§ 91
1. Derartige Gründe führt auch Julius Cassianus, der Begründer der Lehre des Doketismus, an. In seiner Schrift „Über die Enthaltsamkeit oder über das Verschnittensein“ sagt er wörtlich: „Und niemand sage, der geschlechtliche Verkehr sei von Gott gestattet, weil wir solche Körperteile haben, daß das Weib so und der Mann anders gestaltet ist, das Weib zum Empfangen, der Mann zum Befruchten.
2. Denn wenn die derartige Einrichtung von Gott wäre, dem wir zustreben, so hätte er die Eheuntüchtigen nicht selig gepriesen, und der Prophet hätte nicht gesagt, sie seien ‘kein unfruchtbarer Baum’, indem er das Bild von dem Baum auf den Menschen anwandte, der sich mit Absicht solcher Gedanken entledigt.“
§ 92
1. Und er fügt, indem er noch weiter für seine gottlose Meinung kämpft, noch hinzu: „Wie sollte man dann dem Heiland nicht mit Recht Vorwürfe machen, wenn er uns umbildete und von dem Irrtum befreite und von der Gemeinschaft der Geschlechtsteile und der männlichen Glieder und der Schamteile?“ Hierin lehrt er Ähnliches wie Tatianus. Er selbst aber ging aus der Schule des Valentinus hervor.
2. Deshalb sagt Cassianus: „Als Salome fragte, wann man das werde erkennen können, wonach sie gefragt hatte, antwortete der Herr: Wenn ihr das Gewand der Scham mit Füßen tretet, und wenn die zwei eins werden und das Männliche mit dem Weiblichen verbunden weder männlich noch weiblich sein wird.“
§ 93
1. Erstens nun haben wir den Ausspruch nicht in den uns überlieferten vier Evangelien, sondern in dem Ägypterevangelium. Ferner scheint mir Cassianus nicht zu wissen, daß der Ausspruch mit dem männlichen Trieb den Zorn, mit dem weiblichen aber die Begierde gemeint hat; 314 wenn aber diese wirksam geworden sind, dann folgt Reue und Scham.
2. Wenn nun jemand weder dem Zorn noch der Begierde nachgibt, die beide durch schlechte Gewöhnung und schlimme Erziehung an Macht wachsen und die Vernunft beschatten und verhüllen, sondern den von ihnen aufsteigenden Nebel in Reue und Scham von sich verscheuchen und im Gehorsam gegen das Wort Geist und Seele vereint, dann gibt es , wie auch Paulus sagt, „unter euch weder Mann noch Weib.“
3. Denn die Seele löst sich von der Gestalt los, durch die Männliches und Weibliches unterschieden wird, und sie wird, da sie keines von beiden mehr ist, in eine Einheit umgewandelt. Dieser treffliche Mann schließt sich also zu eng an Platon an, wenn er meint, daß die Seele zwar göttlichen Ursprungs sei, aber, durch die Begierde weibisch geworden, von oben herab hierher auf die Erde zu Geburt und Vergehen gekommen sei.