§ 102
1. Wenn aber die Geburt etwas Böses ist, so sollen die Lästerer sagen, daß der Herr, der an der Geburt teilgenommen hat, im Bösen befangen war, und im Bösen befangen auch die Jungfrau, die ihn gebar.
2. Wehe über die bösen Leute! Sie lästern über den Willen Gottes und über das Geheimnis der Schöpfung, indem sie von der Geburt Böses sagen.
3. Daher hat Cassianus seine Lehre von der Dokese, daher hat auch Marcion, ja auch Valentinus die Lehre von dem psychischen Leib. Sie sagen nämlich, der Mensch sei dadurch „den Tieren gleich“ geworden, daß er zur geschlechtlichen Vereinigung kam. Wenn aber jemand in seiner Brunst wirklich ein fremdes Ehebett besteigen will, dann wird ein solcher Mensch wirklich zum Tier. „Geile Hengste wurden sie; ein jeder wieherte nach dem Weibe des Nächsten.“
4. Und wenn die Schlange 320 die Ausübung der Begattung von den unvernünftigen Tieren genommen und den Adam überredet hat, in die geschlechtliche Vereinigung mit Eva einzuwilligen, während die Erstgeschaffenen diese nicht von Natur geübt hätten, wie einige behaupten, so wird die Schöpfung wieder gelästert, da sie dann die Menschen schwächer als die Natur der unvernünftigen Tiere geschaffen hätte und die Erstgeschaffenen Gottes erst dem Beispiel dieser nachgefolgt wären.
§ 103
1. Wenn aber die Natur sie wie die unvernünftigen Tiere zur Fortpflanzung leitete, sie aber, durch Trug dazu verführt, schneller, als sich ziemte, da sie noch jung waren, sich dazu verleiten ließen, so war zwar das Gericht Gottes gegen sie gerecht, die seinen Willen nicht abgewartet hatten, aber die Geburt ist heilig, wegen welcher die Welt entstanden ist und ebenso die lebenden Wesen da sind, die Naturen, die Engel, die Mächte, die Seelen, die Gebote, das Gesetz, das Evangelium, die Erkenntnis Gottes.
2. Und “alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie die Blüte des Grases; und das Gras verwelkt, die Blüte fällt ab; aber das Wort des Herrn bleibt”, das die Seele gesalbt und mit dem Geiste vereinigt hat.
3. Wie könnte ohne den Körper der göttliche Heilsplan mit unserer Kirche zur Verwirklichung kommen? Ist doch auch der Herr selbst, das Haupt der Kirche, im Fleisch, jedoch ohne Gestalt und Schönheit, gekommen, um uns zu lehren, auf das Gestaltlose und Unkörperliche der göttlichen Ursache zu blicken.
4. Denn ein Baum des Lebens wächst in einer guten Begierde", sagt der Prophet und will damit lehren, daß die Begierden, die in dem lebendigen Herrn sind, gut und rein sind.
§ 104
1. Ferner wollen sie, daß die eheliche Verbindung des Mannes mit dem Weibe, die Erkennen genannt wird, Sünde sei; auf diese Sünde weise nämlich das Essen „von dem Baum des Guten und Bösen“ hin, indem sie durch den Ausdruck „er erkannte“ die Übertretung des Gebotes lehre.
2. Ist aber dies der Fall, so ist auch die Erkenntnis der Wahrheit ein Essen „von dem Baum des Lebens“. Es ist also möglich, daß die sittsame Ehe auch an diesem Baum 321 Anteil erhält.
3. Wir haben aber schon früher gesagt daß es möglich ist, sich in der Ehe gut oder schlecht zu verhalten, und das ist „der Baum der Erkenntnis“, wenn wir bei der Ehe nicht widergesetzlich handeln.
4. Wie nun? Heilte der Heiland nicht wie die Seele, so auch den Körper von seinen Leiden? Er hätte doch, wenn das Fleisch der Seele Feind wäre, das feindliche Fleisch der Seele nicht gewissermaßen als Bollwerk entgegengestellt, indem er es durch Wiederherstellung der Gesundheit dazu instand setzte.
5. „Das aber sage ich, liebe Brüder: Fleisch und Blut können das Gottesreich nicht erwerben, und das Vergängliche erbt nicht die Unvergänglichkeit.“ Denn da die Sünde etwas Verderbliches ist, so kann sie keine Gemeinschaft mit der Unvergänglichkeit haben, die Gerechtigkeit ist. „Seid ihr so unverständig?“ sagt der Apostel. „Nachdem ihr im Geiste angefangen habt, wollt ihr jetzt im Fleische enden?“