§ 105
1. Manche überspannten, wie wir zeigten, den Begriff Gerechtigkeit und das geordnete Maß des Heilsamen, das würdig und bestimmt ist, indem sie die Enthaltsamkeit mit aller Gottlosigkeit verleumderisch auffaßten, während sie doch die Untauglichkeit zur Ehe nach dem gesunden Maßstab mit Frömmigkeit hätten wählen können, mit Dank für die gewährte Gnade, ohne Haß gegen die Schöpfung und ohne Verachtung gegen die Verheirateten. Denn geschaffen ist die Welt und geschaffen die Untauglichkeit zur Ehe; beide aber sollen danken in dem Stand, für den sie bestimmt wurden, wenn sie erkennen, wozu sie bestimmt wurden.
2. Die anderen aber rissen sich vom Zügel los und wurden übermütig; sie wurden in der Tat „geile Hengste und wieherten nach den Weibern der Nächsten“. So gaben sie sich selbst unbändig der Lust hin und suchten ihre Nächsten dazu zu überreden, wollüstig zu leben; dabei richteten sie sich unseligerweise nach jenem Schriftwort: „Wirf dein Los mit dem unserem zusammen; wir wollen alle einen gemeinsamen Beutel besitzen, und nur eine Börse soll bei uns sein.“
§ 106
1. Ihretwegen gibt uns der nämliche Prophet einen 322 guten Rat, wenn er sagt: „Geh nicht auf dem gleichen Weg mit ihnen, ziehe deinen Fuß von ihren Pfaden zurück; denn nicht mit Unrecht werden den Vögeln Netze gespannt; denn sie selbst tragen Blutschuld und sammeln sich selbst Übel.“ Das heißt: Sie machen sich selbst mit Unreinigkeit zu tun und lehren die Nächsten das gleiche. Sie sind nach dem Worte des Propheten „kampflustig, bereit, zuzuschlagen mit ihren Schwänzen“, die die Griechen (xxx) kerkoi nennen.
2. Diejenigen, auf die die Weissagung hindeutet, dürften wohl wollüstig, unenthaltsam sein; jene „Kampflustigen mit ihren Schwänzen“, sie sind Kinder der Finsternis und des Zornes, blutbefleckte Selbstmörder und Mörder ihrer Nächsten.
3.„Fegt den alten Sauerteig hinweg, auf daß ihr ein neuer Teig seid!“ ruft uns der Apostel zu. Und wieder, erzürnt über solche Leute, befiehlt er, „nicht mit jemand zu verkehren, der sich zwar Bruder nennen läßt, aber ein unzüchtiger oder habsüchtiger Mensch ist oder ein Götzendiener oder ein Verleumder oder ein Trunkenbold oder ein Räuber; mit einem solchen sollen wir nicht einmal zusammen essen.“
4. „Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben“ sagt er, „damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt; so bin nicht mehr ich es, der lebt“, wie ich nach den Begierden lebte, „sondern Christus lebt in mir“, heilig und selig durch den Gehorsam gegen die Gebote. Denn damals lebte ich im Fleische fleischlich, „was ich aber jetzt noch im Fleische lebe, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes.“
§ 107
1. „Geht auf keine Straße der Heiden und geht in keine Stadt der Samariter!“ sagt der Herr, um uns von dem verkehrten Lebenswandel abzuhalten; denn „das Ende gottloser Menschen ist böse, und dies sind die Wege aller derer, die Unrecht tun. “
2. „Wehe jenem Menschen“, sagt der Herr; „es wäre besser für ihn, wenn er nicht geboren wäre, als daß er einem meiner Auserwählten Ärgernis bereitet. Es wäre besser für ihn, daß ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer versenkt würde, statt daß er einen meiner Auserwählten verführt“. „Denn 323 der Name Gottes wird durch ihre Schuld gelästert.“
3. Deshalb sagt der Apostel vortrefflich: „Ich schrieb euch in meinem Briefe, daß ihr mit Unzüchtigen nicht verkehren sollt“ bis zu den Worten „aber der Leib ist nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn, und der Herr ist da für den Leib.“
4. Und um zu zeigen, daß er die Ehe nicht Unzucht nennen will, fügt er hinzu: „Oder wißt ihr nicht, daß, wer sich an eine Buhldirne hängt, ein Leib mit ihr ist?“ Oder wird jemand die Jungfrau, ehe noch jemand sie geheiratet hat, eine Buhldirne nennen?
5. „Entziehet euch einander nicht“, sagt der Apostel, „es sei denn nach Übereinkunft auf bestimmte Zeit.“ Dabei weist er mit dem Wort „entzieht euch nicht“ auf die Pflicht der Ehe, das Kinderzeugen, hin, was er auch schon in dem vorhergehenden mit den Worten klargelegt hatte: „Der Mann erfülle der Frau gegenüber seine eheliche Pflicht, und ebenso auch die Frau dem Manne gegenüber.“
§ 108
1. Nach dieser Pflichterfüllung ist sie „Gehilfin“ des Mannes in der Haushaltung und im Glauben an Christus. Und noch deutlicher hat der Apostel das gleiche in folgendem ausgesprochen: „Den Verheirateten gebiete ich, nein, nicht ich, sondern der Herr, daß das Weib sich nicht von dem Mann trennen soll (wenn sie sich aber doch trennt, soll sie unverheiratet bleiben oder sich mit dem Mann wieder aussöhnen) und daß der Mann sein Weib nicht verstoßen soll. Den übrigen aber sage ich, nicht der Herr: Wenn ein Bruder“ bis zu den Worten „jetzt aber sind sie heilig.“
2. Was haben gegen diese Worte diejenigen zu sagen, die das Gesetz und die Ehe mit der Behauptung angreifen, die Ehe sei nur im Gesetz gestattet und nicht auch im Neuen Testament? Was haben sie, die Zeugung und Geburt verabscheuen, gegen diese Gebote zu sagen? Denn der Apostel verordnet auch, daß der Bischof als einer, der seinem eigenen Hause gut vorsteht, die Kirche leiten soll; ein dem Herrn wohlgefälliges Haus entsteht aber durch die eheliche Verbindung mit Weibe.
§ 109
1. „Den Reinen ist also alles rein“ sagt der Apostel; den Befleckten und Ungläubigen aber ist nichts rein, sondern befleckt ist bei ihnen ihr Sinn und ihr Gewissen.„
324 2. Und über die Lust, die der Sittenregel widerstreitet, sagt er: “Irret euch nicht: Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lüstlinge und Knabenschänder, weder Habsüchtige noch Diebe, nicht Trunkenbolde, nicht Verleumder, nicht Räuber werden das Reich Gottes erben. Und wir haben uns gereinigt„, die wir in solchen Sünden gewesen waren. Sie aber vollziehen eine Reinigung, deren Ergebnis Lüsternheit ist; sie taufen aus der Keuschheit zur Unzucht; sie stellen den Grundsatz auf, man müsse den Lüsten und Leidenschaften nachgeben; sie lehren, man müsse aus Sittsamen zu Unmäßigen werden, und setzen ihre eigene Hoffnung auf den schamlosen Gebrauch der Geschlechtsteile; so bewirken sie, daß ihre Anhänger von dem Reiche Gottes ausgeschlossen und nicht als dessen Bürger eingeschrieben werden, und haben unter dem Namen der fälschlich so benannten Gnosis den Weg zur äußersten Finsternis eingeschlagen.
3. Im übrigen, liebe Brüder, alles, was wahr ist, was keusch, was gerecht, was rein , was wohlgefällig, was rühmlich ist, was etwa eine Tugend ist oder sonst Lob verdient, darauf seid bedacht; alles, was ihr gelernt und überkommen und gehört und an mir gesehen habt, das tut; und der Gott des Friedens wird mit euch sein.“
§ 110
1. Und Petrus sagt in seinem Brief das gleiche: „Daher sei euer Glaube und eure Hoffnung auf Gott gerichtet, da eure Seelen durch den Gehorsam gegen die Wahrheit geheiligt sind.“
2. „So paßt euch, als Kinder des Gehorsams, nicht euren früheren in der Zeit der Unwissenheit über euch herrschenden Lüsten an, sondern werdet nach dem Vorbild des Heiligen, der euch berufen hat, auch selbst in eurem ganzen Wandel heilig! Denn es steht geschrieben: Ihr sollt heilig sein; denn ich bin heilig.“
3. Aber die Entgegnung, die gegen die mit dem falschen Namen geschmückten Heuchler der Gnosis nötig war, hat uns über die Gebühr hinaus fortgeführt und unsere Darlegung in die Länge gedehnt. Deshalb hat hier auch unser dritter „Teppich“ wissenschaftlicher Darlegungen entsprechend der wahren Philosophie sein Ende.