§ 5
1. Die Anhänger des Karpokrates und des Epiphanes aber fordern, daß die Weiber allen gemeinsam seien. Sie tragen die Schuld an der schlimmsten Lästerung, die sich über den Christennamen ergossen hat.
2. Dieser Epiphanes, von dem auch Schriften vorhanden sind, war ein Sohn des Karpokrates und einer Mutter namens Alexandreia; vom 260 Vater her war er ein Alexandriner, von der Mutter her ein Kephallenier; er lebte aber im ganzen nur siebzehn Jahre, und in Same auf Kephallenia wird er als Gott verehrt; dort sind ihm ein Tempel aus großen Steinblöcken, Altäre, heilige Bezirke und ein Museion erbaut und geweiht; und an jedem Neumond versammeln sich die Kephallenier in dem Tempel, feiern den Tag, an dem Ephiphanes unter die Götter aufgenommen wurde, als seinen Geburtstag mit Opfern, gießen ihm Trankopfer aus und schmausen, und Hymnen werden gesungen.
3. Er war bei seinem Vater in der allgemeinen Bildung und in der platonischen Philosophie unterrichtet worden und begründete die monadische (auf die einzelnen beschränkte) Gnosis, und auch die Sekte der Karpokratianer geht auf ihn zurück.
§ 6
1. Dieser also sagt in seiner Schrift “Über die Gerechtigkeit”: "Die Gerechtigkeit Gottes ist eine Art von Gemeinschaft auf Grund von Gleichheit. Gleich ist ja allenthalben der Himmel ausgebreitet und umfaßt im Kreise die ganze Erde, und die Nacht zeigt in gleicher Weise alle Sterne, und die Sonne, die den Tag heraufführt und die Mutter alles Lichtes ist, hat Gott von oben her über alle auf Erden, die sehen können, in gleicher Weise ausgegossen, und diese sehen sie alle gemeinsam.
2. Denn er macht keinen Unterschied zwischen reich und arm, Volk und Herrscher, Törichten und Verständigen, Weib und Mann, Freien und Sklaven. Aber auch die unvernünftigen Wesen behandelt er nicht anders, sondern ebenso; er läßt für alle Lebewesen das Sonnenlicht sich in gleicher Weise von oben ergießen; so setzt er für Gute und Schlechte seine Gerechtigkeit fest, damit keiner mehr haben oder seinem Nächsten etwas wegnehmen kann, so daß er etwa von dem Licht doppelt so viel als der andere haben könnte.
3. Die Sonne läßt für alle Lebewesen gemeinsam die Nahrung emporsprießen, da die gemeinsame Gerechtigkeit allen in gleicher Weise gegeben ist. Und in dieser Hinsicht ist kein Unterschied zwischen der ganzen Gattung der Rinder und den einzelnen Rindern und der der Schweine und den einzelnen Schweinen und der der Schafe und den einzelnen Schafen und ebensowenig bei allen übrigen.
4. Denn als Gerechtigkeit zeigt sich bei ihnen die Gleichheit. Sodann fallen alle Samen gattungsweise 261 ganz gleich ohne Unterschied in die Erde, und gemeinsame Nahrung wächst für alle Tiere, die am Boden weiden, empor, und zwar für alle in gleicher Weise; sie ist durch keinerlei Gesetz geregelt, sondern steht vielmehr durch die Gabe dessen, der sie schenkt und wachsen läßt, allen in völliger Übereinstimmung zur Verfügung.
§ 7
1. Aber auch für die Erzeugung gibt es kein geschriebenes Gesetz (denn es wäre sonst abgeändert worden) sondern sie erzeugen und gebären in gleicher Weise, da sie von der Gerechtigkeit her die Gemeinsamkeit angeboren erhalten haben. Der Schöpfer und Vater des Alls hat mit seiner eigenen Gerechtigkeit die Gesetze gegeben und allen gemeinsam in gleicher Weise das Auge zum Sehen verliehen und dabei keinen Unterschied zwischen Weib und Mann, zwischen vernünftig und unvernünftig, und überhaupt nicht bei irgend etwas gemacht, vielmehr ganz gleich und ohne jeden Unterschied ausgeteilt und die Fähigkeit zu sehen mit einem einzigen Befehl allen in gleicher Weise geschenkt.
2. Da aber die Gesetze„, sagt er, “die Unwissenheit der Menschen nicht strafen konnten, lehrten sie dieselbe erst, daß sie widergesetzlich handeln. Indem nämlich die Gesetze Einzelbesitz vorsahen, zerschnitten sie die durch das göttliche Gesetz geregelte Gleichheit und zerstören sie.„ Dabei verstand er das Wort des Apostels nicht, der sagte: “Durch das Gesetz erkannte ich die Sünde.„
3. Und er behauptet, die Begriffe Mein und Dein seien erst durch die Gesetze in die Welt gekommen, so daß man nicht mehr in Gemeinsamkeit die Erde und den Besitz sich zunutze macht und auch nicht die Ehe.
4. “Denn zum gemeinsamen Besitz hatte Gott für alle die Weinstöcke gemacht, die sich ja auch gegen Sperlinge und Diebe nicht wehren, und ebenso auch das Getreide und die anderen Früchte. Indem man aber die Gemeinsamkeit und die Gleichheit gesetzwidrig aufhob, schuf man den Dieb der Haustiere und der Früchte.
§ 8
1. Da also Gott für den Menschen alles zum Gemeingut gemacht und das Weib mit dem Mann ohne Unterschied zusammengeführt und in gleicher Weise alle Lebewesen vereinigt hatte, erwies er die Gerechtigkeit als eine Gemeinschaft auf Grund von Gleichheit.
2. Diejenigen aber, die auf solche Weise geboren worden waren, 262 verleugneten die Verbindung, die ihre Geburt herbeigeführt hatte, und sagen: Wer eine Frau heimgeführt hat, soll sie behalten, während doch alle sie mitbesitzen könnten, wie es die übrigen Lebewesen zeigen."
3. Nachdem er dies wörtlich gesagt hat, fährt er wieder in gleicher Weise wörtlich so fort: “Denn er hat bei den männlichen Wesen die Begierde stark und unwiderstehlich gemacht, auf daß die Gattung bestehen bleibe, und kein Gesetz und keine Sitte und nichts anderes in der Welt kann sie austilgen; denn sie ist Gottes Wille.”
4. Und wie kann dieser Mann noch zu unserer Lebensgemeinschaft gerechnet werden, da er ja durch solche Sätze sowohl das Gesetz als das Evangelium geradezu aufhebt? Denn das eine sagt: “Du sollst nicht ehebrechen!” Und das andere sagt: “Jeder, der mit Begehrlichkeit hinsieht, hat schon die Ehe gebrochen.”
5. Denn die Tatsache, daß das Wort “Du sollst dich nicht gelüsten lassen!” vom Gesetz gesagt worden ist, beweist, daß der eine und derselbe Gott durch das Gesetz und die Propheten und das Evangelium verkündigt wird; denn das Gesetz sagt: “Du sollst dich des Weibes deines Nächsten nicht gelüsten lassen!”
6. Der Nächste ist aber nicht der Jude für den Juden; denn er ist sein Bruder und hat denselben Geist; es bleibt also nichts übrig, als daß er den Fremdstämmigen als Nächsten bezeichnet. Denn wie sollte der nicht Nächster sein, der an dem Geist Anteil erhalten kann? Denn nicht nur der Hebräer, sondern auch der Heiden Vater ist Abraham.
§ 9
1. Wenn aber die Ehebrecherin und derjenige, der mit ihr Unzucht getrieben hat, mit dem Tode bestraft werden, so ist doch wohl klar, daß das Gebot, das da sagt: „Du sollst das Weib deines Nächsten nicht begehren!“ von den Heiden redet, damit jeder, der sich dem Gesetze gemäß sowohl des Weibes seines Nächsten als auch seiner Schwester enthalten hat, von dem Herrn geradezu höre: „Ich aber sage: Du sollst nicht begehren!“
2. Die Hinzufügung des Wörtchens „ich“ zeigt aber den unmittelbaren Nachdruck des Gebotes und beweist, daß Karpokrates gegen Gott kämpft und ebenso Epiphanes, der in eben dem berühmten Buche, ich meine dem „Über die 263 Gerechtigkeit“, ungefähr wörtlich so fortfährt:
3. „Infolgedessen muß man den Satz ‘Du sollst nicht begehren!’ so auffassen, als habe der Gesetzgeber ein lächerliches Wort gesprochen und dazu noch lächerlicher hinzugefügt: ‘deines Nächsten Gut!’ Denn er selbst, der die Begierde gab als die Kraft, die die Gattung erhält, befiehlt, diese zu beseitigen, während er sie doch bei keinem Lebewesen beseitigt. Mit dem Zusatz ‘das Weib deines Nächsten’, womit er den gemeinsamen Besitz mit Gewalt in Einzelbesitz verwandelt, hat er aber etwas noch Lächerlicheres gesagt.“
§ 10
1. Das also sind die Lehrsätze, die die trefflichen Karpokratianer aufstellen. Von ihnen und einige anderen Anhängern der gleichen Irrlehren erzählt man, daß sie sich zu den Mahlzeiten versammeln (denn Liebesmahl [(xxx) agapä] möchte ich ihre Zusammenkunft nicht nennen), Männer sowohl wie Frauen. Wenn sie sich aber gesättigt haben („beim Sattsein stellt sich die Kypris, die Liebesgöttin, ein“ wie es heißt), da stürzen sie den Leuchter um und beseitigen so das Licht, das die Schande ihrer zuchtlosen Gerechtigkeit aufdecken würde, und vermischen sich, wie sie wollen und mit wem sie wollen; nachdem sie sich aber bei einem solchen Liebesmahl in der Gemeinschaft geübt haben, fordern sie auch schon bei Tage von den Weibern, von denen sie es wollen, den Gehorsam gegen das Karpokrateische - denn es wäre nicht recht, zu sagen, gegen das göttliche - Gesetz. Ein solches Gesetz hätte aber, meine ich, Karpokrates für die Geilheit der Hunde und Schweine und Böcke geben sollen.
2. Er hat aber wie mir scheint, auch den Platon mißverstanden, der im „Staat“ verlangt, daß die Frauen Gemeingut sein sollen, und damit meint, daß zwar die Unverheirateten für die, die um sie werben wollen, gemeinsam seien, so wie auch das Theater für alle, die zuschauen wollen, gemeinsam ist, daß dagegen jede einzelne nur dem gehöre, der sie zuerst für sich gewonnen hat, und daß die Verheiratete kein Gemeingut mehr sei.
§ 11
1. Und Xanthos sagt in seiner Schrift mit dem Titel „Magika“: „Die Magier halten es für erlaubt, daß man 264 sich mit Müttern und Töchtern und Schwestern vermählt und daß die Weiber gemeinsam seien, und zwar nicht gewaltsam und heimlich, sondern indem beide Teile dem zustimmen, wenn der eine die Frau des andern heiraten will.“
2. Von diesen und ihnen ähnlichen Irrlehren hat, wie ich meine, Judas in seinem Brief prophetisch gesagt: „In gleicher Weise jedoch sind auch diese Träumer“ (denn nicht in wachem Zustande suchen sie die Wahrheit zu erfassen) bis zu den Worten „und ihr Mund führt hochfahrende Reden. “