Nicht auf schöne Phrasen, sondern auf den Inhalt kommt es an (70). Das Kamel Typus der Heidenwelt (71), Bild des sündigen Reichen (72). „Ehre Vater und Mutter!“ Pietät der erste Grad der Nächstenliebe: Beispiel Jesu (73—74). Die schuldige Ehrfurcht gegen die Eltern schließt die Pflicht der Verpflegung ein: die Verletzung dieser Pflicht ein schweres Verbrechen, eine große Schande (75—77). Angebliche religiöse Motive (Matth. 15, 5) entschuldigen nicht von dieser Pflicht, sondern bemänteln nur die Habsucht (78) und die Prahlsucht. Geistige Güter lohnen physisches Wohltun (79).
§ 70
Leichter ist’s, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurchgeht, als daß ein Reicher in das Reich Gottes eingeht. Eine große Wucht, ein großes Gewicht liegt in den Worten. Denn mit welch anderen Worten hätte er nachdrucksvoller den Gedanken, es dürfe sich ein Reicher nichts auf seinen Reichtum zugute tun, zum Ausdruck bringen können als mit solchen, die bestimmt erklären: ein barmherziger Reicher ist ein natürlicher Widerspruch? Fort mit gekünstelten und verlogenen Phrasen, die den Sinn der Worte abzuschwächen pflegen! Nicht hinweggetäuscht, sondern mürbe gemacht mußte der Reiche werden, der das Erbarmen von sich stieß. Wenn dennoch manchen gezierte Worte mehr gefallen als gleichsam die natürliche Einkleidung und Ausformung eines mannhaften Sinnes: wie es richtige Freier bei der Heimführung einer Gattin halten, daß sie sich über deren Charakter, nicht deren Schönheit informieren und nicht durch einen Schönheitsfehler sich beirren lassen, so sollten auch sie in den Worten das Geheimnis erforschen, das gleichsam der Geist und die Seele der Worte ist, nicht aber bei einem Geheimnis den Wortlaut hin und her erörtern.
§ 71
Unter Kamel ist nun typisch das Heidenvolk zu verstehen. Jener Löwe, „der sucht, wen er verschlinge“, jagt es, vollbeladen mit Schätzen, vor den Augen des Propheten in die Wüste hinaus; denn „an der Stätte der Trübsal und Angst hausen Löwe und das Junge des Löwen; zu den Nattern und der fliegenden Drachenbrut trugen sie auf Eseln und Kamelen ihre Schätze“. Und mit Recht ward das Kamel zum Sinnbild für das Heidenvolk. Denn die Heidenwelt büßte mit dem abscheulichen Wahnglauben seine Schönheit ein und trug, bevor es zum Glauben gelangte, ein widerliches tierisches Aussehen, einen abstoßenden Gang und häßliche Züge zur Schau. Leichter nun als das Judenvolk, das gesetzesreiche, glaubensarme, blindwütige, schuldentehrte, trat dieses sündige [Heidenvolk] auf dem schmalen Weg, d.i. dem Weg Christi, [zur Kirche] ein, der durch sein körperliches Leiden den Weg des Todes ging und wie eine Nadel gleichsam das zerrissene Kleid unserer Natur wiederherstellte.
§ 72
Man kann es auch im moralischen Sinn verstehen von jedem Sünder und anmaßenden Reichen. Scheint dir nicht jener Zöllner, da er im Bewußtsein seiner Sünden niedergedrückt die Augen nicht zu Gott aufzuschlagen wagte, leichter durch das Heilmittel seines Bekenntnisses wie ein Kamel durch ein Nadelöhr in das Reich Gottes einzutreten als jener Reiche, ein anmaßender Beter, ein marktschreierischer Ausrufer seiner Heiligkeit, ein voreiliger Prahler, ein aufdringlicher Lobhudler seiner Mildtätigkeit, der eigene Ruhmreder, ein Anschwärzer des Nächsten, der mehr als Sprecher denn Beter Gott nahte?
§ 73
„Ehre Vater und Mutter!“. Gelegen kommt mir heute, dem Geburtstag meines Priesteramtes, die Lesung des Gesetzesanfanges; alljährlich nämlich scheint auch das Priesteramt gleichsam wiederum von vorne anzufangen, wenn es sich mit dem Zeitenlauf verjüngt. Gut auch, daß die Lesung lautet: „Ehre Vater und Mutter!“ Ihr nämlich seid mir die Eltern, die ihr mir das Priesteramt übertragen habt; ihr, sage ich, die Kinder, oder auch die Eltern: einzeln die Kinder, insgesamt die Eltern. Gern nämlich möchte ich euch meine Kinder, oder aber meine Eltern nennen, die ihr das Wort Gottes hört und tut: Kinder, weil geschrieben steht; „Kommt, Kinder, hört mich!“, Eltern, weil der Herr selbst sprach: „Wer sind mir Mutter und Brüder?“. „Meine Mutter und Brüder sind die, welche das Wort Gottes hören und tun“.
§ 74
Zutreffend nun ließ das Gesetz, das vorausgeschickt hatte: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben“ und: „Du sollst deinen Nächsten lieben“, die Mahnung folgen; „Ehre deinen Vater und deine Mutter!“ denn dies ist der erste Grad der Liebe: sie sollten ja nach Gottes Willen deine Erzeuger sein. Ehre sie durch ein willfähriges Betragen! Enthalte dich daher groben Benehmens; denn kein Blick darf die Liebe gegen die Eltern verletzen. Doch ein ‘nicht verletzen’ wäre zu wenig. Das Gesetz sah nur vor, daß ihnen keine Unbill widerfahre - denn „wer dem Vater oder der Mutter flucht, soll des Todes sterben!“ - du ehre sie, um gut zu sein! Etwas anderes ist die Wohltat des Gesetzes, etwas anderes die Pflicht der Pietät. Ehre deine Eltern, weil auch der Gottessohn die seinigen ehrte. Du hast ja gelesen: „Und er war ihnen untertan“: wenn Gott dienenden Geschöpfen, wie erst du den Eltern! Christus ehrte Joseph und Maria, nicht weil er es von Natur schuldete, sondern weil es die Pietät erforderte; er ehrte aber auch Gott Vater, wie niemand ihn ehren konnte, so daß er „gehorsam war bis zum Tode“. So ehre denn auch du die Eltern!
§ 75
Es gibt aber eine Ehre, die nicht bloß in Ehrerweisung, sondern auch in Liebesgaben sich bekundet. „Witwen ehre, die wahrhaft Witwen sind!“. Eine Ehrensache ist es einem zu geben, was ihm gebührt. So gib deinem Vater, gib der Mutter zu essen! Auch wenn du der Mutter zu essen gibst, hast du ihr noch nicht die Schmerzen vergolten, nicht die Pein vergolten, die sie für sich ausgestanden, nicht die Liebesdienste vergolten, mit denen sie dich getragen, nicht die Nahrung vergolten, die sie bot, da sie in zärtlicher Liebe deinen Lippen die Brüste reichte, nicht den Hunger vergolten, den sie für dich ertragen, um nicht etwas zu genießen, was dir schädlich wäre, um nicht etwas zu trinken, was der Milch Eintrag täte. Dir galt ihr Fasten, dir ihr Essen, dir ihre Enthaltung von Speise, die sie wünschte, dir die Aufnahme von Speise, die sie nicht wünschte, dir ihr Wachen, dir ihr Weinen. Und du willst sie darben lassen? O Kind, ein wie schreckliches Gericht beschwörst du dir herauf, wenn du deine Mutter nicht ernährst! Ihr schuldest du, was du hast, nachdem du ihr schuldest, was du bist. Ein wie schreckliches Gericht, wenn die Kirche sie ernähren muß, weil du sie nicht ernähren willst! „Wenn einem Gläubigen, bez. einer Gläubigen“ heißt es, „die Sorge um Witwen obliegt, so pflege er sie, daß nicht die Kirche belastet werde, damit diese für die, welche wahrhaft Witwen sind, sorgen kann!“. Dies gilt schon von Fremden: was erst von den Eltern?
§ 76
Nicht umsonst haben wir jüngst erwähnt, daß uns die Klage einer Mutter zu Ohren gekommen ist. Doch wir wollten den Betroffenen lieber öffentlich warnen, als ihm zu Hause ins Gewissen reden. Und wenn auch unser Mund seinen Namen nicht verrät, mag ihn doch das Schamgefühl erröten machen! Laß es, o Sohn, nicht dahin kommen, das der Hunger anderer deine Eltern nähre! Laß es, o Sohn, nicht dahin kommen, daß das Fasten der Armen deinen Eltern die Speise verschaffe! Wenn nicht um der Gnade und des Heiles willen, so gib ihnen aus Schamgefühl zu essen: du doch, Sohn! Oder müßtest du dich nicht schämen, wenn dein altes Mütterlein bei deinem Eintreten in die Kirche nach anderen ihre Hände ausstreckte, oder wenn sie die Tochter vorüberziehen ließe und vom Fremden Almosen erbäte: während du vorbeigingest, hochgestreckten Halses und blinzelnden Auges die Schleppe nachschleifend, mit Ohrgehängen und Armbändern und Ringen und sonstigem Schmuck, wie ihn Jesaias aufführt. Wie, wenn sie dich apostrophierte und fordern würde, was du ihr von Natur schuldest: das Pflegegeld, die dienstleistende Hand, die der Mutter gebührt? Was wolltest du erwidern?
§ 77
Willst du anderen eine Gabe reichen? Wie, wenn sie dir entgegenhielten: geh, gib zuerst deiner Mutter zu essen? Denn wenn sie auch arm sind, so verlangen sie doch keine Gabe auf Kosten der Kindespflicht. Hast du nicht oben gehört, wie jener Reiche, der in Byssus und Purpur zu Tische lag, während Lazarus von dessen Tisch die Brosamen auflas, mit ewigen Strafen gepeinigt wird, weil er dem Armen keine Nahrung reichte?. Wenn es schon schwere Sünde ist, Fremden keine Gaben zu reichen, wieviel sündhafter ist es, die Eltern davon auszuschließen! Doch du sagst, du willst lieber, was du den Eltern zu reichen entschlossen warst, der Kirche spenden. Gott verlangt keine Spende auf Kosten der hungernden Eltern. Daher versetzte der Herr, als die Jünger es tadelten, daß die Jünger des Herrn nicht die Hände wuschen: „Wer immer spricht: ‘Alles, was von mir geopfert wird, wird dir frommen’, hat Vater oder Mutter nicht geehrt“.
§ 78
Wir gingen nicht unklug dem dunklen Sinn der Stelle aus dem Weg. Die Juden nämlich lassen, während sie der menschlichen Überlieferung folgen, die göttliche außer acht; die Jünger gaben der göttlichen Überlieferung den Vorzug und kümmerten sich darum, um die menschliche nicht: sie wuschen deshalb die Hände nicht, als sie Brot aßen; denn „wer ganz gewaschen ist, hat nicht vonnöten, daß er die Hände wasche“. Jesus hatte sie gewaschen: ein anderes Bad verlangten sie nicht; denn mit der einen Taufe hob Christus alle anderen Abwaschungen auf. Wen daher die Kirche abwäscht, hat nicht nochmals der Reinigung vonnöten. Ein Geheimnis also beabsichtigten die Jünger: sie begehrten nicht nach der leiblichen, sondern nach der seelischen Reinigung. Das tadelten die Juden. Doch sie erfahren vom Herrn eine sinnreiche Zurechtweisung, weil sie die eitlen Bräuche beobachteten, die nützlichen verachteten. So spricht er denn zu ihnen: Warum sagt ihr zu Vater oder Mutter, denen man nach der Vorschrift des Gesetzes Ehre erweisen soll: „Alles, was von mir geopfert wird, wird dir frommen“? Das heißt: Wenn der an Lebensbedarf notleidende Vater oder die Mutter etwas vom Sohn erbittet, pflegt dieser, weil ein gesetzesfürchtiger Jude eine Ausrede für das Nichtgeben braucht, zu sagen: „Eine Opfergabe von mir wird dir frommen“. Es soll der gottesfürchtige Vater daraufhin sich scheuen, das gottgeweihte Geld anzunehmen. Doch die menschliche Überlieferung ist nur eine Ausrede für solche, welche damit ihre Habsucht bemänteln. Im übrigen lautet die göttliche Überlieferung, man solle erst den Eltern zu essen geben. Denn wenn nach göttlichem Ausspruch schon eine Beschimpfung der Eltern den Tod als Sühne verlangt, wieviel mehr Hungersqual, die härter denn der Tod ist?
§ 79
Mit dieser Stelle legt der Herr sodann der Prahlsucht einen Zügel an. Denn viele bringen aus Menschenlob die Gaben, die sie den Ihrigen entziehen, zur Kirche, während doch die Mildtätigkeit ihren Anfang daheim mit der Pietätspflicht zu machen hat. Gib also zuerst den Eltern, gib dann auch den Armen, gib jenem Priester, was dir an irdischem Besitz erübrigt, auf daß du von ihm geistigen empfangest, der dir mangelt! Denn wer Ehre erweist, dem wird Ehre zuteil. Sieh, wie jener [Priester], während er empfängt, gibt! Wie er nicht als ein Dürftiger empfängt, sondern als ein Vermögender, der dir mit größerem Maße heimzahlen wird! Gib dem Armen zu seiner Beruhigung, daß auch du das Los mit deinem Dürftigen teilst und Ruhe findest! Wie jedoch die Schrift die Pflicht einschärft, die Eltern zu verpflegen, so auch die Notwendigkeit, die Eltern um Gottes willen zu verlassen, falls sie fromme Geistesgesinnung verhindern wollten