Was heißt es also: „Er muß wachsen, ich aber abnehmen“? Dies ist ein großes Geheimnis, wohlverstanden, meine Lieben. Bevor der Herr Jesus kam, setzten die Menschen die Ehre in sich selbst; da kam jener Mensch, damit die Ehre des Menschen gemindert und die Ehre Gottes vermehrt würde. Denn er kam ohne Sünde und fand alle in der Sünde. Wenn er so kam, um die Sünden zu vergeben, so muß Gott Gnade üben, der Mensch bekennen. Denn das Bekenntnis des Menschen ist die Niedrigkeit des Menschen, die Erbarmung Gottes ist die Erhabenheit Gottes. Wenn er also kam, dem Menschen die Sünden zu erlassen, so muß der Mensch seine Niedrigkeit anerkennen und Gott sein Erbarmen zeigen. „Er muß wachsen, ich aber abnehmen“, d. h. er muß geben, ich aber empfangen; er muß verherrlicht werden, ich aber bekennen. Es erkenne der Mensch seine Stellung und bekenne Gott und höre den Apostel, wie er zu dem hochfahrenden und übermütigen Menschen, der sich erheben möchte, sagt: „Was hast du denn, was du nicht empfangen hast? Wenn du es aber 241 empfangen hast, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen“. Es erkenne also der Mensch, daß er empfangen hat, er, der sein nennen wollte, was ihm nicht gehört, und verdemütige sich; denn es ist gut für ihn, daß Gott in ihm verherrlicht wird. Er soll in sich selbst abnehmen, damit er in Gott zunehme. Diese Zeugnisse und diese Wahrheit haben Christus und Johannes auch in ihrem Leiden bestätigt. Denn Johannes ist enthauptet, Christus am Kreuze erhöht worden, damit auch da ans Licht käme, was es heißt: „Er muß wachsen, ich aber abnehmen“. Sodann wurde Christus geboren, als die Tage bereits zu wachsen begannen, Johannes wurde geboren, als die Tage abzunehmen anfingen. Die Schöpfung selbst und die Leidensarten legten Zeugnis ab für die Worte des Johannes, wenn er sagt: „Er muß wachsen, ich aber abnehmen“. Es wachse also in uns die Ehre Gottes und es nehme ab unsere Ehre, damit in Gott auch die unsere wachse. Denn so sagt der Apostel, so sagt die Heilige Schrift: „Wer sich rühmt, der rühme sich im Herrn“. Du willst dich rühmen in dir? Du willst wachsen; aber du wächst zu deinem eigenen Schaden, wenn du schlecht wächst. Denn wer schlecht wächst, nimmt mit Recht ab. Es wachse also Gott, der immer vollkommen ist, er wachse in dir. Je mehr du nämlich Gott erkennst und je mehr du ihn fassest, desto mehr gewinnt es den Anschein, daß er in dir wächst; in sich selbst aber wächst er nicht, sondern ist immer vollkommen. Du verstandest gestern ein wenig, du verstehst heute mehr, du wirst morgen noch viel mehr verstehen; das Licht Gottes selbst wächst in dir; so wächst gewissermaßen Gott, der immer vollkommen bleibt. Wie wenn einem die Augen geheilt würden von der früheren Blindheit und er anfangen würde, etwas vom Lichte zu sehen und am folgenden Tage mehr sehen würde und am dritten Tage noch mehr, er meinen würde, das Licht selbst wachse; das Licht aber ist vollkommen, ob er es sieht oder nicht sieht. So ist es auch mit dem inneren Menschen; er nimmt zwar zu in 242 Gott, und Gott scheint in ihm zu wachsen; er selbst jedoch nimmt ab, um von seiner Ehre herabzusteigen und zur Ehre Gottes sich zu erheben.