§ 45
284 1. Gegen diejenigen aber, die unter einem frommen Vorwand durch ihre Enthaltsamkeit sich sowohl gegen die Schöpfung als auch gegen den heiligen Weltschöpfer, den allmächtigen, alleinigen Gott, versündigen und lehren, man dürfe Ehe und Kinderzeugen nicht zulassen und nicht zum Ersatz für sich selbst andere zum Unglücklichwerden in die Welt hereinbringen und dem Tode keine neue Nahrung zuführen, ist folgendes zu sagen. Zuerst das Wort des Apostels Johannes:
2. „Und jetzt sind viele Widerchristen aufgetreten; daraus haben wir erkannt, daß die letzte Stunde da ist. Aus unserer Mitte sind sie hervorgegangen, aber sie hatten nicht zu uns gehört; denn wenn sie zu uns gehört hätten, so wären sie bei uns geblieben.“
3. Sodann muß man sie aber auch dadurch in Verwirrung bringen, daß man das von ihnen Vorgebrachte auf folgende Weise widerlegt. Als Salomon den Herrn fragte: „Wie lange wird der Tod Gewalt haben?“, antwortete er: „Solange ihr Weiber gebärt.“ Dies sagte er nicht, um anzudeuten, daß das Leben etwas Schlechtes und die Schöpfung böse sei, sondern um auf die in der Natur herrschende Gesetzmäßigkeit hinzuweisen; denn auf das Entstehen folgt ausnahmslos auch das Vergehen.
§ 46
1. Nun hat es sich das Gesetz zur Aufgabe gemacht, uns aus der Schwelgerei und aller Unordnung herauszuführen; und dies ist sein Ziel, und aus der Ungerechtigkeit zur Gerechtigkeit zu bringen, dadurch, daß wir uns entschließen, die Ehe und das Kinderzeugen und den ganzen Wandel sittsam zu führen.
2. Der Herr kommt nicht, „um das Gesetz aufzulösen, sondern, um es zu erfüllen“; zu erfüllen aber nicht in dem Sinn, als ob ihm noch etwas gemangelt hätte, sondern dadurch, daß die im Gesetz gegebenen Weissagungen durch seine Erscheinung erfüllt wurden; denn die Forderungen richtigen Wandels wurden auch denen, die vor dem Gesetz gerecht lebten, durch den Logos verkündigt.
3. Die große Masse nun, die von der Enthaltsamkeit nichts weiß, wandelt im Leibe, 285 nicht im Geiste. „Erde und Asche“ ist aber der Körper ohne Geist. Nun verurteilt der Herr den Ehebruch, der nur in Gedanken geschieht.
4. Wie denn? Ist es denn nicht möglich, auch in der Ehe enthaltsam zu bleiben und nicht zu versuchen, das zu trennen, „was Gott zusammengefügt hat“? Denn dergleichen lehren diejenigen, die die eheliche Verbindung spalten wollen, um derentwillen auch der (Christen-) Name gelästert wird.
5. Wenn diese Leute eher sagen, der Geschlechtsverkehr sei etwas Unreines, während sie doch auch selbst ihr Dasein durch Geschlechtsverkehr erhalten haben, wie sollten sie da nicht unrein sein? Von denen, die geheiligt sind, ist, meine ich, auch der Same heilig.
§ 47
1. Also soll bei uns geheiligt sein nicht nur der Geist, sondern auch die Gesinnung und die Lebensführung und der Leib. Denn in welchem Sinn sagt der Apostel Paulus, daß das Weib durch den Mann oder der Mann durch das Weib geheiligt sei?
2. Und was bedeutet das, was der Herr zu denen sagte, die ihn über den Scheidebrief fragten, nämlich ob es erlaubt sei, sein Weib zu entlassen, da Moses es erlaubt habe? „Das hat Moses“ sagt er, „mit Rücksicht auf eure Verstocktheit geschrieben. Ihr aber, habt ihr nicht gelesen, daß Gott zu dem Erstgeschaffenen sagte: Ihr sollt beide ein Fleisch sein? Wer daher sein Weib entläßt, es sei denn wegen Unzucht, der veranlaßt sie zum Ehebruch.“
3. Aber „nach der Auferstehung“ sagt er, „heiraten sie nicht und lassen sie sich nicht heiraten.“ Denn auch vom Bauch und den Speisen ist gesagt: „Die Speisen dem Bauche und der Bauch den Speisen; Gott aber wird diesen und jenen zunichte machen.“ Mit diesen Worten straft er diejenigen, die wie Eber und Böcke leben zu dürfen glauben, damit sie nicht, ohne sich zu scheuen, essen und Geschlechtsverkehr pflegen.
§ 48
1. Wenn sie also, wie sie behaupten, die Auferstehung bereits erlangt haben und deswegen die Ehe verwerfen, so sollen sie auch nicht essen und trinken. Denn der Apostel sagte, daß bei der Auferstehung der Bauch und die Speisen zunichte würden.
2. Warum also hungern und 286 dürsten sie und erleiden die Schwächen des Fleisches und all das andere, was derjenige nicht mehr erleiden wird, der durch Christus die erwartete Auferstehung in ihrer Vollkommenheit erlangt hat? Aber auch die Verehrer der Götzenbilder enthalten sich der Speisen und zugleich des Liebesgenusses.
3.„Das Reich Gottes“, heißt es, „besteht nicht in Essen und Trinken.“ So lassen es sich auch die Magier angelegen sein, sich des Weines und zugleich des Lebenden (d.h. des Fleisches) und des Liebesgenusses zu enthalten, während sie Engeln und Dämonen dienen. Wie aber die Demut in sanfter Gesinnung besteht und nicht darin, daß man den Körper schlecht behandelt, so ist auch die Enthaltsamkeit eine Tugend der Seele, da sie sich nicht in der Öffentlichkeit zeigt, sondern im Verborgenen bleibt.
§ 49
1. Einige nennen die Ehe auch geradezu Unzucht und lehren, sie sei vom Teufel eingesetzt; und in ihrer Hoffart behaupten sie, daß sie selbst den Herrn nachahmen, der weder geheiratet noch sich in der Welt irgendwelchen Besitz erworben habe; dabei rühmen sie sich, besser als die anderen das Evangelium verstanden zu haben.
2. Zu ihnen sagt die Schrift: “Hoffärtigen widersteht Gott, Demütigen aber gibt er Gnade.”
3. Sodann kennen sie den Grund nicht, warum der Herr nicht heiratete. Erstlich hatte er seine eigene Braut, die Kirche; sodann war er auch kein gewöhnlicher Mensch, daß er dem Fleische nach eine “Gehilfin” nötig gehabt hätte. Auch hatte er es nicht nötig, Kinder zu erzeugen, da er ewig bleibt und allein als Gottes Sohn geboren ist.
4. Und dieser Herr selbst sagt: “Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden”, und an einer anderen Stelle: “Wie es in den Tagen Noahs war, man heiratete und verheiratete, man baute und pflanzte, und wie es in den Tagen Lots war, so wird es auch zur Zeit der Wiederkunft des Menschensohnes sein.”
5. Und damit klar sei, daß er dies nicht in bezug auf die Heiden sagt, fügt er hinzu: "Wenn der Menschensohn kommen wird, wird er den Glauben auf der Erde finden?“
6. Und wieder: “Wehe den Schwangeren und den 287 Säugenden in jenen Tagen!” Freilich ist auch dieses allegorisch gesagt. Deshalb hat er auch die Zeiten nicht bestimmt, “die der Vater aus eigener Macht festgesetzt hat”, auf daß die Welt von Geschlecht zu Geschlecht erhalten bleibe.
§ 50
1. Was aber den Ausspruch betrifft . „Nicht alle fassen dieses Wort; denn es gibt zur Ehe Untüchtige, die so geboren wurden, und es gibt zur Ehe Untüchtige, die von den Menschen untüchtig gemacht wurden, und es gibt Untüchtige, die sich um des Himmelreiches willen selbst dazu gemacht haben; wer es zu fassen vermag, der fasse es!“,
2. so wissen sie nicht, daß nach seinem Wort über den Scheidebrief einige ihn fragten: „Wenn es sich mit dem Weibe so verhält, so ist es für den Menschen nicht gut, zu heiraten“, und daß darauf der Herr sagte: „Nicht alle fassen dieses Wort, sondern nur die, denen es gegeben ist.“
3. Denn die Fragenden wollten gerade dies wissen, ob er gestatte, daß man, wenn ein Weib wegen Unzucht verurteilt und verstoßen worden ist, eine andere heirate.
4. Man sagt aber, daß auch nicht wenige Wettkämpfer, wie z.B. Astylos von Kroton und Krison von Himera, mit Rücksicht auf die Stählung ihres Körpers enthaltsam waren und auf den Liebesgenuß verzichteten. Auch der Kitharaspieler Amoibeus blieb als Jungverheirateter seiner jungen Frau fern. Und Aristoteles von Kyrene verschmähte allein die Lais, die in ihn verliebt war.
§ 51
1. Da er der Hetäre eidlich versprochen hatte, sie in seine Vaterstadt mitzunehmen, wenn sie ihm eine bestimmte Hilfe gegen seine Gegner geleistet hätte, hielt er seinen Eid, als sie ihm den Dienst geleistet hatte, in scherzhafter Weise, indem er von ihr ein möglichst ähnliches Bild malen und in Kyrene aufstellen ließ, wie Istros in der Schrift „Über die Eigentümlichkeit der Wettkämpfe“ erzählt. Somit ist auch die Untauglichkeit zur Ehe nichts Tugendhaftes, wenn sie nicht aus Liebe zu Gott erworben wird.
2. Dem entsprechend sagt der selige Paulus über diejenigen, die die Ehe verabscheuen: „In späteren Zeiten 288 werden manche vom Glauben abfallen, weil sie sich Irrgeistern und Lehren zuwenden, die von Dämonen stammen; diese verbieten das Heiraten und verlangen, daß man sich bestimmter Speisen enthält.“
3. Und wiederum sagt er: „Niemand soll euch den Siegespreis aberkennen, indem er sich mit der Forderung der Demut selbst eine Religion zurecht macht und seinen Körper nicht schont.“ Derselbe schreibt auch folgendes: „Du bist an eine Frau gebunden? Suche keine Lösung! Du bist frei von einer Frau? Suche keine Frau!“ Und wieder: „Jeder habe sein Weib, damit euch der Satan nicht versuche!“
§ 52
1. Wie nun? Machten nicht auch in alter Zeit die Gerechten mit Danksagung Gebrauch von dem Geschaffenen? Einige erzeugten auch Kinder, indem sie mit Enthaltsamkeit in der Ehe lebten. Und dem Elias brachten die Raben als Speise Brot und Fleisch; und auch der Prophet Samuel brachte dem Saul die Keule zu essen, die er von dem, was er selbst gegessen hatte, übriggelassen hatte.
2. Wenn aber jene behaupten, sogar diese Männer durch ihren Wandel und ihr Leben zu übertreffen, so werden sie mit deren Taten nicht einmal verglichen werden können.
3. „Wer nicht ißt, soll also den nicht verachten, der ißt; und wer ißt, soll den nicht verurteilen, der nicht ißt; denn Gott hat ihn angenommen.“
4. Aber auch der Herr sagt von sich selbst:„ Es kam Johannes und aß nicht und trank nicht; und man sagt: Er hat einen bösen Geist. Es kam der Menschensohn und ißt und trinkt; und man sagt: Siehe da, ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und ein Sünder.“ Oder verachten sie auch die Apostel? Petrus und Philippos erzeugten nämlich Kinder, und Philippos verheiratete auch seine Töchter.
§ 53
1. Auch Paulus trägt kein Bedenken, in einem seiner Briefe seine Gattin anzureden, die er nur nicht mit sich 289 herumführte, um in der Ausübung seines Amtes nicht gehindert zu sein.
2. Er sagt daher in einem Brief: „Haben wir nicht auch die Freiheit, eine Schwester als Gattin mit uns zu führen wie die übrigen Apostel?“
3. Aber diese richteten, ihrem Dienst entsprechend, ihre Gedanken nur auf die Predigt, ohne sich ablenken zu lassen, und führten ihre Frauen nicht als Ehegattinen, sondern als Schwestern mit sich, damit sie ihre Gehilfinnen bei den Hausfrauen seien; und durch sie konnte die Lehre des Herrn auch in das Frauengemach kommen, ohne daß übler Nachruf entstand.
4. Wir kennen ja auch die Anordnungen, die der edle Paulus in dem einen der beiden Briefe an Timotheus für die dienenden Frauen gibt. Aber der nämliche ruft freilich auch laut: „Das Gottesreich besteht nicht in Essen und Trinken“, aber auch nicht in der Enthaltung von Wein und Fleisch, „sondern in Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist.“
5. Wer von ihnen geht in einem Schafpelz und mit einem ledernen Gürtel umher wie Elias? Wer hüllt sich in einen Sack, ohne irgendein anderes Kleidungsstück zu benützen, und geht barfuß wie Jesaias? Oder hat nur einen leinenen Schurz wie Jeremias? Und wer wird die gnostische Lebensweise des Johannes nachahmen? Aber obwohl sie ihr Leben in dieser Weise führten, waren die seligen Propheten doch dem Schöpfer dankbar.
§ 54
1. Die „Gerechtigkeit“ des Karpokrates aber und derer, die ebenso wie er auf die zuchtlose Gemeinschaft ausgehen, kann ungefähr so widerlegt werden. Unmittelbar nämlich nach dem Wort: „Gib dem, der dich bittet!“ fügt der Herr hinzu: „Und wende dich nicht von dem ab, der von dir borgen will!“ Er wollte also diese Art von Gemeinschaft lehren, nicht die wollüstige.
2. Wie kann es nun einen Bittenden und einen Nehmenden und einen Borgenden geben, wenn niemand da ist, der hat und gibt und leiht?
3. Wie steht es nun, wenn der Herr sagt: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich trinken lassen; ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich gastlich 290 aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet“ und dann fortfährt: „Alles, was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“?
4. Und verordnet er das nämliche nicht auch im Alten Testamente? „Wer einem Armen gibt, leiht Gott“, und: „Unterlaß nicht, dem Bedürftigen wohlzutun!“ heißt es.
§ 55
1. Und wieder sagte er: „Barmherzigkeit und Treue sollen dich nicht verlassen!“ Und: „Armut erniedrigt einen Mann; aber die Hände der Tatkräftigen machen reich.“ Und er fügt hinzu: „Siehe, der Mann, der sein Geld nicht auf Zinsen gab, wird angenommen.“ Und erklärt er nicht ausdrücklich: „Als Lösegeld des Lebens eines Mannes wird sein eigener Reichtum angesehen“? Wie also die Welt aus Entgegengesetztem besteht, z.B. aus Warmem und Kaltem, aus Trockenem und Feuchtem, so auch aus den Gebenden und den Nehmenden.
2. Und wieder weist er mit den Worten: „Wenn du vollkommen werden willst, so verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen!“ den zurück, der sich dessen rühmt, daß er „alle Gebote von Jugend an gehalten habe“. Denn er hatte das Gebot nicht erfüllt: „Du sollst deinen Nächsten wie dich selbst lieben!“ Jetzt erst wurde er von dem Herrn, der ihn vollkommen machen wollte. gelehrt. aus Liebe mitzuteilen.
§ 56
1. Er hinderte also nicht, daß man in rechter Weise reich ist, sondern nur, daß man mit Unrecht und mit Unersättlichkeit reich ist. Denn „Besitz, der rasch und mit Unrecht gewonnen wird, nimmt ab“. Denn „es gibt solche, die (reichlich) säen und noch mehr ernten, und solche, die sammeln und doch ärmer werden“. Von ihnen steht geschrieben: „Reichtum teilte er aus, er gab den Armen, seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.“
2. Denn jener, „der ausstreut und noch mehr sammelt“, das ist der, der durch die Hingabe von irdischem und vergänglichem Gut sich das Himmlische und Ewige erwirbt;; von ihm verschieden ist derjenige, der niemandem mitteilt, der törichterweise „sich Schätze auf Erden sammelt, wo Motten und Rost sie 291 zerstören“ (von ihm steht geschrieben: „Wer Lohn sammelt, der sammelt in einen durchlöcherten Beutel“)
3. Von dessen Land sagt der Herr im Evangelium, daß es gut getragen habe; da habe er in der Absicht, die Früchte aufzubewahren, größere Scheunen bauen wollen und habe entsprechend der dramatischen Darstellung zu sich selbst gesagt: „Du hast einen reichen Vorrat für viele Jahre aufgespeichert; iß, trink, laß es dir wohl sein! O du Tor, sagte der Herr; denn noch in dieser Nacht fordert man dir dein Leben ab. Wem soll dann das zufallen, was du zugerichtet hast?“