„Der vom Himmel kommt, ist über alle, und was er gesehen und gehört hat, dies bezeugt er, und niemand nimmt sein Zeugnis an.“ „Der vom Himmel kommt, ist über alle“, das ist unser Herr Jesus Christus, von dem es weiter oben heißt: „Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen, außer wer vom Himmel herabgestiegen ist, der Sohn des Menschen, der im Himmel ist“. Er ist aber über alle, und „was er gesehen und gehört hat, dies redet er“. Es hat nämlich der Sohn Gottes auch einen Vater; er hat einen Vater und hört vom Vater. Und was ist das, was er vom Vater hört? Wer erklärt das? Wenn meine Zunge, wenn mein Herz hinreichen kann, das Herz zum Verstehen, die Zunge zum Aussprechen, was ist dies, was der Sohn vom Vater gehört hat? Hat vielleicht der Sohn das Wort des Vaters gehört? Vielmehr* ist* der Sohn das Wort des Vaters. Ihr seht, wie hier jeder menschliche Versuch erlahmt; ihr seht, wie hier alles Schließen unseres Herzens und alle Anstrengung unseres in Dunkel gehüllten Geistes versagt. Ich höre die Schrift sagen, daß der Sohn redet, was er vom Vater hört, und wieder höre ich die Schrift sagen, daß der Sohn selbst das Wort des Vaters ist: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“. Wir reden dahineilende und vergehende Worte; sobald dein Wort in deinem Munde ertönt, vergeht es; es macht ein Geräusch und geht in Schweigen über. Kannst du etwa deinem Schalle folgen und ihn festhalten, daß er stehen bleibt? Dein Gedanke jedoch bleibt, und von eben diesem bleibenden Gedanken sprichst du viele sich verlierende Worte. Was sagen wir, Brüder? Hat Gott, da er redete, eine Stimme gebraucht, hat er Töne gebraucht, hat er Silben gebraucht? Wenn er diese Dinge gebraucht hat, welche Sprache hat er gesprochen? Die hebräische oder die griechische oder die lateinische? Da sind Sprachen nötig, wo ein Unterschied von Völkern 244 vorhanden ist. Hier aber kann niemand sagen, Gott habe in dieser oder jener Sprache geredet. Schaue in dein Herz. Wenn du dir ein Wort vorstellst, um es auszusprechen (ich sage nämlich, wenn ich es kann, was wir in uns betrachten sollen, nicht wie wir es begreifen können), also wenn du dir ein Wort vorstellst, das du aussprechen möchtest, so willst du etwas sagen und die Vorstellung dieses Dinges in deinem Herzen ist schon ein Wort; es ist noch nicht hervorgegangen, aber es ist schon geboren im Herzen und harrt des Hervorgangs. Du gibst aber acht, an wen es sich richtet, mit wem du redest; ist er ein Lateiner, so suchst du ein lateinisches Wort; ist er ein Grieche, so denkst du an griechische Worte; ist er ein Punier, so wendest du dich der punischen Sprache zu, wenn du sie verstehst; nach der Verschiedenheit der Hörer wendest du verschiedene Sprachen an, um das vorgestellte Wort auszusprechen; jenes aber, das du dir im Herzen vorgestellt hattest, war an keine Sprache gebunden. Wenn also Gott, da er redete, keine Sprache suchte und keine Art des Ausdruckes zu Hilfe nahm, wie wurde er vom Sohne gehört, da doch Gott eben den Sohn sprach? Denn wie du ein Wort, das du sprichst, im Herzen hast und das Wort bei dir ist und jene geistige Vorstellung selbst ist (denn wie deine Seele Geist ist, so ist auch das Wort, das du dir vorgestellt hast, Geist; denn es hat noch nicht den Schall angenommen, so daß es in Silben zerlegt wird, sondern es bleibt in der Vorstellung des Herzens und im Spiegel des Verstandes): so hat Gott das Wort hervorgebracht, d. h. den Sohn erzeugt. Du zwar zeugst in der Zeit das Wort auch im Herzen, Gott hat zeitlos den Sohn gezeugt, durch den er alle Zeiten erschaffen hat. Da nun das Wort Gottes der Sohn ist, der Sohn aber zu uns gesprochen hat, so wollte er nicht sein Wort, sondern das Wort des Vaters, sich selbst zu uns sprechen, er, der da das Wort des Vaters redete. Das also hat Johannes, wie er sollte und mußte, gesagt; wie es wir konnten, haben wir es dargelegt. Wem noch nicht das rechte Verständnis über eine so bedeutende Sache zum Herzen gedrungen ist, der weiß, wohin er sich wenden, der weiß, wo er anklopfen, der weiß, von wem 245 er es begehren, der weiß, von wem er es erbitten, der weiß, von wem er es empfangen muß.