399 Diese Rede führt, wie es scheint, mit Unrecht die Überschrift: Λόγος ἐπιτάφιος [Logos epitaphios]. Denn es ist keine Rede, wie sie Gregor von Nyssa bei Leichenbegängnissen hervorragender Personen oder doch kurz nach dem Leichenbegängniß hielt. Es ist vielmehr eine Lob- und Festrede, wie die auf den heiligen Ephräm, den Martyrer Theodor, die vierzig Martyrer, und es werden in derselben die Tugenden und sonstigen hervorragenden Eigenschaften des heiligen Basilius mit denen der Heiligen des alten und neuen Testamentes verglichen. Als Resultat der Gleichung wird größtentheils nur ein Unterschied in der Zeit hingestellt.
§ 1
Eine schöne Ordnung hat Gott für diese unsere jährlichen Feste eingeführt, die wir in einer gewissen geordneten Reihenfolge in diesen Tagen bereits begingen und wieder 400 begehen. Wir halten aber für unsere geistigen Feste die Ordnung ein, welche auch der große Paulus uns gelehrt hat, der von oben die Kenntniß dieser Dinge besaß. Er sagt nämlich, daß den ersten Rang die Apostel und Propheten einnehmen, den nächsten die Hirten und Lehrer. Es stimmt also mit dieser Reihenfolge des Apostels die Ordnung der Feste des Jahres überein. Doch zähle ich das erste nicht zu den übrigen. Denn die Gnade in der göttlichen Erscheinung des eingebornen Sohnes, die in der Geburt aus der Jungfrau der Welt widerfahren ist, ist nicht einfach ein heiliges Fest, sondern das heilige der heiligen und das Fest der Feste. Wir wollen also die weiter folgenden aufzählen. Zuerst also eröffneten uns die Apostel und Propheten den geistigen Festreigen. Denn eben diese haben ja die zwei Gnadengaben, den apostolischen Geist und den des Prophetenthums. Es sind aber folgende: Stephanus, Petrus, Jakobus, Johannes, Paulus. Nach diesen bringt uns hierauf seine Ordnung einhaltend dieses Fest der Hirt und Lehrer. Wer ist dieser? Ich will den Namen sagen, oder es genügt die Gnade statt des Namens, um den Mann anzuzeigen. Denn wenn du von einem Lehrer und Hirten nach den Aposteln hörst, so erkennst du gewiß den Hirten und Lehrer nach den Aposteln. Diesen meine ich, das Gefäß der Auserwählung, den in Leben und Wort erhabenen Basilius, den Liebling Gottes von Geburt an, der seinem Betragen nach von Jugend auf ein Greis war, der wie Moses in jeder Weisheit heidnischer Wissenschaft unterrichtet war[,] der in den heiligen Schriften von Kindheit an bis zu seiner Vollendung Nahrung, Wachsthum und Reife fand. Daher unterrichtet er alle Menschen in jeder Weisheit, sowohl in der göttlichen als profanen. Und indem er sich wie ein gewandter Kämpfer mit beiden Gattungen der Wissenschaft gegen die Gegner rüstet, schlägt er mit beiden die Widersacher. Denn er übertrifft in jeder 401 Die, welche in der einen oder andern gegen die Wahrheit stark zu sein glauben, und streckt die Häretiker, die sich auf die Schrift stützen, durch die Schrift zu Boden, die Heiden aber umstrickt er mit ihrer eigenen Wissenschaft. Der Sieg über die Gegner hat aber nicht den Fall, sondern die Auferstehung der Besiegten bewirkt. Denn die von der Wahrheit besiegt wurden, errangen Sieg und Krone über den Irrthum und die Lüge.
§ 2
Diesen haben nun auch wir jetzt als den Ordner des gegenwärtigen Festes, als den ächten Priester des Geistes, als den heldenmütigen Streiter Christi, als den lauten Herold des erlösenden Heroldrufes, als den Kämpfer und Vorfechter im freimüthigen Bekenntnisse Christi, der nur der Zeit nach den zweiten Rang nach den Aposteln hat. Denn wenn Basilius zur gleichen Zeit wie Paulus unter den Menschen gelebt hätte, so wäre er in der Schrift gerade so mit Paulus genannt worden wie Silvanus und Timotheus. Und daß meine Annahme der Wahrheit entspricht, wollen wir aus folgender Betrachtungsweise erkennen. Es soll ausser Acht gelassen werden, daß die Heiligen der Zeit nach früher sind. Denn die Zeit verhält sich ihrem Wesen nach als Vergangenheit und als Zukunft zu Tugend und Laster in gleicher Weise und ist weder das Eine noch das Andere. Denn die Tugend liegt im Willen, nicht in der Zeit. Es soll daher Glaube mit Glauben und Rede mit Rede verglichen werden. Denn es wird Der, welcher mit gerechtem Maßstab neben einander die Wunder prüft, finden, daß an Beiden die nämliche Gnade sich finde, die in Jedem durch den nämlichen Geist nach dem Verhältniß des Glaubens wohnt. Wenn aber der Zeit nach Paulus* früher* gekommen ist und Basilius viele Geschlechter* später* erschien, so führst du ein Werk der göttlichen Heilsordnung für die Menschen, nicht einen Beweis der geringeren Tugend an. Denn auch Moses ist viel später als Abraham, und Samuel als Moses, und als Dieser Elias, 402 und als Dieser der große Johannes, und nach Johannes kommt Paulus, und nach Diesem Basilius.
Wie also bei den Früheren die spätere Zeit die Heiligen in Bezug auf die Herrlichkeit vor Gott nicht verkürzte, so soll auch jetzt, da von der Tugend die Rede ist, vom Vorzug der Zeit geschwiegen werden. Denn das ist, wie wir sagten, ein Beweis der Vorsehung Gottes für die Menschen. Denn der Alles weiß, bevor es entsteht, wie der Prophet sagt, und die mit den menschlichen Geschlechtern gleichlaufende Bosheit des Teufels erkennt, verschafft den für die Krankheit eines jeden Geschlechtes geeigneten und passenden Arzt, um nicht die Krankheit der Menschen ohne Heilung zu lassen, welche in Ermangelung von Solchen, die ihr steuern, das Geschlecht überwältigt.
Als daher einst die chaldäische Weltweisheit in Ansehen stand, deren Anhänger die Ursache der Dinge in irgend einer Bewegung der Gestirne suchten, aber nicht glaubten, daß es über den sichtbaren Dingen irgend eine Kraft gebe, welche die Dinge geschaffen hätte, da ließ er den Abraham erscheinen, der sich dieser Wissenschaft als einer Leiter bediente und Den suchte, der in den sichtbaren Dingen erkannt wird. Und er wurde den Späteren ein Weg des Glaubens an den wahrhaft seienden Gott dadurch, daß er selbst auf demselben voranging, indem er den väterlichen Trug und die Verwandtschaft verließ, die zwischen den Sinnen und der sichtbaren Schöpfung besteht. Als hierauf die Ägyptier wohl durch Eingebung Desjenigen, der in mannigfaltiger Weise in Betrug ersäuft, eine teuflische und gauklerische Weisheit erfunden hatten, ließ er den Moses auftreten, der durch seine überlegene Weisheit den ägyptischen Trug zu Schanden machen sollte. Es versteht aber unsere Worte gewiß, wer aus der Schrift weiß, in welcher 403 Weise Moses, als die Gaukler ihren Betrug den göttlichen Wunderzeichen gegenüber zur Schau stellten, an Kraft überlegen war und durch höheren Beistand die ganze ägyptische Macht zu Schanden machte. Du erkennst aber Dieß sowohl aus dem Übrigen, als auch aus dem Sinnbild der Stäbe.
§ 3
Und als im weiteren Verlauf der Zeit die Israeliten in anarchischem Zustande und in der Verwirrung der Volksherrschaft krankhaft danieder lagen, erschien Samuel, hielt durch sein Ansehen die Untergebenen nieder, drängte sie von der Verbindung mit den Fremden zurück, wandelte die Anarchie in ein königliches Regiment um, vereinigte die fremden Stämme zu einem Ganzen und führte die königliche Herrschaft gesetzlich ein. Als hierauf viele Menschenalter später jener Achab, der Sklave seines Weibes, sowohl selbst in seiner Unterwürfigkeit unter das üppige Weib von den väterlichen Gesetzen abfiel, als auch, da dieses ihn zur Verirrung des Götzendienstes verleitet hatte, mit sich zugleich das israelitische Volk in den Abfall fortriß, da läßt Gott den Elias erscheinen, der durch seine heilende Kraft der Größe der Krankheit der Menschen das Gleichgewicht hielt, einen Mann, der die Pflege des Körpers vernachlässigte, von rauhem Äussern, umschattet von seinem natürlichen reichen Haare, zurückgezogen in seinem Leben, ehrwürdig anzuschauen mit dem ernsten Gesichtsausdruck und dem eingezogenen Blicke, mit einem Ziegenfell so viel von seinem Körper bedeckend, als der Anstand zu verhüllen erheischt, den übrigen Theil aber der Witterung preisgebend, ohne sich um den Wechsel von Hitze und Kälte zu kümmern. Dieser erscheint dem Volke und züchtigt zuerst Israel mit der Geißel des Hungers, indem er wie mit einem Züchtigungswerkzeuge die Ausschreitung des Volkes mit dieser Plage bestraft. Hierauf heilt er auch mit dem göttlichen Feuer, das beim Opfer entstand, die Krankheit des Götzendienstes.
404 Dann erscheint nach ihm in viel späterer Zeit jener Andere, der im Geist und in der Kraft des Elias einherging und aus Zacharias und Elisabeth das Licht der Welt erblickt hatte und durch seine Predigt das ganze Volk in der Wüste um sich sammelte, der die Befleckung mit dem Blute der Propheten, die vielfältigen Verunreinigungen und die mannigfachen Bande der Sünde, mit denen damals das ganze Volk nach Art der Schuhe gebunden war, der Das alles mit der Predigt der Buße löste und im reinigenden Wasser des Jordan wusch und so zeigte, daß er in keinem Punkte Denen in den göttlichen Dingen nachstand, die ihm auf dem Wege der Tugend vorausgegangen waren.
Wie, wurde etwa nach Diesem ein Paulus, welcher der Zeit nach später war, gehindert, den höchsten Gipfel göttlicher Vollkommenheit zu ersteigen? Wurde er nicht sogleich Liebhaber der göttlichen Schönheit, die in seine Augen strahlte, da kaum die Schuppen von seinen Augen gefallen waren, das Zeichen der Umhüllung des Herzens, die das Sehorgan der Seelen der Juden umgibt und sie gegen die Wahrheit blind macht? Wurde er nicht, sobald er im mystischen Bade den Schmutz der Unwissenheit und des Truges abgelegt hatte, sogleich in seiner Natur in einen göttlicheren Zustand umgeschaffen, und lebte er nicht, nachdem er gleichsam diese dichte und fleischliche Umhüllung abgelegt hatte, geradezu im innersten himmlischen Heiligthum, nicht beschwert von der Last des Leibes, und drang er nicht in die göttliche Pflanzung des Paradieses und wurde dort in die unaussprechliche Geheimnisse von der Wahrheit eingeweiht und nahm von daher die Kraft der Rede zum Gehorsam des Glaubens unter allen Völkern? Und so wird er fast der Vater des ganzen Erdkreises und bringt durch die geistigen 405 Geburtswehen Die an’s Licht, welche in Christus durch ihn zur Frömmigkeit gebildet werden.
§ 4
Wenn also bei den übrigen Heiligen die Ordnung der Zeit das Fortschreiten in Gott keineswegs hinderte, da bei Jedem in gleichem Grade die Gnade zur Vollkommenheit behilflich war, so getrauen wir uns mit Recht zu behaupten, daß auch der Mann Gottes in unserem Zeitalter, das große Gefäß der Wahrheit,* Basilius,* unter jene berühmten Heiligen zu rechnen sei, da der Umstand, daß er in der Zeit nach ihnen kommt, weder seiner erhabenen Begierde nach Gott noch der göttlichen Gnade zur Vervollkommnung der Seele hinderlich ist. Und so wird weder das Ziel der göttlichen Heilsordnung in Etwas verkürzt noch durch die Schuld der Zeit Etwas von dem Beistand entzogen, den diese zum Geheimniß leistet. Gewiß aber kennt Jedermann den Zweck, warum wir jetzt unsern Lehrer vorführen.
Als nämlich der Götzenwahn der Menschen durch die Predigt von Christus ausgetilgt war, und als alle von den Thoren verehrten Gegenstände, nachdem die Predigt der frommen Lehre fast über die ganze Erde gedrungen war, bereits in Schutt und Trümmern lagen, so daß der Herr des menschlichen Truges sich überall hinausgedrängt und durch den Namen Christi von der Erde vertrieben sah, da war der Erfinder der Bosheit, weil in der Bosheit weise, nicht um eine böse List verlegen, um die Menschheit sich wieder durch Betrug unterwürfig zu machen, sondern er führte unter dem Scheine des Christenthums im Verborgenen wieder den Götzendienst ein, indem er Die, welche auf ihn achteten, durch seine Trugschlüsse überredete, die Schöpfung nicht zu verlassen, sondern dieselbe anzubeten und zu verehren, und das Geschöpf, welches mit dem Namen des Sohnes 406 bezeichnet wird, für Gott zu halten, wenn aber die Schöpfung aus dem Nichtseienden ist und nach ihrer Natur der göttlichen Substanz ferne steht, darauf keine Rücksicht zu nehmen, sondern den Namen Christi dem Geschöpfe beizulegen und vor diesem sich in Staub zu werfen, dieses anzubeten, auf dieses die Hoffnungen des Heils zu setzen, von diesem das Gericht zu erwarten.
Und indem der Abtrünnige mit seinem ganzen Wesen in Menschen seinen Sitz nahm, die seine ganze Bosheit zu fassen vermochten, nämlich in Arius, Aetius, Eunomius, Eudoxius und ausser Diesen auch in vielen Andern, führte er, wie gesagt, durch Diese den bereits verschwindenden Götzendienst wieder ein, und es bemächtigte sich die Krankheit der Menschen, welche das Geschöpf statt des Schöpfers anbeteten, so daß unter dem Beistande der damaligen Kaiser der Trug Wurzel faßte und alle hervorragenden Würdenträger diese Krankheit in Schutz nahmen. Und als fast alle Menschen sich der herrschenden Richtung angeschlossen hatten, wurde von Gott der große Basilius hervorgebracht, wie Elias zur Zeit des Achab, und indem er das bereits in gewisser Weise gesunkene Priesterthum annahm, brachte er das Wort des Glaubens, welches wie ein Licht erloschen war, durch die in ihm wohnende Gnade wieder zum Aufleuchten. Und wie ein Feuerzeichen für Die, welche in der Nacht auf dem Meere irren, so leuchtete er über der Kirche und leitete Alle auf den geraden Weg, indem er mit den Statthaltern sich in Streit einließ, vor die Heeresführer hintrat, vor den Kaisern ein freies Wort sprach, in der Kirche seine Stimme erhob, die Entfernten nach dem Beispiel des Paulus durch Briefe zu gewinnen suchte.
§ 5
407 Dabei entging er den Angriffen im Handgemenge, da er an Nichts von den Gegnern festgehalten werden konnte. Denn er war Denen überlegen, welche die Güter einzogen, indem er dieselben selbst eingezogen hatte wegen der Hoffnung des Reiches. Er war von der Furcht der Verbannung befreit, indem er sagte, daß es* ein* Vaterland der Menschen, das Paradies, gebe, die ganze Erde aber als eine gemeinsame Verbannung der Natur ansah. Wann aber hätte Der, welcher täglich starb und beständig durch freiwillige Abtödtung sich aufzehrte, den Tod gefürchtet, der ihm von den Feinden gedroht wurde? Er hielt es ja sogar für ein Unglück, daß er nicht oft die Martyrer in ihren Kämpfen für die Wahrheit nachahmen könne, da die Natur nur* einem* Tode unterworfen sei. Und als ihn einst ein Statthalter mit der Drohung schrecken wollte, er wolle ihm die Leber aus seinen Eingeweiden reissen lassen, sagte er lachend und die rohe Drohung verspottend: Ich werde dir für die Ausführung deines Vorhabens sehr dankbar sein. Denn nicht wenig quält es mich, daß die Leber sich in meinen Eingeweiden befindet. Wenn du sie also deiner Drohung gemäß herausnehmen läßt, so wirst du mich von Dem befreien, was meinen Körper belästigt.
Was vermindert es nun seinen Ruhm in Gott, daß er später als andere Heilige auf die Welt kam, so daß deßhalb die Festfeier dieses Heiligen geringer erscheinen sollte, als die Feste der übrigen Heiligen? Denn untersuche und vergleiche sein Leben, wenn es beliebt, mit dem Leben irgend eines der früheren Heiligen! Geliebt wurde Gott von Paulus. Das ist nun die höchste der Tugenden, die der Liebe nämlich. Von ihr stammt jeder Glaube, jede Hoffnung und die Erwartung der Beharrlichkeit und die 408 Unveränderlichkeit in allem Guten und der Vorzug in jeder geistigen Gnadengabe. Aber wollen wir erforschen, wie groß das Maß der Liebe Gottes in Paulus war! Du wirst gewiß sagen, daß er aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele und seinem ganzen Gemüthe Gott liebte. Denn Dieß hat das Gesetz als die äusserste Grenze der Liebe zu Gott festgesetzt. Wer also sein ganzes Herz und seine ganze Seele und sein ganzes Gemüth Gott darbringt und sich sonst zu Nichts von Dem, was in diesem Leben geschätzt ist, hinneigt, hat den höchsten Grad der Liebe erreicht. Wenn nun Einer zeigen kann, daß das Leben unseres Lehrers zu Etwas, was in dieser Welt geschätzt wird, hinneigte, wie zu Reichthum, Macht, Begierde nach eitlem Ruhm, denn die niedrigeren Lüste können bei ihm wohl nicht einmal mit Anstand genannt werden, so muß man sagen, wenn man ihn so Etwas schätzen sieht, daß das Maß der Liebe zu Gott von jener Seite geringer erscheine, von welcher wir finden, daß er Etwas hievon schätzte, indem sein Begehrungsvermögen von Gott zum Materiellen abirrte. Wenn er aber von allen diesen und ähnlichen Dingen ein abgesagter Feind war und zuerst aus seinem eigenen Leben die leidenschaftliche Neigung zu diesen Dingen verbannte, hierauf das öffentliche Leben durch das belehrende Wort und das persönliche Beispiel reinigte, so ist es doch offenbar, daß er das größte Maß der Liebe Gottes in sich trug, das die Natur zu fassen vermochte. Denn wie könnte, wer Gott aus ganzer Seele, ganzem Herzen und ganzem Gemüthe liebt, noch ein höheres Maß der Liebe erreichen, da es keinen Platz mehr hat? Wenn wir also* einen* höchsten Grad der vollkommenen Liebe kennen gelernt haben, nämlich die Hingabe an Gott aus ganzem Herzen, Paulus und Basilius aber Gott liebten, indem sie aus ganzem Herzen sich ihm hingaben, so dürfte man, wenn man zu sagen wagt, daß Beide ein und dasselbe Maß der Liebe besaßen, von der 409 Wahrheit nicht abirren. Und es sagt der Apostel, daß die Liebe die größte aller Tugenden sei, und das erhabene Evangelium stimmt ihm bei. Der Apostel nämlich sagt, sie habe einen höheren Werth als Prophetengabe und Erkenntniß, sei stärker als der Glaube, ausdauernder als die Hoffnung und verharre immer im nämlichen Zustande, ohne sie sei jede Thätigkeit im Guten unnütz. Der Herr aber zeigt, indem er das ganze Gesetz und alle Geheimnisse der Propheten von dieser Gnadengabe abhängig macht, auch seinerseits, daß die Liebe höher als Alles stehe. Wenn er also in der höchsten Tugend, welche die andern in sich begreift, hinter dem großen Paulus nicht zurückbleibt, so wird es gewiß deutlich an den Tag treten, daß er auch in allen übrigen, denen die Liebe vorangehe und die aus ihr entspringen, ihm nicht nachstehe. Denn wie Der, welcher an der menschlichen Natur Antheil nimmt, alle Eigenschaften der Natur an sich trägt, in gleicher Weise besitzt auch Der, welcher es in seiner Person zur Vollkommenheit der Liebe gebracht hat, mit dem Urbild der Tugenden alle Gattungen der Tugenden, die in dieser mit inbegriffen sind. Denn mag es der Glaube sein, der uns rettet, oder mögen wir durch die Hoffnung gerettet werden, oder empfangen wir die Gnade durch die Geduld: „die Liebe glaubt Alles, hofft Alles und duldet Alles,“ wie der Apostel sagt. Und alles Übrige, um nicht bei der Aufzählung des Einzelnen zu verweilen, ist ein Gewächs aus der Wurzel der Liebe, Alles, was unter dem Namen der Tugend geschätzt wird, so daß Der, welcher diese hat, nichts Weiteres bedarf. Indem der große Basilius diese besaß, hatte er in ihr jede Tugend. Wenn er aber alle besaß, so konnte ihm keine mangeln.
Aber man wird vielleicht sagen, daß Paulus den dritten Himmel sah und ins Paradies entzückt [eher: „entrückt“ statt „entzückt“?] wurde und geheime 410 Worte hörte, die einem Menschen zu reden nicht erlaubt ist. Aber auch er erhielt diese Gnade nicht erwiesener Maßen in diesem Fleische. Denn er verbirgt die Ungewißheit nicht, indem er sagt: „Sei es im Fleische, ich weiß es nicht, sei es ausser dem Fleische, ich weiß es nicht, Gott weiß es.“ Auch von Basilius könnte man kühn sagen, daß er so Etwas zwar nicht im Leibe sah, aber in der unkörperlichen geistigen Betrachtung ihm Nichts ungeschaut entging. Zeugniß hiefür sind seine eigenen Worte, die er mündlich aussprach, und die er in seinen Schriften hinterließ. Denn indem er von Jerusalem nach Illyrikum eine Rundreise machte, predigte er Allen, die er auf diesem Wege antraf, das Wort des Evangeliums, und sein Wort und seine Predigt drang fast über die ganze Erde und wurde von Allen in gleichem Maße wie das Wort des Paulus geschätzt. Es soll das Übrige übergangen werden, worin das Leben des Einen mit dem des Andern übereinstimmt, wie der Eine der Welt gekreuzigt war, dem Andern die Welt. Der Eine tödtete den Körper ab, der Andere vollendete in der Schwäche seine Kraft. Christus war Beiden das Leben, und in gleicher Weise Beiden der Tod Gewinn, und aufgelöst und beim Herrn zu sein galt ihnen höher als das dem Irrthum ausgesetzte Leben.
§ 6
Oder wollen wir unsern Lehrer auch mit Johannes vergleichen? Aber da der göttliche Ausspruch Zeugniß gibt, daß Dieser den Vorrang habe, indem er unter den von einem Weibe Gebornen sogar vor einem Propheten Etwas voraus habe, so wäre es Wahnsinn und Gottlosigkeit zugleich, einen Andern mit einem solchen Leben in Vergleich zu setzen. Doch auch nur* hinter* einem Manne von solcher Größe und Beschaffenheit zu kommen, erscheint als die höchste Glückseligkeit. Aber wir wollen in folgender Weise die Sache 411 erwägen. Johannes trug keine weichlichen Kleider und war kein von den Winden hin und her bewegtes Schilfrohr. Er liebte die Wüste mehr als die bewohnten Gegenden und hielt sich wieder in bewohnten Gegenden auf. Wird nun wohl Jemand gegen unsere Behauptung sich erheben, wenn wir der Wahrheit gemäß auch hiefür unserm Lehrer Zeugniß geben werden, daß er hierin dem großen Johannes nicht nachstand? Wer weiß nicht, daß er einer weichlichen und üppigen Lebensweise sich abgeneigt zeigte, indem er in Allem vor dem Angenehmen nach dem Starken und Männlichen strebte, von der Sonne sich brennen ließ, sich der Kälte aussetzte, in Fasten und Enthaltsamkeit seinen Leib übte, in Städten wie in der Einsamkeit lebte, ohne daß seine Tugend durch das Zusammenleben Schaden litt, und die Einöden zu Städten machte? Denn weder machte ihn der Umgang mit der Menge vom strengen und zurückgezogenen Leben abwendig, noch vermochte er, wenn er an einen ganz entlegenen Ort sich zurückzog, von Denen sich zu befreien, welche des Gewinnes wegen ihn umgaben. Und so wurde bei ihm, wie bei dem Täufer, die Wüste durch das Gedränge der Herbeiströmenden zu einer Stadt. Daß er aber nicht ein Rohr war, das mit Leichtigkeit sich zu entgegengesetzten Ansichten krümmen ließ, beweist seine Unbeugsamkeit in allen Entschließungen seines Lebens. Er entschloß sich Anfangs zur Besitzlosigkeit. Der Entschluß war wie ein unerschütterlicher Fels. Er verlangte Gott in Reinigkeit zu nahen. Einem Berge glich dieses Verlangen, nicht einem Rohre. Denn niemals beugte er sich vor den Winden der Versuchungen. Die Festigkeit seiner Liebe gegen Gott vermochte nur der Apostel durch seine Worte auszudrücken, daß weder das Leben noch der Tod, weder die Gegenwart noch die Zukunft noch sonst irgend ein Geschöpf im Stande sei, sein Herz von der Liebe Gottes zu trennen.
412 So war er auch in allem Übrigen, was er in Bezug auf die Tugend beschlossen hatte, keineswegs einem Rohre ähnlich oder in seiner Gesinnung veränderlich, sondern durchgehends hielt sein Leben unveränderlich am Guten fest. Johannes ist freimüthig gegen Herodes, Dieser gegen Valens. Stellen wir aber den Rang dieser Männer einander gegenüber! Der erste hatte in Folge einer Einsetzung durch die Römer die Herrschaft über einen kleinen Theil von Palästina erlangt, die Herrschaft des zweiten dagegen war beinahe auf den ganzen Lauf der Sonne ausgedehnt und erstreckte sich von den Grenzen Persiens bis zu den Britanniern und den äussersten Grenzen des Oceans. Und der Zweck der Freimüthigkeit gegen Herodes war, daß er das Gesetz wegen eines gewissen Weibes nicht verletze, sondern seine Lust bezähme, die durch das Gesetz verboten sei. Worin bestand aber die Freimüthigkeit des Lehrers gegen Valens? Daß er den Glauben unversehrt und unbefleckt lasse, dessen Verletzung zum Fluche für den ganzen Erdkreis würde. Es stelle nun der gerechte Richter die Macht der Macht gegenüber und den Zweck dieser Freimüthigkeit jener Freimüthigkeit. Dort nämlich war die Schuld auf die Person des Herodes beschränkt, hier war die Verletzung des Glaubens eine Ungerechtigkeit gegen das ganze Menschengeschlecht. Jener übt die Freimüthigkeit bis in den Tod. Diesem wird ein Ziel der Freimüthigkeit durch die Verbannung gesetzt, da der Kaiser Dieß statt des Todesurtheils über ihn verhängt hatte. Von Johannes glaubte man nach seinem Tode noch, daß er lebe, und bei Basilius wurde selbst von seinen Feinden das Urtheil der Verbannung aufgehoben, da er sich durch die Drohung im Widerstand nicht erweichen ließ.
413 Sollen wir es wagen, auch zum erhabenen Elias in der Rede uns emporzuschwingen und zu zeigen, daß unser Lehrer durch sein Leben auch seiner Gnade gleich geworden sei? Aber das Fahren auf feurigem Wagen und das Lenken der feurigen Pferde und das Hinübergehen zu der höheren himmlischen Heimath möge Niemand von der menschlichen Natur verlangen. Denn auch Jener konnte sich nicht, so fern er innerhalb der Grenzen der Natur blieb, im Feuer unbeschädigt erhalten, da er durch göttliche Kraft seine schwerfällige und irdische Natur in eine aufwärts strebende und leichte umschuf. Auch möge Niemand verlangen, daß er sein Wort gleichsam zum Schlüssel des himmlischen Beistandes machte, indem er ihn öffnete, wann er wollte, und nach Belieben ihn wieder verschloß, wenn ihm Dieß zu thun besser schien. Aber auch daß er lange Zeit ohne Speise aushielt und durch den bloßen Genuß jenes in Asche gebackenen Gerstenbrodes vierzig Tage lang seine Kraft ungeschwächt bewahrte, auch das soll übergangen werden als Etwas, was die menschliche Kraft übersteigt. Denn der menschlichen Natur ist es unmöglich, Das nachzuahmen, was die Natur übersteigt. Es soll nebenbei geschwiegen werden von jenem kleinen Mehlkruge und dem Ölgefäße, welche beide in Darreichung der Nahrung dem Bedürfniß genügten und auf die ganze Zeit der Hungersnoth, auf drei Jahre und sechs Monate ihre Wohlthat ausdehnten. Denn die Wunder der himmlischen Thätigkeit haben in ihren Werken eine besondere Kraft. Und nicht kann man mit Fug und Recht solche Wunderthaten auf Rechnung der menschlichen Natur setzen.
§ 7
Welche Eigenschaften unseres Lehrers entsprechen nun den Eigenschaften, die wir am Propheten wahrnehmen? Eifer im Glauben, Abneigung gegen die Widersacher, Liebe zu Gott, ein Verlangen nach dem wahrhaft Seienden, welches 414 zu nichts Materiellem herabsinkt, ein durchgehends tadelloses Leben, eine abgehärtete Lebensweise, ein Blick, ernst wie der Ernst der Seele, eine natürliche Würde, eine Schweigsamkeit wirksamer als Rede, eine Sorge um die Gegenstände der Hoffnung, eine Verachtung gegen die sichtbaren Dinge, gleiche Rücksicht für jede äussere Erscheinung, mochte Einer eine hervorragende hohe Stellung einnehmen oder aus niedrigem und verachtetem Stande erscheinen. Dieß und Ähnliches ist es, worin der Lehrer in seinem Leben die Wunder des Elias nachahmt. Wenn aber Einer die vierzigtägige Enthaltsamkeit von Speise entgegenhält, so wollen auch wir ihm die Mäßigkeit unseres Lehrers in seinem ganzen Leben entgegenhalten. Denn es steht in gewisser Weise Dem, welcher keine Speise genießt, Der nahe, welcher wenig genießt, und vorzugsweise, wenn das Eine nur kurze Zeit geschieht, das Andere das ganze Leben hindurch währt. Ausserdem stärkte dort auch jenes Aschenbrod von Gerste die Kraft des Propheten, indem es nämlich Etwas in sich hatte, wodurch die Kraft Desjenigen erhalten wurde, der diese Nahrung zu sich nahm. Ein Beweis hiefür ist, daß nicht Jemand von seinen Stammgenossen ihm das Brod bereitete und zum Genuß vorsetzte, sondern daß er von der durch die Engel bereiteten Speise sich sättigte. Daher blieb auch die Kraft, welche durch jene Speise in den Körper drang, ungeschwächt und verflüchtigte sich nicht. Hier aber war ohne Neuerung in der gewöhnlichen Lebensweise die vernünftige Berechnung das Maß der Nahrung, die dem Körper nicht so viel gewährte, als die Natur verlangte, sondern so viel das Gebot der Enthaltsamkeit vorschrieb.
Das Priesterthum des Lehrers aber ahmt die Sinnbilder des Priesterthums des Propheten nach, indem es durch die Dreitheilung im Worte des Glaubens das himmlische Feuer auf die Opfer herabzieht. Daß aber die 415 Kraft des heiligen Geistes Feuer genannt werde, werden wir vielfach in der Schrift belehrt. Eine Dürre im Lande hat aber der Lehrer weder entfernt noch herbeigeführt. Dort wird der große Prophet, nachdem er mit der Geißel des Regenmangels die Erde geschlagen hat, zugleich auch der Arzt der Wunde, indem er ihnen als Ersatz für den Schmerz der Geißel die Erleichterung durch die Heilung zu Theil werden läßt. Soll man aber auch dem gegenüber ein Wunder von Seite unseres Elias anführen, so fiel damals, als einst durch den göttlichen Willen ein ähnliches Unglück drohte, da die ganze Regenzeit ohne Regen verlaufen war und keine Hoffnung auf Früchte sich zeigte, der Lehrer vor Gott nieder und beschränkte die Furcht auf die bloße Drohung, indem er die Gottheit mit Bitten besänftigte und durch Gebet der Trauer wegen Regenmangels ein Ziel setzte. Aber auch von der Stillung des Hungers, die der große Elias an einer einzigen Wittwe bewirkte, findet unsere Zeit am Lehrer ein ähnliches Beispiel. Als einst harter Hunger sowohl die Stadt selbst, in der er sich gerade aufhielt, als auch das ganze Gebiet bedrängte, das zur Stadt gehörte, gab er seine Besitzungen hin, verwandelte das Geld in Lebensmittel, und während es selten war, daß Die, welche in besonders günstigen Verhältnissen standen, ihren Tisch bestellen konnten, vermochte er während der ganzen Zeit der Hungersnoth Die, welche von allen Seiten zusammenströmten, und die Jugend der ganzen Stadt zu ernähren, so daß er auch den Kindern der Juden an diesem Liebeswerke Theil zu nehmen gestattete.
Es ist aber durchaus gleichgiltig, ob man den göttlichen Auftrag mittelst eines Ölgefäßes oder durch ein anderes 416 Mittel erfüllt. Denn bei der Tröstung der Dürftigen kümmert man sich nicht um die Art und Weise, sondern schaut auf das Ergebniß. Wenn aber Elias aufwärts fuhr, so ist auch das etwas Ausserodentliches und ein unaussprechliches Wunder. Es ist jedoch auch die andere Gattung der Erhebung nach oben nicht gering zu schätzen, wenn man durch die erhabene Lebensweise seinen Wohnsitz von der Erde in den Himmel verlegt und durch den Geist die Tugenden sich zum Wagen einrichtet. Daß aber der Lehrer Dieß erreicht habe, wird man bei gerechter Würdigung seiner Thaten zugeben.
§ 8
Soll unsere Rede sich auch an Samuel wagen? Indem wir in allem Übrigen dem Propheten den Vorzug einräumen, werden wir zeigen, daß in zwei Punkten, die von ihm erzählt werden, auch unser Lehrer ihm ähnlich ist. Die Geburt Beider war ein Gottesgeschenk. Denn wie Jenen die Mutter, so erhielt auch Diesen der Vater durch Gebet zu Gott zum Sohne. Und als er einst, da er noch im Jünglingsalter stand, von einer tödtlichen Krankheit ergriffen wurde, sah der Vater im Traume den Herrn erscheinen, der im Evangelium dem königlichen Beamten seinen Sohn schenkte, der zu ihm gleichfalls sprach, wie einst der Herr zu Jenem gesprochen hat: „Gehe hin, dein Sohn lebt.“ Und da er im Glauben ihn nachahmte, so erntete er die gleiche Frucht vom Glauben, indem er die Rettung des Sohnes von der Güte des Herrn erlangte. Das ist das Erste, was wir den Wundern des Samuel an die Seite setzen. Das Zweite aber ist, daß von Beiden die gleiche Art des Opfers besorgt wurde. Friedensopfer brachten Beide Gott dar, indem sie für die Vernichtung der Feinde opferten, nur daß der Eine für die Ausrottung der Häresien, der Andere gegen die Feinde es that.
417 Der große* Moses* ist Allen als gemeinsames Beispiel hingestellt. die nach der Tugend trachten. Und man dürfte nicht fehlen, wenn man die Tugend des Gesetzgebers zum Ziele seines eigenen Lebens macht. Es wird also gewiß keinen Tadel verdienen, von unserm Lehrer nachzuweisen, daß er den Gesetzgeber im Leben nachahmte, so weit er es vermochte. Worin fand nun die Nachahmung statt? Eine ägyptische Königstochter nimmt den Moses an Kindesstatt an und läßt ihn in der einheimischen Weisheit unterrichten, ohne daß er der Mutterbrust entzogen war, so lange das erste Alter der Verabreichung dieser Nahrung bedurfte. Dieß Zeugniß legt die Wahrheit auch für den Lehrer ab. Denn erzogen in der heidnischen Weisheit lag er stets an der Brust der Kirche, indem seine Seele an ihren Lehren heranwuchs und zur Reife kam. Es verleugnete Moses hierauf die erdichtete Verwandtschaft mit der vorgeblichen Mutter. Auch Dieser ertrug es nicht lange, für Das zu gelten, dessen er sich schämte. Denn nachdem er den ganzen Ruhm der heidnischen Gelehrsamkeit abgeschüttelt hatte, wie Jener die Königswürde, ging er zum niedrigen Leben über, wie auch Moses die Hebräer höher achtete als die ägyptischen Schätze. Da aber die Natur an Jedem ihre Thätigkeit äussert, ― denn das Fleisch eines Jeden verlangt gegen den Geist, ― so stand auch Dieser nicht ausserhalb des Kampfes mit der ägyptischen Vernunft, den sie gegen die reine unternahm, sondern indem er der besseren zu Hilfe kam, tödtete er die, welche mit Unrecht sich gegen die hebräische erhob. Die hebräische Vernunft ist aber die gereinigte und unbefleckte. Denn indem sie durch die Abtödtung der irdischen Glieder der Seele zu Hilfe kommt, ahmt sie die muthige That des Moses nach, die er gegen den Ägyptier vollbrachte. Wir müssen aber Vieles von der Geschichte übergehen, damit es die Ohren nicht zu sehr belästigt, wenn wir Alles genau 418 auseinandersetzen wollten, was die Schrift von Moses enthält, und worin eine Ähnlichkeit des Lehrers mit dem Gesetzgeber stattfand.
Moses verließ Ägypten nach dem Tode des Ägyptiers und brachte inzwischen eine lange Zeit in der Einsamkeit zu. Auch Dieser verließ das Geräusch der Stadt und den bekannten Lärm der Aussenwelt und lebte in der Zurückgezogenheit, in Betrachtungen mit Gott beschäftigt. Jenem leuchtete das Licht im Dornbusch. Wir können Etwas, was jenem Gesichte ähnlich ist, auch von Diesem anführen. Bei Nacht nämlich wurde ihm eine Lichterscheinung zu Theil, als er im Hause betete. Es war aber dieses Licht etwas Immaterielles, das durch göttliche Kraft das Haus erleuchtete und durch keinen materiellen Gegenstand unterhalten wurde. Es rettet Moses das Volk und befreit es vom Tyrannen. Es bezeugt das Gleiche von unserm heutigen Gesetzgeber dieses Volk, das er durch das Priesterthum zur Verheissung Gottes führte. Und wozu soll man im Einzelnen anführen, wie Viele auch er durch das Wasser führte, wie Vielen er im Worte mit der Feuersäule voranleuchtete, wie Viele er durch die Wolke des Geistes rettete, wie Viele er mit der himmlischen Nahrung nährte, wie er den Felsen nachahmte, an dem einst mit dem Holze dem Wasser der Weg eröffnet, das heißt, dessen Mund einst von der Gestalt des Kreuzes berührt wurde, wie er die Durstenden mit jenem Wasser tränkte und in der Menge des Zuflusses die Abgründe nachahmte, was für ein Zelt des Zeugnisses er und zwar in körperlicher Weise in der Vorstadt erbaute, und wie er durch die gute Lehre bewirkte, daß die Armen dem Leibe nach auch dem Geiste nach arm wurden, so daß sie wegen ihrer Armuth glücklich zu 419 preisen waren, da sie ihnen die Gnade des wahren Reiches verschaffte. Er machte die Seele eines Jeden durch das Wort zu einem wahren Zelte, daß Gott darin wohnen konnte, und errichtete in ihm einige Säulen, ― ich verstehe unter den Säulen, die den Mühen der Tugend zur Stütze dienen, die Gedanken, ― in gleicher Weise Waschkannen, um die Befleckungen der Seele abzuwaschen, indem sie durch das Wasser der Augen den Schmutz wegspülten. Wie viele Leuchter brachte er in der Seele eines Jeden an, indem er durch das Wort das Verborgene erleuchtete. Wie viele Rauchgefäße der Gebete und wie viele Altäre ließ er aus reinem und unverfälschtem Golde herstellen, das heißt aus der wahren und reinen Gesinnung, wo nicht das schwere Blei des eitlen Ruhmes den Glanz der Thaten verdunkelte! Wozu soll ich reden von der mystischen Arche, die er einem Jeden baute, indem er die Tafeln des Bundes, die mit dem Finger Gottes geschrieben waren, in der Seele niederlegte? Ich sage aber das im Hinblick darauf, daß er das Herz eines Jeden zu einer Arche machte, welche die geistigen Geheimnisse umfaßt, die das geschriebene Gesetz, welches durch die Thätigkeit des Geistes in den Werken niedergeschrieben ist, in sich schließt, ― denn das bedeutet der Finger Gottes, ― in welcher auch der Stab des Priesterthums immer seine Frucht trieb und durch die Theilnahme an den Heiligungen aufsproßte und der Krug vom Manna nicht leer wurde. Denn dann wird das Gefäß der Seele von der himmlischen Nahrung leer, wenn die Sünde dazwischen tritt und den Zufluß des Manna verhindert. Das Manna aber ist himmlisches Brod.
§ 9
Wozu soll man anführen, daß er gewissenhaft das Priesterkleid sowohl selbst anzog als auch die Andern durch sein Beispiel schmückte, indem er immer den Schmuck an der Brust trug, welcher Prophezeiung, Offenbarung und Wahrheit heißt? Ich überlasse es den Eifrigeren, Dieß alles im tropischen Sinn auf den Lehrer anzuwenden, worin er selbst so beschaffen war und den Andern am Schmuck Antheil 420 verschaffte. Oft erkannten wir auch, daß er sich innerhalb des Dunkels befand, wo Gott war. Denn was für Andere unsichtbar war, machte ihm die Einweihung in die Geheimnisse durch den Geist faßbar, so daß er im Umfang des Dunkels zu sein schien, in welchem das Wort von Gott verborgen ist. Oft widerstand er den Amalekiten und bediente sich des Gebetes als Waffe. Und wenn er seine Hände erhob, so besiegte der wahre Jesus die Feinde. Er machte die Betrügereien vieler Gaukler von der Art jenes Balaam wirkungslos, die nicht das wahre Wort vernahmen, sondern, obschon sie der wie von der Eselin kommenden Lehre der Dämonen gehorchen wollten, für die Bosheit den Mund nicht in Bewegung setzen konnten, indem das Gebet des Lehrers den Fluch in Segen umwandelte. Das sagen wir kurz wie im Vorbeigehen. Es wird aber mit der Wahrheit der Thatsachen das Einzelne in Einklang bringen, wer mit dem Leben des Heiligen nicht unbekannt ist. Wie Viele, die durch Zauberkünste und Gaukelei gegen Jemand Nachstellungen bereiteten, konnten ihren bösen Anschlag nicht vollführen, weil ihnen der Glaube des Lehrers nicht gestattete, das Böse in Vollzug zu setzen! Ich will aber Alles, was in der Mitte liegt, übergehen und das Ende Beider erwähnen.
Beide verließen das Leben. Eine Erinnerung aber an seinen Zustand im Fleische ließ Keiner in der Welt zurück. Denn weder läßt das Grab des Moses sich finden, noch fand auch Dieser mit Aufwand irgend eines materiellen Werthes sein Grab, sondern so, wie er das Leben verlassen hatte, war mit ihm zugleich Alles hingeschwunden, wodurch das Leben des Menschen seinen Bestand hat, und es fand sich kein materielles Denkmal des Mannes aus seinem hinterlassenen Vermögen, wodurch seine bessere Lebensrichtung verhüllt würde, wie von Moses die Geschichte Dieß erzählt, 421 von ihm kein Grab gefunden wurde bis auf den heutigen Tag. Wenn wir also in unserer Rede nachgewiesen haben, daß der große Basilius so beschaffen war, daß er, wenn man ihn in seinem Leben mit jedem der großen Heiligen vergleicht, nicht weit von ihnen absteht, so führt uns in passender Weise die Reihenfolge der Feste zu seiner gegenwärtigen Festfeier.
Es dürfte nun geziemend sein, durch Das, was ihm angenehm ist, seine Erinnerung zu begehen. Wir müssen also untersuchen, wie wir das Fest einrichten sollen, damit die Festfeier dem Heiligen angenehm sei. Wird man etwa bei ihm der prunkenden und prahlenden Weise der Lobreden sich befleissen? Wird Jemand reden von Vaterland, Abkunft, Erziehung durch die Eltern und von den einzelnen Lebensverhältnissen, in denen er aufwuchs und heranreifte, und durch die er unter den Männern seinen Glanz und Ruhm erlangte? Aber es verträgt sich dieser ganze prunkende hohe Ton nicht mit der Größe der an ihm wahrgenommenen Vorzüge, weil die Bemühung ins Gegentheil umschlägt, indem keine solche Kraft in der Rede wohnt, daß sie die Größe der Wunder gebührend schildern könnte. Damit nun nicht durch die niedrige Form der Darstellung zugleich das Wunder verkleinert und nicht durch Die, welche ihn zu loben suchen, die hohe Meinung, die jetzt ein Jeder von ihm hat, vermindert werde, dürfte es besser sein, lieber durch Stillschweigen in uns das Staunen zu vermehren, als durch die Rede das Lob zu schwächen. Denn was könnte man sagen, um ihn ehrwürdiger zu machen? Würde es ihm wohl gefallen, wenn man von seinem Adel dem Fleische und Blute nach reden wollte? Und wer kennt nicht die Gesinnung des Großen in Betreff des Fleisches, wie er ihm feindselig gegenüber stand, indem er es wie einen entlaufenen Sklaven immer in die Fesseln der Vernunft 422 schlug und durch die äusserste Abtödtung und Entsagung diesen nichtswürdigen Sklaven, den Leib, geißelte und marterte und wie ein unerbittlicher Herr dem Gefesselten keine Ruhe gönnte? Einen Mann, der das Fleisch in dieser Weise behandelte, wegen eines leiblichen Verdienstes zu verherrlichen, wäre der größte Unsinn. Denn wie wird er sich* jetzt* durch das geehrt fühlen, dessen er sich im Leben schämte? In gleicher Weise wird mit der Angabe seiner Abstammung die Erwähnung seines Vaterlandes ausgeschlossen. Denn wenn er sich über die ganze Welt stellte und gleichsam in der ganzen sinnlichen Natur der Elemente sich beengt fühlte, daß es ihm sogar unausstehlich war, daß der Himmel über ihm sich befand, und er mit seiner Seele darüber hinausstrebte und, indem er über den sinnlichen Umfang der Welt hinausschaute, immer mit den geistigen Dingen verkehrte und mit den göttlichen Mächten in den Höhen schwebte, in keiner Weise von der leiblichen Last in der Bewegung des Geistes gehindert, ― wie möchte er sich wohl von einem* Theile* der Erde benennen und von der guten Beschaffenheit des Ortes sich Lobsprüche spenden lassen? Denn es wäre eine Verachtung und Verkümmerung des wahren Lobes, wenn man, da die* Tugend* sich der Betrachtung darbietet, Wasser, Blätter, Erdschollen und ähnliches bewunderte.
§ 10
Ausserdem bringt Alles, in dessen Besitz wir nicht durch den freien Willen gelangen, mag es noch so gut sein, Dem keinen guten Ruf, dem es von selbst in den Schooß fiel. Es soll also geschwiegen werden von Vaterland und Abkunft und allem Ähnlichen, was Denen, die es erlangen durch ein bloßes Spiel des Zufalls zu Theil wird. Jene Heimath und vornehme Abstammung dürfte man aber bei ihm mit Recht erwähnen, die durch den freien Willen Denen zu Theil wird, die darnach streben. Welches ist nun die adelige Abstammung des Basilius, und welches sein Vaterland? Seine Abstammung liegt in seinem Vertrautsein mit der Gottheit, sein Vaterland aber ist die Tugend. Denn 423 wer Gott aufgenommen hat, wie das Evangelium sagt, hat die Macht, ein Kind Gottes zu werden. Welch höheren Adel könnte man aber wünschen, als die Verwandtschaft mit Gott? Wer aber Tugend besitzt und diese pflegt und aus dieser Gewinn zieht, macht natürlich Das zu seinem Vaterlande, worin er lebt. Enthaltsamkeit war seine Wohnung, Weisheit sein Besitz, Gerechtigkeit, Wahrheit und Reinigkeit die herrliche und glänzende Pracht seines Palastes. Indem er in diesem Palaste sich aufhielt, fühlte er sich größer als Die, welche in stolzen, von Gold strotzenden Marmorpalästen wohnen. Wenn Einer wegen eines solchen Vaterlandes ihn lobt und wegen einer solchen Abstammung ihn verherrlicht, so wird er die Wahrheit sagen und sein Lob auf Dinge gründen, die ihm angenehm sind. Von Land, Blut, Fleisch, Reichthum, Macht und der hierin liegenden Herrlichkeit mag Der, dem es beliebt, den Freunden der Welt Zeugniß geben.
Wenn also unsere Rede das ihm gebührende Lob nicht auszudrücken vermag, so müssen wir wohl eine solche Bemühung von uns weisen und auf die lobrednerischen Künste verzichten. Wie werden wir nun seine Erinnerung begehen, mag man sagen, wenn wir es nicht mit Lobreden thun? Wie wird dem Gebote der Schrift Genüge geschehen, welches lautet, die Erinnerung der Gerechten müsse mit Lobreden begangen werden, wenn einestheils in wahren Lobsprüchen sich auszudrücken schwierig, in gemeinen anderntheils erniedrigend ist? Aber vielleicht kann man aus der Verlegenheit irgend einen Ausweg finden, so daß ihm nicht gänzlich die Ehre unserer Lobsprüche entgeht. Welches ist nun der Ausweg? Wer weiß nicht, daß jedes Wort, von den Thaten getrennt, an und für sich leer und ohne Inhalt ist? Die Natur der Werke aber bringt es mit sich, daß sie Das, was gesprochen wird, in Wesenheit und Wahrheit 424 erscheinen lassen. Es wäre also das in Werken vollbrachte Lob höher zu schätzen als das Wort. Was ist aber dieß? Daß durch die Erinnerung an ihn unser Leben besser werde, als es bisher war. Denn wie vom Kasten eines Ringes, wenn irgend eine schöne Gestalt in demselben eingegraben erscheint, das Wachs, auf welches das Siegel gedrückt wird, die im Gepräge befindliche Schönheit auf sich überträgt und die ganze Zeichnung des Siegels in seiner eigenen Figur ausdrückt und Niemand in dieser Weise durch das Wort eine Beschreibung von der kunstvollen Schönheit des Gepräges machen könnte, wie wenn er den Ausdruck der Schönheit am Wachs darstellt, in gleicher Weise würde auch, wenn der Eine in bloßer Rede die Tugend des Lehrers verherrlichte, ein Anderer sein eigenes Leben schmückte, das im Leben vollbrachte Lob in der Nachahmung desselben kräftiger wirken als der Schwung der Rede.
So wollen also auch wir, Brüder, den Enthaltsamen in der Enthaltsamkeit nachahmen und durch unsere* Thaten* die Tugend nach Verdienst loben! Und auch in allem Übrigen soll ebenso die Bewunderung des Weisen in der Theilnahme an der Weisheit seine Vollendung finden, das Lob der Armuth darin, daß auch wir an materiellem Reichthum arm sind. Von der Verachtung dieser Welt wollen wir nicht bloß* sagen,* daß sie lobenswerth und rühmlich ist, sondern es soll unser* Leben* von der Verachtung der Dinge Zeugniß geben, die in der Welt geschätzt werden. Sage nicht bloß, daß Jener sich Gott weihte, sondern weihe dich auch selbst Gott, und nicht bloß, daß die Hoffnung der Ruhe sein einziger Besitz war, sondern sammle auch du dir diesen Reichthum wie Jener, denn du kannst es. Jener hat sein Leben von der Erde in den Himmel versetzt. Versetze dahin auch du es! In den sicheren Schatzkammern des Himmels hat er seinen Reichthum hinterlegt. Ahme hierin auch du den Lehrer nach! Denn der vollendete Schüler wird wie sein Lehrer sein. Denn auch in den übrigen Gegenständen wird der Schüler des Arztes oder Geometers oder 425 Rhetors kein glaubwürdiger Lobredner der Kunst des Lehrers sein, wenn er in der Rede die Wissenschaft des Meisters bewundern, an sich selbst aber nichts Bewundernswerthes sehen lassen würde. Denn man wird zu ihm sagen: Wie nennst du deinen Lehrer Arzt, da du selbst kein Kenner der Arzneikunde bist? Oder wie nennst du dich einen Schüler des Geometers, da du selbst ohne Kenntniß der Geometrie bist? Wenn aber Einer an sich selbst die Kunst zeigt, in der er Unterricht genommen hat, so verherrlicht er durch seine Kenntniß den Meister der Kunst. So wollen auch wir, die wir uns des Lehrers Basilius rühmen, im Leben uns als seine Schüler zeigen, indem wir Das werden, was ihn berühmt und groß vor Gott und den Menschen machte, in Christus Jesus, unserm Herrn, dem der Ruhm und die Kraft sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.II. Erste Lobrede auf die vierzig heiligen Martyrer.