Gib jetzt acht auf das, was nach dem Gesagten aufgeschoben werden mußte, damit es nunmehr, womöglich, aufgehellt werde. Er fügte sofort betreffs eben dieser Auferstehung bei: „Denn wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so gab er auch dem Sohne, das Leben in sich selbst zu haben“. Was heißt das: „der Vater hat das Leben in sich selbst“? Nicht anderswo hat er das Leben, sondern in sich selbst. Denn sein Leben ist in ihm, es ist nicht von anderswo her, es ist kein fremdes; er nimmt sich nicht sozusagen das Leben zu leihen und 325 er wird nicht sozusagen des Lebens teilhaft, eines Lebens, das nicht er selbst ist, sondern „er hat das Leben in sich selbst“, so daß er selbst sich das Leben ist. Wenn ich noch ein wenig hierüber sagen kann durch Anführung von Beispielen, die euch zum besseren Verständnis dienen, so werde ich es mit der Hilfe Gottes und durch eure geneigte Aufmerksamkeit können. Es lebt Gott, es lebt auch die Seele; aber das Leben Gottes ist unveränderlich, das Leben der Seele ist veränderlich. Gott nimmt weder zu noch ab, sondern ist immer derselbe in sich, er ist, wie er ist, nicht anders jetzt, anders nachher, anders vorher. Das Leben der Seele aber ist in hohem Grade anders und wieder anders; sie lebte töricht, sie lebt (jetzt) weise; sie lebte ungerecht, sie lebt (jetzt) gerecht; jetzt erinnert sie sich, jetzt vergißt sie; jetzt lernt sie, jetzt kann sie nicht lernen; jetzt vergißt sie, was sie gelernt hatte, jetzt fällt ihr wieder ein, was sie vergessen hatte: veränderlich ist das Leben der Seele. Und wenn die Seele in Ungerechtigkeit lebt, ist es ihr Tod; wenn sie aber gerecht wird, wird sie teilhaft eines andern Lebens, das nicht sie selbst ist; indem sie sich nämlich zu Gott erhebt und Gott anhängt, wird sie von ihm gerechtfertigt. Denn es heißt: „Demjenigen, der da glaubt an den, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit angerechnet“. Durch Lostrennung von Gott wird sie ungerecht, durch Hinwendung zu ihm wird sie gerecht. Meinst du nicht, daß ein kalter Gegenstand durch Annäherung an das Feuer warm wird, durch Wegwendung vom Feuer erstarrt? Meinst du nicht, daß ein dunkler Gegenstand in der Nähe des Lichtes hell, in der Entfernung vom Lichte dunkel wird? Etwas von dieser Art ist die Seele, nicht etwas von dieser Art ist Gott. Es kann auch der Mensch sagen, er habe jetzt das Licht in seinen Augen. Es mögen also gleichsam mit eigener Stimme deine Augen sagen, wenn sie können: Wir haben das Licht in uns selbst. Dagegen läßt sich sagen: Nicht im eigentlichen Sinne sagt ihr, daß ihr das Licht in euch selbst habt; ihr habt das Licht, aber am Himmel; ihr habt das Licht, 326 wenn es etwa Nacht ist, aber im Monde, in den Lampen, nicht in euch selbst. Denn mit geschlossenen Augen verliert ihr, was ihr mit offenen Augen empfanget; nicht in euch selbst habt ihr das Licht. Wenn die Sonne untergeht, haltet das Licht, wenn ihr könnt; es ist Nacht und ihr gebraucht das nächtliche Licht; wenn die Lampe entfernt ist, haltet das Licht. Wenn ihr nach Entfernung der Lampe im Dunkeln bleibt, so habt ihr das Licht nicht in euch selbst. Das also heißt das Licht in sich selbst haben, das Licht nicht brauchen von anderswoher. Siehe, hier stellt er, wenn es einer versteht, den Sohn als dem Vater gleich dar, wo er sagt: „Wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohne gegeben, das Leben in sich selbst zu haben“, so daß der einzige Unterschied zwischen dem Vater und dem Sohne darin besteht, daß der Vater in sich selbst das Leben hat, das ihm niemand gegeben, der Sohn aber in sich selbst das Leben hat, das ihm der Vater gegeben hat.