Strom durch ihr Land, der schon durch seinen Namen seine rauhe und unsanfte Strömung andeutet. Denn er wird wegen seiner Verheerungen von den Einwohnern Lykos (Wolf) genannt. Dieser strömt schon wasserreich aus Armenien, wo er seine Quellen hat, indem das Land von den hohen Bergen ihm reichliche Gewässer zuführt. Und während er mit tiefem Rinnsal überall am Fuß der Felsenberge vorüberfließt, wird er durch die in der Winterszeit sich bildenden Gießbäche viel reißender, indem er alle Zuflüsse aus den Bergen in sich aufnimmt. Im Flachlande aber, durch welches er fließt, wird er oft auf beiden Seiten durch ein hohes Ufer eingeengt und ergießt sich an einigen Stellen über die Ufer, indem er alles anliegende niedrige Land mit seinem Gewässer überschwemmt, so daß die Bewohner der Gegend in beständiger, unberechenbarer Gefahr schweben, da der Fluß oft mitten in der Nacht oder auch bei Tag sich über die Gefilde ergießt, so daß nicht nur die Bäume, Saaten und das Vieh vom reissenden Gewässer zu Grunde gerichtet wurden, sondern die Gefahr auch die Einwohner selbst erfaßte, da sie bei der Überschwemmung in ihren Häusern unerwartet Schiffbruch litten. Da nun die vom großen Manne früher gewirkten Wunder unter dem ganzen Volke bekannt geworden waren, erhoben sich jene Uferbewohner alle mit einander, Männer, Frauen und Kinder, und flehten den großen Mann an und baten ihn, er möchte ihnen in ihrer hoffnungslosen Lage irgend eine Befreiung von ihren Leiden verschaffen. Denn Gott 533 vermöge Alles durch ihn, was menschlicher Geist und Verstand nicht zu Stande bringen könne. Denn Nichts von Dem, was menschliche Einsicht und Kraft vermöge, hätten sie unversucht gelassen, indem sie Steinbauten, Dämme und was sonst gewöhnlich gegen dergleichen Mißstände ersonnen wird, in Anwendung gebracht, und doch hätten sie dem hereinbrechenden Unglück nicht steuern können. Um ihn desto mehr zum Mitleid zu bewegen, baten sie ihn, ihre schlimme Lage selbst in Augenschein zu nehmen und sich zu überzeugen, daß sie nicht im Stande wären, ihren Wohnsitz zu verlegen, und daß der Andrang des Gewässers sie stets mit dem Tod bedrohe.
§ 8
Er war nun dort bald angekommen, ― denn der Eifer im Guten gestattete ihm keine Zögerung, ― ohne daß er sich eines Gefährtes oder Pferdes oder sonst eines Transportmittels bedient hatte sondern, auf einen Stock gestützt und mit seinen Reisegefährten Betrachtungen über die höhere Hoffnung anstellend hatte er den ganzen Weg zurückgelegt. Damit gab er sich immer vorzugsweise ab und behandelte in Vergleich mit seinem hauptsächlichen Streben das Übrige als Nebensache. Als nun von seinen Wegweisern ihm die Stelle gezeigt wurde, wo der Fluß ausgetreten war, und der Augenschein ihn vom Mißstand überzeugte, es hatte sich nämlich an der Stelle durch den Andrang des Wassers eine tiefe Schlucht gebildet, da sprach er also zu den Versammelten: Es vermögen, o Brüder, die Menschen die Bewegung des Wassers nicht in Grenzen einzuschließen, und der göttlichen Macht allein ist es vorbehalten, dem Lauf der Gewässer Schranken zu setzen. Denn also spricht der Prophet zu Gott: „Du hast ihm eine Grenze gesetzt, die er nicht überschreiten wird.“ Nur Christus, dem Herrn der Schöpfung, ist die Natur der Elemente unterthan und sie bleiben beständig da, wo ihnen ihre Stellung angewiesen 534 wurde. Da also Gott den Gewässern ihre Grenzen setzt, so kann auch er allein durch seine Macht dem Austreten dieses Stromes Schranken setzen. Sprach es, und wie von göttlichem Hauche begeistert, fleht er mit lauter Stimme Christus an, er möge ihm zu dieser That Beistand leisten, und befestigt den Stab, den er in der Hand trug, an der verwüsteten Uferstelle. Da aber die Erde an jener Stelle durchweicht und locker war, so gab sie leicht der Last des Stabes und seinem Handdruck, als er ihn befestigte, nach und wich in die Tiefe. Hierauf flehte er zu Gott, es möchte dieß zu einem Damme und einer Schranke gegen das unregelmäßige Austreten der Gewässer werden und kehrte wieder zurück und bewies durch den Erfolg, daß das, was durch ihn geschah, durch göttliche Kraft bewirkt wurde. Denn bald darauf faßte der Stab am Ufer Wurzel und wurde zum Baume. Für den Strom aber bildete der Baum die Grenze, und heute noch nehmen die Einwohner den Baum in Augenschein und wissen von ihm zu erzählen. Denn wenn der Lykos durch Regengüsse und Gebirgsbäche nach seiner Gewohnheit anschwillt und seine Gewässer unter furchtbarem Brausen dahin rauschen, so streift er dann mit seinen Fluthen den untersten Fuß des Baumes, und wiederum sammelt er den Wogenschwall in der Mitte, und wie wenn er sich scheute, dem Baume nahe zu kommen, machen seine Wogen eine Krümmung und gehen an jener Stelle vorüber.
Das war die Macht des großen Gregor oder vielmehr Gottes, der in ihm seine Wunder wirkte. Denn die Natur der Elemente zeigte sich, wie wenn sie in Knechtschaft sich befunden hätte, auf den Befehl hin, wie er wollte, in verändertem Zustand, so daß ein See sich in fruchtbares Land umwandelte und die Wasserschlünde Bewohner erhielten, indem der Stab den Bewohnern Sicherheit gewährte. Noch heute führt der Baum den Namen Stab, eine Erinnerung an die Wohlthat und Macht Gregors, welche den Einwohnern für ewige Zeiten erhalten bleibt.
535 Was für ein Wunder eines Propheten willst du dem gegenüber gestellt sehen? Soll ich die Theilung des Jordan anführen, welche Elias vor seiner Auffahrt durch den Schlag mit der Schafhaut zu Stande gebracht hat, und nach ihm Elisäus, der Erbe des Schaffells und des Geistes? Aber zu ihrer Zeit wurde bloß den Propheten im Augenblick der Noth durch die Theilung des Wassers der Durchgang durch den Jordan möglich gemacht, indem dieser seinen Lauf so lange hemmte, als es nothwendig war, damit die Propheten den Boden trockenen Fußes durchschreiten konnten. In der Folgezeit war er aber für die übrigen Menschen wie zuvor. Der Lykos dagegen, einmal von seinem unregelmäßigen Laufe zurückgedrängt, veranlaßt für immer die Bewunderung des Gregor, indem er in der ganzen Folgezeit in dem Zustande blieb, in den ihn der Glaube des großen Mannes zur Zeit des gewirkten Wunders versetzt hatte. Der Zweck der That war aber nicht, die Zuschauer in Staunen zu versetzen, sondern die Anwohner des Flusses zu retten; daher ist zwar das Wunder gleich groß ― denn es fügt sich sowohl den Propheten als auch dem Nachahmer der Propheten in gleicher Weise die Natur des Wassers, ― aber wenn man es frei heraussagen will, die That des Letztern in Bezug auf Menschenliebe steht höher, weil dadurch den Einwohnern Sicherheit gewährt wurde, da das Wasser, nachdem es einmal an jener Stelle des Flusses aufgehalten worden war, auch später ohne Veränderung blieb.
§ 9
Da der Ruf von diesen Wundern durch das ganze Land drang, und man sich überzeugte, daß sie durch die Kraft des Glaubens an Christus gewirkt wurden, so ergriff Alle eine Sehnsucht, an einem Glauben Theil zu nehmen, der von solchen Wundern bezeugt würde. Und überallhin drang die Predigt und die Geheimnißlehre war wirksam und das 536 Streben nach dem Guten nahm zu, indem das Priesterthum überall eingeführt wurde, damit der Glaube überall wüchse und zunähme. Es wird daher eine Gesandtschaft aus einer benachbarten Stadt an ihn abgeordnet, daß er zu ihnen komme und in ihrer Kirche das Priesterthum einführe. Die Stadt heißt Komana, deren sämmtliche Bürger den großen Mann um die Gunst anflehten, er möge nicht verschmähen, bei ihnen Einkehr zu nehmen. Als er nun zu ihnen kam und sich einige Tage bei ihnen aufhielt und in ihnen durch seine Thaten und Worte ein noch größeres Verlangen nach der Geheimnißlehre entzündete, und es bereits Zeit war, daß der Zweck ihrer Gesandtschaft erreicht und ein Oberpriester für ihre Kirche ernannt würde, da waren die Gedanken aller Magistratspersonen auf Die gerichtet, welche durch Rednergabe, Abkunft und sonstige Vorzüge sich hervorthaten. Denn sie glaubten, da diese Eigenschaften auch an Gregorius hervortraten, so dürften sie auch Dem nicht mangeln, dem diese Gnade zu Theil würde. Da nun ihre Stimmen sich vielfach theilten, und die Einen diesen, die Andern jenen wählen wollten, so erwartete der große Mann, es werde ihm von Gott für den vorliegenden Fall irgend ein Rath zu Theil werden. Und wie von Samuel berichtet wird, daß er bei der Wahl zur Königswürde sich nicht von körperlicher Schönheit und Größe habe bewegen lassen, sondern nach einem königlichen Geist geforscht habe, sollte er auch in einem unansehnlichen Körper sich finden, in gleicher Weise sah auch er ohne Rücksicht auf die Bestrebungen, welche zu Gunsten Anderer gemacht wurden, nur darauf, ob Einer auch vor der Wahl durch Unschuld und Tugend sich des Priesterthums würdig zeigte.
537 Als nun diese ihre Kandidaten unter Lobsprüchen vorführten und Jeder den seinigen vorschlug, er aber sie aufforderte, auch auf Die Rücksicht zu nehmen, welche im äusseren Leben eine geringere Stellung einnähmen, denn es könne auch unter diesen sich Einer finden, der an Reichthum der Seele höher stehe, als Die, welche in der Welt ein höheres Ansehen genießen, so hielt einer von den Leitern der Wahl diesen Vorschlag des großen Mannes für Schmach und Hohn, wenn, während die Übrigen nach Beredsamkeit, Würde und dem offenen Zeugnisse ihres Lebens beurtheilt würden, und Keiner zum Priesterthum auserwählt würde, man irgend einen Handwerker dieses Amtes für würdiger hielte. Und zugleich ging er spottend auf ihn zu und sagte zu ihm: Wenn du dazu aufforderst, daß diese Männer, welche aus der ganzen Stadt auserlesen sind, übergangen werden, und daß man zur Würde des Priesterthums Einen aus dem Auskehricht hervorziehe, so möchte es zuletzt geeignet sein, den Köhler Alexander zum Priesterthum zu berufen, und wenn es dir Recht ist, so wollen wir Bürger der Stadt insgesammt in gemeinschaftlicher Übereinstimmung diesem unsere Stimmen geben. Er nun sagte dieß, um dessen Denkweise lächerlich zu machen und durch die scherzweise vorgeschlagene Wahl dessen Bedenklichkeiten bei den Früheren zu mißbilligen. Dem großen Manne aber kommt bei Anhörung dieser Worte der Gedanke, es möchte nicht ohne göttliche Fügung Alexander bei der Wahl erwähnt und genannt worden sein, und fragt: Wer ist dieser Alexander, von dem ihr Erwähnung gethan habt? Als nun da Einer der Anwesenden den benannten unter Gelächter vorführte, der in schmutzige Lumpen gehüllt war, und nicht einmal dieß am ganzen Körper, und sein Handwerk durch sein Aussehen an Händen und Gesicht verrieth, und dessen übrige Körpertheile durch die Beschäftigung mit den Kohlen beschmutzt waren, da war Alexander für die Übrigen, indem er so mitten unter ihnen stand, ein Gegenstand des Gelächters. Jenes durchdringende Auge aber wurde bei diesem Vorgang und Auftritt sehr überrascht. Es war 538 hier ein Mann zu sehen, der in äusserster Armuth und mit vernachläßigtem Körper sich Nichts vergab und fast auf dieses Aussehen stolz war, das in den Augen der Unverständigen ihn lächerlich machte. Denn die Sache verhielt sich also. Nicht der Zwang der Armuth hatte ihn zu einem solchen Leben getrieben, sondern der Mann war ein Weiser, wie sein späteres Leben zeigte, und stand höher als die Übrigen, so daß er es zum Martyrtode brachte und seinen Lebenslauf im Feuertode vollendete. In der Verborgenheit aber lebte er, oder vielmehr suchte er zu leben, weil er über das Glück erhaben war, nach dem die Menge strebt, und die Welt für Nichts achtete, weil er nach dem höheren wahren Leben sich sehnte. Und um desto eher die Tugend, nach der er strebte, zu erreichen, suchte er diese seine Eigenschaften zu verbergen und versteckte sie hinter einem verachteten Gewerbe, wie hinter einer abstoßenden Larve. Ausserdem glaubte er, da er in voller Jugendblüthe stand, es könnte die Enthaltsamkeit, nach welcher er strebte, gefährdet werden, wenn er die Schönheit seines Körper zur Schau trüge, als wollte er mit dem Glücke seiner äusseren Gaben prunken. Denn er wußte, daß das die Meisten in schwere Verirrungen stürze. Damit ihm also weder etwas Unerwünschtes begegnete, noch auch er für fremde Augen ein Gegenstand des Anstoßes würde, deßhalb hüllt er sich wie in eine abstoßende Larve freiwillig in das Handwerk eines Kohlenbrenners. Da übte er seinen Körper durch Arbeit zur Tugend, und verbarg seine Schönheit hinter dem Ruß der Kohlen, und verwendete zugleich die Erträgnisse seiner Arbeit zur Erfüllung der Gebote.
Als er ihn nun aus der Versammlung entfernt und alle seine Lebensverhältnisse genau erforscht hatte, übergab 539 er ihn seinen Begleitern und trug ihnen auf, was sie mit ihm vornehmen sollten. Er aber begab sich wieder in die Versammlung und belehrte die Versammelten über den vorliegenden Gegenstand, indem er vom Priesterthum handelte und ihnen hiebei eine Schilderung des tugendhaften Lebens machte. Mit solchen Reden hielt er die Versammlung hin, bis die Diener nach Vollendung seines Auftrages mit Alexander wieder erschienen, der sich vom entstellenden Ruße gereinigt und die Kleider des großen Mannes angezogen hatte. Denn dieß zu besorgen hatte er ihnen aufgetragen. Als nun Alle auf Alexander schauten und bei seinem Anblick mit Bewunderung erfüllt wurden, sagte der Lehrer zu ihnen: „Es ist euch nichts Ausserordentliches begegnet, wenn euere Augen sich täuschten, und ihr bei der Beurtheilung der Schönheit bloß von der sinnlichen Wahrnehmung euch leiten ließet. Denn eine unzuverläßige Richterin der Wahrheit ist die sinnliche Wahrnehmung, weil ihr das Eindringen in die Tiefe des Geistes versperrt ist. Zugleich war dieß auch dem Teufel selbst, dem Feinde der Gottesfurcht, lieb, daß das Gefäß der Auserwählung ganz unthätig und unbekannt sei, und nicht ein Mann öffentlich auftrete, der seine Macht vernichten würde.“ Nach diesen Worten führt er den Mann im Priesterthume Gott zu und überträgt ihm auf die vorgeschriebene Weise die Gnade der Weihung. Als nun Alle ihre Augen auf den neuen Priester warfen und er ersucht wurde, vor der Gemeinde zu sprechen, so zeigte Alexander gleich beim Antritt seines Hirtenamtes, daß der große Gregor über ihn ein richtiges Urtheil gefällt hatte. Denn seine Rede war voll Verstand, minder mit rednerischen Blumen geziert. Ein hochmüthiger attischer Jüngling, der sich bei ihnen aufhielt, verlachte daher die schmucklose Redeweise, weil sie nicht mit attischer Kunst ausgefeilt war. Er soll aber durch ein göttliches Gesicht zu besserer Einsicht gelangt sein, da er eine Herde Tauben sah, die von ungemeiner Schönheit strahlten, und Jemand sagen hörte, dieß seien die Tauben Alexanders, über die er gelacht hätte.
§ 10
540 Worüber soll man nun sich mehr wundern? Darüber, daß der Mann durch die Wahl der Würdenträger nicht den klaren Blick verlor und durch die Zeugschaft der Angesehenen sich nicht mit fortreissen ließ, oder vielmehr darüber, daß er den unter den Kohlen verborgenen Reichthum hochschätzte, da ihm sogleich darauf von Gott das Zeugniß für die richtige Beurtheilung durch das Gesicht des Rhetors ertheilt wurde? Denn mir scheint hievon das Eine wie das Andere an und für sich so beschaffen zu sein, daß der Vorrang streitig ist, Beides aber beinahe über alle Wunder, deren irgend eine Erwähnung geschieht, den Sieg davon trägt. Denn der Widerstand gegen das Drängen der Vornehmen war das deutlichste Merkmal seiner unwandelbaren hohen Gesinnung. In Folge hievon sah er alle Erscheinungen in der Welt in gleicher Weise an, mochten sie den höheren und glänzenden Regionen, oder den niedrigen und unansehnlichen angehören. Und da er der Tugend allein den Vorzug gab und bloß ein schlechtes Leben für verwerflich hielt, sah er Alles für Nichts an, was man in der Welt für wünschenswerth oder verächtlich hält. Diese seine Gesinnung legte er also auch damals an den Tag. Denn da er nach Dem forschte, der würdig und Gott angenehm wäre, so hielt er es nicht für sachdienlich, hiebei auf Reichthum, Ansehen und Glanz dieser Welt zu schauen, wovon das göttliche Wort Nichts unter der Zahl der Güter aufzählt. Nicht dieß allein ist nun des Lobes und der Bewunderung würdig, daß er den Bestrebungen der Angesehenen nicht nachgab, sondern auch, daß er sich durch Das, was er weiter that, selbst übertraf. Denn hätte er nur eine unglückliche Wahl verhindert, sonst aber weiter für Nichts gesorgt, so hätte er nur das Unheil ferne gehalten, aber nicht das Gute vollbracht. Er aber wies nicht bloß das Schlechte von sich, sondern machte auch das Gute ausfindig und brachte auf doppeltem Wege das Gute zu Stande, indem er 541 einerseits dem Bösen keinen Eingang gestattete, anderseits das Gute in Thätigkeit setzte, so daß der große Gregor nach beiden Richtungen hin der Stadt Vortheile brachte, indem er das, was aus Unwissenheit gefehlt wurde, verbesserte und das Gut, das unter ihnen verborgen war, durch sein Eingreifen an’s Licht zog.
Da aber durch den Beistand des heiligen Geistes dem großen Manne Alles nach Wunsch von Statten ging, dürfte es nicht ungeeignet sein, zu erzählen, was ihm auf dem Wege zustieß, um zu zeigen, wie in Allem dem Manne die Gnade zur Seite stand. Denn da Allen einleuchtete, daß dem Manne vorzugsweise am Herzen lag, in Allem auf den Trost der Dürftigen zu schauen, so paßten ihm zwei Hebräer, sei es aus Eigennutz, sei es um den Mann zu verhöhnen, als ob er leicht hintergangen werden könne, den Weg ab. Von diesen lag der eine scheinbar todt, rücklings hingestreckt, quer über der Straße, der andere aber stieß, als jammerte er über den Hingesunkenen, verstellte Klagelaute aus, und sagte mit gehobener Stimme zum großen Manne, der vorüberging, dieser Unglückliche sei plötzlich vom Tode erfaßt worden und liege nun von Allem entblößt da und es fehle ihm das Nöthige zur Beerdigung. Er bat also den großen Mann, ihm den letzten Liebesdienst nicht zu verweigern, sondern seiner Armuth sich zu erbarmen und nach Kräften es zu ermöglichen, daß er mit dem letzten Schmuck umhüllt werde. Mit diesen und ähnlichen Worten flehte er ihn an. Er aber warf ohne Zaudern den Mantel, den er trug, auf den Liegenden hin und setzte seinen Weg fort. Als aber nach seiner Entfernung Die, welche diesen Spaß mit ihm veranstaltet hatten, wieder allein waren, schlug jener Betrüger statt der verstellten Jammerlaute ein helles Gelächter auf und hieß seinen Kameraden aufstehen, vor Freude über den durch den Betrug erlangten Gewinn jubelnd. Aber dieser blieb in der gleichen Stellung und vernahm die Worte nicht. Und als der andere lauter seine Stimme erhob und zugleich mit dem Fuß ihn 542 aufzuwecken suchte, so hörte der Liegende dessen ungeachtet weder die Stimme, noch fühlte er den Stoß, sondern blieb in gleichem Zustand ausgestreckt. Denn er war eine Leiche und zugleich mit dem Umwerfen des Mantels in Wirklichkeit dem Tode verfallen, den er nachgeäfft hatte, um den großen Mann zu hintergehen, so daß der Mann Gottes nicht als ein Betrogener erschien, sondern der Mantel den Empfängern zu dem Zwecke diente, zu dem er ihnen denselben gegeben hatte.
Sollte aber ein solches Werk des Glaubens und der Macht des großen Mannes schauerlich dünken, so möge es Niemand befremdend finden, indem er auf den großen Petrus schaut. Denn auch dieser zeigte nicht bloß durch Wohlthun die ihm verliehene Macht, indem er bewirkte, daß der Lahmgeborne vor dem Volke gerade einherging und aufsprang, oder indem er durch den Schatten seines Körpers die Kranken heilte, auf welche beim Vorbeigehen des Apostels die Sonne den Schatten warf, sondern er verurtheilte auch den Ananias, welcher vor der dem Apostel verliehenen Macht keine Achtung hatte, zum Tode, damit, wie ich glaube, durch die an Jenem erregte Furcht Alle aus dem Volke, die ihn verachteten, durch das furchtbare Beispiel weiser würden und sich abschrecken ließen, der gleichen Gesinnung zu huldigen. Mit Recht hat also der Nachahmer des Petrus, nachdem er die Größe seiner Macht durch viele wohlthätige Wunder gezeigt hatte, Den, welcher gegen den Geist sich des Betruges bedienen wollte, genöthigt, gegen ihn wahr zu sein. Denn es mußte, glaube ich, der Vernichter der Lüge auch im Betrüger die Lüge in Wahrheit umwandeln, damit Allen dadurch offenbar würde, daß auch jedes Wort des großen Mannes wahr gewesen, und was er als wahr annahm, keine Lüge war. Die Juden also, welche in der angeführten Weise, wie sie glaubten, 543 die Macht des großen Mannes verspottet hatten, wurden Andern zum warnenden Beispiele, keinen Betrug zu wagen, da Gott selbst Ankläger ihrer vermessenen Unternehmung wurde.
§ 11
Als hierauf einmal eine Versammlung unter freiem Himmel in irgend einer Ortschaft des Landes stattfand und Alle seine Lehren bewunderten, rief ein Jüngling den Versammelten zu, daß der Lehrer dieß nicht aus sich selbst sage, sondern daß ein Anderer, der neben ihm stehe, die Rede vortrage. Als man aber nach Beendigung der Versammlung den Knaben herbeibrachte, soll der große Mann zu den Anwesenden gesagt haben, daß der Jüngling vom bösen Geiste nicht rein sei. Er soll dann das um seine eigene Schulter gelegte Linnen (das bischöfliche Omophorium?) genommen, es angehaucht und auf den Knaben gelegt haben. Als dieß geschehen war, gerieth der Junge in Verwirrung und begann aufzuschreien, stürzte nieder, wurde hin und her geschleudert, und es stießen ihm alle Zufälle eines Besessenen zu. Als hierauf der Heilige ihm die Hand auflegte und die Verwirrung beschwichtigt hatte, habe ihn der böse Geist verlassen, dieser aber, in den regelmäßigen Zustand wieder versetzt, habe gesagt, daß er bei dem heiligen Manne Den nicht mehr sehe, welcher an seiner Seite redete. Denn auch Dieß ja gehört zu seinen großen Wundern, daß er nicht durch irgend welche großartige Vorkehrungen seine wunderbaren Heilungen vollbrachte, sondern daß es zur Vertreibung der bösen Geister und zur Heilung der Körperkrankheiten genügte, den Hauch seines Mundes mittelst des Linnen dem Kranken zu nähern.
Aber alle seine Wunder der Ordnung nach aufzuzählen, würde eine umfangreiche Abhandlung und Rede erfordern, wozu es mir gegenwärtig an Zeit gebricht. Ich will daher noch eines oder zwei, wie sie von ihm erzählt werden, anführen und damit meine Rede schließen. Als nämlich schon überallhin die göttliche Predigt gedrungen war, und Alle in der Stadt und Umgebung den frommen Glauben an die 544 Lehre angenommen hatten, nachdem ihre Altäre, Tempel und Götzenbilder umgestürzt, das menschliche Leben von der Befleckung des Götzendienstes gereinigt, der unreine Opferdampf erloschen, der Schmutz der Altäre und die Unreinigkeit der Thieropfer abgewaschen war, und als Alle in der ganzen Gegend mit Eifer im Namen Christi Gotteshäuser errichteten, so wurde der damalige Beherrscher der Römer von Groll und Neid erfüllt, daß seine vaterländische falsche Gottesverehrung vernachläßigt würde, dagegen die Geheimnißlehre der Christen zunähme, und überall die Kirche auf Erden an Zahl der Bekenner wüchse, und ihr Umfang durch Jene, die beständig für das Wort gewonnen wurden, überall auf Erden zunähme. Und indem er es für möglich hielt, mit seiner Heftigkeit der göttlichen Macht zu widerstehen, die Predigt der Geheimnißlehre aufzuhalten, die errichteten Kirchen zu vernichten, und Die, welche sich dem Worte angeschlossen hatten, wieder zum Götzendienst zurückzuführen, so erläßt er daher an die Häupter der Völker einen Befehl, indem er ihnen eine schreckliche Strafe androht, wenn sie nicht mit jeder Art von Peinen die Anbeter des Namens Christi mißhandelten und sie wieder durch Furcht und den Zwang der Leibesstrafen zum väterliche Götzendienst zurückführten.
Als aber dieser furchtbare und gottlose Befehl an die Statthalter ergangen war, und über das ganze Reich sich Die verbreitet hatten, welche von der tyrannischen Grausamkeit eben dazu bestimmt waren, herrschte Einer über das Volk dieser Gegend, der solcher Gesinnung war, daß er zum bösen Unternehmen keiner höheren Machtbefugnis bedurfte, da er schon durch seine natürliche Anlage Grausamkeit, Härte und Abneigung gegen Die in sich trug, welche den Glauben an das Wort angenommen hatten. Und es ergeht von ihm in öffentlichen Erlassen der furchtbare Befehl, es müsse der Glaube abgeschworen werden, oder man habe alle möglichen Strafen und Todesarten zu gewärtigen. Und Nichts thaten und betrieben im öffentlichen und 545 Privatleben damals Die, welche die gemeinsamen Angelegenheiten zu besorgen hatten, als daß sie die treuen Anhänger ihres Glaubens bekämpften und straften. Als Schreckmittel dienten aber nicht bloß drohende Worte, sondern neben diesen bewirkte auch die mannigfache Zurüstung zum Strafvollzug jeden möglichen Schrecken und erfüllte die Menschen mit Furcht, bevor sie die Strafe erlitten: Schwert, Feuer, Bestien, Gruben, Folterwerkzeuge für die Gliedmaßen, feurige Sesseln von Eisen, aufgerichtete Holzpfähle, an welche die Leiber hingestellt, ausgespannt und durch die furchtbaren Hacken zerfleischt wurden. Und andere unzählige Erfindungen wurden zu den vielgestaltigen Martern von ihnen ersonnen und Die, welchen diese Vollmacht übertragen worden war, kannten nur* ein* Streben, daß wegen übermäßiger Härte Keiner als sanfter gelten möchte, als ein Anderer. Denn die Einen machten die Anzeiger, die Andern die Zeugen, Andere suchten die Verborgenen auf, wieder Andere stellten den Flüchtigen nach, noch Andere aber, welche auf das Eigenthum der Gläubigen sahen, verfolgten, um sich desselben zu bemächtigen, unter dem Vorwande der Frömmigkeit, die Anhänger des Glaubens. Unter dem Volke aber gab sich lauter Verwirrung und große Angst kund, indem sich Alle gegenseitig verdächtig waren, indem den Vätern in der Gefahr das Wohlwollen der Kinder nicht gesichert war, nicht das natürliche Verhältniß den Kindern Treue und Liebe der Väter verbürgte. Die Familien waren durch die Gottesverehrung unter einander getrennt und gespalten, und ein heidnisch gesinnter Sohn wurde zum Verräther gläubiger Eltern, und ein im Unglauben verharrender Vater zum Ankläger seines gläubigen Sohnes. Und ein Bruder empörte sich aus gleicher Ursache gegen die Natur, indem er es nicht für gesetzwidrig hielt, den Blutsverwandten der Strafe auszuliefern, wenn er die Gottesfurcht nicht verletzte. Deßhalb waren die Wüsten voll von Vertriebenen, leer die Häuser von Bewohnern, viele öffentliche Gebäude waren zur Aufnahme der Gefangenen bestimmt. Denn die Gefängnisse waren nicht im Stande, die 546 Menge Derer in sich zu fassen, die wegen des Glaubens zur Strafe gezogen wurden. Auf allen öffentlichen Plätzen und in Versammlungen von Amtspersonen und Privatpersonen befaßte man sich statt der gewöhnlichen fröhlichen Unterhaltung mit diesen Unglücksfällen, indem die Einen herbeigeschleppt, die Andern fortgeführt wurden, Andere wegen dieser Vorfälle sich fröhlich zeigten oder weinten. Man hatte kein Mitleid mit den Unmündigen, keine Ehrfurcht für das Alter; keiner Achtung vor der Tugend waren die Haßerfüllten zugänglich, sondern wie bei der Erstürmung einer Stadt war jedes Alter den Feinden preisgegeben, nicht einmal den Frauen konnte die natürliche Schwäche ihres Geschlechtes die Befreiung von solchen Drangsalen verschaffen, sondern* ein* Gesetz der Grausamkeit galt für Alle, das mit gleichem Maß der Strafe für das Geschehene gegen Den auftrat, der den Götzendienst aufgab, ohne Rücksicht auf die natürlichen Verhältnisse.
§ 12
Da nun damals der große Mann die Schwäche der menschlichen Natur einsah, und daß die Meisten nicht bis in den Tod für die Gottesfurcht den Kampf zu bestehen vermöchten, gab er der Kirche den Rath, vor der schrecklichen Verfolgung etwas zurückzuweichen, indem er es für besser hielt, daß sie ihr Leben durch die Flucht retteten, als daß sie, zu offenem Kampfe in Schlachtordnung gestellt, vom Glauben abfielen. Und damit die Menschen desto eher sich überzeugen ließen, daß es der Seele keine Gefahr bringe, wenn man seinen Glauben durch die Flucht rette, ging er mit seinem eigenen Beispiel voran, indem er sich vor den Übrigen dem Andrang der Gefahr entzog. Zugleich war aber auch den Machthabern am Meisten daran gelegen, ihn als den Führer zu überwältigen und so den ganzen Kampf für den Glauben zu erdrücken, und deßhalb waren die Feinde bestrebt, sich seiner zu bemächtigen. Er hatte sich in Gesellschaft jenes Tempeldieners, den er Anfangs für den Glauben gewonnen hatte und der bereits zur Gnade eines Diakons gelangt war, auf einem verödeten Hügel 547 niedergelassen. Als nun die Verfolger ihm in großer Zahl auf dem Fuße nachsetzten, da ihnen Jemand den Ort zeigte, wo er sich verborgen hielt, besetzten die Einen ringsum den Fuß des Hügels und hielten Wache, damit er in keiner Richtung entfliehen könnte, wenn er es versuchen wollte, die Andern aber gingen auf den Berg und forschten nach allen Seiten, und schon sah sie der große Mann gerade auf sich losstürmen. Da ermahnte er seinen Begleiter, mit festem unerschütterlichem Vertrauen an Gott festzuhalten, die Rettung von ihm zu erwarten, die Hände zum Gebet zu erheben, und wenn auch die Verfolger in der Nähe wären, sich nicht durch die Furcht im Glauben erschüttern zu lassen. Er ging dabei dem Diakon mit seinem eigenen Beispiel voraus. Er blickte gegen den Himmel mit unverwandtem Blicke in aufrechter Stellung und mit ausgespannten Armen. Sie also machten es so. Jene aber stürmten gegen sie heran, durchstöberten den Ort nach allen Richtungen, und nachdem sie jedes ihnen begegnende Gesträuch, jeden vorspringenden Fels, jede von einem Gießbach gebildete Vertiefung mit aller Genauigkeit durchforscht hatten, begaben sie sich wieder an den Fuß des Berges, damit sie aus Furcht vor den Häschern die Flucht ergreifen und Denen, die unten aufgestellt waren, in die Hände fallen sollten. Als er nun weder bei Letzteren sich befand, noch bei Ersteren war, der aber, welcher den Aufenthaltsort des großen Mannes ausfindig gemacht hatte, eine Stelle bezeichnete, wo die Suchenden nur zwei Bäume in geringer Entfernung von einander gesehen haben wollten, blieb der Angeber, während diese sich entfernten, zurück, überraschte den großen Mann selbst, sowie seinen Begleiter im Gebete, und da er den göttlichen Schutz erkannte, durch den sie vor den Verfolgern für Bäume gehalten worden waren, fiel er ihm zu Füßen und nahm den Glauben an das Wort an. Und der noch soeben ein Verfolger war, stellte sich in die Reihe der Verfolgten.
Während sie nun lange Zeit in der Wüste blieben, ― 548 denn es tobte der Kampf gegen den Glauben, da der Statthalter gegen die Anhänger der frommen Lehre heftig wüthet und Alles die Flucht ergriffen hatte, ― so kehrten sie, da sie in Betreff des großen Mannes die Hoffnung aufgaben, daß jemals die Verfolger seiner habhaft würden, gegen die Übrigen ihre rasende Wuth und suchten Alle ohne Unterschied auf; Männer, Frauen, Kinder, die Christi Namen verehrten, schleppten sie in die Stadt und füllten die Gefängnisse, indem sie in Ermanglung irgend eines andern Unrechtes ihnen ihre Frömmigkeit zum Verbrechen machten, so daß die Gerichte damals sonst für keine öffentliche Angelegenheit Muße fanden, sondern die Gewalthaber sich nur angelegen sein ließen, alle möglichen Mißhandlungen und Martern gegen die Anhänger des Glaubens zu ersinnen und anzuwenden. Da nun wird es Allen noch offenkundiger, daß jener große Mann in Nichts ohne Gott zu Rathes ging. Da er sich nämlich durch seine Flucht für das Volk aufbewahrt hatte, gewährte er Allen, die für den Glauben kämpften, gemeinsamen Schutz. Denn wie wir von Moses hören, daß er in einiger Entfernung von dem Heere der Amalekiter durch sein Gebet seinen Stammgenossen Stärke gegen die Feinde verschaffte, so flehte auch er, indem er mit dem Auge der Seele auf die Vorgänge sah, den göttlichen Beistand auf Die herab, welche für das Bekenntnis des Glaubens kämpften. Und als er einst mit seiner Umgebung nach seiner Gewohnheit zu Gott betete, wurde er plötzlich von Angst und Aufregung ergriffen, und es nahmen die Anwesenden wahr, daß ihm Etwas auffiel, daß ihn der Anblick beängstigte und daß er aufhorchte, wie wenn irgend ein Laut zu ihm dränge. Und nach längerer Zeit, nachdem er diesen ganzen Zeitraum hindurch in aufrechter Stellung und bewegungslos verharrt hatte, kehrte er, wie wenn das ihm vorschwebende Gesicht einen guten Ausgang genommen hätte, dann wieder in den gewöhnlichen Zustand zurück und pries Gott mit lauter 549 Stimme, den Lob- und Dankgesang anstimmend, den wir oft aus dem Munde Davids in den Psalmen vernehmen: „Gepriesen sei Gott, der uns nicht ihren Zähnen zur Beute ausgeliefert.“
Da aber seine Umgebung voll Verwunderung war und zu wissen verlangte, was für ein Gesicht ihm denn erschienen sei, soll er gesagt haben, er habe in jener Stunde eine große Niederlage gesehen, indem der Teufel von einem Jüngling in den Kämpfen für die Frömmigkeit überwunden worden sei. Da sie aber seine Worte noch nicht begriffen, erklärte er ihnen deutlicher, daß in jener Stunde unter höherem Beistande ein Jüngling aus adeligem Stande, von den Henkern vor den Statthalter geführt, einen heissen Kampf für den Glauben kämpfte, ― er fügte auch den Namen hinzu, indem er ihn Troadius nannte, ― und daß er nach vielen Martern, die er muthig ertrug, die Marterkrone sich aufsetzte. Da nun der Diakon dieß mit Verwunderung anhörte und einerseits nicht wagte, dem Gesagten den Glauben zu verweigern, anderseits dafür hielt, daß es die Kraft der menschlichen Natur übersteige, wenn einer ferne von der Stadt, ohne daß ein Mensch ihm Mittheilung machte, wie wenn er bei den Ereignissen gegenwärtig wäre, über die dortigen Vorgänge zu seiner Umgebung spräche, so bat er den Lehrer flehend, er möchte ihn, was geschehen sei, mit eigenen Augen schauen lassen und ihn nicht abhalten, sich in die Gegend selbst zu begeben, wo die große That geschehen sei. Als aber dieser sagte, daß es gefährlich sei, mitten unter den Mördern zu erscheinen, und man oft durch den Angriff des Feindes etwas Unliebes zu erdulden habe, erklärte der Diakon, er vertraue auf den Beistand seines Gebetes, indem er die Worte zu ihm sprach: Empfiehl mich Gott, und es wird mich keine Furcht vor den Feinden anwandeln.
§ 13
550 Als nun dieser durch sein Gebet ihm gleichsam den göttlichen Beistand zum Reisegefährten gab, so legte er mit Zuversicht den Weg zurück, ohne einen Begegnenden zu beachten. Abends in der Stadt angelangt und vom Wege ermüdet, hielt er es für nöthig, durch ein Bad sich von der Müdigkeit zu erholen. Es herrschte aber an jenem Orte ein mörderischer Dämon, der sich im Bade aufhielt, dessen verderbende Macht nach eingetretenem Dunkel gegen die Besucher thätig war, und deßhalb war dieses Bad nach Sonnenuntergang unbesucht und unbenützt. Als er bei diesem angelangt war, bat er den Thürhüter, ihn eintreten zu lassen und ihm die Wohlthat des Bades nicht zu mißgönnen. Als dieser ihn nun versicherte, daß von Allen, die um diese Stunde sich in das Wasser gewagt hätten, Keiner mehr mit heiler Haut zurückgekehrt sei, sondern daß nach der Abendstunde Alle der Dämon bewältigt habe, und daß Viele aus Unbedachtsamkeit sich in Unheil gestürzt und statt der gehofften Erleichterung Jammer und Thränen geerntet hätten, so stand, obschon er diese und ähnliche Vorstellungen ihm machte, dieser dessen ungeachtet von seinem Verlangen nicht ab und drang auf alle mögliche Weise heftig in ihn, er möge ihn einlassen. Dieser aber hielt es für gerathen, für die Unbesonnenheit des Fremden nicht zu büßen, übergab ihm den Schlüssel und entfernte sich weit vom Bade.
Als er nun drinnen war und sich entkleidet hatte, setzte der Dämon verschiedene Mittel in Bewegung, um Furcht und Schrecken zu erregen, allerlei Erscheinungen, die in einer Mischung von Feuer und Rauch auftraten, und in Gestalt von Menschen und Thieren sich den Augen darstellten, um die Ohren rauschten, mit ihrem Hauche nahten und rings um den Körper sich ausgoßen. Er aber schützte sich mit dem (Kreuzes-)Zeichen, rief den Namen Christi an und durchschritt unbeschädigt den ersten Theil des Hauses. Als er aber tiefer hineindrang, stieß er auf beschwerlichere Erscheinungen, indem der Dämon sich in eine furchtbarere 551 Gestalt umwandelte, und es war ihm, als ob das Haus von einem Erdbeben erschüttert würde, und der geöffnete Boden die unterirdische Flamme unverhüllt zeige, und als ob Feuerfunken aus dem Wasser hervordrängen, und wiederum verscheuchte die gleiche Waffe, das Zeichen, der Name Christi und die Hilfe des Lehrers durch das Gebet die furchtbaren Erscheinungen und Vorgänge. Als er aber bereits vom Wasser erfrischt den Ausgang suchte, wurde er wieder aufgehalten, indem der Dämon die Thüre festhielt. Doch auch dieses Hinderniß hob sich wieder durch die nämliche Macht von selbst, indem die Thüre dem Zeichen nachgab. Als ihm nun Alles nach Wunsch von Statten gegangen war, soll der Dämon mit menschlicher Stimme ihm zugerufen haben, er solle diese Macht nicht sich selbst zuschreiben, durch die er dem Verderben entronnen, denn die Stimme Desjenigen, der ihn dem Beschützer empfohlen, hätte ihn vor Unglück bewahrt. Da er also in der angegebenen Weise gerettet worden war, erregte er die Bewunderung der Ortsbehörde, da noch nie Einer von Denen, welche um diese Stunde sich in’s Wasser gewagt, lebendig zurückgekommen war. Als er dieser seine Erlebnisse erzählt und sich überzeugt hatte, daß die Heldenthaten der Blutzeugen in der Stadt auf diese Weise vollbracht worden seien, wie es ihm der große Mann in der Wüste zuvor gesagt hatte, glaubte er an die über ihn erzählten Wunder wegen Dessen, was er gesehen, gehört, und woraus er durch seine eigene Erfahrung die Macht des Glaubens des großen Mannes kennen gelernt hatte, die auch der Dämon bestätigte, eilte wieder zu seinem Meister zurück und hinterließ seinen Zeitgenossen und der Nachwelt als gemeinsames Schutzmittel, daß Jeder durch die Priester sich bei Gott empfehlen lasse. Auch jetzt noch hört man in der ganzen Kirche und vorzugsweise bei Jenen derlei Rede (von der Kraft des priesterlichen Gebetes) als Erinnerung an den Beistand, der damals dem Manne von Gregor geleistet worden war.
Als aber jene Gewaltherrschaft mit Gottes Hilfe 552 bereits gestürzt war, und wieder Friede im menschlichen Leben einkehrte, wo es erlaubt und unverwehrt war, allem Eifer in der Gottesverehrung sich hinzugeben, ging er wieder in die Stadt, und indem er das ganze umliegende Land bereiste, vermehrte er den Eifer im Gottesdienst bei allen Gemeinden, indem er die Festfeier für Die anordnete, welche für den Glauben gekämpft hatten; und indem der Eine dahin, der Andere dorthin die Leiber der Martyrer brachte, versammelten sie sich nach vollendetem Kreislauf des Jahres und freuten sich, indem sie zur Ehre der Martyrer die Festfeier begingen. Denn auch das war ein Beweis seiner großen Weisheit, daß er, da er das ganze Geschlecht seiner Zeit zu einem neuen Leben umgestaltete, wie ein Lenker der Natur, indem er sie fest an die Zügel des Glaubens und der Erkenntniß Gottes fesselte, den Untergebenen das Joch des Glaubens ein wenig erleichterte, um sich in Freudengenuß zu erlustigen. Denn da er einsah, daß wegen der körperlichen Vergnügungen die unerfahrene und unwissende Menge den falschen Götzen anhange, so erlaubte er ihnen, damit bei ihnen zunächst das Wichtigste erreicht würde, daß sie nämlich statt auf eitle Verehrung auf Gott ihren Blick richteten, an der Erinnerung der heiligen Martyrer sich zu erfreuen, sich wohl sein zu lassen zu belustigen, weil mit der Zeit einmal das Leben von selbst mehr Ernst und Strenge annehmen würde, indem der Glaube hiezu Anweisung gäbe. Dieß war auch bei den Meisten schon erreicht, indem jedes Vergnügen aus einer leiblichen Annehmlichkeit in eine geistige Art der Ergötzung sich umgewandelt hatte.
§ 14
Indem er auf diese Weise die Kirche regierte und thätig war, um vor dem Hinscheiden aus dem Leben Alle von den Götzen zum heilbringenden Glauben bekehrt zu sehen, erforschte er, da er sein Hinscheiden vorhersah, sorgfältig die 553 ganze umliegende Gegend, um zu erfahren, ob es noch Einige gebe, die den Glauben noch nicht angenommen hätten. Als er nun erfuhr, es seien Derer, welche im alten Irrthum verharrten, nicht mehr als siebzehn, sagte er, zu Gott aufblickend, es sei zwar auch dieß betrübend, daß die Zahl der Geretteten nicht voll sei, doch sei es großen Dankes würdig, daß er seinem Nachfolger im Kirchenregiment so viele Götzendiener hinterlasse, als er selbst Anfangs Christen hatte. Und er flehte auf die Gläubigen Zunahme in der Vollkommenheit und auf die Ungläubigen die Bekehrung herab, und ging so aus dem menschlichen Leben zu Gott hinüber, nachdem er seinen Vertrauten eingeschärft hatte, sie möchten nicht eine besondere Grabesstätte für ihn erwerben. Denn wenn er während seines Lebens nicht Eigenthümer irgend eines Ortes habe heissen wollen, sondern in fremdem Eigenthum gewohnt und gelebt habe, so werde er auch nach dem Tode sich durchaus nicht schämen, in fremdem Eigenthum zu weilen, sondern es soll, sagte er, in Zukunft heissen, daß Gregor nicht nur in seinem Leben nach keinem Orte den Beinamen erhielt, sondern auch nach seinem Tode in einem fremden Grabe seine Ruhestätte nahm und sich so sehr jedes irdischen Besitzes entäusserte, daß er nicht einmal in einem eigenen Grabe beerdigt sein wollte, denn er habe nur* den* Besitz für werthvoll gehalten, der keine Spur von Habsucht an sich trägt.
Daß aber das ganze Volk von der Thorheit der Heiden plötzlich zur Erkenntniß der Wahrheit geführt wurde, darüber möge sich Jedermann verwundern, der davon Kunde erhält; aber Niemand möge es unglaublich finden, wenn er auf die Vorkehrungen sieht, durch welche bei Denen, die sich von der Lüge zur Wahrheit bekehrten, diese Umwandlung veranlaßt wurde. Denn was in den ersten Zeiten seines Priesterthums geschehen ist, und was wir in der Darstellung, da wir zu den übrigen Wundern eilten, übergangen haben, darauf will ich jetzt eingehen und es erzählen.
554 Es gab ein Volksfest in der Stadt, das einer heimischen Gottheit zu Ehren nach dem Herkommen begangen wurde. Zu diesem strömte fast alles Volk zusammen, denn das ganze Land nahm an der Festfeier Theil. Angefüllt war das Theater von den Herbeigeströmten und von allen Seiten ergoß sich über die Sitze hin die herbeigeströmte Masse, und da Alle die Orchestra mit ihren Blicken zu erreichen suchten, um zu sehen und zu hören, was vorging, entstand auf dem Platze großer Lärm, und es konnten die Gaukler Nichts aufführen, indem das durch das Gedränge entstandene Gewirr nicht nur den Genuß der Musik verkümmerte, sondern nicht einmal den Gauklern es möglich machte, ihre Künste zu zeigen. Da bricht nun das ganze Volk in ein gemeinsames Geschrei aus und ruft den Götzen an, dem zu Ehren es das Fest beging, und verlangte, er möge ihnen Raum verschaffen. Als nun das Geschrei aus allen Kehlen in die Höhe drang, und die ganze Stadt gleichsam mit* einem* Munde den Ruf ausstieß, mit dem sie das Gebet zum Götzen emporsandte, ― es lautete aber das Gebet dem Wortlaute nach: Zeus, mache uns Platz! ― da schickte dieser große Mann, der von dem Lärm vernahm, mit dem sie den Namen des Götzen anriefen, den sie um Platzerweiterung für die Stadt baten, Einen aus seiner Umgebung und ließ ihnen sagen, es würde ihnen mehr Platz gewährt werden als je, und mehr, als sie wünschten. Als aber dieses Wort von ihm als eine unheilbringende Erklärung ausgesprochen worden war, wurde jene ganze Festversammlung von der Pest ergriffen und plötzlich mischte sich in den freudigen Jubel das Klagegeschrei, so daß ihre Belustigung sich in Trauer und Unglück verwandelte, indem statt des Flötenspiels und des Lärmens ununterbrochenes Jammergeschrei die Stadt erfüllte. Denn als einmal die Krankheit über die Menschen hereingebrochen war, verbreitete sie sich unerwartet schnell wie ein verheerendes Feuer über die Häuser, und es füllten sich die Tempel mit Denen, die an der Krankheit hinsiechten, die in der Hoffnung auf Genesung sich dahin 555 flüchteten; die Quellen, Kanäle und Brunnen wurden von Denen umlagert, welche in Folge der bedrängenden Krankheit der Durst verzehrte. Doch war bei ihnen das Wasser nicht im Stande, die Hitze der Krankheit zu dämpfen, indem der Zustand Derer, welche einmal von der Krankheit ergriffen waren, vor und nach dem Gebrauch des Wassers sich gleich blieb. Viele gingen selbst zu den Gräbern, weil die Überlebenden zur Beerdigung der Hingerafften nicht mehr ausreichten. Nicht unvermuthet wurden aber die Menschen vom Übel ergriffen, sondern erst, nachdem eine Erscheinung in dem Hause vorhergegangen war, das vom Übel sollte ergriffen werden, kam dann das Verderben zum Ausbruch.
Als nun Alle die Ursache der Krankheit deutlich einsahen, weil der von ihnen angerufene Götze das Gebet der Thörichten in schlimmer Weise erfüllte und der Stadt diese bedauernswerthe Platzerweiterung durch die Krankheit verschaffte, da kamen sie hilfeflehend zu dem großen Manne, er möge dem Laufe des Übels durch den von ihm erkannten und gepredigten Gott Einhalt thun, von dem sie bekannten, daß er allein der wahre Gott sei und über Alles Macht habe. Denn wenn jene Erscheinung vor dem dem Hause bevorstehenden Verderben sich zeigte und sogleich die Hoffnung auf Lebensrettung raubte, so fanden sie in der Gefahr einen einzigen Weg der Rettung, nämlich daß der große Gregor in jenem Hause erschien und durch Gebet die über jenes Haus hereingebrochene Krankheit entfernte. Als nun durch Jene, welche zuerst auf diese Weise Genesung fanden, das Gerücht hievon sich überallhin schnell verbreitete, gaben sie Alles auf, womit sie sich früher aus Thorheit befaßten, Orakel, Reinigungsopfer und Verkehr mit den Götzenbildern, indem sie alle auf den Hohenpriester sahen und Jeder zur Rettung seiner ganzen Familie ihn an sich zu ziehen suchte. Als Lohn wurde ihm aber von Seite der Geretteten das Heil ihrer Seelen zu Theil. Denn da durch die gemachte Erfahrung die Gottesfurcht des Priesters an das Tageslicht kam, gab es für sie keinen Aufschub mehr, 556 die Geheimnißlehre anzunehmen, da sie die Kraft des Glaubens durch die That kennen lernten. So zeigte sich bei diesen Menschen die Krankheit mächtiger als die Gesundheit. Denn so schwach sie zur Aufnahme der Geheimnißlehre durch Verstandesgründe in gesundem Zustande waren, so sehr wurden sie durch die körperliche Krankheit zum Glauben gestärkt. Und nachdem sie so vom Irrthum des Götzendienstes sich überzeugt hatten, nahmen sie alle den Namen Christi an, indem die Einen durch die hereingebrochene Krankheit sich zur Wahrheit führen ließen, die Andern aber den Glauben an Christus auch als Schutzmittel gegen die Pest anwendeten.
Es gibt aber auch noch andere Wunder des großen Gregor, deren Andenken sich bis in die Gegenwart erhielt, die wir aber aus Schonung für ungläubige Ohren, damit Die keinen Schaden leiden, welche wegen der Großartigkeit der erzählten Dinge die Wahrheit für Lüge halten, den gemeldeten nicht hinzufügen. Christo aber, der solche Wunder durch seine Diener wirkt, gebührt Ruhm, Ehre und Anbetung, jetzt und allzeit und in Ewigkeit. Amen.VIII. Trauerrede auf den großen Meletius, Bischof von Antiochia.