§ 94
1. Sodann tut er dem Paulus Gewalt an, wenn er ihn mit den folgenden Worten sagen läßt, daß die Zeugung aus Betrug entstanden sei: „Ich fürchte aber, es möchten eure Gedanken, wie die Schlange Eva verführt hat, von der auf Christus gerichteten einfachen Gesinnung abgelenkt werden.“
2. Jedoch ist auch der Herr zugestandenermaßen zu dem gekommen, was verirrt ist, verirrt aber nicht von oben her in das Dasein hier auf Erden (denn geschaffen ist dies Dasein und eine Schöpfung des Allmächtigen, der doch wohl nie eine Seele aus einem besseren Zustand in einen schlechteren führen würde).
3. Vielmehr ist der Heiland zu denen, die in ihren Gedanken verirrt waren, zu uns, gekommen; unsere Gedanken aber waren durch den Ungehorsam gegen die Gebote verderbt, weil wir die Lust liebten und vielleicht auch, weil der Erstgeschaffene von uns die Zeit vorwegnahm, vor der richtigen Zeit die Gunst der Ehe begehrte und so in Sünde fiel; denn „jeder, der 315 ein Weib ansieht, um sie zu begehren, hat schon die Ehe mit ihr gebrochen“, da er die Zeit, da Gott es will, nicht abgewartet hat.
§ 95
1. Derselbe Herr war es, der auch damals die Begierde verurteilte, die die Ehe vorwegnahm. Wenn also der Apostel sagt: „Ziehet den neuen Menschen an, der nach Gottes Bild geschaffen ist!“, so sagt er dies zu uns, die wir von dem Willen des Allmächtigen so gebildet worden sind, wie wir gebildet sind; „alt“ und „neu“ sagt er aber nicht in bezug auf Geburt und Wiedergeburt, sondern in bezug auf das Leben in Ungehorsam und Gehorsam.
2. Die „Kleider aus Fellen“ hält Cassianus für die Körper. Daß sowohl er als diejenigen, die ebenso wie er lehren, sich hierin irren, das werden wir später zeigen, wenn wir die Erläuterung über die Entstehung des Menschen im Anschluß an das, was vorher gesagt werden muß, in Angriff nehmen werden. Ferner sagt Cassianus: „Die Untertanen weltlicher Herrscher zeugen und werden gezeugt; unser Wandel aber ist im Himmel, woher wir auch den Heiland erwarten.“
3. Daß auch dies richtig gesagt ist, wissen wir; denn wir sollen als „Fremdlinge und Gäste“ wandeln, die Heiratenden, als ob sie nicht heirateten, die Erwerbenden, als ob sie nicht erwürben, die da Kinder zeugen als solche, die Sterbliche zeugen, das heißt als solche, die bereit sind, ihren Besitz zurückzulassen, als solche, die, wenn es nötig ist, auch ohne Gattin leben würden, als Leute, die die Schöpfung nicht mit leidenschaftlichem Verlangen genießen, sondern mit aller Dankbarkeit und mit dem Gefühl, innerlich darüber erhaben zu sein.