Aber auch hier zeigt sich eine Dunkelheit, die erhellt werden muß. Ermüden wir nicht, seien wir aufmerksam; Nahrung des Geistes ist es, ekeln wir uns nicht daran, damit wir leben. Siehe, sagst du, du gibst selbst zu, daß der Vater dem Sohne das Leben gegeben hat, damit er es in sich selbst habe, wie der Vater das Leben in sich selbst hat, damit es dem einen nicht mangle, aber auch dem andern nicht mangle, so daß der eine das Leben sei und auch der andere das Leben sei, und beide miteinander* ein* Leben, nicht zwei, weil* ein* Gott, nicht zwei Götter, und daß gerade hierin das Leben bestehe. Wie also hat der Vater dem Sohne das Leben gegeben? Nicht so, als wäre der Sohn vorher ohne Leben gewesen und als hätte er, um zu leben, das Leben empfangen; denn wenn das wäre, hätte er das Leben nicht in sich selbst. Siehe, ich sprach von der Seele. Die Seele existiert; sie mag nicht weise sein, sie mag nicht gerecht sein, aber sie ist Seele; sie mag nicht fromm sein, aber sie ist Seele. Etwas anderes ist es für sie, Seele zu sein, etwas anderes aber, weise zu sein, gerecht zu sein, fromm zu sein. Es ist also etwas, 327 wodurch sie noch nicht weise, noch nicht gerecht, noch nicht fromm ist; sie ist jedoch nicht nichts, sie ist jedoch nicht ohne Leben; denn aus gewissen Werken erweist sie sich als Leben, obwohl sie sich nicht als weise, als fromm, als gerecht erweist. Denn lebte sie nicht, so würde die nicht den Leib bewegen, würde sie nicht den Füßen den Gang, den Händen die Arbeit, den Augen den Blick, den Ohren das Hören befehlen, würde sie nicht den Mund zum Reden öffnen, nicht die Zunge zur Artikulation der Worte veranlassen. Durch diese Werke also zeigt sie, daß sie lebt und daß sie etwas ist, was besser ist als der Leib; aber erweist sie sich etwa durch diese Werke als weise, als fromm, als gerecht? Gehen, arbeiten, sehen, hören, reden nicht auch die Toren, die Gottlosen, die Ungerechten? Wenn sie sich aber zu etwas erhebt, was sie nicht selbst ist, was über ihr ist und von dem sie selbst ist, so empfängt sie Weisheit, Gerechtigkeit, Frömmigkeit. Als sie ohne diese war, war sie tot und hatte nicht das Leben, wodurch sie selbst lebte, sondern wodurch sie den Leib belebte. Denn etwas anderes ist in der Seele das, wodurch der Leib belebt wird, etwas anderes, wodurch sie selbst belebt wird. Sie ist nämlich etwas Besseres als der Leib, aber etwas Besseres als sie ist Gott. Sie ist also, auch wenn sie töricht, ungerecht, gottlos ist, das Leben des Leibes. Ihr Leben aber ist Gott. Wie sie darum, solange sie im Leibe ist, diesem Kraft, Schmuck, Beweglichkeit, die Dienste der Glieder verleiht, so verleiht, solange ihr Leben, Gott, in ihr ist, dieser ihr Weisheit, Frömmigkeit, Gerechtigkeit, Liebe. Etwas anderes ist es also, was dem Leibe von der Seele, etwas anderes, was der Seele von Gott verliehen wird. Sie belebt und sie wird belebt; als tot belebt sie, wenn sie selbst nicht belebt wird. Wenn also das Wort kommt und den Hörenden eingegossen wird und diese nicht bloß Hörer, sondern auch Befolger (des Wortes) geworden sind, so erhebt sich die Seele von ihrem Tode zu ihrem Leben, d. h. von der Ungerechtigkeit, von der Torheit, von der Gottlosigkeit zu ihrem Gott, der ihr Weisheit, Gerechtigkeit, Klarheit ist. Sie stehe auf zu ihm, sie lasse sich von ihm erleuchten. „Tretet zu ihm“, heißt es, ― und was wird euch 328 zuteil? ― „und ihr werdet erleuchtet“. Wenn ihr also hinzutretend erleuchtet und hinweggehend verfinstert werdet, so war nicht in euch euer Licht, sondern in eurem Gott. Tretet hinzu, damit ihr euch erhebet; wenn ihr hinweggeht, werdet ihr sterben. Wenn ihr also hinzutretend lebet, hinweggehend sterbet, so war nicht in euch das Leben. Denn das ist euer Leben, was euer Licht ist. „Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte werden wir das Licht schauen“.