570 Der Tod der Prinzessin Pulcheria, Tochter des Kaisers Theodosius I. und seiner Gemahlin Flaccilla, trat im Jahre 385 fast am nämlichen Tage ein, an welchem 27 Jahre früher Nikomedia, die Nachbarstadt Konstantinopels, durch ein furchtbares Erdbeben zerstört worden war. Davon geht der Redner aus, indem er erklärt, daß der Tod der Prinzessin ein näher liegendes Unglück sei und die Stadt Konstantinopel selbst berühre. Der Theil der Rede, welcher die Trauerklage erhebt, ist kürzer als der Theil, welcher Trost spendet. Was der Redner zum Troste vorbringt, basirt auf dem Satze: Was sie durch den Tod gewann, hat höheren Werth, als was sie durch den Tod verlor.
§ 1
Ich bin verlegen, wie ich meine Rede einrichten soll. Denn eine zweifache Materie bietet sich mir dar, jede betrübender Natur, so daß meine Rede kaum den Thränen ausweichen kann, mag sie den einen oder andern Stoff 571 wählen. Es ist, wie uns Dieß gestern vom Hirten gemeldet wurde, die Jahreszeit zurückgekehrt, welche uns die Erinnerung an die traurigen Unglücksfälle bringt, die einst der Nachbarstadt durch das Erdbeben zustießen. Und wer könnte das ohne Thränen erzählen? Diese große, angesehene und herrliche Stadt aber, die Königin des ganzen Erdkreises, hat eine andere Erschütterung erlitten und einen nicht geringen Schmuck eingebüßt. Denn plötzlich wurde sie des in ihr zur Erhöhung des kaiserlichen Glanzes leuchtenden Gestirnes beraubt und theilt darum in tiefer Trauer den Schmerz des Kaiserhauses. Was ich aber meine, ist euch, die ihr euch hier versammelt habt, ganz wohl bekannt. Denn ihr sehet ja sowohl diesen Ort selbst, an dem wir versammelt sind, als auch die Trauer des Ortes. Ich bin also verlegen, von welcher Erschütterung ich reden soll, von der gegenwärtigen oder der vergangenen.
§ 2
Es dürfte jedoch geziemend sein, dem größeren Schmerze Ausdruck zu geben, das eigene Leiden der Stadt zu lindern und den Schmerz durch einige Gründe zu besänftigen. Denn wenn auch nicht Alle, die vom Unglück mitbetroffen sind, sich in der Versammlung eingefunden haben, so wird gleichwohl durch die Anwesenden den Abwesenden die Rede mitgetheilt werden, und auch von den Ärzten gelten jene für weise, welche gegen die heftigeren Schmerzen ihre Kunst anwenden, auf die Heilung der geringeren Schmerzen aber verzichten. Und wie die in diesem Fache tüchtigen Männer sagen, daß, wenn ein und derselbe Körper etwa zugleich von zwei Schmerzen befallen wird, man bloß die Empfindung des größeren habe und durch das Übergewicht des größeren 572 Schmerzes der geringere unbemerkt bleibe, so scheint es mir auch im gegenwärtigen Falle zu sein. Denn der neue und uns zunächst berührende Schmerz hat das Übergewicht über die schmerzliche Erinnerung. Denn wie sollte Jemand vom Geschehenen nicht ergriffen werden? Wer hat ein so empfindungsloses Herz? Wer hat einen so harten Sinn, um das Geschehene ohne Schmerz zu vernehmen? Ihr wißt ja, daß diese junge Taube, welche im kaiserlichen Neste gepflegt wurde, die eben erst mit glänzendem Gefieder flügge wurde, die aber durch ihre Anmuth ihr Alter überragte, das Nest verlassen hat und verschwunden ist, daß sie aus unsern Augen entflogen ist, daß das neidische Schicksal sie plötzlich unsern Händen entrissen hat. Soll man sie nun eine Taube nennen oder eine neu hervorbrechende Blume, die noch nicht ihren ganzen Glanz aus dem Blumenkelche entfaltet hatte, sondern ihn theils eben entfaltete, theils die Entfaltung hoffen ließ? Gleichwohl prangte sie, wenn sie auch klein und unvollendet war, in hohem Glanze. Plötzlich aber erstarb sie im Kelche, und ehe die Blume zur Reife gelangte und ihren ganzen Wohlgeruch ausbreitete, zerfiel sie in sich selbst und wurde zu Staub, ohne daß sie Jemand gepflückt oder in einen Kranz geflochten hatte. Vergebens hatte die Natur sich thätig gezeigt. Die Blume berechtigte zu guten Hoffnungen, das neidische Schicksal aber hat wie mit einem Schwert die Hoffnung angefallen und durchschnitten. Es war in gewissem Sinne geradezu ein Erdbeben, Brüder, ein Erdbeben, in keiner Weise erfreulicher als die traurigen Unfälle eines solchen. Denn es zerstörte nicht die leblose Schönheit von Gebäuden und stürzte nicht prachtvolle Gemälde oder Steingebilde von stattlichem Anblick auf die Erde, sondern das von Schönheit glänzende und von Anmuth strahlende Gebäude der Natur selbst ward von diesem Erdbeben plötzlich überfallen und zerstört. Ich sah auch das hohe Reis, den hochbelaubten Palmbaum, ― ich meine die kaiserliche Macht, ― der mit den kaiserlichen Tugenden wie mit Zweigen die ganze Erde überragt und Alles umfaßt. Ich sah ihn über die andern Dinge 573 herrschen, in seinem Wuchse aber gekrümmt und gebeugt über den Verlust der Blume. Ich sah auch die edle Ranke, welche den Palmbaum umschlungen hielt, deren Wehen diese Blume entsprungen war, sah, welch’ neue Wehen sie zum zweiten Male wiederum an der Seele, nicht am Leibe litt, als dieser Zweig von ihr abgerissen wurde. Wem entlockte der Trauerfall keinen Seufzer? Wer bejammerte nicht das entrissene Leben? Wer vergoß über den Trauerfall keine Thränen? Wer mischte nicht seine eigenen Rufe in die allgemeine Trauerklage? Ich überzeugte mich von einem Schauspiele, das Denen unglaublich sein dürfte, die das Ausserordentliche nur mit dem Gehör vernehmen. Ich sah ein Meer von Menschen, die, weil sie gedrängt an einander standen, nach allen Seiten hin sich wie ein Gewässer den Augen darstellten. Voll war der Tempel, voll die Vorhalle des Tempels, der anstoßende Platz, die umliegenden Straßen, Hauptstraße und Nebenstraßen, die Vorsprünge an den Häusern. Alles, was man sah, war mit Menschen gefüllt, wie wenn die ganze Erde wegen des Trauerfalls an einen Platz zusammengeströmt wäre. Aller Blicke waren auf jene heilige Blume geheftet, die auf einer goldenen Sänfte getragen wurde. Welche Niedergeschlagenheit zeigte sich in den Mienen sämmtlicher Zuschauer! Wie schwammen die Augen in Thränen! Wie schlug man die Hände zusammen! Welches Schluchzen ferner als Zeichen des inneren Schmerzes! Mir schien es in jener Stunde und vielleicht auch den Übrigen, die damals zugegen waren, als ob das Gold nicht in seiner natürlichen Schönheit strahle. Aber auch der Glanz der Edelsteine, die Goldgewebe, der Schimmer des Silbers und das dem Feuer entströmende Licht, das sich zu beiden Seiten aus den Reihen der Wachskerzen weithin und in reichlichem Maße ergoß, Alles wurde zugleich durch die Trauer verdüstert, Alles nahm Theil an der gemeinsamen Niedergeschlagenheit. Damals lieh auch der große David seine Gesänge der Trauerklage, und statt des heiteren Chores wählte er den der Klagen und der Trauer und lockte durch seine Lieder Thränen hervor. Alles 574 Vergnügen war damals aus den Herzen verscheucht, nur an Thränen vergnügten sich die Menschen. Da also die Überlegung so sehr vom Schmerz überwältigt ist, so ist es wohl entsprechend, das erkrankte Herz durch vernünftigen Rath nach Kräften wieder zu stärken. Denn es steht sehr zu befürchten, wir möchten, wenn wir hierin dem Worte des Apostels nicht gehorchen, mit den Hoffnungslosen verdammt werden. Er sagt nämlich, wie wir soeben haben vorlesen hören, wir sollen über die Entschlafenen nicht trauern. Denn das begegne nur Denen, welche keine Hoffnung haben.
Es könnte aber, glaube ich, eine kleinmüthige Seele sagen, der Apostel befehle Unmögliches und überschreite mit seinen Forderungen die Grenzen der Natur. Denn wie ist es möglich, daß Der, welcher in der Natur lebt, sich über die Empfindung erhebe und bei einem solchen Anblick nicht von Schmerz überwältigt werde, wenn nicht zur entsprechenden Zeit im Greisenalter der Tod eintritt, sondern in der frühesten Jugend durch den Tod die Schönheit zerknickt, der Lichtstrahl der Augen von den Augenlidern verhüllt wird, das Roth der Wangen sich in Blässe verwandelt, der Mund zum Schweigen genöthigt ist, die blühenden Lippen sich verdunkelt haben, und wenn Dieß nicht bloß den Eltern schmerzlich scheint, sondern Jedem, der auf den Unfall sieht? Was sagen wir nun zu diesen? Wir werden nicht unserer Worte uns bedienen, Brüder, sondern den uns vorgelesenen Ausspruch des Evangeliums anführen. Denn ihr hörtet den Herrn sagen: „Lasset die Kleinen zu mir kommen und wehret es ihnen nicht, denn ihrer ist das Himmelreich.“ Wenn also auch das Kind dich verlassen hat, so ist es ja zum Herrn hinübergegangen, für dich hat es sein Auge geschlossen, aber für das ewige Licht dasselbe geöffnet. Es entfernte sich von deinem Tische und wurde an den Tisch 575 der Engel gesetzt. Hier wurde das Gewächs aus der Erde gerissen, dagegen in das Paradies verpflanzt. Es ging von einem Reiche in das andere über. Es legte den Purpurschmuck ab, dagegen hüllte es sich in das Gewand des himmlischen Reiches. Ich will dir den Stoff des himmlischen Kleides nennen. Es ist nicht Linnen, nicht Wolle, nicht Seidengewebe. Höre David, woraus nach seinen Worten Gott seine Kleider webt: „Lobpreisung und Herrlichkeit hast du angezogen, in Licht hüllst du dich wie in ein Kleid.“ Du siehst, was es eingetauscht hat und für was. Es schmerzt dich, daß die Schönheit des Körpers nicht mehr zu sehen ist. Denn du siehst nicht die wahre Schönheit ihrer Seele, die jetzt in der Versammlung der Himmlischen prangt, wie schön jenes Auge ist, welches Gott schaut, wie süß der Mund, der mit göttlichen Lobgesängen sich ziert. Denn aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge, heißt es, hast du dir Lob bereitet. Wie schön sind die Hände, die niemals Böses gethan haben? Wie schön die Füße, die niemals dem Bösen nachgegangen sind und niemals ihre Spur dem Wege der Sünder eingedrückt haben? Wie schön ist das ganze Antlitz jener Seele, nicht geschmückt durch den Glanz von Edelsteinen, sondern durch Einfachheit und Unbescholtenheit glänzend?
Aber es betrübt dich vielleicht, daß sie nicht das Greisenalter erreicht hat? Doch sage mir, was siehst du Schönes am Greisenalter? Ist es etwa schön, daß die Augen trübe werden, daß die Wangen Runzeln bekommen, daß die Zähne aus dem Munde fallen und das Stammeln der Zunge bewirken? Ist es schön, daß die Hand zittert, daß man sich abwärts bückt, daß man mit dem Fuß fast hinkt und sich auf Führer stützt, daß man schwachsinnig wird, und daß die Zunge nicht den richtigen Ausdruck findet? Denn mit solchen Mißständen ist dieses Alter nothwendig behaftet. Und 576 das schmerzt uns, daß sie mit diesen Dingen nicht bekannt wurde? Gewiß geziemt es sich, daß wir an der Freude Derer Theil nehmen, welche in ihrem Leben mit dem Unangenehmen keine Bekanntschaft gemacht und weder hier Schmerzliches erfahren haben, noch dort etwas Unangenehmes werden kennen lernen. Denn eine solche Seele, welche Nichts an sich hat, weßhalb sie dem Gerichte verfallen sollte, zittert nicht vor dem höllischen Feuer, fürchtet das Gericht nicht. Sie bleibt furchtlos und unerschrocken, da nicht ein schlechtes Gewissen ihr Furcht vor dem Gerichte einflößt. Aber sie hätte das rechte Alter erreichen und die Freuden des Brautgemaches genießen sollen? Aber darauf wird dir der wahre Bräutigam sagen, daß besser das himmlische Brautgemach, vorzüglicher jenes Ehebett ist, in welchem es keine Furcht der Wittwenschaft gibt. Was für ein Vortheil ist ihr also, ich bitte, entgangen, wenn sie dieses fleischliche Leben abgelegt hat? Ich will dir die Güter des Lebens nennen: Schmerz, Vergnügen, Aufregung, Furcht, Hoffnung und Begierden. Dieß und Ähnliches ist es, in was wir im gegenwärtigen Leben verwickelt sind. Was ist ihr nun für ein Unglück begegnet, wenn sie von so vielen Tyrannen befreit wurde? Denn jede Leidenschaft wird, wenn sie die Herrschaft erlangt, zum Tyrannen unserer Seele und hält den Verstand in Knechtschaft. Oder schmerzt es uns, daß sie keine Geburtswehen zu leiden hatte, daß sie von den Sorgen der Kindererziehung nicht gequält wurde, daß sie nicht die gleichen Schmerzen ausstand, die ihretwegen ihre Eltern zu ertragen hatten? Deßhalb aber verdient sie selig gepriesen, nicht beweint zu werden. Denn jedem Übel zu entgehen, ist der menschlichen Natur nicht möglich. So preist auch der weise Salomo in seiner Schrift den Hingeschiedenen vor dem Überlebenden selig, und der große David sagt, daß das Leben im Fleische der Thränen und Seufzer würdig sei. Und Beide, obschon durch die Königswürde ausgezeichnet und im Besitze aller Annehmlichkeiten des Lebens, neigten sich nicht dem Genuß der Gegenwart zu, sondern trugen Verlangen 577 nach den geheimen im körperlosen Leben dargebotenen Gütern und hielten das Leben im Fleische für ein Unglück. Ich höre oft den David in den heiligen Psalmen die Sehnsucht ausdrücken, von dieser Noth frei zu werden, indem er jetzt sagt: „Es verlangt und schmachtet meine Seele nach den Höfen des Herrn,“ dann: „Erlöse meine Seele aus dem Gefängnisse.“ So erklärt auch Jeremias, daß jener Tag des Fluches würdig sei, an dem er in dieses Leben eintrat. Und man kann viele solche Aussprüche der alten Heiligen finden, die in der göttlichen Schrift vorkommen. Diesen fiel wegen des Verlangens nach dem wahren Leben der Aufenthalt im Fleische schwer. So brachte einst auch der große Abraham seinen geliebten Sohn Gott bereitwillig zum Opfer, weil er wußte, daß sein Sohn in einen besseren und herrlicheren Zustand versetzt würde. Euch allen aber, die ihr mit der Geschichte vertraut seid, ist gewiß nicht unbekannt, was von ihm erzählt wird. Denn was sagt die Schrift? Abraham erhielt, als er noch jung war, von Gott eine Verheissung wegen seines Sohnes. Als er aber das kräftige Alter hinter sich hatte und durch die Länge der Zeit schon entkräftet war, in der Zeit, wo die Natur zu wachsen aufhört und das Greisenalter den Trieben nicht mehr unterworfen ist, da geht wider menschliches Erwarten die Verheissung in Erfüllung und es wird der Sohn Isaak geboren, und als er im Verlauf der entsprechenden Zeit wie ein junger Baum herangewachsen war zu Schönheit und Größe, war er den Augen seiner Eltern angenehm im Glanze der jugendlichen Schönheit. Da wird die Seele Abrahams geprüft und auf die Probe gestellt, ob sie in der Natur der Dinge genau das Bessere erkenne, ob sie nicht auf das gegenwärtige Leben schaue. Und es sagt Gott zu ihm: „Bring deinen Sohn zum Brandopfer dar.“ Ihr begreifet gewiß alle, die ihr Väter seid und Kinder besitzet und von 578 der Natur in der Liebe zu den Kindern Anleitung erlangt habt, in welche Stimmung Abraham versetzt werden mußte, wenn er bloß auf das gegenwärtige Leben sah, wenn er unter der Knechtschaft der Natur stand, wenn er in dieser Welt die Annehmlichkeit des Lebens suchte.
§ 3
Doch was rede ich von Jenem und übergehe im Weibe den schwächeren Theil der Menschennatur? Wenn nicht auch sie vom Manne in den göttlichen Dingen wäre unterwiesen worden, wenn sie nicht begriffen hätte, daß das verborgene Leben besser sei, als das äusserlich erscheinende, so hätte sie dem Manne nicht gestattet, Solches gegen den Sohn zu unternehmen. Denn gewiß hätten sich ihre mütterlichen Eingeweide geregt, und sie wäre auf das Kind losgestürzt, hätte es in ihre Arme geschlossen, und hätte für dasselbe die Todeswunde empfangen. Würde sie nicht zu Abraham diese Worte gesprochen haben: Schone den Sohn, o Mann, damit dir nicht ein schlimmer Nachruf zu Theil werde, damit wir nicht in der späteren Zeit zum Gerede werden. Mißgönne dem Sohne das Leben nicht, beraube ihn nicht des süßen Sonnenstrahls. Ein Brautgemach suchen den Kindern die Väter zu verschaffen, nicht ein Grab, einen Hochzeitskranz, nicht einen Mordstahl, eine Hochzeitsfackel, nicht eine Todtenlampe. Das vollbringen Räuber und Feinde, nicht väterliche Hände an den Kindern. Wenn aber das Unheil durchaus nicht abzuwenden ist, so möge Sara den Tod des Isaak nicht sehen. Sieh, Beide durchbohre mit dem Schwerte, mich Unglückliche zuerst.* Ein* Stoß wird für Beide genügen.* Ein* Grabeshügel möge Beide umschließen,* ein* Gedenkstein den gemeinsamen Unfall verkünden. Dieß und Ähnliches würde Sara gewiß vorgebracht haben, wenn sie nicht das mit ihren Augen geschaut hätte, was für uns unsichtbar ist. Sie wußte nämlich, daß das Ende des Lebens im Fleische der Anfang und Übergang zum göttlichen Leben ist, daß es den Schatten verläßt, die Wahrheit erfaßt, die Täuschungen, Verirrungen und den Lärm fahren läßt und jene Güter findet, die über 579 das Auge, das Ohr und das Herz erhaben sind. Weder Liebe wird dem Sohne Kummer bereiten, noch eine schmutzige Begierde ihn auf Abwege bringen, noch Hochmuth ihn aufblähen, noch irgend eine andere Leidenschaft, welche auf die Seele nachtheilig einwirkt, ihn beschweren, sondern Gott wird ihm Alles. Deßhalb gibt sie Gott bereitwillig ihren Sohn.
Wie aber macht es der große Job? Als ihm, nachdem er seiner ganzen Habe plötzlich beraubt worden war, bevor seine Seele von den vorhergehenden Schlägen sich erholt hatte, der letzte Schlag gemeldet wurde, wie nahm er das Unglück seiner Kinder auf? Er hatte drei Töchter und sieben Söhne. Er war selig zu preisen wegen seines Kindersegens. Denn obschon ihrer so viele waren, so waren sie doch alle durch die gegenseitige Liebe eins. Nicht lebte Jedes für sich getrennt, sondern Alle besuchten sich gegenseitig, und in abwechselnder Bewirthung bereiteten sie sich, Eines dem Andern, Vergnügen und vergnügten sich selbst. Und so fand nun nach der Reihenfolge auch damals bei dem ältesten Bruder das Gastmahl statt. Gefüllt waren die Mischkrüge, bedeckt mit Speisen der Tisch, in den Händen die Becher, dazu eine Augen- und Ohrenweide, wie es unter solchen Umständen herkömmlich ist, und alle Freuden eines Festgelages, eine und dieselbe Stimmung, Heiterkeit, Scherz und Lachen, alle Lust, die sich bei einer häuslichen Versammlung junger Leute erwarten läßt. Und was geschieht nun weiter? Als der Genuß der angenehmsten Dinge den Höhepunkt erreicht hat, stürzt auf sie die Decke herab und das Gastmahl wird das Grab der zehn Geschwisterte. Und das Blut der jungen Leute vermengt sich mit dem Mischkrug, und die Speisen wurden mit dem Blute der Leiber befleckt. Nachdem nun dieses Mißgeschick dem Job gemeldet ist, so betrachte nun den Kämpfer, nicht, 580 um bloß den Sieger zu bewundern, denn die Bewunderung bringt geringen Gewinn, sondern damit du unter ähnlichen Umständen dem Manne nacheiferst, und der Wettkämpfer dein Lehrer werde und durch sein Beispiel zur Zeit des Kampfes mit den Versuchungen zur Ausdauer und Tapferkeit deine Seele salbe.
Was that also der Mann? Hat er irgend einen unedlen und kleinmüthigen Sinn entweder durch irgend ein Wort verrathen oder durch seine äusserliche Erscheinung zu erkennen gegeben? Hat er seine Wangen mit den Nägeln zerfleischt, oder die Haare seines Hauptes ausgerissen, oder es mit Asche bestreut, oder seine Brust mit den Händen zerschlagen oder sich auf die Erde geworfen, oder sich mit Klägern umgeben, oder die Namen der Entrafften ausgerufen und ihr Andenken beweint? Nichts von all Dem ist der Fall, sondern der Unheilsbote erzählte das den Kindern zugestoßene Unglück, und dieser hatte es kaum vernommen, so stellte er sogleich über die Natur der Dinge seine Betrachtungen an, indem er sagte, woher die Dinge seien und von wem sie ins Dasein gerufen werden, und wer mit Fug und Recht über die Dinge herrsche. „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen.“ Von Gott, will er sagen, haben die Menschen ihre Entstehung, und zu ihm kehren sie zurück. Von wo der Mensch ausgegangen ist, dahin kehrt er auch zurück. Gott also hat die Macht, zu geben, der Nämliche hat auch die Macht, zu nehmen. Da er gut ist, hat er Gutes im Sinne, da er weise ist, begreift er, was Nutzen bringt. Wie es dem Herrn gefiel, ― es gefiel ihm aber durchaus das Rechte, ― so that er auch. Der Name des Herrn sei gepriesen!
581 Du siehst, zu welcher erhabenen Geistesgröße der Kämpfer sich erhoben hat. Die Zeit der Trübsal verwendete er zu einer philosophischen Untersuchung über die Dinge. Denn er wußte genau, daß das wahre Leben ein Gegenstand der Hoffnung, und das gegenwärtige Leben gleichsam ein Same des zukünftigen ist. Es ist aber ein großer Abstand zwischen der Gegenwart und dem Gegenstand unserer Hoffnung, ebenso wie sich die Ähre vom Samenkorn unterscheidet, aus dem sie hervorwächst. Das gegenwärtige Leben entspricht dem Samenkorn, das Leben, auf das wir hoffen, zeigt sich in der Schönheit der Ähre. Denn es muß dieses Vergängliche anziehen die Unvergänglichkeit, und dieß Sterbliche anziehen die Unsterblichkeit. In dieser Erwägung beglückwünscht Job seine Kinder wegen ihres glücklichen Looses, weil sie schnell der Bande des Lebens entledigt wurden. Dafür aber ist ein Beweis, daß, während die Verheissung Gottes für alles Geraubte das Doppelte versprach und sonst in Allem doppelter Ersatz geleistet wurde, er nur in den Kindern keine Verdoppelung herbeiführte, sondern für die entrissenen zehn ihm bloß zehn gegeben worden sind. Weil nämlich die Seelen der Menschen ewig bleiben, so erhält er deßhalb für das Verlorene doppelten Ersatz, bei den Kindern aber werden die später gebornen den früheren an Zahl gleichgesetzt, weil sie alle Gott lebten und der zeitliche Tod den Entrafften das Dasein nicht entzog. Denn es ist der Tod bei den Menschen nichts Anderes als eine Sühne der Bosheit. Denn von dem Gott aller Dinge ist unsere Natur im Anfang wie ein Gefäß zur Aufnahme des Guten eingerichtet worden. Da aber der Feind unserer Seelen betrügerischer Weise das Böse hineingegossen, so hatte das Gute keinen Platz. Deßhalb wird, damit die angeborne Bosheit nicht beständig in uns bleibt, das Gefäß vom Tod durch eine bessere Vorsehung auf einige Zeit aufgelöst, damit die Bosheit wegfließe und das 582 Menschengeschlecht sich neu bilde und ohne Mischung mit der Bosheit zum ursprünglichen Leben wieder zurückkehre. Denn das ist die Auferstehung, die Umgestaltung unserer Natur zum ursprünglichen Zustand. Wenn nun die Natur ohne Auferstehung in einen besseren Zustand nicht umgebildet werden kann, ohne vorhergegangenen Tod aber die Auferstehung nicht stattfinden kann, so ist wohl der Tod ein Gewinn, indem er uns Ausgangspunkt und Weg der Umwandlung zum Besseren wird. Wollen wir also, Brüder, den Schmerz wegen der Entschlafenen ablegen, dem bloß Die sich hingeben, welche keine Hoffnung haben. Die Hoffnung aber ist Christus, dem Ruhm und Herrschaft, Ehre und Anbetung sei in Ewigkeit. Amen.X. Leichenrede auf die Kaiserin Plakilla.