583 Die Kaiserin Plakilla (Flacilla), Gemahlin des Kaisers Theodosius I., starb im Bade zu Skotumis in Thracien kurz nach dem Tode ihrer Tochter Pulcheria, im Jahre 385. Erst einige Zeit nach dem Todesfalle und dem Begräbnisse hält Gregor von Nyssa im Auftrag des Patriarchen Nektarius in Konstantinopel vorliegende Trauerrede. In den Jammerruf über den Trauerfall mischt er das Lob der Kaiserin und ihrer christlichen Tugenden. Den zweiten Theil der Rede bilden Trostgründe, hergenommen theils von den Leiden und Mühseligkeiten dieses Lebens, von denen sie der Tod befreit hat, theils von dem ihr nach der Verheissung Christi zu Theil gewordenen Lohne der ewigen Seligkeit.
§ 1
584 Der treue und kluge Verwalter, ― denn ich entnehme meinen Eingang Dem, was aus dem göttlichen Evangelium vorgelesen worden ist, ― welchen der Herr über dieses Haus gesetzt hat, um zur rechten Zeit den seiner Verwaltung Anvertrauten die Lebensmittel zuzutheilen, hat bis jetzt in entsprechender Weise die Rede zum Schweigen verurtheilt, weil er gar wohl die Größe des Unglücks empfand und den Schmerz durch die Ruhe ehrte. Ich weiß aber nicht, warum er in der gegenwärtigen Versammlung wieder die Rede in die Kirche einführt und seinen eigenen Entschluß in Betreff der Rede wieder zurücknimmt. Obschon ich nun den Lehrer in Vielem wegen seiner Einsicht ausserordentlich bewundere, so bewundere ich ihn doch ganz vorzugsweise darin, daß im Unglück seine Rede in geziemender Weise verstummte. Denn ein naturgemäßes und geeignetes Heilmittel für die Trauernden scheint mir das Stillschweigen zu sein, indem es die Wallungen der Seele durch die Zeit und Trauer ruhig ausgähren läßt. Denn wenn man, da in der Seele noch die Leidenschaft kocht, etwa mit der Rede einwirken will, so wird die Wunde des Schmerzes unheilbarer werden, indem sie durch die Erinnerung an das Schmerzliche wie von Dornen aufgeritzt wird. Wenn es aber nicht zu vermessen ist, daß auch ich den Lehrer in etwas verbessere, so geziemte es sich wohl auch jetzt noch, daß wir uns ruhig verhielten, damit nicht die Rede, wenn sie sich zum Trauerfall fortreissen läßt, die Ohren unangenehm berührt. Denn es liegt noch keine so lange Zeit in der Mitte, daß sich das Herz an das Unglück gewöhnt hätte; frisch ist noch der Schmerz der Seele, und vielleicht wird das Schmerzgefühl im ganzen Leben frisch bleiben. Noch ist unser Herz in Aufruhr und einem wellenbewegten 585 Meere gleich, wenn es vom Sturme des Unglücks in seinen Tiefen aufgewühlt wird. Noch sind die Gedanken in kochender Aufwallung bei der Erinnerung an das Unglück.
§ 2
Da nun die Seele von dieser Woge hin- und hergeworfen wird, wie ist es möglich, daß die Rede gerade vorwärts dringe, da sie von der Leidenschaft des Schmerzes wie von einem Windstoß bestürmt wird? Aber da ich seinem Befehle gehorchen muß, so weiß ich nicht, wie ich meine Rede einrichten soll. Denn ich vermag die Absicht des Lehrers nicht zu errathen. Will er vielleicht auch gegen den Schmerz sich in etwas nachgiebig zeigen, und durch pathetische Reden in der Kirche zu Thränen rühren? Wenn er dieß beabsichtigt, so thut er nach meinem Dafürhalten darin Recht. Denn wir müssen nothwendig, wie wir den Genuß des Guten erstreben, so auch mit den betrübenden Zufällen uns vertraut machen. Dieß räth ja auch der Prediger und sagt: „Es ist eine Zeit zum Lachen und eine Zeit zum Weinen.“ Daraus nun lernen wir, daß wir unsere Seelenstimmung der jeweiligen Lage anpassen müssen. Gehen die Dinge glücklich von Statten? Dann ist es an der Zeit, sich zu freuen. Hat das Erfreuliche sich in Trauer umgewandelt? Dann muß man aus der Heiterkeit zu Thränen übergehen. Denn wie das Lachen ein Zeichen der inneren Freude ist, so wird auch der Schmerz des Herzens durch die Thränen ausgedrückt, und die Thräne ist gleichsam das Blut der Seelenwunden. Das sagt das Sprichwort Salomos: „Wenn das Herz sich erfreut, blüht das Angesicht, wenn aber die Seele trauert, ist es düster.“ Wir müssen also nothwendig der Seelenstimmung entsprechend auch unserer Rede einen düsteren Ausdruck geben. Und wenn es nur möglich wäre, solche Worte zu finden, in denen einst der große Jeremias das Unglück der 586 Israeliten beweinte. Denn die gegenwärtige Lage verdient es mehr als jene, oder wenn sonst aus der alten Zeit etwas Trauriges erwähnt wird. Schlimmes wird von Job erzählt. Aber wie soll man mit unserm Unglück die leicht aufzuzählenden Leiden eines einzigen Hauses in Vergleich setzen? Und wenn man die gewöhnlichen großen Unfälle durchgeht, Erdbeben und Kriege, Überschwemmungen und Öffnungen der Erde, so ist auch das gering, wenn man es mit der gegenwärtigen Lage vergleicht. Warum? Weil das Kriegsunglück den ganzen Erdkreis nicht auf einmal erfaßt, sondern der eine Theil davon mit Krieg überzogen ist, der andere in Frieden lebt. Was weiter? Oder ein Blitzstrahl schlägt ein oder das Wasser macht eine Überschwemmung oder ein Erdschlund hat sich geöffnet. Das gegenwärtige Unglück aber ist ein Schlag für den ganzen Erdkreis zugleich. Nicht* einem* Volksstamm oder* einer* Stadt kommt es zu, zu klagen, sondern es geziemt sich wohl, in die Worte des Nabuchodonosor auszubrechen, die er an seine Untergebenen gerichtet hat: „Zu euch spreche ich, Volk, Zünfte, Zungen.“ Oder gestattet mir vielmehr, dem assyrischen Ausspruch Etwas beizufügen, das Unglück mit größerem Wortreichthum zu verkünden und zu sagen, wie Einer auf der Bühne ausrufen und sagen würde: O Städte und Völker und Nationen und ganze Erde und Alles, was als Meer beschifft und (als Festland) bewohnt wird, Alles, was von unserm ganzen Länderkreise vom kaiserlichen Scepter beherrscht wird, o ihr Menschen insgesammt von allen Seiten, beseufzet gemeinsam den Trauerfall, stimmet gemeinsam in die Trauerklage ein, beweinet gemeinsam den Verlust Aller! Oder wollt ihr, daß ich euch, soweit ich es vermag, den Verlust schildere?
Es brachte in unserem Zeitalter die menschliche Natur, ihre eigenen Grenzen überschreitend und über das gewohnte 587 Maß hinausgehend, oder vielmehr der Herr der Natur eine menschliche Seele in einem weiblichen Leibe hervor, erhabener fast als alle früheren Beispiele der Tugend. In ihr vereinigte sich jeder Vorzug des Leibes und der Seele, und sie bot dem menschlichen Leben ein unglaubliches Wunder dar, wie viele Güter sie mit* einer* Seele in* einem* Leibe vereinigt zu umfassen vermochte. Und damit das Glück unserer Zeit Allen möglichst in die Augen fiele, wird sie auf den erhabenen Thron des Kaiserreiches erhoben, damit sie wie die Sonne von ihrer hohen Stellung aus die ganze Erde mit den Strahlen ihrer Tugenden beleuchte, und indem sie mit Dem, welcher durch göttlichen Rathschluß über die ganze Erde gesetzt ist, zur Gemeinschaft des Lebens und der Herrschaft sich verband, beglückte sie durch ihren Einfluß die Untergebenen, indem sie in Wahrheit ihnen, wie die Schrift sagt, zu allem Guten behilflich war. Wenn Mildthätigkeit am Platze war, so stand sie ihm entweder in dieser Tugend zur Seite oder eilte ihm auch voraus. Die Mildthätigkeit hielt sich auf beiden Seiten in der Wage das Gleichgewicht. Es gibt aber für unsere Ansicht Zeugniß sowohl Unzähliges aus früherer Zeit als auch was gegenwärtig verkündet wurde, was wir jetzt vom Verkünder der Wahrheit vernommen haben. Wenn du dich um die gottesfürchtige Richtung umsiehst, so war der Wettlauf in der Gottesfurcht Beiden gemeinsam, oder siehst du dich um die Klugheit oder Gerechtigkeit um, oder sonst um Etwas, was man als Tugend schätzt, so war Alles ein Gegenstand des Wetteifers, indem sie sich gegenseitig in guten Thaten zu besiegen strebten, und kein Theil unterlag. Ziemlich gleich war die gegenseitige Zuneigung beider Theile. Sie fand den Lohn ihrer Tugend im Herrscher der Erde, er achtete die Macht über Erde und Meer für gering im Vergleich mit dem Glücke, das ihr Besitz ihm gewährte. Gleiche Freude bereiteten sie sich gegenseitig, indem sie auf 588 einander schauten und von einander gesehen wurden, er so beschaffen, wie er ist (denn welche Schönheit könnte man noch darstellen, die jener überlegen wäre, die sich an ihm zeigt? möchte ihr Anblick zum Leben der Enkel hinabreichen!) sie aber, wie sie war, läßt sich mit Worten nicht beschreiben. Denn es hat die Kunst von ihr kein genaues Bild hinterlassen, und wenn ein solches auch in Gemälden oder Statuen vorhanden ist, so bleiben sie alle hinter der Wahrheit zurück.
Das ist meine Schilderung, und bis hieher reicht sie. Was soll ich weiter thun? Ich muß wieder ein Klagegeschrei erheben. Und verzeihet mir, wenn ich wegen des Trauerfalls ein übermäßiges Klagegeschrei erhebe. O Thracien, hassenswerther Name! O unglückliches Land und Volk, durch Unglücksfälle bekannt geworden, das du zuerst bei den Einfällen der Barbaren mit feindlichem Feuer verheert wurdest, jetzt aber vom Gipfel des gemeinsamen Unglücks heimgesucht worden bist! Von da wird der Schatz geraubt, hier hat das neidische Schicksal gegen die Kaiserin gewüthet, hier ist der Schiffbruch des Erdkreises eingetreten, hier sind wir wie bei einem Sturme an einer Klippe gescheitert und in den Abgrund der Trauer gesunken. O der unglücklichen Reise, bei der die Rückkehr abgeschnitten war! O der bitteren Gewässer, nach deren Quellen sie sich sehnte, wie sie es besser vermieden hätte! O Land, welches das Unglück sah, das wegen des Unglücks von der finsteren Nacht benannt ist. Denn ich höre, daß der Ort in ihrer Muttersprache Skotumis heisse. Dort hüllte sich das Gestirn in Finsterniß, dort erlosch das Licht, dort verdunkelten sich die Lichtstrahlen der Tugenden. Hingeschwunden ist die Zierde des Kaiserreichs, das Steuerruder der Gerechtigkeit, 589 das Bild der Mildthätigkeit oder vielmehr das Urbild selbst. Hingerafft ist das Vorbild der Gattenliebe, das heilige Weihgeschenk der Züchtigkeit, die leutselige Hoheit, die Achtung gebietende Sanftmuth, die erhabene Demuth, die ungezwungene Sittsamkeit, der schönste Einklang aller Tugenden. Hingeschwunden ist der Eifer im Glauben, die Säule der Kirche, die Zierde der Altäre, der Reichthum der Armen, die vielgeschäftige Rechte, der gemeinsame Hafen der Bedrängten. Trauern sollen die Jungfrauen, weinen die Wittwen, jammern die Waisen. Sie mögen erkennen, was sie hatten, da sie es nicht mehr haben. Doch was soll ich im Einzelnen und hintereinander zum Weinen auffordern? Jammern soll das ganze Geschlecht und tief aus dem innersten Herzen den Jammerruf emporsenden. Mittrauern soll auch die Priesterschaar, weil das neidische Schicksal den gemeinsamen Schmuck uns geraubt hat. Ist es etwa zu kühn, das Wort des Propheten auszusprechen: „Warum hast du mich verstoßen, o Gott, vollends, und es entbrannte dein Zorn gegen die Schafe deiner Heerde?“ Für welche Sünden müssen wir büßen? Weßhalb werden wir mit ununterbrochenen Unfällen gezüchtigt? Oder ist vielleicht wegen Überhandnahme der mannigfaltigen Häresien dieses Gericht über uns ergangen? Denn ihr sehet, in welche Leiden wir in kurzer Zeit gestürzt sind? Noch hatten wir uns vom ersten Schlage nicht erholt, noch die Thränen unserer Augen nicht abgetrocknet, und schon wieder ist ein so großes Unglück über uns gekommen. Damals beweinten wir die neu aufgesprossene Blume, jetzt das Reis selbst, aus dem die Blume hervorsproß, damals die gehoffte Schönheit, jetzt die entwickelte, damals das in Aussicht gestellte, jetzt das durch die Erfahrung erkannte Gut. Werdet ihr mir verzeihen, Brüder, wenn ich im Schmerze etwas Albernes rede? Vielleicht hat auch die Schöpfung selbst, wie der Apostel sagt, in den Jammerruf über unser Unglück 590 eingestimmt. Ich will euch erinnern an Das, was geschehen ist, und ich glaube, daß Viele meinen Worten beistimmen werden. Als die Kaiserin in Gold und Purpur gehüllt nach der Stadt getragen wurde, ― auf einer Sänfte trug man sie, ― und als Menschen aus allen Ständen und Lebensaltern zur Stadt hinausstürzten und sich massenhaft herbeidrängten, indem Alle, auch hohe Würdenträger, dem Trauerzuge sich zu Fuß anschloßen, da erinnert ihr euch gewiß, wie die Sonne ihre Strahlen hinter den Wolken verbarg, damit sie nicht etwa mit ihrem reinen Lichte die Kaiserin in solchem Aufzuge zur Stadt kommen sähe, nicht auf einem Wagen oder goldbeschlagenen Gefährte im kaiserlichen Schmucke mit einer Ehrenleibwache, sondern eingehüllt in einem Sarge, jenes Antlitz in einen düsteren Schleier gehüllt, ein schrecklicher und jammervoller Anblick, ein Gegenstand der Thränen, der sich den Herbeikommenden darbot, den alle Versammelten, der Ausländer und der Einheimische, bei jenem Einzuge nicht mit Glückwünschen, sondern mit Thränen begrüßten. Damals nahm auch der Himmel finstere Trauer an und hüllte sich in Finsterniß, wie in ein Trauerkleid. Auch die Wolken weinten, so weit es ihnen möglich war, und vergoßen weiche Tropfen statt der Thränen über den Unfall. Ist das etwa leeres Gerede und nicht einmal der Rede werth? Aber wenn auch so Etwas in der Schöpfung eingetreten ist, um das Unglück anzuzeigen, so ist es durchaus nicht durch die Schöpfung geschehen, sondern durch den Herrn der Schöpfung, der durch seine Geschöpfe den Tod der heiligen Frau in Ehren hielt. Denn kostbar, heißt es, ist vor dem Herrn der Tod seiner Heiligen. Ich sah damals ein anderes Schauspiel, auffallender als die angeführten, ich sah einen doppelten Regen, den einen aus der Luft, den andern, welcher von den Thränen auf die Erde strömte, und der Regen aus den Augen war nicht schwächer als der aus den Wolken. Denn unter 591 so vielen Tausenden von Anwesenden fand sich kein Auge, das die Erde nicht mit den Tropfen der Thränen befeuchtete.
§ 3
Aber wir haben vielleicht der Absicht des Lehrers nicht recht entsprochen, indem wir mehr als nöthig in die Trauer uns vertieften. Denn er will vielleicht eher heilen, als die Ohren schmerzlich berühren. Wir aber haben jetzt das Gegentheil gethan, wie wenn ein Arzt, dem ein Verwundeter übergeben worden ist, nicht bloß die Heilung vernachlässigte, sondern den von Schmerz Gefolterten durch gewisse ätzende Mittel noch mehr peinigte. Wir müssen also das Öl der Rede auf die brennende Wunde gießen. Denn es pflegt auch die Arzneikunst des Evangeliums mit der Schärfe des Weines das Öl zu vermischen. Wir wollen nun, indem wir von der Schrift das Ölgefäß entlehnen, so viel als möglich unsere trauererregende Darstellung durch Widerruf in Trost umwandeln. Und Niemand möge meinem Wort den Glauben verweigern, wenn es auch überraschend ist. Das Gut, Brüder, das wir suchen, ist gerettet und ist nicht verloren gegangen. Ja, ich bin sogar hinter der Wahrheit zurückgeblieben. Denn nicht bloß ist das Gut gerettet, sondern es steht sogar höher als zuvor. Die Kaiserin suchst du? Sie hält sich im Palaste auf. Aber du wünschest das mit Augen zu sehen? Es ist dir nicht gestattet, dich viel zu bemühen, um die Kaiserin zu sehen. Furchtbar ist die sie umgebende Bedeckung der Leibwächter, ich meine nicht jener Leibwächter, deren Waffe das Eisen ist, sondern jener, die mit dem flammenden Schwerte bewaffnet sind, deren Anblick die Augen der Menschen nicht aushalten. In welch’ geheimen Gemächern die Kaiserin wohnt, wirst du sehen, wenn auch du aus dem Körper heraustrittst. Denn du kannst nicht anders ins verborgene Heiligthum der Kaiserin treten, als wenn du den Vorhang des 592 Fleisches wegnimmst. Oder hältst du es für besser, im Fleische am Leben Theil zu nehmen? Es belehre dich also der göttliche Apostel, der an den verborgenen Geheimnissen des Paradieses Antheil genommen hat. Was sagt er vom gegenwärtigen Leben? Wohl im Namen der gesammten Menschheit spricht er: „Ich armseliger Mensch! Wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes?“ Warum sagt er dieß? Weil es, wie er sagt, viel besser ist, aufgelöst und bei Christus zu sein. Wie aber verhält es sich mit dem großen David, der in so großer Macht glänzte, dem der Genuß jedes Vergnügens zu Gebote stand? Fühlt er keine Bedrängniß des Lebens? Nennt er nicht das gegenwärtige Leben ein Gefängniß? Ruft er nicht zum Herrn: „Führe meine Seele aus dem Gefängnisse?“ Ist ihm nicht die Verlängerung des Lebens zur Last? „Wehe mir,“ sagt er, „daß mein Aufenthalt verlängert worden ist.“ Oder konnten die Heiligen das Gute vom Schlechten nicht unterscheiden; und glaubten sie deßhalb, daß für die Seele die Trennung vom Körper vorzuziehen sei? Sage mir aber du, was siehst du Schönes am Leben? Betrachte, was man am Leben wahrnimmt. Ich verweise dich nicht auf das Wort des Propheten: „Alles Fleisch ist Heu.“ Denn er beschönigt eher durch diesen Vergleich das Elend der Natur. Denn es wäre wohl besser, daß es Heu wäre, als das, was es ist. Wie so? Das Heu erregt von Natur keinen Eckel. Unser Fleisch aber ist eine Werkstätte des Geruches, und verwandelt Alles, was in seinen Bereich kommt, in Fäulniß und Verwesung. Gibt es ferner noch eine lästigere Qual, als beständig dem Dienste des Bauches unterworfen zu sein? Denn ihr sehet, wie sehr dieser beständige Abgabensammler, der Bauch nämlich, uns täglich zu Abgaben zwingt. Und wenn wir ihm auch mehr als das Festgesetzte im Voraus entrichten, so haben wir Nichts von 593 der künftigen Schuld im Voraus entrichtet. Denn wie die in der Mühle geplagten Thiere gehen wir mit verhüllten Augen in der Mühle des Lebens herum, indem wir immer im Nämlichen uns herumbewegen und zum Nämlichen zurückkehren. Ich will dir diesen Kreislauf angeben: Hunger, Sättigung, Schlaf, Wachen, Ausleerung. Immer folgt Dieses auf Jenes und Jenes auf Dieses und wieder Dieses, und niemals nimmt der Kreislauf für uns ein Ende, bis wir aus der Mühle entkommen. Treffend nennt Salomo das gegenwärtige Leben ein durchlöchertes Faß und ein fremdes Haus. Denn in der That ist es ein fremdes und nicht unser Haus, weil es nicht in unserer Macht liegt, in demselben zu sein, weder wenn wir wollen, noch so lange wir uns sehnen, sondern wir sowohl, ohne darum zu wissen, in dasselbe einziehen als auch zu einer Zeit, die wir nicht kennen, aus demselben ausziehen müssen. Das Gleichniß mit dem Faß wirst du aber begreifen, wenn du auf die Unersättlichkeit der Begierden schaust. Du siehst, wie die Menschen Ehre, Macht, Ruhm und alles ähnliche sich zu schöpfen suchen. Aber es fließt das Erjagte durch und entgeht dem Besitzer. Denn das Streben nach Ruhm, Macht und Ehre wird immer bethätigt, das Faß der Begierde aber bleibt ungefüllt. Und wie verhält es sich mit der Geldgier? Ist sie nicht wirklich ein durchlöchertes Faß, dessen ganzer Boden fließt? Und wenn du in dieses ein ganzes Meer gießest, so kann es vermöge seiner Natur nicht voll werden.
Wie, ist es also betrübend, wenn die Selige von den Leiden des Lebens geschieden ist, und wenn sie den Schmutz des Körpers wie Eiterstoff abgelegt hat und mit reiner Seele zum unversehrten Leben hinübergeht? In* diesem* ist kein Betrug, findet die Verleumdung keinen Glauben, hat die Schmeichelei keinen Platz, ist keine Lüge beigemischt! 594 Lust und Schmerz, Furcht und Muth, Armuth und Reichthum, Knechtschaft und Herrschaft und alle ähnliche Ungleichheit des Lebens ist von jenem Leben himmelweit entfernt. Entflohen ist von da, wie der Prophet sagt, Schmerz, Trauer und Seufzen. Und was ist an ihre Stelle getreten? Schmerzlosigkeit, Seligkeit, Befreiung von jedem Übel, Umgang mit den Engeln, Schauen des Unsichtbaren, Vereinigung mit Gott, endlose Freude. Geziemt es sich nun zu trauern, wenn wir in Betreff der Kaiserin erfahren, was sie für einen Tausch gemacht hat? Sie verließ die irdische Herrschaft, erlangte aber die himmlische, sie entäusserte sich der Krone von Edelsteinen, setzte sich aber die Krone der Herrlichkeit auf, sie zog den Purpurmantel aus, zog aber Christum an.* Das* ist in Wahrheit das kaiserliche und kostbare Gewand. Vom irdischen Purpur vernehme ich, daß er durch das Blut einer Meerschnecke die rothe Farbe erlange; dem himmlischen Purpur aber wird durch das Blut Christi Glanz verliehen. Du siehst, welch’ großer Unterschied im Gewande ist.
Willst du dich überzeugen, daß sie jene Güter genießt, so lies das Evangelium! „Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters,“ ― so spricht der Richter zu Denen auf der rechten Seite, ― „nehmet die Herrschaft in Besitz, die euch bereitet ist.“ Von wem bereitet? Die ihr euch selbst, will er sagen, durch euere Werke im Voraus bereitet habt. In welcher Weise? Ich war hungrig, durstig, fremd, nackt, krank, im Gefängniß. Alles, was ihr einem dieser Kleinsten thut, habt ihr mir gethan. Wenn nun die Thätigkeit in diesen Dingen das Reich verschafft, so zählet, wenn es sich zählen läßt, wie Viele von ihr mit Kleidungsstücken bekleidet worden sind, wie Viele jene große Rechte gespeist hat, wie vielen Gefangenen nicht bloß ihr Besuch, sondern 595 völlige Freilassung zu Theil geworden ist. Wenn aber der Besuch der Gefangenen das Reich verschafft, so ist offenbar die Befreiung von der Strafe einer höheren Belohnung werth, wenn es überhaupt etwas Höheres gibt als das Reich. Aber nicht findet ihr Lob hier eine Grenze. Denn sie geht mit ihren guten Werken auch über das Gebotene hinaus. Wie Viele haben durch sie die Gnade der Auferstehung an sich erfahren, die durch die Gesetze dem Tode verfallen und zum Tode verurtheilt waren, aber durch sie wieder ins Leben gerufen wurden! Es liegt der Beweis für unsere Behauptung vor Augen. Du sahst einen Jüngling am Altare, der an der Rettung verzweifelte. Du sahst ein Weib über die Verurteilung ihres Bruders jammern, und wie durch die Erwähnung der Kaiserin von der Seite Desjenigen, welcher der Kirche die Güter verkündete, das finstere Todesurtheil sich in Leben umwandelte. Und ist Das Alles? Wo werden wir die Demuth anbringen, die von der Schrift höher gestellt wird als jede tugendhafte Handlung? Denn obschon sie mit dem großen Kaiser die Zügel eines so großen Reiches führte, jede Macht sich ihr unterwarf, so viele Völker ihr zinspflichtig, Erde und Meer, jedes von seinem Eigenthum, ihr dienstbar waren, so gestattete sie doch dem Hochmuth keinen Eingang, indem sie immer auf sich sah, nicht auf Das, was ausser ihr war. Deßhalb wird sie der Seligpreisung theilhaftig und tauscht für die kurze Demuth die wahre Größe ein. Ich will auch ein Zeugniß für ihre Gattenliebe bringen. Es mußten nothwendig, da die körperliche Verbindung sich löste, auch die kostbaren Güter, in deren Besitz sie war, zur Vertheilung kommen. Wie nun nahm sie die Vertheilung vor? Von den drei Kindern, die sie hatte, ― denn das sind die höchsten Güter, ― hinterließ sie die männlichen dem Vater, um Stützen seines Reiches zu sein, als ihren eigenen Antheil hat sie nur die Tochter ausgeschieden. Siehst du, wie bescheiden und liebevoll sie von den kostbaren Schätzen dem Gatten den größeren Theil abgetreten hat? Ich will noch hinzufügen, was zumeist von uns hervorgehoben werden 596 muß, und dann meine Rede schließen. Der Haß gegen die Götzen ist Allen gemeinsam, welche den Glauben besitzen. Ihre besondere Auszeichnung aber bestand darin, daß sie den arianischen Unglauben in gleichem Maße wie den Götzendienst verabscheute. Denn sie war der Meinung, daß Die, welche glaubten, die Gottheit sei ein Geschöpf, ebenso die Stoffe anbeten als Die, welche daraus Götzen machen, und hatte hierin ein gutes und frommes Urtheil. Denn wer das Geschöpf anbetet, ist, wenn er auch im Namen Christi es thut, ein Götzendiener und legt den Namen Christi einem Götzen bei. Deßhalb betete sie, weil sie wußte, daß Christus nicht ein neuer Gott ist,* eine* Gottheit an, die im Vater, Sohn und heiligen Geiste verherrlicht wird. In diesem Glauben nahm sie zu, in diesem erstarkte sie, in diesen versenkte sie ihren Geist, von diesem wurde sie in den Schooß Abrahams, des Vaters des Glaubens, zur Quelle des Paradieses geführt, von der kein Tropfen den Ungläubigen zufließt, unter den Schatten des Baumes des Lebens, der an die Wasserströme gepflanzt ist, an denen auch wir Antheil nehmen mögen in Christus Jesus, unserm Herrn, dem die Herrlichkeit sei in Ewigkeit. Amen.