§ 71
1. Nachdem dies so gezeigt ist, wollen wir jetzt alle die Schriftstellen beibringen, die den spitzfindigen Vertretern der Irrlehren widersprechen, und damit die Norm der vernunftgemäß beachteten Enthaltsamkeit angeben.
2. Der Verständige wird die jeder einzelnen der Irrlehren in besonderer Weise widersprechende Schriftstelle herausfinden und zur rechten Zeit zur Widerlegung derer verwenden, die den Geboten widersprechende Lehrsätze aufstellen.
3. Schon von Anfang an hat das Gesetz, wie wir schon früher sagten das Gebot „Du sollst das Weib deines Nächsten nicht begehren!“ vor dem uns noch unmittelbarer berührenden Wort des Herrn im Neuen Testament ausgesprochen, das seinerseits den Herrn in eigener Person sagen läßt: „Ihr habt gehört, daß das Gesetz befiehlt: Du sollst nicht ehebrechen! Ich aber sage: Du sollst nicht begehren!“
4. Daß nämlich das Gesetz wollte, daß die Männern mit ihren Weibern sittsam verkehren sollten und nur zum Zweck der Kindererzeugung, das ist daraus klar, daß es dem Unverheirateten verbietet, der Kriegsgefangenen sofort beizuwohnen, und daraus, daß es, wenn ihn einmal Verlangen nach ihr erfaßt hat, ihr erlaubt, dreißig Tage zu trauern, nachdem sie sich auch die Haare hat scheren lassen; und wenn auch so seine Begierde nicht erlischt, dann erlaubt es, mit ihr Kinder zu zeugen, da die ihn beherrschende Leidenschaft durch die festgesetzte zeitliche Frist zu einem vernünftigen Verlangen geläutert worden ist.
§ 72
300 1. Deshalb wird man bei keinem der Alten aus der Schrift nachweisen können, daß er einer Schwangeren beiwohnte; vielmehr wird man finden, daß die Weiber erst später nach Beendigung der Schwangerschaft und nachdem sie das Neugeborene gestillt haben, wieder von ihren Männern erkannt wurden.
2. So wirst du z.B. finden, daß auch der Vater des Moses diesen Grundsatz befolgte, indem er nach der Geburt des Aaron drei Jahre aussetzte und dann erst den Moses erzeugte.
3. Auch der Stamm der Leviten beobachtete dieses von Gott gegebene Naturgesetz und kam deshalb in geringerer Zahl als die übrigen Stämme in das verheißene Land.
4. Denn nicht leicht wächst ein Geschlecht zu einer großen Masse heran, wenn nur die Männer zeugen, die die gesetzliche Ehe zu führen übernommen haben, und nicht nur die Zeit der Schwangerschaft, sondern auch die des Stillens abwarten.
§ 73
1. Deshalb hat auch Moses mit Recht, da er die Juden allmählich zur Enthaltsamkeit bringen wollte, ihnen befohlen, daß sie sich drei Tage hintereinander der Liebeslust enthalten sollten, bevor sie das Wort Gottes hörten.
2. “Wir sind also Tempel Gottes, wie der Prophet gesagt hat: Ich werde bei ihnen wohnen und unter ihnen wandeln, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein”, wenn wir nämlich nach seinen Geboten wandeln, sowohl jeder einzelne von uns als auch die ganze Gemeinde.
3. Deshalb geht aus ihrer Mitte weg und sondert euch von ihnen ab, sagt der Herr, und rührt nichts Unreines an; und ich will euch aufnehmen, und ich will euer Vater sein, und ihr sollt meine Söhne und Töchter sein, sagte der Herr, der Allmächtige."
4. Nicht von den Verheirateten, wie sie behaupten, sondern von den noch in Unzucht lebenden Heiden und außerdem von den erwähnten Sekten gebietet er uns prophetisch, uns als von Unreinem und Gottlosen abzusondern.
§ 74
1. Deshalb sagt auch Paulus, indem er sich gegen die wendet, die den Erwähnten ähnlich sind: „Ihr habt also diese Verheißungen, Geliebte; wir wollen unsere Herzen von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes rein halten und völlige Heiligkeit bei uns in der Furcht Gottes schaffen.“ „Denn ich eifere um euch mit göttlichem 301 Eifer; denn ich habe euch einem einzigen Manne verlobt, um eine reine Jungfrau Christus zuzuführen.“
2. Die Kirche schließt aber mit keinem anderen die Ehe, da sie ihren Bräutigam besitzt. Aber jeder einzelne von uns hat die Freiheit, jede, die er will, nach dem Gesetz zu heiraten, ich meine in der ersten Ehe.
3. „Ich fürchte aber, es möchten, wie die Schlange in ihrer Arglist die Eva verführt hat, so auch eure Gedanken von der auf Christus gerichteten einfältigen Gesinnung abgelenkt werden“, hat der Apostel als ein sehr gewissenhafter und treuer Lehrer gesagt.
§ 75
1. Deshalb sagt auch der bewundernswerte Petrus: „Geliebte, ich ermahne euch, enthaltet euch als Fremdlinge und Gäste der fleischlichen Lüste, die wider die Seele streiten, und führt einen guten Wandel unter den Heiden!
2. Denn das ist der Wille Gottes, daß ihr durch gute Taten die Wirksamkeit der unverständigen Menschen verstummen macht, als Freie und nicht als solche, die die Freiheit als Deckmantel der Bosheit machen, sondern als Knechte Gottes.“
3. Ähnlich schreibt aber auch Paulus im Römerbrief: „Die wir der Sünde gestorben sind, wie sollten wir noch in ihr leben? Denn unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der Leib der Sünde vernichtet werde“ bis zu den Worten „und stellt auch eure Glieder der Sünde nicht als Waffen der Ungerechtigkeit zur Verfügung!“
§ 76
1. Und hier glaube ich nicht unerwähnt lassen zu sollen, daß der Apostel den nämlichen Gott durch Gesetz und Propheten und Evangelium verkündet sein läßt. Denn das im Evangelium geschriebene Wort: “Du sollst nicht begehren!” schreibt er in dem Römerbrief dem Gesetz zu, da er weiß, daß ein und derselbe der ist, der durch Gesetz und Propheten verkündigte, und der Vater, von dem er selbst die frohe Botschaft predigte.
2. Er sagt nämlich: “Was sollen wir sagen? Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Aber ich konnte die Sünde nur durch das Gesetz kennenlernen; denn ich wüßte nichts von der Begierde, wenn das Gesetz nicht sagte:”Du sollst nicht begehren!"
3. Und wenn die Irrgläubigen, die sich dem Weltschöpfer 302 widersetzen wollen, annehmen, Paulus habe sich mit den folgenden Worten gegen den Schöpfer gewandt: “Ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, nichts Gutes wohnt”, so sollen sie doch das Vorhergehende und das Nachfolgende lesen.
4. Denn vorher hatte er gesagt: “Sondern die in mir wohnende Sünde”. Ihretwegen war es folgerichtig, zu sagen: “In meinem Fleische wohnt nichts Gutes.”
§ 77
1. Sodann fügte er hinzu: „Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so bin nicht mehr ich es, der es vollbringt, sondern die in mir wohnende Sünde, die dem Gesetz“ Gottes und „meines Sinns widerstreitet“, so sagt er, „und mich zum Gefangenen des Gesetzes der Sünde macht, das in meinen Gliedern ist. Ich unglückseliger Mensch! Wer wird mich von dem Leibe dieses Todes erlösen?“
2. Und wieder (denn er wird nicht im geringsten müde, zu nützen) steht er nicht an, hinzuzufügen: „Denn das Gesetz des Geistes hat mich von dem Gesetz der Sünde und des Todes befreit“. Denn durch den Sohn „hat Gott die Sünde im Fleisch verdammt, damit die Rechtssatzung des Gesetzes in uns erfüllt werde, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.“
3. Überdies ruft er, um das Vorhergesagte noch deutlicher zu machen aus: „Der Leib ist tot wegen der Sünde“, womit er zeigt, daß der Leib, wenn er nicht der Tempel dann noch das Grab der Seele sei. Denn wenn er Gott geheiligt ist, so „wohnt der Geist“, dies wird der Apostel noch hinzufügen, „dessen in euch, der Jesus von den Toten auferweckt hat, der auch euren sterblichen Leib durch seinen in euch wohnenden Geist lebendig machen wird“.
§ 78
1. Dann fügt er wieder, indem er die Wollüstigen tadelt, jene Worte hinzu: „Denn das Bestreben des Fleisches führt zum Tod, weil die nach dem Fleische Lebenden Fleischliches erstreben, und das Bestreben des Fleisches Feindschaft gegen Gott ist; denn es unterwirft sich dem Gesetze Gottes nicht. Die fleischlich gerichteten Menschen aber können“ entgegen dem, was einige lehren, „Gott 303 nicht gefallen“, sondern es ist so, wie wir vorher gesagt haben.
2. Dann sagt er zum Unterschied von diesen zu der Kirche: „Ihr aber lebt nicht im Fleische, sondern im Geiste, wenn anders Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der gehört ihm nicht an. Wohnt dagegen Christus in euch, so ist zwar der Leib tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen.
3. So sind wir nun, liebe Brüder, verpflichtet, nicht dem Fleisch, nach Fleisches Art zu leben. Denn wenn ihr nach Fleisches Art lebt, werdet ihr sterben. Wenn ihr dagegen durch den Geist die Bestrebungen des Leibes tötet, so werdet ihr leben. Denn alle, die sich durch den Geist Gottes treiben lassen, die sind Gottes Kinder.“
4. Und im Hinblick auf die Lehre von der vornehmen Abstammung und der Freiheit, die von den Irrgläubigen in verabscheuenswerter Weise aufgebracht wird, wobei sie sich ihrer Zuchtlosigkeit noch rühmen, fügt er die Worte hinzu: „Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, daß ihr euch wieder fürchten müßtet, sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“
5. Das heißt, wir haben ihn dazu empfangen, daß wir den erkennen, zu dem wir beten, den wahrhaftigen Vater, den alleinigen Vater alles Seienden, den, der wie ein Vater zur Seligkeit erzieht und die Furcht wegnimmt.